Demokratiebildung an Schulen – Analyse lehrerbezogener Einflussgrößen

Bibliografische Angaben

Schneider, Helmut / Gerold, Markus (2018): Demokratiebildung an Schulen – Analyse lehrerbezogener Einflussgrößen. Gütersloh (84 S.)

Helmut Schneider und Markus Gerold vom Berliner Institut für Gesellschaftsforschung an der Steinbeis-Hochschule Berlin, untersuchen in ihrer empirischen Studie mithilfe einer quantitativen Online-Fragebogenerhebung, inwiefern bestimmte Lehrer_innencharakteristika Einfluss auf die Intensität von Demokratiebildung an weiterführenden Schulen haben. Demokratiebildung an Schulen wird in dieser Studie als umfassend – das heißt innerhalb und außerhalb des Klassenraums – verstanden (siehe a.a.O.: 6) und anhand von vier unterschiedlichen Indikatoren gemessen. Die personenbezogenen Lehrer_innencharakteristika werden durch zehn unterschiedliche Dimensionen erhoben. Am Ende leiten die Forscher aus den Befunden Implikationen und Handlungsempfehlungen für eine Stärkung schulischer Demokratiebildung ab.

 

Forschungsinteresse

Zentrales Forschungsinteresse der Studie ist zum einen die Rolle der Lehrkräfte und deren Einfluss auf die Förderung von Demokratiebildung. Zum anderen wird untersucht, welche lehrkräftebezogenen Faktoren für die Förderung von Demokratiebildung von besonderer Bedeutung sind (siehe a.a.O.: 11).

Die Autoren nennen drei Ziele. 1. Das deskriptive Ziel der Studie ist die Beschreibung des Status quo von Demokratiebildung in Schulen aus Sicht der Lehrkräfte (siehe a.a.O.: 10). 2. Als explikatives Ziel wird die Identifizierung lehrkräftebezogener Variablen genannt, „die das Ausmaß schulischer Demokratiebildung erklären können.“ (ebd.). 3. Zuletzt hat die Studie das praktisch-normative Ziel, die explorativen Studienergebnisse als Hintergrund für mögliche Maßnahmen zur Intensivierung schulischer Demokratiebildung zu nutzen (siehe ebd.).
 

Empirisches Forschungsdesign

Die Forscher erhoben die Daten mittels eines quantitativen Onlinefragebogens von November bis Dezember 2017. Insgesamt nahmen 1.216 Lehrkräfte aus allen Bundesländern an der Umfrage teil (siehe a.a.O.: 14). „Die Grundgesamtheit der Untersuchung bilden alle Lehrkräfte an öffentlichen und privaten weiterführenden Schulen innerhalb Deutschlands.“ (ebd.). Da in der ursprünglichen Stichprobe einige Bundesländer über- bzw. unterrepräsentiert waren, wurden die Ursprungsdaten „auf Basis der Grundgesamtheit nach Schulform und Bundesland gewichtet“ (ebd.).

Die schulische Demokratiebildung wurde in der Studie anhand folgender Indikatoren gemessen: Unterrichtskultur, vermittelte Themen und Kompetenzen im Unterricht sowie praktische Formate bzw. Erfahrungen von Demokratiebildung im Unterricht und Schulleben (siehe a.a.O.: 11-12). Die Indikatoren wurden auf Grundlage richtungsweisender Arbeiten, wie zum Beispiel von Martina Diedrich zur demokratischen Schulkultur (2008), aber auch eigener theoretischer Überlegungen erarbeitet (siehe a.a.O.: 11).

Da die Indikatoren Formate der Demokratiebildung, vermittelte Themen und vermittelte Kompetenzen auch vom Unterrichtsfach der jeweiligen Lehrperson abhängig sind, wurden „diese drei Messungen um den fächerbezogenen Einfluss bereinigt“ (a.a.O.: 16).

Die personenbezogenen Lehrer_innencharakteristika wurden anhand der Indikatoren Wollen (Berufsverständnis und Profil der Entscheidungsfindung), Können (individuelle Selbstwirksamkeit der Lehrkräfte, Lehrer_innenkompetenzen hinsichtlich demokratischer Bildungsprozesse, Fragen zum Stellenwert der Demokratiebildung in der Aus- und Fortbildung sowie in der jeweiligen Schule der Lehrkraft) und Dürfen (wahrgenommene Handlungsspielräume der Lehrkräfte) nach Lutz von Rosenstiel, Walter Molt und Bruno Rüttinger (2005) erfasst (a.a.O.: 12-13) und „im Kontext des Lehrerberufs im Hinblick auf erfolgreiche Demokratiebildung“ (a.a.O.: 13) konkretisiert.

Nach der Erhebung wurden die Daten ausgewertet und die „einzelnen Variablen in ihrer Ausprägung auf Indikatorenebene beschrieben und interpretiert.“ (a.a.O.: 25). Zudem wurden die Ergebnisse nach Gruppen verglichen, z.B. Ost-West, Geschlecht oder Schulform.
 

Befunde zur abhängigen Variablen: Schulische Demokratiebildung

Die vier aufgezeigten Dimensionen schulischer Demokratiebildung „wurden jeweils auf eine Skala zwischen 0 und 100 normiert […] und anschließend als Mittelwert aggregiert“ (a.a.O.: 22). Werte, die kleiner als 25 sind, wurden als geringe Intensität schulischer Demokratiebildung interpretiert und Werte zwischen 25 und 74 als mittlere Intensität. Insgesamt liegt der Mittelwert der von den Forschern konstruierten und erhobenen schulischen Demokratiebildung bei 54,0 (siehe a.a.O.:

22-23). „Lehrkräfte, die älter als 43 Jahre sind, erzielen in allen Dimensionen schulischer Demokratiebildung signifikant höhere Werte als ihre jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Darüber hinaus ist die Intensität schulischer Demokratiebildung in ostdeutschen Bundesländern signifikant höher als in westdeutschen.“ (S. 24)

73,2 Prozent der befragten Lehrer_innen haben das Empfinden, dass ihre Unterrichtskultur Prozesse der Demokratiebildung stützt. Die Unterrichtskultur wurde anhand von 16 Indikatoren erhoben, beispielsweise Rituale, Raumgestaltung oder formelle und informelle Regeln (siehe a.a.O.: 19).

Die am häufigsten behandelten Themen der Demokratiebildung im Unterricht sind ethisches/moralisches Denken und Menschenrechte; insgesamt werden Themen der Demokratiebildung nur mit mittlerer Intensität angegangen. Politische Handlungs- und Orientierungskompetenz wird unterdurchschnittlich stark vermittelt (siehe a.a.O.: 21).

Im Jahresdurchschnitt setzen die befragten Lehrer_innen pro Jahr ca. drei Formate der Demokratiebildung ein. Klassenräte, Exkursionen oder Schüler_innenfeedbacks sind dabei die häufigste Form. Schulparlamente, Demokratietage oder Schüler_innenmentorenprogramme werden dagegen nur von jeder/jedem zehnten Befragten genutzt (siehe a.a.O.: 22).

 

Befunde zu den unabhängigen Variablen: Personenbezogene Lehrer_innencharakteristika

Insgesamt wurden zehn unterschiedliche Dimensionen der personenbezogenen Lehrer_innencharakteristika erhoben, beispielweise das Berufsverständnis der Befragten, das eigene Kompetenzprofil hinsichtlich Demokratiebildung und das Verhältnis zur Schulleitung (siehe a.a.O.: 25-32).

Es zeigt sich, dass das „Kompetenzprofil der Lehrkräfte, der Stellenwert der Demokratiebildung in der Schule, die empfundene Selbstwirksamkeit sowie der Stellenwert der Demokratiebildung in der Aus- und Fortbildung der Befragten“ (a.a.O.: 36) die Intensität schulischer Demokratiebildung stark beeinflussen. Schwächeren Einfluss haben hingegen das Berufsverständnis oder das Verhältnis im Kollegium (siehe a.a.O.: 33).

In der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte hatte Demokratiebildung einen Stellenwert von 35,5 Prozent und wird damit als eher niedrig eingestuft, nur 10,9 Prozent der Befragten gaben an, dass in ihrer Aus- und Fortbildung Demokratiebildung einen hohen Stellenwert hatte (siehe a.a.O.: 35-36).


Handlungsempfehlungen aus den empirischen Befunden

Die Forscher nahmen Priorisierungen und Plausibilitätsüberlegungen auf Grundlage der empirischen Befunde vor. Da Demokratiebildung im Schulalltag laut den erhobenen Daten und statistischen Berechnungen/Überlegungen besondere Bedeutung für die Intensität schulischer Demokratiebildung hat, empfehlen Schneider und Gerold, „Demokratiebildung zu einem sichtbaren und selbstverständlichen Bestandteil des alltäglichen Schulerlebens zu machen“ (siehe a.a.O.: 39). Eine weitere Handlungsempfehlung der Autoren betrifft die Aus- und Fortbildungsprogramme: Themen wie Anerkennungskultur oder Konfliktmanagement sollten dort verstärkt bearbeitet werden (siehe a.a.O.: ebd.).

 

Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung

Die Definition der Intensität schulischer Demokratiebildung als abhängige Variable und die Definition der Lehrer_innencharakteristika als unabhängige Variablen machen deutlich, dass schulische Demokratiebildung unter anderem stark von den Lehrkräften – deren Kompetenzen, Einstellungen, Selbstbild und kollegialer Zusammenarbeit – abhängt.

Das in der Studie verwendete Messmodell für schulische Demokratiebildung wurde auf Grundlage unterschiedlicher Forschungsarbeiten und bereits vorhandener Skalen angepasst und teilweise neu entwickelt. Die Autoren der Studie merken an, dass das Messmodell und die Befunde nur eingeschränkt belastbar sind (siehe a.a.O.: 35). Eine weitere empirische Studie auf Grundlage dieses Messmodells wäre daher wünschenswert. So könnte das Modell weiter erprobt und verbessert werden und bestimmte Aspekte und Befunde bezüglich der Rolle der Lehrkräfte und ihres Einflusses auf schulische Demokratiebildung könnten weiter erhärtet werden.

 

Download der Studie bei der Bertelsmann-Stiftung [ PDF | 4,1 MB ]
 

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