Rechtsextremismus – Was denken Schüler darüber? Untersuchung von Schülervorstellungen als Grundlage einer nachhaltigen Bildung
Bibliografische Angaben
Fischer, Sebastian (2013): Rechtsextremismus – Was denken Schüler darüber? Untersuchung von Schülervorstellungen als Grundlage einer nachhaltigen Bildung, Schwalbach TS.
Schüler_innen sehen Rechtsextremismus häufig als Problem am Rand der GesellschaftSchüler_innen sehen Rechtsextremismus häufig als Problem am Rand der GesellschaftSchüler_innen sehen Rechtsextremismus häufig als Problem am Rand der Gesellschaft
In seiner explorativen Studie, durchgeführt im Jahr 2010, fragt Sebastian Fischer nach den Denkweisen von Schüler_innen über Rechtsextremismus. Hierbei richtet sich sein Blick auf Gymnasiast_innen des neunten Jahrgangs in Oldenburg. „Die Frage ist, welchen Einfluss die festgestellten Verständnisse, die vermuteten Ursachen und die normativen Bewertungen des Rechtsextremismus auf ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus haben.“ (Fischer 2013, S. 17).
Ziel der Studie war es, die Vorstellungen von Neuntklässler_innen zu Rechtsextremismus möglichst genau darzustellen und zu untersuchen, wie deren Denkweisen den Umgang mit dem Thema beeinflussen. „Die Untersuchung zielt nicht auf Jugendliche in problematischen Lebenslagen […].“ (ebd.).
Die Vorstellungen der Schüler_innen wurden mittels dreier Erhebungsinstrumente erfasst. In einer Befragung im Klassenverband wurden mit Hilfe offener Fragen Definitionen, Erklärungen und Bewertungen von 83 Schüler_innen gesammelt. Ergänzt wurde die Befragung um die Aufgabe an die Jugendlichen, Rechtsextremismus zeichnerisch darzustellen. Im Anschluss wurden neun Schüler_innen für problemzentrierte Interviews ausgewählt. „Es wurden fünf Schüler ausgewählt, die eher »durchschnittliche« Vorstellungen aufwiesen und weitere vier Schüler, deren Vorstellungen als weniger verbreitet, aber im Hinblick auf die Fragestellung dieser Arbeit als besonders aussagekräftig angesehen wurden.“ (a.a.O., S. 123).
Nationalsozialismus, Gewalt und Ausländerfeindlichkeit als zentrale Vorstellungen
Die thematischen Zeichnungen zeigten am häufigsten Gewaltdarstellungen. Als zweithäufigstes Motiv wurde der Nationalsozialismus und dessen Symbole, als dritthäufigstes Motiv Ausländerfeindlichkeit dargestellt. Insgesamt zeigten die Zeichnungen, dass sich die Schüler_innen Rechtsextremisten überwiegend als gewalttätige Skinheads vorstellten.
Werden die Ergebnisse der Fragebögen hinzugezogen, verdichtet sich dieses Bild. „Im Unterschied zu wissenschaftlichen Definitionen des Begriffs Rechtsextremismus nennen die Schüler deutlich weniger Merkmale, um ihr Verständnis des Begriffs Rechtsextremismus zu erläutern.“ (a.a.O., S. 73). Die Jugendlichen gaben mehrheitlich zwei bis drei Merkmale für Rechtsextremismus an. Hierzu zählten Gewalt, Nationalsozialismus sowie Rassismus (Ausländerfeindlichkeit). Damit wird auch deutlich, dass die Schüler_innen häufig Nationalsozialismus und Rechtsextremismus assoziierten.
Rechtsextremismus wird vom Großteil der Schüler_innen externalisiert
Die Schüler_innen wurden nach Erklärungen für Rechtsextremismus gefragt. Dies ergab ein eher heterogenes Ergebnis. Die größte Gruppe gab Defizite als Ursache an. Rechtsextreme seien Personen, die sich häufig in schwierigen Lebenslagen befänden. Dicht folgte die Vermutung, Rechtsextremismus sei eine Reaktion nach schlechten Erfahrungen mit „Ausländern“. „Die Entwicklung rechtsextremer Einstellungen wird dabei als Reaktionsbildung auf ein tatsächliches oder aber (subjektiv) vorgestelltes Fehlverhalten von Migranten erklärt.“ (a.a.O., S. 84). Auch erklärten viele Schüler_innen die Prägung rechtsextremer Personen durch das soziale Umfeld für verantwortlich. Hier kann laut Fischer eine Externalisierung des Rechtsextremismus festgestellt werden. Rund ein Viertel der Schüler_innen gab den Nationalsozialismus als Erklärung des heutigen Rechtsextremismus an.
Vorstellungen über Relevanz des Themas weitverbreitet
71 der befragten Schülerinnen und Schüler betrachteten Rechtsextremismus als sehr wichtiges Thema. Die Begründungen für diese Einschätzung waren erneut eher heterogen, wobei 30 der Befragten sich erneut auf den Nationalsozialismus bezogen und 23 auf die praktischen Gefahren hinwiesen, die aus ihrer Sicht vom Rechtsextremismus ausgehen. „Auffallend ist, dass viele Schüler (48) neben einer Begründung ihrer Einschätzung der Relevanz des Themas auch direkt Handlungsempfehlungen formulieren.“ (a.a.O., S. 109). In diesem Zusammenhang wurde am häufigsten die Aufklärung über das Thema genannt, 13 Schüler_innen betonten die Wichtigkeit von repressiven Maßnahmen gegen Rechtsextremismus.
Rechtsaffine Schüler_innen nehmen Einfluss auf andere Klassenmitglieder
Ein auffälliges Ergebnis war, dass zehn Schüler_innen derselben Klasse den Rechtsextremismus als unwichtig einschätzten. In der Klasse fand sich bei fast allen Jugendlichen die Erklärung, dass der Rechtsextremismus auf ein Fehlverhalten von Migrant_innen zurückzuführen sei. In dieser Gruppe ließen sich zum Teil Aussagen Jugendlicher finden, die auf extrem rechte Denkweisen hindeuteten. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass rechtsaffine Schüler in dieser Klasse in der Lage sind, maßgeblichen Einfluss auf die Vorstellungen ihrer Mitschüler zu nehmen.“ (a.a.O., S. 115). Diese Gruppe sah auch kaum einen Zusammenhang zwischen dem Thema Nationalsozialismus und Rechtsextremismus.
Wissen über Rechtsextremismus eher zufällig erworben
Die Zusammenfassung der Ergebnisse der drei Teiluntersuchungen ergibt nach Fischer, dass die meisten Schüler_innen sich kaum an Rechtsextremismus als Unterrichtsinhalt erinnerten. Einige verwiesen auf das Unterrichtsthema Nationalsozialismus. Als Quellen für ihr Wissen nannten sie hauptsächlich das Fernsehen. Die Jugendlichen gaben an, eher zufällig mit dem Thema in Kontakt gekommen zu sein und im Anschluss keine weiteren Anstrengungen zur Informationssuche unternommen zu haben. Wenig Schüler_innen hatten zum Zeitpunkt der Befragung persönliche Erfahrungen, z.B. mit rechtsextremistischen Personen, gemacht.
Rechtsextremismus wurde von den Schüler_innen häufig als Problem einer Minderheit in der Gesellschaft gesehen. Das reale Ausmaß extrem rechter Einstellungen in der Gesellschaft blieb oftmals außerhalb des Erfahrungshorizonts der Jugendlichen.
Politische Bildung muss Ursachen von Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft aufzeigen.
In der Studie wurden die Lernvoraussetzungen von Schüler_innen untersucht, die Hinweise auf eine konzeptionelle Gestaltung einer angemessenen Bildungsarbeit geben können.
Die historisch-politische Bildung kann, so Fischer, zu einer empathischen Distanzierung vom Rechtsextremismus beitragen, jedoch auch Gefahr laufen mit einer Historisierung und Depolitisierung des Rechtsextremismus einherzugehen. Dies kann zu einer ungebrochenen Kontinuität und weitgehenden Identität von Nationalsozialismus und Rechtsextremismus führen, wie sie auch in der Studie erkennbar wird. Diese Form der Gleichsetzung führt zwar zu einer Distanzierung vom Rechtsextremismus, ein angemessenes Bild des Rechtsextremismus wird unter Umständen jedoch nicht entwickelt. Wichtig wäre hier aufzuzeigen, dass der Nationalsozialismus nicht mit Rechtsextremismus gleichzusetzen ist. Auch müsse stärker auf Ursachen in der Mitte der Gesellschaft Bezug genommen werden. Ein Wissen über geschichtliche Zusammenhänge reicht laut Fischer nicht aus. „Es ist zu fragen, inwieweit bzw. unter welchen Umständen die an die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus geknüpfte Erwartung einer Prävention von heutigen Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung einlösbar ist.“ (a.a.O., S. 233).
Präventionsstrategien sollten Auseinandersetzung mit ausgrenzenden Alltagsvorstellungen ermöglichen
Auffällig ist, dass rund die Hälfte der Befragten vermutete, dass Rechtsextremismus auf ein als unangemessen empfundenes Verhalten von Personen mit Migrationshintergrund zurückzuführen sei. Diese Vorurteile, so Sebastian Fischer, hängen mit gesellschaftlich weit verbreiteten negativen Bildern und öffentlichen Diskussionen zusammen, an die ausgrenzende Vorstellungen und Denkweisen anknüpfen können (z.B. an Forderungen nach einer rigiden Einwanderungskontrolle). Der Autor vermutet, dass die Vorstellungen der untersuchten Schüler_innen in keinem engen Zusammenhang zu den sozialen Fähigkeiten der Jugendlichen stehen. Insofern würde auch soziales Lernen in diesem Zusammenhang nur begrenzt Abhilfe schaffen. Er plädiert stattdessen für Präventionsstrategien, die eine reflektierende Auseinandersetzung mit ausgrenzenden Alltagsvorstellungen ermöglichen. Insbesondere für die Gruppe der unentschiedenen Jugendlichen ist es wichtig, wenn Bildungsmaßnahmen Anschlussstellen für rechtsextreme Propaganda kritisch thematisieren würden, so Sebastian Fischer.
Veränderungen des Rechtsextremismus müssen in der Bildungsarbeit zur Kenntnis genommen werden
Im Kapitel „Politische Bildung als Erziehung zu Patriotismus“ wird der Diskurs um nationale Identifikationsangebote kritisch betrachtet. So steht politische Bildung nach Fischer vor der Herausforderung, mit dem Thema nationale Identifikationen verantwortungsvoll umzugehen. Er plädiert gegen eine Bildungsarbeit, die Jugendlichen vom Wert des Patriotismus überzeugen möchte. Er schlägt ein Konzept vor, dass zur Entwicklung alternativer Identifikationen, abseits eines „deutschen Patriotismus“, beitragen sollte.
„Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Politische Bildung sich nicht darauf beschränken darf, über die von Rechtsextremen verwendeten Symbole aufzuklären und über den offensichtlichen Rechtsextremismus zu berichten. Die Denkweisen von ganz normalen Jugendlichen müssten Gegenstand der Auseinandersetzung in Bildungsmaßnahmen werden.“ (Fischer 2013, S. 256). Antirassistische Bildungsarbeit sieht er als Möglichkeit, rechtsextreme Tendenzen auch in der Mitte der Gesellschaft aufzuzeigen. „Eine nachhaltige Politische Bildung sollte die Veränderungen des Rechtsextremismus zur Kenntnis nehmen und sensibel auf Verschiebungen des politischen Koordinatensystems nach rechts reagieren.“ (Fischer 2013, S. 295).
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