Mitte-Studie: Rechtsextreme und demokratiegefährdend Einstellungen in Deutschland
Bibliografische Angaben
Zick, Andreas / Küpper, Beate (Hrsg.) (2021): Die geforderte Mitte – Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland, Bonn. (375 S.)
Die sogenannte Mitte-Studie untersucht seit 2006 alle zwei Jahre antidemokratische/rechtsextreme sowie demokratiegefährdende Einstellungen in der deutschen Bevölkerung. Der vorliegende Eintrag bezieht sich auf die achte Ausgabe der Studie, die seit Anbeginn von der Friedrich-Ebert-Stiftung und, seit 2012, in Zusammenarbeit mit dem Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld (IKG) herausgegeben wird. Die aktuelle Veröffentlichung untersucht unter anderem die besondere Situation 2020/2021, d.h. den Einfluss der Corona-Pandemie auf die Entwicklungen der Einstellungen. Sie setzt einen klaren Fokus auf politische Bildung als Empfehlung, um rechtsextremen und demokratiegefährdenden Einstellungen in Deutschland zu begegnen. Vorangegangene Studien finden sich ebenfalls in unserer Datenbank.
Forschungsinteresse
Das zentrale Forschungsinteresse für die empirischen Untersuchungen der Studie ist auch diesmal die Frage: „Wie verbreitet sind rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in der Mitte?“ (a.a.O.: 17). Laut den Forscher*innen wird Rechtsextremismus weiterhin als „größte Herausforderung für die Demokratie“ betrachtet, zusätzlich werden in dieser Ausgabe aber auch Einstellungen untersucht, die die „Grundprinzipien des demokratischen Ausgleichs in Frage stellen“ (a.a.O.: 18). Das sind beispielsweise Verschwörungsmythen, die laut den Forscher*innen zu den „demokratiegefährdende Einstellungen“ zählen.
Neben den zentralen Ergebnissen zu rechtsextremen und demokratiegefährdenden Einstellungen, steht 2020/21 die Corona-Pandemie besonders im Blickfeld, da die Befragung der Bevölkerung in eine „historisch einmalige Krisensituation“ (a.a.O.: 18) fiel. Es gibt verschiedene Kapitel, die die Ergebnisse der Mitte-Studie in einen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontext setzen. Neue Untersuchungsgegenstände, im Vergleich zu den Vorjahren, sind: Verschwörungsmythen (verfasst von Pia Lamberty, M.Sc., Geschäftsführerin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie der Sozial- und Rechtspsychologie an der Universität Mainz), Alltagsrassismus (verfasst von Souad Lamroubal, u.a. Dozentin an der FH Düsseldorf und Gründerin des gemeinnützigen Vereins Vielfalt verbindet), Klima als Propagandafeld sowie Antigenderismus (beide verfasst von Beate Küpper, Hochschule Niederrhein, et al.).
Die Stärkung der politischen Bildung in Deutschland ist eine der zentralen Empfehlungen der Studie, insbesondere die Förderung entsprechender Schulbildung und „Demokratiebildung“ (a.a.O.: 109). Daher setzt dieser Datenbankeintrag seinen Schwerpunkt auf den Bezug zur politischen Bildung und beschäftigt sich vor allem mit dem Kapitel von Sabine Achour (Sabine Achour ist in der Landkarte der Forschung zu politische Bildung zu finden, Suchbegriff: Achour) Politische Bildung als Transmitter der Demokratie: Demokratie muss man machen – Neun Appelle zur politischen Bildung (a.a.O.: 311-327).
Forschungsdesign/Methodik
Als Grundlage diente den Forscher*innen eine quantitative Bevölkerungsbefragung, die von Dezember 2020 bis Januar 2021 von uzbonn-Gesellschaft für empirische Sozialforschung und Evaluation, in Abstimmung mit dem Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld (IKG) (Andreas Zick ist in der Landkarte der Forschung zu politische Bildung zu finden, Suchbegriff: Zick), anhand eines standardisierten Fragebogens durchgeführt wurde (siehe a.a.O.: 32). Die Befragung wurde als computergestützte Telefonbefragung (CATI) durchgeführt; Antworten wurden anhand einer 5-stufigen Zustimmungsskala kategorisiert (ebd.).
Insgesamt wurden 1.750 repräsentativ ausgewählte Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit befragt und die Antworten unter Einbeziehung von soziodemografischen Hilfsvariablen wie Alter (zwischen 18-96 Jahre mit einem Durchschnitt von 53 Jahren) und Geschlecht (53,1 % der befragten waren weiblich, 46,9 % männlich) sowie Bildungsstand gewichtet (siehe a.a.O.: 39). Aufgrund des zum Zeitpunkt der Befragung herrschenden Lockdowns, gab es geringe Einflüsse auf die Rohdaten. Verglichen mit der vorherigen Erhebung wurden „etwas mehr Beamte (4 % mehr), etwas mehr Personen in der Altersgruppe der 18-24-Jährigen (5 % mehr) und 6 % weniger Menschen in der Altersgruppe der 65-74-Jährigen befragt“ (a.a.O.: 39-40).
Eine Auswahl der zentralen Ergebnisse wird im Folgenden näher vorgestellt.
Befunde: Antidemokratische und populistische Einstellungen
Einer der regulären Kategorien der Studie ist „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF)“. In diesem Kontext lässt sich der Einfluss der Corona-Pandemie vor allem in der Kategorie „Betroffenheit und Sorge“ bei der Bevölkerung feststellen. Laut den Befunden korreliert (Rechts-)Populismus „nur geringfügig mit der eigenen Betroffenheit durch die Coronapandemie“. Deutlicher sind die „Zusammenhänge mit der Sorge um die wirtschaftliche Lage des Landes beziehungsweise mit der Sorge, die eigene finanzielle Situation könne sich durch die Pandemie verschlechtern“ (a.a.O.: 69). Es gibt außerdem einen geringen Anstieg an antidemokratischen und populistischen Einstellungen bei den von Kurzarbeit betroffenen Befragten (insgesamt 5,6% der Befragten befanden sich in Kurzarbeit, siehe a.a.O.: 38). Die Forscher*innen stellen u.a. einen Anstieg bei Aussagen wie „Zu viele kulturelle Unterschiede schaden dem Zusammenhalt“ (um 2 % angestiegen) sowie „Der Zusammenhalt der Deutschen ist gefährdet“ (mehr als 3 %) fest. Insgesamt ist der GMF-Index um ca. 2 % gestiegen (siehe a.a.O.: 159-160). Außerdem gibt es innerhalb der deutschen Bevölkerung einen deutlichen Anstieg an den Teils/teils-Zustimmungen in Bezug auf populistische Äußerungen. Als besonders gefährdend sehen die Forscher*innen den Anstieg bei Aussagen zu Rassismus gegen schwarze Menschen. Hier ließ sich eine deutliche Zustimmung feststellen, u.a. bei Aussagen wie: „Wenn sich schwarze Menschen mehr anstrengen würden, würden sie es auch zu etwas bringen“ (81 % der Befragten stimmen zu) sowie „Schwarze Menschen sind zu empfindlich, wenn von Rassismus in Deutschland die Rede ist“ (58 % der Befragten stimmen zu) (a.a.O.: 180).
Befunde: Rechtsextreme Einstellungen in der Mitte 2020/21
Die Autor*innen bemerken, dass sich die Mitte größtenteils demokratisch versteht, sich gegen Hass und Hetze wendet und Rechtsextremismus als Bedrohung anerkennt. Laut Mitherausgeber Andreas Zick zeigen die Ergebnisse „eindrucksvoll, wie einig die Befragten sich darin sind, welche Bedrohung für Deutschland besonders gefährlich ist: der Rechtsextremismus. Er wird als wichtigste Bedrohung in mittleren und niedrigeren Einkommensgruppen wahrgenommen, unter einkommensstarken Gruppen nimmt er Platz 2 ein. Dort steht der Klimawandel an erster Stelle. (a.a.O.: 27).“. Insgesamt gehen aber in fast allen Bereichen der Befragung die klaren Zustimmungswerte bzgl. rechtsextremer Einstellungen zurück (ebd.). Allerdings wählen auch in diesem Bereich mehr Menschen als in der vorangegangenen Studie Teils/teils-Antworten, d.h. sie sind also eher unsicher, ambivalent oder stimmen teilweise zu. Beispiele dafür sind die Zustimmungen zu Aussagen als Indikatoren einer Verschwörungsmentalität und zur politischen Selbstpositionierung: „Befragte, die ihre Position als „links“ oder „eher links“ einordnen, sind weniger rassistisch als jene, die sie als „genau in der Mitte“, „eher rechts“ oder „rechts“ einordnen.“ (a.a.O.: 162-163). Ein Gesamtanstieg ist auch bei der Zustimmung bzgl. Sozialdarwinismus zu verzeichnen (siehe a.a.O.: 295-296). Wie in den Vorjahren gibt es innerhalb der deutschen Bevölkerung bezüglich Antisemitismus unterschiedliche Facetten. Antisemitismus wurde in der Studie „erstens in einer offenen oder klassischen und zweitens in einer sekundären oder auch subtilen beziehungsweise israelbezogenen Variante erfasst“. Wie in den Jahren zuvor stimmen die Befragten den Aussagen zum israelbezogenen Antisemitismus eher zu als jenen zum traditionell offenen Antisemitismus und „Juden“ werden von 5,7 % als negativ empfunden, 34,2 % geben an, eine positive Einstellung zu haben und 60 % geben eine „teils positive“, „teils negative“ Einstellung an“ (a.a.O.: 188-189).
Zusätzlich zu den rassistischen, populistischen und demokratiegefährdenden Einstellungen wurden unter anderem folgende Themen untersucht: regionale Ausprägungen rechtsextremer Einstellungen, Misstrauen gegenüber Medien, rechtsextreme Tendenzen innerhalb des Vereinssports, menschenfeindlicher Rassismus sowie Herabwürdigung und Respekt gegenüber Gruppen in der Mitte (GMF), Wahlmisstrauen, neue Rechte Bewegungen, Antigenderismus, Klima als Propagandafeld und Verschwörungsmythen sowie Mentalisierung innerhalb der Bevölkerung.
Befunde: Politische Bildung als Transmitter
Die Mitte-Studie 2020/21 zeigt: Je weniger Menschen Zeit in Bildungseinrichtungen verbringen, umso höher ist die Tendenz, Vorurteilen und antidemokratischen Einstellungen zuzustimmen. Laut den Forscher*innen, insbesondere der Verfasserin des entsprechenden Kapitels, Sabine Achour, gilt Bildung als der Schlüssel gegen menschenfeindliche und rechtsextreme Einstellungen. Basierend auf den Befunden verfasste Sabine Achour neun Apelle für die politische Bildung:
- Einstellungsmodifikationen: Erinnerung an eine andere politische Kultur? Politische Bildung als Daueraufgabe, nicht als Feuerwehr (siehe a.a.O.: 312)
- Die Mitte zwischen Toleranz und Menschenfeindlichkeit: Politische Bildung als antirassistische Bildung (siehe a.a.O.: 314)
- Rechtspopulismus: Rechtsextreme Vermischung und Verhärtung – Von der Extremismusprävention zur politischen Bildung für die Mitte (siehe a.a.O.: 315)
- Antidemokratischer Cocktail von Verschwörungsglauben und (neu-)rechten Einstellungen: Aufklärung gegen die rechte Märchenwelt (siehe a.a.O.: 318)
- Zwischen Ambivalenzen und Bigotterie: Vielfalt und Konflikte anerkennen – Perspektiven greifbar machen (siehe a.a.O.: 320)
- Bildungsabhängigkeit demokratischer Einstellungen: Gegen die strukturellen Zugangsbarrieren zur politischen Bildung – „von Anfang an“ (siehe a.a.O.: 321)
- Wider die politische Ohnmacht: Politische Bildung, wo sie gebraucht wird – aufsuchend und sozialräumlich (siehe a.a.O.: 323)
- Soziale Spaltung, Klimawandel, völkisch-autoritäre Rebellion, Antisemitismus: Heute mit politischer Bildung gegen menschenfeindliche Kriseneffekte von morgen (siehe a.a.O.: 325)
- Neurechte Akteure „politischer Bildung“: Rückkehr und Solidarität der Etablierten (siehe a.a.O.: 327)
In den Unterkapiteln setzt Sabine Achour die Ergebnisse der Mitte-Studie in einen Bezug zu politischer Bildung bzw. erläutert, inwiefern diese genutzt werden kann und sollte, um rassistischen und demokratiegefährdenden Einstellungen zu begegnen. Politische Bildung verstehe sich als „Instrument zur Aufklärung und Befähigung zur Mündigkeit“ (a.a.O.: 318) und somit als „Antidot“ gegen Rechtspopulismus und demokratiegefährdende Einstellungen (ebd.). Darüber hinaus sollte sie, laut Sabine Achour, eine „Querschnittsaufgabe in Aus- und Weiterbildung sein“ (a.a.O.: 315) und muss auch „aufsuchend und sozialräumlich sein, damit nicht nur bestimmte Gruppen erreicht werden und sich Bildungsunterschiede nicht in demokratiegefährdenden und menschenfeindlichen Einstellungen auflösen“ (a.a.O.: 323).
Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung
Die Studie bietet eine vielfältige Auseinandersetzung mit den Einstellungen in der deutschen Bevölkerung. Insbesondere in Bezug auf die Corona-Pandemie und den Übergang in die Post-Pandemie-Gesellschaft bietet die Mitte-Studie Forschung und Praxis wichtige Erkenntnisse sowie Anknüpfungspunkte für weitere Forschung.
Ähnliche Forderungen an die politische Bildung wie die Apelle und Empfehlungen von Sabine Achour finden sich u.a. auch im 16. Kinder und Jugendbericht der Bundesregierung (2020) sowie im Abschlussbericht der Enquetekommission des nordrhein-westfälischen Landtags, „Subsidiarität und Partizipation. Zur Stärkung der (parlamentarischen) Demokratie im föderalen System aus nordrhein-westfälischer Perspektive“ (2021). Die Fachstelle politische Bildung von Transfer für Bildung e.V. hat mit ihrer Expertise zu beiden Berichten beigetragen.
Bezugsquelle: Friedrich-Ebert-Stiftung
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