»Unsichtbares« Politikprogramm? Themenwelten und politisches Interesse von »bildungsfernen« Jugendlichen
Bibliografische Angaben
Calmbach, Marc /Borgstedt, Silke (2012):»Unsichtbares« Politikprogramm? Themenwelten und politisches Interesse von »bildungsfernen« Jugendlichen. In: Kohl, Wiebke / Seibring, Anne (Hrsg.): »Unsichtbares« Politikprogramm? Themenwelten und politisches Interesse von »bildungsfernen« Jugendlichen. Bonn, S. 43-80
Für die Studie wurden 39 Interviews mit „bildungsfernen“ Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren geführt. Gefragt wurde nach den Freizeitinteressen der Jugendlichen. Ergänzt wurden die Ergebnisse dazu durch „quantitative Repräsentativbefunde zu Freizeitinteressen aus einer Markt-Media-Studie.“ (Calmbach/Borgstedt 2012, S. 43). Zentrale Ergebnisse der Studie waren, dass die befragten Jugendlichen kein Interesse an institutionalisierter Politik und politischen Repräsentant_innen hatten. „Politik findet auf einem anderen Planeten statt – für viele sogar in einem anderen Sonnensystem.“ (a.a.O., S. 76). Wird der Politikbegriff jedoch weiter gefasst, z. B. wenn es darum ging, Ungerechtigkeit im eigenen Umfeld oder der Gesellschaft wahrzunehmen oder Interesse an der Gestaltung von Lebensräumen zu haben, so zeigt sich, dass die Jugendlichen durchaus nicht als politikfern zu bezeichnen sind. Auch ohne einen entgrenzten Politikbegriff waren Interesse und Teilhabe am politischen Diskurs vorhanden. Den Jugendlichen selbst war dies allerdings nicht bewusst. „Die Ergebnisse der Studie legen die Vermutung nahe, dass ein Mehr an herkömmlichen, formalen Politikunterricht sicher nicht dazu führen wird, dass sich eine höhere Anzahl »bildungsferner« Jugendlicher politisch interessiert oder gar engagiert. Zu gering ist das Interesse an und zu groß die Distanz zu Themen, Medien und Repräsentanten des »legitimen« politischen Diskurses.“ (a.a.O., S. 78). Trotzdem wird aus der Studie ersichtlich, dass es viele Themen der politischen Bildung gibt, die für „bildungsferne“ Jugendliche anschlussfähig sind. Wichtig ist dabei, dass ein Bezug zu ihren Lebensverhältnissen hergestellt wird, so die Autor_innen. Außerdem müssen Projekte, die zu Engagement führen sollen, den Jugendlichen verdeutlichen, dass sie als vollwertige Subjekte gesellschaftlichen Handelns ernst genommen werden. „Es muss also darum gehen, die speziellen Kompetenzen der Jugendlichen gesellschaftlich geltend zu machen“ (a.a.O., S. 79). Für die politische Bildung schlussfolgern die Autor_innen: „Politische Bildner müssen also »Übersetzungsarbeit« leisten, um ihr politisches Curriculum in die Lebenswelt der Jugendlichen transportieren zu können – und zwar auf mehreren Ebenen: inhaltlich, sprachlich, didaktisch, medial.“ (ebd.).
Bezugsquelle: Bundeszentrale politische Bildung/bpb [ PDF | 3,9 MB ]
Zum Weiterlesen
- Jahresthema 2017 „Gemeinsam stärker!? Kooperationen zwischen außerschulischer politischer Bildung und Schule“ mehr lesen
Ähnliche Studien/Autor_innen:
Gaiser, Wolfgang/Hanke, Stefanie/Ott, Kerstin (Hrsg.)
Jung – politisch – aktiv?! Politische Einstellungen und politisches Engagement junger Menschen. Ergebnisse der FES-Jugendstudie 2015
Die Studie der Friedrich Ebert Stiftung aus dem Jahr 2015 untersucht politische Einstellungen und politisches Engagement junger Menschen im Alter von 14 bis…
2016
Calmbach, Marc/Borgstedt, Silke/Borchard, Inga/Thomas, Peter Martin/Flaig, Berthold Bodo
Wie ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland.
„Wie ticken Jugendliche? Eine sehr kurze Antwort darauf ist: unterschiedlich.“ (Calmbach et al. 2016, S. 460) – Die dritte Studie des Sinus Instituts…
2016
Lange, Dirk/Onken, Holger/Slopinski, Andreas
Politisches Interesse und Politische Bildung. Zum Stand des Bürgerbewusstseins Jugendlicher und junger Erwachsener
In ihrer Studie aus dem Jahr 2009 untersuchen Dirk Lange, Holger Onken und Andreas Slopinski das Bürgerbewusstsein und das politische Interesse Jugendlicher…
2013