Wie ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland.

Bibliografische Angaben

Calmbach, Marc et al. (2016): Wie ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. (493 S.)

Jugendliche ticken sehr unterschiedlich – Studie gewährt Einblick in die Lebenswelten von 14-bis 17-Jährigen 2016Jugendliche ticken sehr unterschiedlich – Studie gewährt Einblick in die Lebenswelten von 14-bis 17-Jährigen 2016Jugendliche ticken sehr unterschiedlich – Studie gewährt Einblick in die Lebenswelten von 14-bis 17-Jährigen 2016

„Wie ticken Jugendliche? Eine sehr kurze Antwort darauf ist: unterschiedlich.“ (Calmbach et al. 2016, S. 460) – Die dritte Studie des Sinus Instituts untersucht die Lebenswelten von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren in Deutschland. Sie bietet u. a. einen Überblick über Haltungen und Einstellungen zu Flucht und Asyl, Nation und Nationalität sowie Klimaschutz und kritischem Konsum. 
 

Untersuchungsdesign

Für die dritte Folgestudie des Sinus Instituts aus dem Jahr 2016 wurden insgesamt 72 narrative Interviews mit Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren durchgeführt. Ergänzt wurden die Interviews durch eine fotografische Dokumentation der Wohnwelt sowie ein schriftliches Hausarbeitsheft, das die Jugendlichen im Vorfeld der Interviews ausfüllten. Zusätzlich wurden von sechs Jugendlichen qualitative Peer-to-Peer Interviews geführt.

In der Studie sollte herausgefunden werden, „welche jugendlichen Lebenswelten es gibt und wie Jugendliche in diesen Welten ihren Alltag (er)leben.“ (a.a.O., S. 18). Aus den Ergebnissen der Analyse wurden die Jugendlichen in sieben Lebenswelten des bereits bestehenden Sinus-Modells für die Lebenswelten der 14- bis 17-jährigen eingeteilt. „Nicht aus der durchgeführten Studie zu beantworten ist die Frage, wie groß die auf qualitativer Basis identifizierten Lebenswelten der 14- bis 17-Jährigen exakt sind.“ (a.a.O., S. 33). 
 

Ergbnisse

Lebenswelten der 14- bis 17-Jährigen

1. Konservativ-Bürgerliche: „Die familien- und heimatorientierten Bodenständigen mit Traditionsbewusstsein und Verantwortungsethik.“ (a.a.O., S. 38). Diese Gruppe verfügt meist über einen mittleren Bildungsstand und hat eine traditionelle normative Grundorientierung, bei der „Sicherheit & Orientierung“ zentral sind.

2. Sozialökologische: „Die nachhaltigkeits- und gemeinwohlorientierten Jugendlichen mit sozialkritischer Grundhaltung und Offenheit für alternative Lebensentwürfe.“ (ebd.). In dieser Gruppe ist ein hoher Bildungsstand vorherrschend, die normativen Grundorientierungen sind „modern“.

3. Expeditive: „Die erfolgs- und lifestyle-orientierten Networker auf der Suche nach neuen Grenzen und unkonventionellen Erfahrungen.“ (ebd.). Vorherrschend ist ein hoher Bildungsstand, „postmoderne“ Grundorientierungen überwiegen. Die Gruppe bewegt sich zwischen „Machen & Erleben“ und „Grenzen überwinden & Sampeln“.

4. Adaptiv-Pragmatische: „Der leistungs- und familienorientierte moderne Mainstream mit hoher Anpassungsbereitschaft.“ (ebd.). Diese Gruppe verfügt meist über einen mittleren Bildungsstand, die modernen normativen Grundhaltungen „Haben & Zeigen“, „Sein & Verändern“ sowie „Machen & Erleben“ dominieren.

5. Experimentalistische Hedonisten: „Die spaß- und szeneorientierten Nonkonformisten mit Fokus auf Leben im Hier und Jetzt.“ (ebd.). In dieser Gruppe ist ein mittlerer Bildungsstand vorherrschend, dominierend sind postmoderne Grundhaltungen.  

6. Materialistische Hedonisten: „Die freizeit- und familienorientierte Unterschicht mit ausgeprägten markenbewussten Konsumwünschen.“ (ebd.). Die Gruppe bewegt sich zwischen einem mittleren und einem niedrigen Bildungstand, überwiegend sind „moderne“ normative Grundhaltungen zu finden. 

7. Prekäre: „Die um Orientierung und Teilhabe bemühten Jugendlichen mit schwierigen Startvoraussetzungen und Durchbeißermentalität.“ (ebd.). Diese Gruppe weist einen niedrigen Bildungsstand auf. Die normativen Grundhaltungen bewegen sich zwischen traditionell („Sicherheit & Orientierung“) und modern („Haben & Zeigen“).

Die Autor_innen stellen fest, dass in Bezug auf die normativen Grundorientierungen „viele auf den ersten Blick schwer vereinbare Werte bei den Jugendlichen auf Akzeptanz stoßen – ohne dass man dies jedoch als unauflösliche Widersprüche des Lebens begreifen würde.“ (a.a.O., S. 460). Für die Jugendlichen ist es immer weniger wichtig sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen, ihr Wertekanon ist mit dem der älteren Bevölkerung fast identisch. Die Autor_innen sprechen von einer Sehnsucht nach Normalität. „Jugendliche wollen heute mehr noch als vor wenigen Jahren so sein »wie alle«.“ (a.a.O., S. 475). Die Mehrheit der Jugendlichen hat den gleichen Wertekanon, vor allem der Wunsch nach Halt und Orientierung ist ihnen wichtig. Daneben spielen jugendtypische Selbstentfaltungswerte, hedonistische und postmoderne Werte eine Rolle. Sowohl postmaterielle Werte wie Gesundheit, Bildung und Vielfalt, als auch materielle Werte sind den Jugendlichen wichtig. „Entscheidend dabei ist aber: Nicht allen ist alles gleich wichtig im Leben, und nicht jeder Wert wird von allen gleichermaßen hervorgehoben und gelebt.“ (a.a.O., S. 460). 
 

Liebe und Partnerschaft

Für die meisten der interviewten Jugendlichen ist eine stabile Partnerschaft wichtig. Außerdem sind für sie Ehrlichkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit wesentliche Voraussetzungen für eine Beziehung. „Vor allem in den bildungsfernen Lebenswelten insbesondere bei den Prekären, ist der Wunsch nach einer Familie mit der Hoffnung auf Sicherheit bzw. verlässliche Verhältnisse verbunden. Für viele ist das jedoch eher Wunschdenken.“, folgern die Autor_innen aufgrund der generell eher pessimistischen Zukunftseinschätzungen dieser Gruppe (a.a.O., S. 462). 
 

Zukunftsvorstellungen

Die Jugendlichen der bildungsfernen Lebenswelten blicken pessimistisch in die Zukunft, ihnen ist die Bedeutung von Bildung für ihre berufliche und finanzielle Bildung bewusst. Viele von ihnen sind jedoch in diesem Bereich abgehängt bzw. bedroht davon, weiter abgehängt zu werden. Die Jugendlichen der bildungsaffineren Lebenswelten haben optimistischere Zukunftsvorstellungen, aber auch gruppenspezifische Sorgen wie z. B. einen Beruf zu haben, der gleichzeitig auch Berufung ist. Für alle Gruppen ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtig.
 

Mobilität

„Um im Alltag von A nach B zu kommen, gehen die Jugendlichen sehr pragmatisch vor.“ (a.a.O., S. 464). Sie wählen das passende Verkehrsmittel nach Abwägung der Kosten und des Zwecks. Dennoch verlieren für sie das Autofahren und der Erwerb des Führerscheins kaum an Bedeutung. Dem selbstfahrenden Auto stehen sie jedoch skeptisch gegenüber, unter anderem wegen einer befürchteten Entmündigung des Menschen und Spaßverlust. 
 

Digitale Medien und digitales Lernen

Online zu sein ist für alle Jugendlichen selbstverständlich, alle besitzen internetfähige Geräte. „Jugendliche gehen zudem nicht mehr ins Internet, sondern leben darin. Digitale Teilhabe ist dabei immer mehr Voraussetzung für soziale Teilhabe in der Peergroup.“ (a.a.O., S. 465). Sie sind jedoch auch kritisch und beschreiben eine Abhängigkeit vom Internet. Es gehört für sie zum kompetenten Umgang, zu wissen, wann das Smartphone zur Seite gelegt werden sollte. Die Jugendlichen nehmen an, dass die Digitalisierung voranschreiten wird, stehen einer solchen Entwicklung aber auch skeptisch gegenüber. Viele Jugendliche wünschen sich eine Entschleunigung der technologischen Dynamik. Ihnen ist bewusst, dass sie im Internet Spuren hinterlassen – Kompetenzen im Umgang mit den Gefahren des Internets eignen sie sich selbst an. „Das große Bewusstsein für Negativfolgen der Digitalisierung – etwa die Überwachung und Nutzung privater Daten, die sich der eigenen Kontrolle entzieht – ist gepaart mit einer reflektierten aber selbstverständlichen Nutzung.“ (a.a.O., S. 467).

In der Schule werden sie zwar auf Gefahren hingewiesen, sie wünschen sich aber dort auch konstruktive Hilfestellungen zu bekommen. Den Jugendlichen ist es nicht nur wichtig digitale Medien zu nutzen, sie möchten sie verstehen lernen. Es zeigte sich in den Interviews, „dass Jugendliche, die von Haus aus medial besser ausgestattet sind und von den Eltern ein breiteres Kompetenzspektrum vermittelt bekommen, ihre digitalen Ressourcen auch gewinnbringender einsetzen können.“ (a.a.O., S. 468).

 

Flucht und Asyl

Für alle Jugendlichen ist das Thema Flucht und Asyl wichtig und sie befürworten alle die Aufnahme von geflüchteten Menschen, in der Regel weisen sie jedoch auf die Grenzen der Kapazitäten hin. Grundsätzlich zeigen die Jugendlichen Empathie für das Schicksal der geflüchteten Menschen, haben jedoch kaum Kontakt zu ihnen. „Es gibt aber auch eine kleine Minderheit, die recht rigoros und offen Ressentiments gegenüber den Neuzuwanderern äußert.“ (a.a.O., S. 469). Die Autor_innen weisen auf die Gefahr hin, dass bei Jugendlichen aus der gesellschaftlichen Mitte und den bildungsfernen Lebenswelten Angst vor Überfremdung und Veränderungen der Lebensbedingungen in Fremdenfeindlichkeit umschlagen kann.  
 

Umweltschutz, Klimawandel und kritischer Konsum

Den Umweltschutz sehen die Jugendlichen als wesentliche Zukunftsherausforderung. Für ein Engagement in diesem Bereich fehlt ihnen jedoch häufig Zeit. Die Meinungen zum Thema Klimawandel sind uneinheitlich. Insbesondere die bildungsfernen Jugendlichen wissen nicht viel über dieses Thema. Der Begriff des kritischen Konsums ist den wenigsten Jugendlichen bekannt. „[A]uch bei diesem Thema fehlt ihnen das Wissen, wie sie an vertrauenswürdige Informationen kommen.“ (a.a.O., S. 470). Sie glauben kaum, dass eine einzelne Person Veränderungen bewirken kann und sehen wenig Handlungspotential, am ehesten noch im Bereich von Lebensmitteln, weniger im Bereich von Kleidung. 
 

Geschichtsbilder

Über alle Lebenswelten hinweg verbinden die Jugendlichen das Thema Geschichte meist mit negativ besetzten Ereignissen, insbesondere dem Zweiten Weltkrieg. Für viele Jugendliche ist dieses Thema interessant, sie sind sich einig, dass man aus den negativen Ereignissen der Vergangenheit lernen sollte. „Ein großer Teil der Jugendlichen wünscht sich einen lebendigeren Geschichtsunterricht, der sich vor allem auch auf aktuelle Ereignisse beziehen sollte. Das Interesse an historischen Themen kann geweckt werden, wenn man die Handlungen und Gefühle der beteiligten Menschen in der jeweiligen Zeit nachvollziehen kann.“ (a.a.O., S. 471).

Bezogen auf die Frage nach Unterschieden zwischen Menschen in Ost- und Westdeutschland sehen die Jugendlichen bis auf Dialekte kaum Andersartigkeiten. 
 

Nation und Nationalität

Die Begriffe Nation und Nationalität werden von den meisten Jugendlichen neutral bewertet. Die Nationalität gibt für sie nur an woher eine Person kommt. Auch die Staatsbürgerschaft ist für viele „kein lebendiges Merkmal von Identität. Entsprechend hat man auch zu Nationalsymbolen […] nur wenig Bezug.“ (a.a.O., S. 472). Dennoch ist besonders in den benachteiligten Lebenswelten, aber auch bei anderen Jugendlichen, das positive Bild einer vielfältigen Gesellschaft in Bezug auf Ethnie und Kultur nicht fest als soziale Norm verankert. Viele Jugendliche charakterisieren eine bestimmte Nationalität anhand von Stereotypen. Klischees und Vorurteile werden nicht immer erkannt. Trotz dessen machen für die meisten Jugendlichen Charakter und Verhalten einen Menschen aus. Sie betonen, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. „Daneben gibt es aber auch einige manifeste Vorbehalte gegenüber anderen Nationen. Die in den Interviews am häufigsten stigmatisierten Gruppen sind Menschen mit einem türkischen oder arabischen Migrationshintergrund.“ (a.a.O., S. 473).  
 

Glaube und Religion

Religion bzw. der Glaube an Gott ist für die Jugendlichen von unterschiedlicher Bedeutung – generell ist eine positive Identifikation für muslimische Jugendliche vor allem aus bildungsferneren Lebenswelten eher typisch. Für die christlichen Jugendlichen steht ihr Glaube selten im Zusammenhang mit der Kirche als Institution. Trotzdem sind Glaube und Sinn Themen, mit denen sich die Jugendlichen beschäftigen. „Sinnsuche im Allgemeinen und Glauben im Besonderen werden dabei jedoch meist als etwas sehr Privates beschrieben.“ (a.a.O., S. 474).

Religiöse Konflikte werden häufig mit dem Islam in Verbindung gebracht. „Wie alle anderen Jugendlichen lehnen auch junge Muslime und Muslimas die religiöse Begründung von Gewalt ab und widersprechen der Koranauslegung radikaler und gewalttätiger Gruppen aufs Schärfste.“ (ebd.). Der Freundeskreis der Jugendlichen ist meist heterogen bezogen auf die Religionszugehörigkeit, Religion bildet für sie kein Beurteilungsmerkmal. Toleranz in Bezug auf die Religionsausübung und Lebensführung ist allen Jugendlichen wichtig.
 

Anmerkungen der Transferstelle politische Bildung

Die Sinus-Studie gibt Aufschluss über die verschiedenen Lebenswelten Jugendlicher, ihre Einstellungen und Wertorientierungen. Für die politische Bildung kann die Studie in vielen Themenfeldern zielgruppenspezifische Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit liefern.

 

Bezugsquelle: Springer

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