Evaluationen des Projekts „young workers for europe”

Bibliografische Angaben

Dubiski, Judith (2014): „young workers for europe“ – Ergebnisse der quantitativen Evaluation, Köln. (30 S.) | Ludwig, Felix (2014): ‚Bildungsferne‘ in der internationalen Jugendarbeit. Eine Betrachtung des Projektes ‚young workers for europe‘ des aktuellen forums nrw – Standort Universität Duisburg-Essen, Essen. (29 S.)

Evaluationen zeigen Möglichkeiten der Verknüpfung von internationaler, berufsbezogener und politischer Bildung bei Projekten im AuslandEvaluationen zeigen Möglichkeiten der Verknüpfung von internationaler, berufsbezogener und politischer Bildung bei Projekten im AuslandEvaluationen zeigen Möglichkeiten der Verknüpfung von internationaler, berufsbezogener und politischer Bildung bei Projekten im Ausland

In ihren Berichten stellen Judith Dubiski und Felix Ludwig die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Evaluation des Projekts „young workers for europe” vor, das 2012 bis 2014 vom aktuellen forum e. V. getragen und von der Technischen Hochschule Köln und der Universität Duisburg-Essen evaluiert wurde. Im Projekt nahmen Jugendliche und junge Erwachsene, die sich in berufsvorbereitenden Maßnahmen oder einer außerbetrieblichen Berufsausbildung befanden, an Handwerkseinsätzen im Ausland teil.

 

Projektbeschreibung

Kooperation von Jugendarbeit und Jugendberufshilfe bei Maßnahmen im Ausland

Das aktuelle forum e. V. ist ein anerkannter Träger der Jugendhilfe und führt Projekte im Bereich politischer, kultureller und internationaler Bildung durch. Gefördert wurde das Projekt im Rahmen des Programms „XENOS - Integration und Vielfalt” vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und dem Europäischen Sozialfonds sowie durch das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport Nordrhein-Westfalen. Das Projekt wurde gemeinsam mit acht Trägern der Jugendberufshilfe durchgeführt. In insgesamt zwölf Teilprojekten nahmen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Gruppen von 10 bis 16 Personen an den Maßnahmen teil. Ziel war die Vermittlung von Sozialkompetenzen und arbeitsmarktrelevanten Handlungskompetenzen durch kurzzeitpädagogische Maßnahmen im Ausland. Die Teilnehmenden sollten langfristig in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden (vgl. Dubiski 2014, S. 1 ff). Daneben wurden die internationalen Maßnahmen für politische Bildung genutzt. „In der spezifischen Mischung aus Bildung, Arbeit, Begegnung und Freizeit sollen soziale, demokratische, personale, interkulturelle und berufsbezogene Kompetenzen erworben werden.“ (a.a.O., S. 3).

 

Zusammenspiel von internationaler, berufsbezogener und politischer Bildung

Die Projektstandorte befanden sich in Griechenland, Bosnien, der Slowakei, Rumänien, Lettland und Ungarn. Rund um den Aufenthalt wurde eine mehrschrittige Vor- und Nachbereitung angeboten. Die Handwerkseinsätze im Ausland wurden entsprechend der örtlichen Gegebenheiten und Anforderungen gestaltet. Es gab drei Vorbereitungsmodule, die historisch-politische und interkulturelle Themen beinhalteten. Je nach örtlichen Gegebenheiten wurde an diese (zum Beispiel bei einem Gedenkstättenbesuch oder Gesprächen mit Zeitzeug_innen) angeknüpft. Die Nachbereitung fand in Form eines dreitägigen Auswertungsmoduls statt, dass die Erstellung eines Rapsongs, Gruppen- und Einzelgespräche sowie Leitfadeninterviews beinhaltete. Im Projekt konnten unterschiedliche Lernarrangements genutzt werden, neben klassischen außerschulischen Angeboten im Seminarkontext wurden kreative Elemente wie Theater oder Musik eingebaut. Auch erlebnispädagogische Ansätze und Teambuilding-Maßnahmen waren Teil der Projekte. Der Praxiseinsatz bot damit besondere Möglichkeiten des Erfahrungslernens (vgl. Ludwig 2014, S. 16ff). Zum Ende des Projekts hatten die jungen Erwachsenen die Möglichkeit, ihre Ergebnisse vor einem Publikum zu präsentieren (ebd.). 

 

Untersuchungsdesign

Quantitative Auswertung

Für die quantitative Erhebung wurden insgesamt 146 junge Erwachsene zu Beginn und am Ende der Teilprojekte befragt. Insgesamt nahmen 146 Personen an der ersten Befragung und 105 an der Befragung zum Ende des Projekts teil. Aus unterschiedlichen Gründen hatten einige Teilnehmende die Maßnahme frühzeitig beendet oder nicht begonnen. Die Fragebögen beinhalteten Fragen zur Person, früheren Auslandserfahrungen sowie zu Erwartungen, Ablauf und Erfahrungen im Projekt. Des Weiteren wurden Selbsteinschätzungen bezüglich des Erwerbs von Sozialkompetenz und arbeitsmarktrelevanten Handlungskompetenzen abgefragt. Zusätzlich wurden die Daten der qualitativen Erhebung als Hintergrundinformationen genutzt (vgl. Dubiski 2014, S. 8).

 

Qualitative Auswertung

In die qualitative Auswertung flossen leitfadengestützte Interviews ein, die zum Abschluss der Maßnahme mit den Teilnehmenden geführt und auf Tonband oder Video aufgezeichnet wurden. Außerdem wurden die selbstverfassten Rapsongs analysiert. Zusätzlich wurden die Auswertungsbögen der Qualifizierungseinheiten analysiert, die von den Mitarbeiter_innen erstellt wurden und Rückmeldungen der Teilnehmenden enthielten. Daneben standen pädagogische Berichte, Medienberichte und weitere Berichte der Projektbeteiligten zur Verfügung (vgl. Ludwig 2014, S. 8).

 

Ergebnisse

Zusammensetzung der Teilnehmenden

Die Befragten waren durchschnittlich rund 21 Jahre alt. Die Altersspanne reichte von 17 bis 30 Jahren. Ein Großteil der Teilnehmenden war männlich (76 Prozent), 12 Prozent hatten eine eigene Migrationserfahrung, 27 Prozent einen Migrationshintergrund. 85 Prozent verfügten über einen Schulabschluss bis zur Mittleren Reife. Zum Zeitpunkt der Befragung befanden sie sich in unterschiedlichen außerbetrieblichen Berufsausbildungen oder berufsvorbereitenden Maßnahmen. „Dabei beschäftigen sich die jungen Erwachsenen mit einem breiten Spektrum an Berufen. Die größten Anteile haben die Holzverarbeitung (19,2%), der Garten- und Landschaftsbau und das Malerhandwerk (je 18,2%) sowie die Metallverarbeitung (13%). Daneben gibt es drei Personen aus dem kaufmännischen Bereich (2,1%) und zwei aus dem Friseurhandwerk (1,4%) sowie eine Vielzahl sonstiger Berufe (32,9%).“ (Dubiski 2014, S. 10). 
 

Durch die Kooperation mit der Jugendberufshilfe konnte ein Zugang zur Lebenswelt geschaffen werden

Insbesondere durch die Kooperation mit den Trägern der Jugendberufshilfe konnte ein Zugang zur Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen geschaffen werden. Felix Ludwig beschreibt dies als „quasi aufsuchende Bildungsarbeit“ in Maßnahmen der Jugendberufshilfe. „Ein Überwinden dieser Distanz ist allein durch die Anpassung von Marketingstrategien kaum möglich.“ (Ludwig 2014, S. 10). Die Zusammenarbeit mit den Trägern ermöglichte es das Projekt in die Ausbildung zu integrieren. Die vertraute Welt der Arbeit kann so, laut Felix Ludwig, eine stützende Funktion einnehmen. Die Teilnehmenden waren stolz auf ihre Arbeit und erkannten ein sichtbares Ergebnis. Sie erhielten Wertschätzung vor Ort, z. B. in Form von Medienberichten und den Besuchen von Politiker_innen. „Durch diese besondere Konzeption des Projektes kann jungen Menschen mit bestimmten sozialen Hintergründen ein Zugang zu internationalen Kontexten eröffnet werden, für die eher rationale/abstrakte Formate der Begegnung eine hohe Hürde darstellen würden.“ (a.a.O., S. 11).

 

Die meisten Teilnehmenden wollten den Menschen vor Ort helfen

Beide Auswertungen ergaben, dass der Wunsch, im Ausland einer Arbeit nachzugehen, mit der anderen Menschen geholfen werden kann, eine Hauptmotivation für die Teilnahme am Projekt war (vgl. Dubiski 2014, S. 11). „Dies erstreckte sich von den im Handwerkseinsatz vorgesehenen Leistungen bis zum Verschenken von Zigaretten.“ (Ludwig 2014, S. 12). Felix Ludwig weist darauf hin, dass diese Motivation mit der Gestaltung und Einführung der Handwerkseinsätze zusammenhängen könnte, da es darum gehen sollte, die Lebensverhältnisse vor Ort praktisch zu verbessern, wie zum Beispiel durch die Pflege von Gedenkorten. „Dies kann als eine praktische Form der Solidarität und gegenseitiger Hilfe über nationalstaatliche Grenzen hinweg verstanden werden, die sich nicht auf wohlmeinende Bekenntnisse beschränkt und dem Zusammenhang Europa eine weitere Komponente des Eintretens füreinander hinzufügt.“ (a.a.O., S. 20). Judith Dubiski empfiehlt das Motiv des Helfens ernst zu nehmen, zu hinterfragen und zu dekonstruieren. Es kann als Ausgangspunkt dienen, um sich mit den eigenen Stereotypen und Vorurteilen auseinanderzusetzen. „Theoretische Überlegungen, aber auch methodische Hinweise und Forschungsergebnisse zu dieser Fragestellung liegen beispielsweise aus dem aktuellen Diskurs um entwicklungspolitische Freiwilligendienste vor.“ (Dubiski 2014, S. 24).

 

Motive stehen nicht im Widerspruch zueinander

Eine weitere Hauptmotivation der Teilnehmenden war es, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, so die Ergebnisse der quantitativen Evaluation (a.a.O., S. 11). Auch die qualitative Evaluation ergab, dass die berufliche Verwertbarkeit wichtig für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen war. Sie äußerten, dass sie das Zertifikat bei künftigen Bewerbungen verwenden wollten. Außerdem konnten sich einige Teilnehmende vorstellen, später im Ausland zu arbeiten (vgl. Ludwig 2014, S. 21). Als dritthäufigste Motivation nannten die Teilnehmenden den Wunsch, Menschen im Ausland kennenzulernen, so Judith Dubiski (vgl. Dubiski 2014, S. 11). Dies wurde durch den Wunsch zu reisen ergänzt. Weiterhin ergab die qualitative Evaluation, dass die Teilnehmenden auch durch persönliche Lern- und Bildungsinteressen motiviert waren. Felix Ludwig weist darauf hin, dass die „Interessen […] nicht als Widerspruch zueinander, sondern vielmehr als ineinander verwoben zu betrachten“ (Ludwig 2014, S. 20) sind.

 

Das (pädagogische) Konzept schnitt bei den jungen Menschen gut ab

Die Handwerksprojekte wurden von den Teilnehmenden je nach örtlichen Voraussetzungen unterschiedlich bewertet, wobei das positive Urteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen überwog. Auch die Vorbereitungen wurden positiv bewertet, so die Ergebnisse beider Evaluationen (vgl. Dubiski 2014, S. 14). Häufig äußerten die Teilnehmenden den Wunsch, erneut an einer ähnlichen Maßnahme teilnehmen zu wollen, einige nahmen auch wiederholt teil (vgl. Ludwig 2014, S. 19ff). Darüber hinaus sprachen sich die Befragten dafür aus, dass alle Menschen während ihrer Ausbildung einen Auslandsaufenthalt absolvieren sollten. „Sehr viele Teilnehmende äußern (auf direkte Nachfrage in den Interviews hin), dass sie gern noch einmal an einem solchen Projekt teilnehmen würden und dass sie die Möglichkeit der Teilnahme als Bestandteil der Ausbildung befürworten würden. Einige empfehlen dieses Projekt auch gezielt an ihren Ausbildungsstätten weiter.“ (a.a.O., S. 21). Auch die beteiligten Fachkräfte bewerteten die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen größtenteils positiv.
 

Stärken erfahren und Gruppenzusammenhalt

Mehr als drei viertel der Teilnehmenden machte die Arbeit Spaß, zwei drittel berichteten positiv über die Zusammenarbeit mit ihren Kolleg_innen. Die Einschätzungen der berufsbezogenen Aspekte waren eher ambivalent. Dennoch gab die Hälfte der Teilnehmenden an, neue Stärken entdeckt zu haben. Die Arbeit im Team und der Gruppenzusammenhalt wurden positiv bewertet. Zudem sprachen viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen von dem Gefühl, etwas geschafft zu haben und sahen ihr Durchhaltvermögen gefördert. 38 Prozent gaben an, an ihren eigenen Schwächen gearbeitet zu haben. Als wichtigste Erfahrungen wurden Teamarbeit und die Fertigstellung der Projekte vor Ort betrachtet (vgl. Dubiski 2014, S. 16ff). Die qualitative Auswertung gibt Aufschluss darüber, dass sich die Teilnehmenden von der Situation vor Ort heraus-, aber nicht überfordert fühlten. Sie mussten die Baustelle und die Kooperation untereinander planen und auf schwierige Arbeitssituationen flexibel reagieren (vgl. Ludwig 2014, S. 18). Außerdem konnte über die handwerklichen Tätigkeiten und deren Ergebnisse eine Identifikation geschaffen werden. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen waren offen für neue Erfahrungen, die ihrem Ausbildungskontext entsprachen (vgl. a.a.O., S. 9ff).

 

Nicht-formale Lernarrangements konnten wichtigen Beitrag leisten

Felix Ludwig stellt in der qualitativen Evaluation heraus, dass die verschiedenen pädagogischen Settings recht unterschiedlich bewertet wurden. Dem arbeitsbezogenen Lernen gegenüber waren die Teilnehmenden sehr aufgeschlossen. Auch erlebnispädagogische Elemente wie beispielsweise eine Kanufahrt wurden positiv bewertet. Eher durchwachsen waren die Bewertungen der Teambuilding-Einheiten. „Dennoch stellten viele Teilnehmende die Wichtigkeit von Teamarbeit heraus und freuten sich, wenn diese gut funktionierte und kritisierten, wenn dies nicht klappte.“ (a.a.O., S. 19). Eine Einheit, in der Theater gespielt wurde, wurde eher negativ bewertet, was jedoch in die weitere Planung integriert wurde und daher nicht fortgeführt wurde. Felix Ludwig nimmt an, dass von den Teilnehmenden bereits negative Erfahrungen mit Bildung und Lernen gemacht wurden und dementsprechend beides nicht nur positiv besetzt war. „Aus dieser Perspektive lassen sich Vorbehalte und Kritik, aber auch positive Rückmeldungen verstehen.“ (a.a.O., S. 16). Außerdem folgert er: „[U]nter Bezug auf die wahrscheinlich negativen Erfahrungen der Teilnehmenden mit formaler Bildung können die nicht-formalen oder informellen Lernarrangements einen wertvollen Beitrag zum Lernen […] leisten.“ (a.a.O., S. 18).
 

„Völkerverständigung“ als Funktion internationaler Jugendarbeit

Fast alle Teilnehmenden bewerteten den Empfang im Gastland als sehr gut oder gut (vgl. Dubiski 2014, S. 13). Die Teilnehmenden konnten Anerkennung und Wertschätzung erfahren, was für Jugendliche und junge Erwachsene in eben diesen Situationen eher selten ist, so Judith Dubiski (vgl. Dubiski 2014, S. 26). Die Jugendlichen wurden z. T. wie eine Delegation aus Deutschland empfangen. „Diese letztere, der internationalen Jugendarbeit seit ihren Anfängen innewohnende Funktion, die lange mit dem Begriff der »Völkerverständigung« verbunden wurde, hat in den pädagogischen Konzeptionen internationaler Jugendarbeit an Bedeutung verloren, ist aber in einer politischen Perspektive nach wie vor relevant, wie nicht zuletzt die Einladung von Bundespräsident Gauck an zwei Teilnehmende des Projekts in Ioannina und ihren Ausbilder zum Staatsbesuch in Griechenland zeigt.“ (a.a.O., S. 25f).
 

Austausch war wichtig

Im Gastland hatten die Teilnehmenden größtenteils Kontakt mit Erwachsenen, der Bevölkerung, Bürgermeister_innen, Jugendlichen und Vertreter_innen der Presse. Ein Viertel kam in Kontakt mit weiteren Politiker_innen und Zeitzeug_innen, ergab die quantitative Auswertung (vgl. Dubiski 2014, S. 14). Der Austausch mit anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen war für sie wichtig und wurde z. T. im Rahmen des Projekts organisiert. Trotz auftretender Schwierigkeiten bei der Kommunikation war auch diese für die Teilnehmenden wichtig (vgl. Ludwig 2014, S. 12).

 

Migrationsprozesse konnten besser verstanden werden

„Die meisten Befragten haben ihrem eigenen Empfinden nach im Rahmen des Handwerksprojekts Sehenswürdigkeiten und die Menschen vor Ort, aber auch die Geschichte des Landes und die regionale Küche kennengelernt.“ (a.a.O., S. 13). Neben den Lebensverhältnissen schilderten die Teilnehmenden auch den Umgang mit Tieren vor Ort und waren zum Teil beeindruckt von der Architektur (vgl. Ludwig 2014, S. 12). Felix Ludwig weist darauf hin, dass die Teilnehmenden im Ausland einen Einblick in die historische Entstehung ethnischer Konflikte bekommen konnten. Durch den Kontakt zu den Menschen vor Ort konnten eigene Vorurteile reflektiert und die Gründe für Migrationsprozesse besser verstanden werden. „Nach Abschluss der Maßnahme gaben Teilnehmende an, dass sie zuvor Vorurteile hatten, wohl auch aufgrund des Ruhrgebietes als Zielort von Migration und der häufig ressentimentgeladenen Stimmung und medialen Repräsentation.“ (Ludwig 2014, S. 14). Auch die Projektbeteiligten vor Ort hatten vor Beginn der Maßnahme teilweise Vorbehalte. Während des Aufenthalts wurden diese vor allem durch emotionale Beziehungen abgebaut. Die gemeinsame Arbeit war ein Weg Vorurteile abzubauen (vgl. ebd.).

 

Viele Gemeinsamkeiten mit den Menschen vor Ort

Die Teilnehmenden konnten im Projekt viele Gemeinsamkeiten mit den Menschen vor Ort feststellen, obwohl diese unter anderen Bedingungen lebten als sie selbst. Felix Ludwig weist darauf hin, dass in diesem Kontext die Empathiefähigkeit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zum Tragen kam. „Dabei kann der Projektkontext, der auch als eine kurzzeitige Befreiung aus schwierigen Lebenssituationen (vgl. Calmbach/Borgstedt: 63f.) verstanden werden kann, auch als Raum zur Reflexion, etwa über internationale Aspekte von Ungleichheit, genutzt werden. Dies ist auch aus der Sicht der politischen Bildung interessant, da es auch für diese häufig schwierig ist, diese zu erreichen (vgl. Bremer: 2012).“ (a.a.O., S. 13). 
 

„Selbst-Inszenierung“ als Vorbilder muss kritisch betrachtet werden

Felix Ludwig zeigt auf, dass es jedoch auch zu Ambivalenzen kam. Er zitiert einen Raptext der Teilnehmenden: „»Macht was packts an und wir zeigen ihnen das man was kann wenn man nur wirklich will komm lasst uns Anfang in jedem Land (Young Workers) Hand in Hand Macht was packts an wenn man nur wirklich will komm lasst uns Anfang mit Herz und Verstand und stehen Mann für Mann«“ (ebd.). In diesem Text wird u. a. der Zusammenhalt auch auf internationaler Ebene thematisiert, auf der gleichberechtigt zusammengearbeitet werden soll. „Gleichzeitig schwingt aber auch eine Selbst-Inszenierung als Vorbilder mit, die anderen Menschen möglicherweise unterstellt, an der eigenen Misere nicht unschuldig zu sein. Damit wird ein Stück weit die gleichberechtigte Ebene verlassen und ein Gegensatz über die Selbst- und Fremdzuschreibung von Aktivität und Eigeninitiative konstruiert.“ (ebd.). Felix Ludwig empfiehlt solche Haltungen im Projektkontext kritisch im Blick zu behalten, gerade da einige Maßnahmen an historisch belasteten Orten stattfanden. Hierbei handelt es sich, so Felix Ludwig, um eine Bewegung zwischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden. (vgl. ebd.)

 

Umgang mit Differenzen kann in der Internationalen Jugendarbeit erlernt werden

Die qualitative Evaluation zeigt, dass die Internationalität der Maßnahme von den Teilnehmenden bereits vor der Abreise positiv bewertet wurde. Sie zeigten sich aufgeschlossen und waren motiviert „neue Kulturen“ kennenzulernen. Das Projekt eröffnete für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auch in diesem Kontext einen neuen Erfahrungsraum. Die Internationale Jugendarbeit bietet viele Möglichkeiten den Umgang mit Differenzen zu erlernen. Die Berichte der Teilnehmenden weisen auf vielfältige Erfahrungen hin, die häufig mit den Unterschieden zu ihrem eigenen Umfeld zusammenhingen. Insbesondere die Armut, die an einigen Einsatzorten verbreitet war und damit zusammenhängende Phänomene wurden von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen thematisiert, wie z.B. in diesem Raptext: „»Radeln 2013, Ankunft innem schlechten Film komplette Armut / und wir alle mittendrin war schon schlimm / zu sehen wie die Menschen leben in Europa hätten nie gedacht es könnte sowas geben«“ (a.a.O., S. 12).

Die Berichte zeichneten sich auch durch Überraschung und Erschrecken aus (vgl. Ludwig 2014, S. 11f). Judith Dubiski schlussfolgert, dass der Aspekt der Auslandsreise bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen Motivation und Kräfte freigesetzt hat und zu einer neuen „Ernsthaftigkeit“ führte. „Der Auslandsaufenthalt [stellt, TpB] einen Kontextwechsel dar, der ein spezifisches pädagogisches Setting schafft, welches in die Konzeption einzubeziehen und zu reflektieren ist.“ (Dubiski 2014., S. 25).

 

Politische Dimension internationaler Maßnahmen muss weiter verankert werden

Judith Dubiski folgert aus den Ergebnissen der quantitativen Evaluation: „Die politische Dimension internationaler Maßnahmen der Jugend(sozial)arbeit ist in den Einzelprojekten zu finden, wird aber unterschiedlich explizit.“ (Dubiski 2014, S. 25). Wie schon erwähnt fanden einige Maßnahmen an Orten des Gedenkens statt. Für die jungen Erwachsenen wurden so die Beziehungen zwischen dem Gastland und Deutschland erfahrbar. Außerdem wurden Ereignisse und Verbrechen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs für sie sichtbar, wie wieder an einem Raptext erkennbar ist: „»Wir wurden Herzlich empfangen im Land, hier am äußersten Rand von Griechenland. Hier hat damals die Wehrmacht gewütet, dass Gedenken an die Opfer wurde von uns behütet. Setzten die Gedenkstätte wieder in stand, es war sehr emotional was ein jeder empfand. Über 300 Menschen verloren ihr Leben, der Gedanke daran ließ unsere Seelen erbeben. […]«“ (Ludwig 2014. S. 16).

Teilweise gab es vor Ort die Möglichkeit an Gedenkfeiern teilzunehmen oder Zeitzeug_innen zu treffen. In Bosnien konnte auch neuere Geschichte thematisiert werden. „Wie die Rückmeldungen der Teilnehmenden zu ihrer Konfrontation mit der Geschichte und mit der wahrgenommenen Armut der Gastregion zeigen, ist die Reflexion dieser politischen Dimension (in Verbindung mit der Frage, welche Positionierung die Teilnehmenden selbst einnehmen […]) als zentrales Element der pädagogischen Arbeit im Projekt weiter zu verankern.“ (Dubiski 2014, S. 26). 

 

Unterstützung beim Gedenken vor Ort

Auch Felix Ludwig weist auf den Beitrag zur historisch-politischen Bildung hin. Neben den Erfahrungen vor Ort waren zentrale Elemente historisch-politischer Bildung Teil der Vorbereitungsseminare, z. B. in Form einer Bildungsfahrt nach Berlin. Der Bericht einer Zeitzeugin war hierbei besonders beeindruckend für die Teilnehmenden. Durch diesen auch emotionalen Zugang kann auch ohne viel Vorwissen Interesse an historisch-politischen Themen geweckt werden, so Felix Ludwig. Durch die Bildungsfahrt konnte außerdem Faktenwissen vermittelt werden.

Der Völkermord an Sinti und Roma wurde auch vor Ort thematisiert, indem die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit betroffenen Familien sprachen. „Ähnlich wie bei der Konfrontation mit Armut eröffnet das Format des Handwerkseinsatzes den Teilnehmenden eine ihren Fähigkeiten angemessene Möglichkeit des Umgangs mit dieser Situation. Die handwerkliche Arbeit etwa bei der Herrichtung einer Gedenkstätte kann dabei eine dem Habitus der Teilnehmenden nahe liegende Form sein, sich mit von Deutschen begangenen Verbrechen auseinanderzusetzen.“ (a.a.O., S. 15). Daneben gab es für die Teilnehmenden die Möglichkeit, die Menschen vor Ort beim Gedenken zu unterstützen. Im Anschluss an die Maßnahme wünschten sich einige Teilnehmende eine Gedenkstättenfahrt, die vom aktuellen forum e. V. auch durchgeführt wurde (vgl. a.a.O., S. 16).

 

Anmerkungen der Transferstelle politische Bildung

Die Ergebnisse der qualitativen und quantitativen Evaluation des Projekts zeigen, welche Chancen in der Verknüpfung von internationaler, berufsbezogener und politischer Bildung stecken. Über die Träger der Jugendberufshilfe konnte eine Zielgruppe angesprochen werden, die sonst nicht nur von Internationaler Jugendarbeit, sondern auch von politischer Bildung wenig erreicht wird. Auch die unterschiedlichen Methoden und die Arbeit vor Ort wirkten für den pädagogischen Prozess positiv. Insbesondere der Abbau von Vorurteilen durch die Begegnung mit Menschen im Ausland und der Beitrag zur historisch-politischen Bildung können hervorgehoben werden. Für die Praxis politischer Bildung geben beide Autor_innen Hinweise, wie die Verbindung unterschiedlicher pädagogischer Elemente gelingen kann und was für künftige Projekte wichtig ist.

 

Bezugsquelle

Download: Dubiski, Judith (2014): „young workers for europe“ – Ergebnisse der quantitativen Evaluation, Köln. (30 S.) [ PDF | 1,4 MB ]

Download: Ludwig, Felix (2014): ‚Bildungsferne‘ in der internationalen Jugendarbeit. Eine Betrachtung des Projektes ‚young workers for europe‘ des aktuellen forums nrw – Standort Universität Duisburg-Essen, Essen. (29 S.)   [ PDF | 237 KB ]

 

Kontakt

Judith Dubiski, M.A. 
TH Köln, Institut für Kindheit, Jugend, Familie und Erwachsene (KJFE), Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung
Campus Südstadt, Ubierring 48a, 50678 Köln
Telefon: 0221 82753910
E-Mail: judith.dubiski@th-koeln.de 
www.nonformalebildung.de


Dipl.-Päd. Felix Ludwig
Inzwischen an der Universität Duisburg-Essen


Zum Weiterlesen

  • „Durch die Träger der Jugendberufshilfe bekamen wir Zugang zu ‚bildungsfernen‘ Jugendlichen.“ Interview mit Verena Reichmann, aktuelles forum e. V. mehr lesen
  • Videodokumentation des Vortrags zur qualitative Analyse von Felix Ludwig während der Abschlussveranstaltung am 6. September 2014 in Düsseldorf mehr lesen
  • Videodokumentation des Vortrags zur quantitative Analyse von Prof. Dr. Andreas Thimmel während der Abschlussveranstaltung am 6. September 2014 in Düsseldorf mehr lesen
  • Weitere Informationen finden Sie auf der Seite des aktuellen forums e.V.

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