Förderung gesellschaftlichen Engagements Benachteiligter in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit – Erfolge und Schwierigkeiten.

Bibliografische Angaben

Schwerthelm, Moritz (2015): Förderung gesellschaftlichen Engagements Benachteiligter in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit – Erfolge und Schwierigkeiten. Zur Evaluation des gleichnamigen Projekts der Bertelsmann Stiftung, Hamburg. (119 S.)

Evaluation zeigt die Möglichkeiten gesellschaftlichen Engagements in der Offenen Kinder- und JugendarbeitEvaluation zeigt die Möglichkeiten gesellschaftlichen Engagements in der Offenen Kinder- und JugendarbeitEvaluation zeigt die Möglichkeiten gesellschaftlichen Engagements in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit

Moritz Schwerthelm analysiert in seiner qualitativen Studie, wie das gesellschaftliche Engagement benachteiligter Jugendlicher in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) gefördert werden kann. In der Evaluation des Projekts „Gesellschaftliches Engagement Benachteiligter in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit fördern – GEBe“, welches von der Bertelsmann Stiftung gefördert wurde, zeigt der Autor Erfolge und bestehende Herausforderungen und gibt im Anschluss praxisorientierte Handlungsempfehlungen.
 

Untersuchungsdesign

Für seine summative Evaluation führte Moritz Schwerthelm sieben Einzelinterviews mit Fachkräften und vier Gruppeninterviews mit Jugendlichen, die am Projekt beteiligt waren. Die Interviews wurden mit Hilfe eines offenen Leitfadens strukturiert. Sodann wurden die Projektziele der Mitarbeiter_innen mit denen des Projekts abgeglichen. Moritz Schwerthelm analysierte hierfür Veröffentlichungen und Präsentationen zum Projekt sowie die Antworten der befragten Fachkräfte. In den Interviews wurden auch Erfolge und Schwierigkeiten bei der Förderung gesellschaftlichen Engagements benachteiligter Jugendlicher erfragt. Aus der Analyse heraus entwickelte der Autor Handlungsempfehlungen. 
 

Das Projekt „Gesellschaftliches Engagement Benachteiligter in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit fördern – GEBe“

In der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) machen benachteiligte Jugendliche den Hauptteil der Besucher_innen aus, so Moritz Schwerthelm. Benachteiligte Jugendliche beschreibt der Autor anhand ihres schulischen Bildungswegs, wobei er keine genaue Definition von „benachteiligten Jugendlichen“ formuliert. „Bei den beteiligten Jugendlichen im Projekt GEBe handelt es sich um Jugendliche, die als benachteiligt beschrieben werden können und von denen oft behauptet wird, sie seien »politikverdrossen«, würden sich nicht engagieren und hätten auch keine Motive dazu.“ (Schwerthelm 2015, S. 22).

Am Projekt „GEBe“ nahmen ca. 70 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 21 Jahren teil. Das Projekt ist ein Baustein von jungbewegt – Dein Einsatz zählt., ein Projekt der Bertelsmann Stiftung. Zwischen 2012 und 2013 wurde mit sieben Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit in Mainz, Berlin, Magdeburg und Halberstadt ein von Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker und der Bertelsmann Stiftung entwickeltes Konzept erprobt. Das Projekt wollte modellhafte Wege finden, die es benachteiligten Jugendlichen ermöglichen, sich gesellschaftlich zu engagieren.

Ausgehend von Alltagsfragen und der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen sollten im Dialog mit den Jugendlichen kleine Projekte entstehen, in denen sie sich engagieren. Die Mitarbeiter_innen der Einrichtungen sollten hierzu „neue Arbeitsweisen und Methoden entwickeln und erproben, die eben jene Jugendlichen erreichen, die im Alltag der Jugendhäuser – aber auch allgemein – nur selten die Chance bekommen mitzubestimmen und mitzugestalten.“ (a.a.O., S. 8). Unterstützt wurde die Arbeit der Einrichtungen durch ein Team von Berater_innen und Projektverantwortlichen. Die Mitarbeiter_innen der Einrichtungen verfassten kontinuierlich Zwischenberichte und stellten diese auf einer Online-Plattform ein. Die Berichte wurden von den anderen Projektbeteiligten kommentiert, zusätzlich entstand eine Materialsammlung. Daneben gab es drei ganztägige Beratungstreffen und Telefonkonferenzen.
 

Gesellschaftliches Engagement im Projekt

Das Projekt zum „gesellschaftlichen Engagement“ legte einen Fokus auf die subjektorientierte Jugendarbeit und Demokratiebildung. „Gesellschaftliches Engagement“ wurde dabei umfassend als soziales, politisches, bürgerschaftliches und freiwilliges Engagement definiert. „Streng genommen ist gesellschaftliches Engagement, wie es im Projekt verstanden wurde, das »Ausüben« von Demokratie, wenn, wie beschrieben, Jugendlichen Möglichkeiten zum demokratischen Mithandeln, Mitgestalten und Mitbestimmen eröffnet werden sollen.“ (a.a.O., S. 17). Dies gilt auch für Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der Einrichtungen, da in diesen, nach Moritz Schwerthelm, (kleine) Öffentlichkeiten bestehen. So verstanden sind die beteiligten  Jugendlichen Teil einer Öffentlichkeit, in der ihnen gesellschaftliches Engagement als demokratische Erfahrung (in Kommunen und Einrichtungen) ermöglicht werden sollte. „Da gesellschaftliches Engagement im Projekt als aktive Mitbestimmung und -gestaltung in Öffentlichkeiten der demokratischen Gesellschaft konzipiert wurde, schließt es auch die Partizipation und Demokratiebildung der Jugendlichen mit ein.“ (a.a.O., S. 14).
 

Bestehende Angebote sind oft nicht passgenau

Ausgehend von der Erfahrung der Einrichtungen, dass insbesondere benachteiligte Jugendliche selten an Angeboten des gesellschaftlichen Engagements teilnehmen, schlussfolgert Moritz Schwerthelm, dass die vor dem Projekt bestehenden Angebote zum Engagement oft nicht passgenau für die Jugendlichen waren. Dazu schreibt er, „dass die unterstellte Bildungs- bzw. Politik- »Ferne« nicht den Jugendlichen zuzuschreiben ist, sondern dass politische und pädagogische Institutionen nur selten herausfinden, was diese Jugendlichen benötigen, was sie interessiert und wie genau daraus Themen gesellschaftlichen Engagements werden könnten.“ (a.a.O., S. 6). 
Eine zentrale Frage war daher, wie Angebote in der OKJA so konzipiert werden können, dass sie eine Nähe zu Jugendlichen haben und an ihren Interessen ansetzen. Es galt also herauszufinden, wofür sich die Jugendlichen engagieren möchten. 
 

Vielfältige Projekte gesellschaftlichen Engagements

Zu Beginn des Projekts gab es eine längere Beobachtungsphase in den Einrichtungen, um herauszufinden, was die Besucher_innen beschäftigte und welche Themen und Anliegen sie hatten. Nach dieser Phase wurden im Dialog mit den Jugendlichen verschiedene Angebote entwickelt und durchgeführt. „Dabei ging es nicht darum, außergewöhnliche Großprojekte politischer Bildung zu erwarten, sondern das Gesellschaftliche im alltäglichen Handeln der Jugendlichen im Jugendhaus und in der Kommune zu entdecken.“ (a.a.O., S. 9).

Moritz Schwerthelm stellt fünf Projekte vor, die in den Einrichtungen entwickelt wurden.

  1. „Jugendliche häkeln gemeinsam Mützen, die sie auf Märkten im Stadtteil verkaufen. Die Erlöse spenden sie ihrer Jugendeinrichtung.“ (a.a.O., S. 10)
  2. „Jugendliche gestalten ihren Jugendbereich und eine Außenwand des Jugendhauses.“ (a.a.O., S. 11)
  3. „Jugendliche beteiligen sich an Einstellungsverfahren neuer Mitarbeiter des Jugendhauses.“ (ebd.)
  4. „Jugendliche planen eine Umfrage zu Beschimpfungen und führen sie im Jugendhaus und in einer benachbarten Schule durch“ (ebd.)
  5. „Jugendliche drehen einen Kurzfilm zu ihren „Lieblings- und Hassorten“ im Stadtteil und präsentieren ihn Bewohnern des Stadtteils.“ (a.a.O., S. 12)
     

Ergebnisse

Fachkräfte wurden für die Themen der Jugendlichen sensibilisiert

Aus Sicht der befragten Mitarbeiter_innen wurde ca. die Hälfte der zuvor formulierten Projektziele erreicht. Die größten Projekterfolge für sich selbst sahen sie in einer gesteigerten Sensibilität und Professionalität. Am dritthäufigsten nannten sie die Identifikation der Jugendlichen mit der Einrichtung als Projekterfolg. Teilweise hing diese Bewertung auch mit einer verbesserten Beziehung zwischen Fachkräften und Jugendlichen zusammen.

Für die Fachkräfte waren die Beobachtung, Dokumentation und Interpretation der jugendlichen Handlungen wichtig, um die eigenen Verhaltensweisen und Handlungen einschätzen zu können. Die Mitarbeiter_innen der Einrichtungen hatten im Projekt gelernt, „die Normalitätsvorstellungen der Jugendlichen wahrzunehmen und ihre eigenen Normverständnisse zu reflektieren.“ (a.a.O., S. 51). Für Jugendliche und Fachkräfte war es wichtig gemeinsam Normalitätsvorstellungen auszuhandeln.

Moritz Schwerthelm stellt fest, dass den Jugendlichen der Zugang zu gesellschaftlichem Engagement dadurch eröffnet wurde, dass die Mitarbeiter_innen die Jugendlichen und ihre alltäglichen Handlungen beobachteten und „Motive zu Partizipation und Engagement aufgegriffen haben.“  (a.a.O., S. 55). So nahmen die Fachkräfte häufiger die Gelegenheit war, den Jugendlichen Möglichkeiten zur Partizipation zu eröffnen. Durch diese veränderte Haltung wurden Meinungen und Einstellungen der Jugendlichen (an)erkannt und Aushandlungsprozesse konnten ermöglicht werden, so Moritz Schwerthelm. Für viele Mitarbeiter_innen waren die Fallanalysen und Reflexionen im Team bedeutend: „Mehrere Fachkräfte schildern in den Interviews, dass sie sich durch die Herangehensweise im Projekt nun häufiger über ihre Beobachtungen im Team austauschen würden, um zum einen das jugendliche Handeln gemeinsam zu interpretieren und zum anderen das eigene professionelle Handeln zu überprüfen.“ (a.a.O., S. 62). Darüber hinaus stellte es sich als förderlich heraus, Träger und Jugendhausleitung von den Projektinhalten zu überzeugen oder sie direkt in das Projekt zu integrieren.
 

Effektivität und Effizienz als positive Nebenprodukte

Aus den Interviews mit den Fachkräften schließt der Autor, dass „die Steigerung von Effizienz und Effektivität ein positives Nebenprodukt ihrer neuen pädagogischen Herangehensweise ist.“ (a.a.O., S. 41). Zusätzlich berichtete auch eine Gruppe Jugendlicher, dass das gemeinsame Aushandeln von Regeln effektiver sei. Der Autor schließt außerdem, dass die subjektorientierte Arbeitsweise die Themen und Interessen der Jugendlichen aufgreife und es hierdurch wahrscheinlicher werde, dass die Partizipations- und Bildungsgelegenheiten auch von ihnen genutzt werden.
 

Für die Jugendlichen waren Bildungs- und Partizipationschancen wichtig

Die Jugendlichen werteten es als größten Erfolg des Projekts, dass ihnen Bildungs- und Partizipationschancen eröffnet wurden. In den Projekten nahmen sich die Jugendlichen „als selbstbestimmte Subjekte ihres Engagements wahr und können auch ihre Motive benennen.“ (a.a.O., S. 55). Sie waren zum Engagement motiviert, wenn sie einen Nutzen für sich oder andere erwarteten. Auch wenn einige Jugendliche bereits Ideen mitbrachten, die sie umsetzen wollten, berichteten die meisten, eher situativ und intuitiv nach ihren Interessen gehandelt zu haben. Im Projekt nahmen sie sich aber in jedem Fall als Urheber_innen ihrer Projekte war. Sie sahen ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstbestimmung durch das Projekt besonders gefördert. „Insgesamt haben sie das Gefühl, die Aktionen im Jugendhaus mitzubestimmen […]. Teilweise fordern sie diese Mitbestimmung auch als ihr Recht ein“ (a.a.O., S. 50).

Die Jugendlichen  wurden durch die Pädagog_innen in ihrem Handeln unterstützt. Innerhalb der Einrichtungen gab es einen Rahmen, in dem die Jugendlichen partizipativ handeln konnten. Dieser Rahmen und die Grenzen ihres Handelns (z.B. erhöhte Ausgaben als deren Folge) erkannten die Jugendlichen an. Aus Sicht der Fachkräfte veränderte sich das Verhalten der Jugendlichen im Laufe des Projekts. Sie nahmen wahr, dass sie ihre Ideen und Wünsche einbringen können. Die Fachkräfte berichteten auch von Selbstbildungserfahrungen der Jugendlichen. Allerdings waren die Partizipations- und Bildungschancen sehr unterschiedlich, so Moritz Schwerthelm. Einige Jugendliche waren engagierter im Projekt als andere. Entsprechend vermuteten die Fachkräfte, dass diese auch seltener Selbstbildungsmöglichkeiten nutzten. 
 

Mitbestimmung und Mitgestaltung motivieren zum Besuch der Einrichtungen

Aus allen Interviews mit Jugendlichen wurde deutlich, dass diese sich mit der Einrichtung identifizieren konnten. Zudem konnten sie sich als Mitglieder einer „embryonic society“ (kleinen Gesellschaft) wahrnehmen und entsprechend handeln. Moritz Schwerthelm zeigt auf, dass die Jugendlichen durch den Freiraum und die Möglichkeit zur Mitbestimmung und Mitgestaltung zum Besuch der Einrichtungen motiviert wurden. Er schließt aus den Interviews, dass Letzteres ausschlaggebend für das Zugehörigkeitsgefühl der Jugendlichen war, sich die Jugendlichen also „nicht mit der Einrichtung identifizieren, sondern sich als Mitglied dieser Gesellschaft verstehen.“ (a.a.O., S. 45). Die  Fachkräfte berichteten in den Interviews weniger von einer Identifikation mit der Einrichtung, als von veränderten Beziehungen zwischen Fachkräften und Jugendlichen. Die Jugendlichen bauten Vertrauen zu den Mitarbeiter_innen auf und öffneten sich ihnen gegenüber. Dies eröffnet laut Moritz Schwerthelm für die Fachkräfte wiederum die Möglichkeit „mehr über die Themen und Interessen der Jugendlichen zu erfahren und diese zur Förderung gesellschaftlichen Engagements aufzugreifen.“ (a.a.O., S. 46).  
 

Jugendlichen wurden Öffentlichkeit und Resonanz eröffnet

Als ein Erfolgsfaktor stellte sich heraus, dass den Jugendlichen von den Mitarbeiter_innen Anerkennung während der Projekte zugesichert wurde. Es ging auch darum, sich im Vertrauen immer wieder den Jugendlichen zuzuwenden. Zudem bieten sich in der OKJA besonders gute Möglichkeiten für gleichberechtigte Gespräche, so Moritz Schwerthelm. Ein Mittel und Ziel des Projekts war es daher, den Jugendlichen Öffentlichkeit und Resonanz zu ermöglichen. Hierfür wurden im Projekt viele Möglichkeiten, z.B. in Form von Filmpräsentationen, Straßenfesten oder der Gestaltung von Außenwänden der Einrichtung, gegeben. Moritz Schwerthelm beschreibt, dass es für die Jugendlichen hilfreich war, wenn nicht sie selbst, sondern ein von ihnen hergestelltes Produkt im Mittelpunkt stand. In vielen Fällen konnten die Jugendlichen Anerkennungserfahrungen machen und berichteten hiervon in den Interviews. Einige Jugendliche hatten bereits durch Defizitzuschreibungen immer wieder Aberkennung erfahren, dies machte den Schritt in die Öffentlichkeit schwierig für sie.

Die Mitarbeiter_innen der Einrichtungen berichteten, dass die Jugendlichen teilweise die Anerkennung auch einforderten. „Wichtig scheint den Jugendlichen dabei besonders die soziale Anerkennung sowie die Anerkennung ihrer Fähigkeiten und ihres Wissens bezüglich ihrer eigenen Lebens- und Handlungsformen zu sein.“ (a.a.O. S. 47). 
 

Wünschenswert: Partizipationsgelegenheiten außerhalb der Einrichtungen

Die Tatsache, dass weder von den Jugendlichen noch von den Fachkräften Partizipationsgelegenheiten außerhalb des Jugendhauses thematisiert wurden, nennt Moritz Schwerthelm eine künftige Herausforderung. Er merkt an, dass es „zu einemverständigungsorientierten Dialog, mit Aushandlungsprozessen zwischen Öffentlichkeit und Jugendlichen, [...] es dabei nicht gekommen“ ist. (a.a.O., S.48). Auch innerhalb der Einrichtungen blieb Entwicklungsbedarf. Die Jugendlichen konnten bei Festen etc. zwar mitsprechen, aber nicht mitbestimmen. Außerdem waren die Partizipationsmöglichkeiten größtenteils informell, eine formale Verankerung der Projektideen gab es innerhalb der Einrichtungen (noch) nicht. „Non-formale Partizipationsgelegenheiten haben die Jugendlichen durch die Beteiligung an Einstellungsverfahren und die Gesprächsrunden eröffnet bekommen. Demokratisch-formale Gelegenheiten, wie Gremien oder Jugendhaus-Parlamente als Verfassungsorgane, sind nicht konzipiert worden.“ (a.a.O., S. 52). 
 

Partizipationsgelegenheiten sollten gefestigt und ausgebaut werden

Die Projektverantwortlichen strebten an, dass ein demokratisch-partizipativer Umgang in die Alltagspraxis der Einrichtungen integriert werden sollte. In den Interviews wurden zwei Möglichkeiten der Verankerung der Ziele des Projekts „GEBe“ genannt. Am häufigsten nannten die Mitarbeiter_innen, dass die Projektziele durch die Aufnahme in das Leitbild der Einrichtungen verankert werden können. 
„Eine (demokratisch-)partizipative Verfassung der Einrichtungen müsste [...] weiter gehen und unter anderem die Mitgliedschaft klären, Gremien zur Beteiligung und Entscheidungsfindung bereitstellen, gemeinsam Gesetze aushandeln und Minderheiten schützen“ (a.a.O., S. 42). Allerdings müssen entsprechende Regelungen die Verfasstheit der OKJA berücksichtigen, unter anderem die Fluktuation der Teilnahme oder ggf. bestehende Hierarchien unter den Jugendlichen. Dies thematisierten Fachkräfte wie Jugendliche. Hierdurch wurden Kontinuität und Verbindlichkeit in den Projekten zum Teil gefährdet. Der Autor hält es daher für wichtig, manche Konfliktsituationen formalisiert zu gestalten (durch demokratische Formen der Partizipation). Informelle Partizipationsgelegenheiten könnten genutzt werden, um Möglichkeiten formaler demokratischer Partizipation zu eröffnen. Diese Übergänge müssten in der OKJA immer wieder neu ausgehandelt werden, so Moritz Schwertheim. So stellte sich eine verlässliche strukturelle Organisation, z. B. in Form fester Zeiträume, in den Projekten als erfolgreich heraus. Außerdem kann in der OKJA Verbindlichkeit entstehen, „indem Fachkräfte den Jugendlichen die Möglichkeit eröffnen, einen Eigensinn zu verfolgen.“ (a.a.O., S. 76), so Moritz Schwerthelm. Die Jugendlichen wurden durch ihre eigenen Motive zur verbindlichen Teilnahme und Mitgestaltung animiert.
 

Schlussfolgerungen

Ideen für künftige Fort- und Weiterbildungen zur Engagementförderung:

Um im Projekt aufgetretenen Problemen entgegenzuwirken und Herausforderungen zu begegnen, empfiehlt Moritz Schwerthelm u. a. Fort- und Weiterbildungen. Insgesamt waren die Fortbildungs- und Beratungsangebote im Rahmen des Projektes „GEBe“ erfolgsversprechend.  „Eine zukünftige Fortbildung zur Engagementförderung hätte zur Aufgabe, die Fachkräfte für ihren subjektorientierten Bildungsauftrag zu sensibilisieren und durch die Anregung pädagogischer Handlungsweisen, Analysen und Reflexionen die professionelle Qualität zu sichern.“ (a.a.O., S. 66).

Die regelmäßigen Beratungstreffen mit den Projektverantwortlichen zeichneten sich besonders durch ihre Praxisnähe aus. Problematisch war zum Teil der Transfer der Projektideen in das Team der Einrichtungen. Als Hauptgrund für dieses Problem sahen die Mitarbeiter_innen eine andere oder fehlende Ausbildung ihrer Kolleg_innen. „Diese Problematik kann nur durch die Qualifizierung der Beschäftigten durch Fort- und Weiterbildungen gelöst werden.“ (a.a.O., S. 70). Thema einer Fortbildung könnte auch der Mangel an zeitlichen und personellen Ressourcen sein, der von vielen Mitarbeiter_innen angesprochen wurde. Moritz Schwerthelm merkt an, dass dieser Mangel zum Teil durch die Übernahme anderer Aufgaben zustande kam. Durch eine Dokumentation ihrer Arbeit könnten sich die Fachkräfte jedoch wieder ihrer Ressourcen bewusst werden, feste Zeiten für Adressat_innengruppen festlegen und diese reflektieren. Mitbestimmung und Mitgestaltung können die Fachkräfte entlasten, so Moritz Schwerthelm.
 

Anmerkungen der Transferstelle politische Bildung

Moritz Schwerthelm zeigt in seiner Evaluation auf, wie durch intensive Beobachtung und Orientierung an jugendlichen Interessen Partizipation und gesellschaftliches Engagement in der OKJA umgesetzt werden können. Für die politische Bildung können viele der Einsichten genutzt werden, u. a.
 

  • Die akzeptierende Haltung der Fachkräfte war eine notwendige Voraussetzung dafür, den Jugendlichen Partizipationschancen zu eröffnen, die diese auch nutzten.
  • Die in den Projekten gesellschaftlichen Engagements ermöglichten Anerkennungserfahrungen spielten eine bedeutende Rolle für die Entwicklung und Selbstwahrnehmung der benachteiligten Jugendlichen.
  • Die Fachkräfte eröffneten den Jugendlichen aktiv Partizipationsmöglichketen im Alltag, indem sie sich an den Wünschen und Ideen der Jugendlichen orientierten und lernten, systematisch Partizipationsmöglichkeiten  zu erkennen und anzubieten.
  • Für Partizipationsprojekte ist es wichtig Verbindlichkeit(en)zu organisieren. Dafür empfiehlt Moritz Schwerthelm u. a. die Einführung formaler Partizipationsverfahren.


Eine Aufgabe bleibt es:

Eine Verbindung zu schaffen zwischen den Partizipationserfahrungen in der Einrichtung und (politischen) Partizipationsmöglichkeiten außerhalb der Einrichtungen. 


Bezugsquelle: Verlag Bertelsmann Stiftung 
 

Kontakt

Moritz Schwerthelm 
Universität Hamburg
Fakultät für Erziehungswissenschaft
Fachbereich 2, Arbeitsbereich Sozialpädagogik/Kinder- und Jugendbildung
Telefon: 040 42838-3751
E-Mail: Moritz.Schwerthelm@Uni-Hamburg.de

https://www.ew.uni-hamburg.de/ueber-die-fakultaet/personen/schwerthelm.html

 

Zum Weiterlesen

Aus dem Projekt sind u. a. zwei weitere Publikationen hervorgegangen, in denen konzeptionelle Grundlagen und methodische Anregungen für Praktiker_innen und Einrichtungen dargestellt werden:

  • Sturzenhecker, Benedikt (2015): Gesellschaftliches Engagement von Benachteiligten fördern – Band 1. Konzeptionelle Grundlagen für die Offene Kinder- und Jugendarbeit, Gütersloh. mehr lesen
  • Sturzenhecker, Benedikt (2015): Gesellschaftliches Engagement von Benachteiligten fördern – Band 2. Methodische Anregungen und Praxisbeispiele für die Offene Kinder- und Jugendarbeit. mehr lesen
  • Interview mit dem Projektleiter Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker: „Fachkräfte müssen die Offene Kinder- und Jugendarbeit (wieder) als Feld politischer Bildung erkennen.“ mehr lesen

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