Schülervorstellungen zur Politik in der Grundschule. Lebensweltliche Rahmenbedingungen, politische Inhalte und didaktische Relevanz

Bibliografische Angaben

Asal, Katrin/Burth, Hans Peter (2016): Schülervorstellungen zur Politik in der Grundschule. Lebensweltliche Rahmenbedingungen, politische Inhalte und didaktische Relevanz. Eine theoriegeleitete empirische Studie, Opladen. (155 S.)

Schon Grundschüler_innen denken politischSchon Grundschüler_innen denken politischSchon Grundschüler_innen denken politisch

In der Studie aus dem Jahr 2016 untersuchen die Autor_innen die Vorstellungen zur Politik von Schüler_innen in der Grundschule. Die Untersuchung zeigt, dass Kinder bereits in der Grundschule über politische Vorstellungen verfügen und auch die kindliche Welt bereits eine politische ist. Anhand der empirischen Ergebnisse geben die Autor_innen Hinweise auf mögliche Anknüpfungspunkte und didaktische Konzepte für den politischen Sachunterricht im Primarbereich. 
 

Untersuchungsdesign

Forschungsleitende Fragen waren:

„1. In welchem Rahmen verfügen Kinder im Grundschulalter bereits über politisches Wissen? Finden hier schon politische Lern- und Sozialisationsprozesse statt, und wenn ja, wie und durch wen?

2. Soll Politik bzw. politische Bildung bereits ein fester Bestandteil des Sachunterrichts in der Grundschule sein? Ist dies möglicherweise zu früh, zu komplex oder zu belastend für die Kinder? Und wenn ja, welche Lernziele bezüglich politischem Wissen sind hier angemessen?

3. Wie sehen die Politikvorstellungen von Grundschülern konkret aus? Wie kann durch die didaktische Reflexion und Konzeptualisierung des Sachunterrichts der Grundschule sichergestellt werden, dass bereits Grundschüler das Politische in ihrer Lebenswelt entdecken? Und wie kann hierbei eine kindgerechte Vermittlung von Politik stattfinden, bei der nicht die fachlichen Politikkonzepte die individuellen Vorstellungswelten der Schüler/-innen dominieren?“ (Asal/Burth 2016, S. 10).

Zur Beantwortung der Forschungsfragen führte Katrin Asal 2012 drei Gruppendiskussionen mit insgesamt elf Schüler_innen der vierten Klasse einer Freiburger Grundschule. Die Autor_innen weisen darauf hin, dass es keine Verallgemeinerung der Forschungsergebnisse auf Grundschulkinder vorgenommen werden kann, da lediglich Viertklässler_innen befragt wurden. Die Diskussionen wurden mit Hilfe der dokumentarischen Methode, einer  Methode der qualitativen (rekonstruktiven) Sozialforschung (Literatur siehe hier: www.fallarchiv.uni-kassel.de/literatur/dokumentarische-methode/), ausgewertet. 
 

Die politischen Vorstellungen der Grundschulkinder wurden anhand von sieben Themenkomplexen erhoben:

  1. Bundespolitik: Fragen zur Bundeskanzlerin und ihren Aufgaben.
  2. Staatsform: Fragen zu unterschiedlichen Staatsformen und dem Erwerb von Macht.
  3. Kommunalpolitik: Fragen zum Bürgermeister/zur Bürgermeisterin sowie Gemeinwohl und Ordnung.
  4. Wahlen: Fragen zur Mitbestimmung z. B. in Form der Klassensprecher_innenwahl.
  5. Parteien: Fragen zu Parteien und beipspielsweise ihren Meinungsverschiedenheiten.
  6. Ministerpräsident: Fragen zur Gewaltenteilung und unterschiedlichen politischen Akteur_innen.
  7. Ausblick: Fragen bezüglich der Gestaltungsaufgabe der Politik und der Verbindung des Lebens der Kinder zur Politik. 

 

Ergebnisse

Politische Vorstellungen sind stark von den Massenmedien geprägt

„Insgesamt verdeutlicht die Auswertung der Fragen, dass Grundschüler/-innen politische Sachverhalte bereits wahrnehmen.“ (a.a.O., S. 116). Bereits in der Grundschule verfügen Kinder demnach über politische Vorstellungen. Die politischen Vorstellungen der befragten Grundschüler_innen waren stark von den Massenmedien, insbesondere von der Fernsehberichterstattung, geprägt. Die Bedeutung von Schule und Familie waren in diesem Kontext bedeutend geringer. „Eine Auseinandersetzung in der Grundschule mit politischen Themen scheint (noch) nicht alltäglich zu sein.“ (ebd.). Die Autor_innen werten die mediale Präsenz als Chance für den politischen Unterricht in der Grundschule. Schüler_innen haben einen alltäglichen Umgang mit Medien, so können politische Ereignisse für Sie unmittelbar erfahrbar werden. Zusätzlich kann ihr Interesse an politischen Themen und Fragestellungen geweckt werden. „Gleichzeitig bietet die Aufarbeitung von und die Auseinandersetzung mit altersgemäßen medialen Inhalten im institutionellen Kontext der Schule die Möglichkeit, die Lernenden in ihrem medialen Konsum zu sensibilisieren und einen kritischen Umgang mit Themen und Inhalten anzuregen.“ (a.a.O., S. 120).

 

Politische Vorstellungen sind oft noch personenzentriert

Die befragten Kinder hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen zu den verschiedenen Themenkomplexen. Teilweise waren sie sehr präzise und komplex, teilweise aber auch sehr vage. Dabei waren die kindlichen Vorstellungen oft noch personenzentriert. „Kinder nehmen sichtbare politische Personen wie den Bundeskanzler oder den Präsidenten früher wahr als abstrakte Sachverhalte“ (a.a.O. ,S. 33). Trotzdem beschäftigten sie sich mit verschiedenen Aspekten des Politischen, zum Beispiel mit politischen Ämtern und politischen Prozessen. Diese Vorstellungen waren jedoch meist ungenauer als die zu politischen Akteur_innen. Diese Personenzentriertheit bietet didaktisches Potential, so die Autor_innen. Der Lebensweltbezug und das Umfeld der Kinder können genutzt werden, um ausgehend von einem politischen Akteur/einer politischen Akteurin, Institutionen und Prozesse zu bearbeiten. „Steht z.B. eine Bürgermeisterwahl im Wohnort […] bevor, bietet es sich an, mit den Kindern zu erarbeiten, welche konkreten Auswirkungen das Handeln des Bürgermeisters auf ihr alltägliches Leben haben kann. So eröffnen sich Fragen nach den Aufgaben eines Bürgermeisters, dem Tätigkeitsbereich eines Stadt- oder Gemeinderats oder den Aufgaben der Kommune insgesamt.“ (a.a.O., S. 120). Ist ein erster Zugang geschaffen, können konkrete Inhalte auf höherer Ebene besprochen und reflektiert werden.

 

Durchweg positive Vorstellungen zu politischen Akteur_innen und Prozessen

Die Kinder hatten durchweg positive Vorstellungen von politischen Akteur_jnnen und Prozessen. „Dieses Untersuchungsergebnis […] lässt sich möglicherweise damit erklären, dass Viertklässler Verhaltensweisen von Politikern sowie die Sinnhaftigkeit politischer Abläufe noch nicht (kritisch) hinterfragen, sondern vorerst nur wahrnehmen.“ (a.a.O., S. 117). Die Autor_innen vermuten außerdem, dass die Kinder Politiker_innen eine gewisse Autorität zuschreiben. In den Gruppendiskussionen wurden so gut wie keine Stereotype oder Vorurteile in Bezug auf Politik geäußert. „Politikverdrossenheit im Sinne einer negativen Einstellung gegenüber dem Handeln politischer Akteur_innen kann somit bei den Kindern nicht festgestellt werden.“ (ebd.). Dies zeigte sich auch daran, dass alle Viertklässler_innen motiviert und gewillt waren, die Fragen zu beantworten. 
 

Politische Vorstellungen sind sehr individuelle Konstrukte

Die unterschiedlichen Ausprägungen und Komplexitäten politischer Vorstellungen entsprechen der stark heterogenen Schüler_innenschaft in der Grundschule, jedoch kann man keine verallgemeinernden Schlussfolgerungen aus einzelnen Vorstellungen ziehen. Die Autor_innen weisen darauf hin, dass es sich um sehr individuelle Konstrukte handelt. Dennoch sind Vorstellungsvielfalt und vorherrschende mentale Konzepte auf Kinder im selben Alter und mit gleicher Schulbildung übertragbar. In den Gruppendiskussionen wurde eine große Kontextabhängigkeit der Vorstellungen und Aussagen sichtbar. 
 

Kinder verfügen über Gemeinwohlorientierung

Viele Kinder wiesen in den Gruppendiskussionen eine Orientierung am Gemeinwohl auf, auch wenn diese Orientierung noch nicht durchgängig war. Die Grundschüler_innen differenzierten grundsätzlich zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wobei die Politik von ihnen im öffentlichen Raum verortet wurde. Die bereits vorhandene Gemeinwohlorientierung kann gefestigt und erweitert werden, so die Autor_innen. Anhand politischer Sachverhalte können Interessensvielfalt und Mehrperspektivität erarbeitet werden. Als Auswahlkriterium nennen die Verfasser_innen die Betroffenheit der Schüler_innen. Sachverhalte aus mehreren Perspektiven zu betrachten, gelang den befragten Grundschüler_innen am ehesten im Gespräch mit den anderen Kindern. Widersprüche und Interessensgegensätze innerhalb der eigenen Aussagen konnten sie noch nicht erkennen. Politische Diskussionen sollten nicht nur aus diesem Grund fester Bestandteil des politischen Sachunterrichts sein. 
 

Fachtermini und Definitionen werden kaum verwendet

Das Bewusstsein der Viertklässler_innen für unterschiedliche politische Ebenen war sehr vage, wenn es überhaupt schon vorhanden war. Die Kinder verwendeten häufig Beispiele und gaben Medienberichte wieder, Fachtermini und Definitionen wurden hingegen kaum verwendet. „Betrachtet man die Inhalte und das Stundenkontingent politischer Bildung im Sachunterricht der Grundschule, erscheint das folgerichtig.“ (a.a.O., S. 116). Durch die Verwendung von Fachtermini und Definitionen können politische Inhalte auf ein „fachliches Fundament gestellt werden.“ (a.a.O., S. 121). Um diese zu festigen und zu erweitern empfehlen die Autor_innen, dass Definitionen und Fachtermini immer wieder Teil des Unterrichts sein und in unterschiedlichen Kontexten vernetzt und erweitert werden sollten. Sie raten außerdem zu einem Hand- oder Wandlexikon. So können, laut Autor_innen, die Vorstellungen präzisiert, ergänzt und ausdifferenziert werden. 
 

Analogien können zu Misskonzepten führen

Verfügten die Kinder über ungenaue oder gar keine Konzepte, so verwendeten sie meist Analogien. Durch diese Übertragung ihres Wissens von einem Bereich auf den anderen können jedoch leicht Misskonzepte entstehen. Die Autor_innen empfehlen, diese Misskonzepte nicht negativ zu bewerten, da „sie logische Denkstrukturen enthalten und mit dem Erlangen von (Fach-)Wissen zu politischen Konzepten (weiter-)entwickeln werden können.“ (a.a.O., S. 117).

Im Rahmen einer konstruktivistischen Fachdidaktik müssen die Vorstellungen mit den Basis- und Fachkonzepten der politischen Fachdidaktik verknüpft werden. „Auf diese Weise kann den Schüler/-innen effektiv geholfen werden, ihre subjektiven Vorstellungen zu artikulieren, zu ordnen und allmählich fachlich zu präzisieren.“ (a.a.O., S. 119). Die fachlichen Kategorien sollten möglichst gemeinsam erarbeitet werden.  

 

Schlussfolgerung

Die Untersuchung zeigt, dass Kinder bereits in der Grundschule über politische Vorstellungen verfügen und auch die kindliche Welt bereits eine politische ist. Die Autor_innen fordern daher, der politischen Bildung in der Grundschule einen großen Stellenwert einzuräumen. Wissen und Interessen von Kindern können gefördert werden, „was für den Fortbestand der Demokratie von zentraler Bedeutung ist.“ (a.a.O., S. 121). Der politische Sachunterricht könnte dem Einfluss von Medien entgegenwirken und Kindern helfen, die eigenen Vorstellungen einzuordnen, zu systematisieren und fachlich zu reflektieren. „Gerade weil die Schüler/-innen durch Massenmedien politische Sachverhalte größtenteils ungefiltert wahrnehmen, sollte die Grundschule es als ihre Aufgabe ansehen, die Kinder bei der Verarbeitung von politischen Informationen zu unterstützen und durch das Wecken von Neugierde sowie der Vermittlung von Basiswissen ihren Teil zur politischen Bildung beizutragen.“ (ebd.). Hierbei sehen die Autor_innen eine Notwendigkeit weitere Arbeitsmaterialien zu entwickeln, die frei von Banalisierungen sind. Sie fordern außerdem neue Studien zum Thema durchzuführen. 

 

Anmerkungen der Transferstelle politische Bildung

  • Grundschulkinder verfügen bereits über politisches Wissen und Vorstellungen.
  • Sie haben heterogene Vorstellungen zu unterschiedlichen politischen Themenkomplexen.
  • Politische Vorstellungen sind zum Teil stark personenzentriert, politische Personen wie die Bundeskanzlerin oder der Bundespräsident werden eher wahrgenommen als abstraktes politisches Wissen. Hier kann der politische Sachunterricht ansetzen und darüber über Prozesse und Systeme aufklären.
  • Die befragten Kinder waren politischen Akteur_innen und Prozessen gegenüber positiv eingestellt. Stereotype und Vorurteile waren kaum vorhanden.
  • Ihre Vorstellungen werden maßgeblich von Massenmedien beeinflusst. In der Grundschule können Medien eingesetzt und Medienkritik geübt werden.
  • Durch die Verwendung und Vernetzung von Definitionen und Fachtermini können die kindlichen Vorstellungen präzisiert und reflektiert werden.

 

Die Studie bietet neben Einblicken in die politischen Vorstellungen von Viertklässler_innen viele Hinweise, wie diese für die Fachdidaktik des politischen Sachunterrichts genutzt werden können.

 

Bezugsquelle: Budrich UniPress 
 

Zum Weiterlesen

  • Jahresthema 2016 „Wenig erreichte Zielgruppen der politischen Bildung – Forschung zu Zugangsmöglichkeiten“ mehr lesen
  • bei HanisauLand.de: „HanisauLand bietet Kindern im Alter zwischen 8 und 14 Jahren einfache und verständliche Zugänge zum Thema Politik, aber auch darüber hinausgehende Informationen, Tipps, Unterhaltung und aktive Mitmachangebote an.“ mehr lesen

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