Neue kooperative Formen politischer Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit

Bibliografische Angaben

Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung an der TH Köln in Kooperation mit Transfer für Bildung (TfB) e.V. (Hrsg.) (2024): Abschlussbericht des Forschungsprojekts „Neue kooperative Formen politischer Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit – Eine qualitative Feldanalyse“. Köln/Essen (67 S.)

Was passiert, wenn Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) und politische Jugendbildung (PolJuBil) in Bezug auf politische Bildung zusammenarbeiten? Ein Forschungsprojekt der TH Köln untersuchte innovative Kooperationen anhand des Praxisprojekts „OPEN – Offene Jugendarbeit und politische Jugendbildung gemeinsam engagiert" (2021-2023) und zeigt: Mit einer flexiblen finanziellen Förderung führen längerfristige Kooperationen der Fachkräfte und Institutionen zu „neuen Ideen und Formaten politischer Bildung im Kindes- und Jugendalter" (Abschlussbericht 2024: 4).

 

Von 2022 bis 2024 untersuchten Forscher*innen des Forschungsschwerpunkts Nonformale Bildung an der Technischen Hochschule Köln in Kooperation mit Transfer für Bildung e.V., wie durch die Zusammenarbeit von Offener Kinder- und Jugendarbeit und politischer Jugendbildung innovative Formen politischer Bildung entstehen können. Als Forschungsfeld diente das Praxisprojekt „OPEN – Offene Jugendarbeit und politische Jugendbildung gemeinsam engagiert“ (2021-2023) von Transfer für Bildung (TfB) e.V. / Transferstelle politische Bildung.

Im Rahmen des OPEN-Projekts hatten sechs langfristige, strukturell verankerte Partnerschaften – bestehend aus je einer Einrichtung der nonformalen politischen Jugendbildung und der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Nordrhein-Westfalen – zusammengearbeitet, um Lern- und Bildungsprozesse politischer Bildung für Jugendliche und junge Erwachsene zu initiieren. Deren institutionelle Zusammenarbeit wurde im Projektzeitraum eigens finanziell gefördert. Die auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit ausgerichteten Kooperationen hatten daher die Möglichkeit, neue Konzepte, ungewöhnliche Wege und kreative Formen gemeinsamer politischer Bildung im Kindes- und Jugendalter auszuprobieren (Ausführliche Informationen zum Projekt). Von besonderer Bedeutung war die sogenannte GEBe-Methode (Gesellschaftlich-demokratisches Engagement von Kindern und Jugendlichen (a.a.O.: 8). Im OPEN-Projekt hatten sich die Fachkräfte mit dieser Methode auseinandergesetzt und sie erprobt, „um politische Bildungsanlässe im Einrichtungsalltag wahrnehmen und gemeinsam mit den Jugendlichen aufgreifen zu können“ (ebd). So entstanden viele der Bildungsaktivitäten thematisch und methodisch auf Anforderung und Initiative der Besucher*innen.

Das Forschungsteam wollte herausfinden, welches Potenzial in der systematischen Zusammenarbeit beider Felder liegt. Zentrale Forschungsfrage war dabei: Wie und unter welchen Bedingungen entstehen neue Formen politischer Bildung in der OKJA in Kooperation mit der politischen Jugendbildung und umgekehrt? Beantwortet wurde diese Frage durch Interviews mit Fachkräften, die vor allem nach ihren professionellen Eigenlogiken und den dahinterliegenden Feldstrukturen befragt wurden, sowie durch Gruppendiskussionen mit jugendlichen Teilnehmenden zu deren Motiven und Zugängen. Dabei ging es nicht nur um die Perspektiven der Fachkräfte, sondern auch um die Erfahrungen der Jugendlichen, die die gemeinsam entwickelten Aktivitäten nutzten.

Der 16. Kinder- und Jugendbericht benennt politische Bildung als Grundsatzaufgabe von Kinder- und Jugendarbeit und identifiziert einen dringenden Forschungsbedarf zur nonformalen politischen Jugendbildung. Das Forschungsteam und Transfer für Bildung e.V. wollten mit der vorliegenden Studie auf diesen Bedarf reagieren und Kooperationen von Offener Kinder- und Jugendarbeit und politischer Jugendbildung in den Blick nehmen. Offene Kinder- und Jugendarbeit und politische Jugendbildung werden von den Forschenden als „eigene Praxis- und Diskursfelder im Rahmen der Kinder- und Jugendarbeit nach § 11 im SGB VIII angesehen" (a.a.O.: 4 f.). 

 

Theoretische Verortung und zentrale Annahmen

Die Studie verortet sich in der Wissenschaft Sozialer Arbeit mit Schnittstellen zur Professionstheorie und zur Wissenssoziologie. Die Forschenden gehen von der Annahme aus, dass Personen, die in pädagogischen Arbeitsfeldern tätig sind, über bestimmte für ihr Arbeitsfeld typische Perspektiven verfügen. Entsprechend wird davon ausgegangen, dass die Praxis politischer Bildung in den Feldern Offene Kinder- und Jugendarbeit und politische Jugendbildung maßgeblich von den Bedingungen des jeweiligen Arbeitsfeldes und den arbeitsfeldspezifischen Wissensbeständen, Handlungslogiken sowie Bildungs- und Selbstverständnissen der dort tätigen Fachkräfte – d.h. ihrer Professionalität – geprägt ist (siehe a.a.O.: 14).

Professionalität wird dabei nach von Spiegel und weiteren Wissenschaftler*innen als die Fähigkeit definiert, Handlungsanforderungen durch Anwendung von Fachwissen und Methoden zu erfüllen mit dem Ziel, die berufliche Praxis kontinuierlich weiterzuentwickeln (siehe ebd.). Diese auf Erfahrung und Wissen aufbauende Professionalität wird als prozesshaft und veränderbar verstanden, weshalb davon ausgegangen wird, „dass sich die Professionalität von Fachkräften im Aufeinandertreffen und neuartigen Zusammenarbeiten zweier Felder der Kinder- und Jugendarbeit verändern kann" (ebd.). Professionalität ist dabei niemals abgeschlossen, vielschichtig und durch die Reflexion der professionell Tätigen mitbestimmt.

Die Jugendlichen gelten als aktiv Beteiligte an der Herstellung und Gestaltung politischer Bildung. Die Autor*innen gehen davon aus, dass OKJA und politische Jugendbildung unterschiedliche Zugänge haben und somit andere Jugendliche erreichen. OKJA werde vor allem von gering privilegierten Jugendlichen genutzt, die die Spontanität, Unverbindlichkeit und Offenheit schätzen – Eigenschaften, die die politische Jugendbildung aufgrund ihrer Förderstrukturen nicht in gleichem Maße leisten könne (siehe a.a.O.: 17). Nicht Unterschiede im Interesse und in den Motivationen verstellten die Zugänge, sondern „diskursive und strukturelle Barrieren" (ebd.). Durch Kooperationen mit der OKJA könnten neue Zugänge geschaffen werden.
 

Zentrale These und Forschungsfragen

Die zentrale These der Forscher*innen war, dass die unterschiedlichen Eigenlogiken von OKJA und politischer Jugendbildung in kooperativen Projekten produktiv aufeinandertreffen können. Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf die Eigenlogiken der beiden Felder und darauf, was geschieht, wenn sie in Kooperationen aufeinandertreffen. Forschungsgegenstand sind die Kooperationen in Bezug auf Selbstverständnisse und Strukturen sowie Zugänge und Nutzen aus Perspektive der Jugendlichen.

Daraus ergaben sich fünf forschungsleitende Fragen:

  1. „Was zeichnet die Eigenlogiken der professionellen Wissensbestände und der Strukturen der politischen Bildung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit sowie der politischen Jugendbildung aus?
  2. Was resultiert aus dem Aufeinandertreffen sowie der Verbindung unterschiedlicher Feldlogiken?
  3. Entstehen durch die Kooperation verschiedener Arbeitsfelder „neue" Konzepte und Formen politischer Bildung?
  4. Welche Zugänge zu politischer Bildung entstehen oder verändern sich für Jugendliche? Wie werden die (entstehenden) Zugänge zu den Angeboten sowie die Formen politischer Bildung gedacht und begründet?
  5. Welche Nutzungsweisen machen sich Nutzer*innen der Angebote zu eigen?“ (a.a.O.: 18)

 

Forschungsmethoden

Das Forschungsteam nutzte einen qualitativen Forschungsansatz mit drei sich ergänzenden Methoden:

Dokumentenanalyse: Ausgewertet wurden 16 öffentlich zugängliche Dokumente, die von den Projektteilnehmenden bereitgestellt wurden und im Rahmen des OPEN-Projekts entstanden sind. Dazu zählten Texte der Öffentlichkeitsarbeit, wie Zeitungsartikel, Jahresberichte, Social-Media-Posts und Webseiten-Einträge, die über die Angebote informieren und berichten sollten. Diese wurden von Fachkräften oder Journalist*innen verfasst. Der Fokus der Analyse lag auf professionellen Selbstverständnissen und disziplinären Wissensbeständen, die sich in bestimmten Begriffsnutzungen, der Nennung von Werten, Beschreibungen von Adressat*innen und Selbstbeschreibungen zeigten (siehe a.a.O.: 21).

Expert*inneninterviews: Es wurden zwölf leitfadengestützte Interviews mit den am OPEN-Projekt beteiligten Fachkräften geführt – für jede der sechs Kooperationen je eine Person aus OKJA und politischer Jugendbildung. Die Gespräche dauerten etwa 60 Minuten. Der Fragenleitfaden gliederte sich in die Bereiche „Vorstellung des/der Interviewten und der Organisation", „Professionelles Selbstverständnis", „Strukturelle Eigenlogiken" und „Zusammentreffen unterschiedlicher professioneller Wissensbestände und Selbstverständnisse" (ebd.). Die Ergebnisse wurden in zwei Austauschtreffen mit den Fachkräften diskutiert und validiert.


Gruppendiskussionen: Es fanden zwei Diskussionen mit insgesamt 14 Jugendlichen in OKJA-Einrichtungen statt, die mindestens 14 Jahre alt waren und an mindestens einer Aktivität im Rahmen des Projekts teilgenommen hatten. Die Fragen bzw. Erzählstimuli bezogen sich auf ihre Erfahrungen, Motive und Nutzungsweisen der kooperativen Aktivitäten sowie auf Nutzen und Zugänge.

 

Ergebnisse

Professionelles Selbstverständnis und Verständnis politischer Bildung

Die Interviews mit den Fachkräften ergaben, dass beide Felder in Bezug auf politische Bildung mit einem „weiten" Politikbegriff arbeiten. Das heißt, dass politische Themen im Alltag verortet werden und nicht begrenzt werden auf ein „an Regierungsinstitutionen und -prozesse gebundenes Geschehen oder als Frage des politisch-administrativen Systems" (a.a.O.: 26).

OKJA-Fachkräfte verstanden unter politischer Bildung vor allem Demokratiebildung – das heißt Lernen durch demokratische Beteiligung, wodurch Jugendliche Kompetenzen erlernen, die für ein gesellschaftliches Zusammenleben notwendig sind. Sie sehen sich selbst als politisch interessiert, aber nicht als Expert*innen für politische Bildung. Sie verstehen sich vielmehr als Anwält*innen und Begleiter*innen der Kinder und Jugendlichen. Die Prinzipien ihrer pädagogischen Arbeit beschrieben sie mit den Begriffen: Niedrigschwelligkeit, Adressat*innenorientierung, gegenseitige Unterstützung der Fachkräfte, Partizipation und Offenheit. Als Ziele ihrer politischen Bildung nannten die OKJA-Fachkräfte vor allem Lebensbewältigung, Unterstützung, Selbstwirksamkeit und Autonomie (siehe a.a.O.: 27). In Bezug auf ihre Adressat*innen berichteten OKJA-Fachkräfte, dass sie häufig mit Jugendlichen aus benachteiligten und prekären Lebenslagen arbeiten.

Fachkräfte der politischen Jugendbildung definierten ihre Arbeit expliziter als Bildungsarbeit, die Wissensvermittlung, Konfliktbearbeitung und die Reflexion über das Verhältnis der eigenen Lebenssituationen zu politischen Ereignissen und Bestimmungen umfasst. Einzelne grenzten politische Bildung bewusster von Demokratiebildung ab und betonten die Reflexion des Verhältnisses zwischen gesellschaftspolitischen Themen und der eigenen Lebenssituation. Ziel ihrer politischen Bildungsarbeit sei Wissensvermittlung, Selbstwirksamkeit und Emanzipation bei den Teilnehmenden. Die Wissensvermittlung bezog sich dabei sowohl auf Wissen über Politik im engeren Sinn als auch auf Wissen für die eigene Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Fragen (siehe a.a.O.: 27). Als feldspezifische Prinzipien wurden genannt: Adressat*innenorientierung, die Beachtung von Emotionen/Emotionalisierung, Partizipation, (Ergebnis-)Offenheit und Emanzipation. Wichtig sei ihnen eine Begegnung auf Augenhöhe mit den Teilnehmenden, wobei sie reflektierten, dass dies ein anzustrebendes, aber nicht ganz zu erfüllendes Ideal sei. Die Fachkräfte wollen die Interessen der Adressat*innen mit politischen Themen verknüpfen, motivieren und in Hinblick auf politische Bildung, Werte und Beziehungsgestaltung ein Vorbild sein. Wichtig seien auch Peer-Ansätze in der Arbeit, d.h. die soziodemografische Ähnlichkeit von Teilnehmenden und Fachkräften. Während die OKJA-Fachkräfte häufig mit benachteiligten Jugendlichen arbeiten, betonten die Fachkräfte der politischen Jugendbildung gerade für diese Jugendlichen bestehende Zugangshürden zu ihren Angeboten (siehe a.a.O.: 28).

Die Forschenden resümieren, dass sich besonders die Prinzipien der Praxis sehr ähneln, diese jedoch „mit unterschiedlichen Begriffen und Konzepten belegt werden" (a.a.O.: 27).
 

Strukturelle Rahmenbedingungen

Die Untersuchung zeigte, dass die unterschiedlichen Finanzierungsstrukturen die zentrale Trennlinie zwischen beiden Feldern darstellen. Die OKJA kann durch ihre Grundfinanzierung spontan auf Themen reagieren, (Bildungs-)Gelegenheiten schaffen und ohne feste Gruppen arbeiten. Die politische Jugendbildung hingegen wird für Maßnahmen gefördert, muss diese beantragen und dafür vorausplanen, strukturieren und Themen setzen. Sie ist auf Verbindlichkeit und feste Gruppen angewiesen. Diese unterschiedlichen Förderstrukturen führen zu grundsätzlich verschiedenen Herangehensweisen (siehe a.a.O.: 28). 

Beide Felder sind von Unterfinanzierung, Personalmangel und prekären Beschäftigungsverhältnissen geprägt. Zwar arbeiten OKJA-Fachkräfte hauptamtlich und festangestellt, die Einrichtungen haben aber zu wenig Personal, weshalb wenige sehr viel leisten müssen. In der politischen Jugendbildung überwiegen hingegen befristete Projektstellen sowie Freiberuflichkeit auf Honorartätigkeit.
 

Effekte der Zusammenarbeit

Durch die Zusammenarbeit wurden die unterschiedlichen Wissensbestände der Fachkräfte und die verschiedenen Feldstrukturen zusammengeführt. Trotz ursprünglicher Unterschiede im Verständnis politischer Bildung, Zielbestimmung und Rollenverständnis entstanden in den Kooperationen schnell geteilte Ziele, Werte, Adressat*innen- und Rollenverständnisse bezüglich politischer Bildung (siehe ebd.).

Im Projekt wurden zahlreiche Aktivitäten durchgeführt, wie Feriencamps, Wochenendseminare, Diskussionen mit Kommunalpolitiker*innen, Live Action Role Plays, Escape Games und Stadtteilspaziergänge, sowie die Einrichtung von Gremien (z.B. Jugendräte). Innovativ war aus der Perspektive der politischen Jugendbildung dabei, dass alles auf Wunsch und Initiative und unter Mitgestaltung der Jugendlichen stattfand. In den Interviews wurde hauptsächlich über alltags- und lebensweltorientierte sowie arrangierte Aktivitäten berichtet, während politische Bildung „en passant“ oder als Demokratiebildung seltener erwähnt wurde (siehe a.a.O.: 25).

Diese Formen der politischen Bildung werden als alltags- und lebensweltnah sowie partizipativ beschrieben und verfolgten das Ziel, die Autonomie und Selbstwirksamkeit der Jugendlichen zu fördern (siehe a.a.O.: 28). Die Aktivitäten entstanden auf Initiative der Jugendlichen oder durch die Fachkräfte auf der Grundlage von Beobachtung und Rückversicherung der politischen Themen und Interessen der Jugendlichen. An den Aktivitäten konnte spontan, punktuell und freiwillig teilgenommen werden, wobei eine vertrauensvolle Beziehung zwischen den Fachkräften und den Jugendlichen als bedeutsam für die Teilnahmeentscheidung hervorgehoben wurde.

In der Zusammenarbeit „flossen die Feldeigenschaften in den kooperativen Formen politischer Bildung zusammen, ergänzten sich und näherten sich einander an" (a.a.O.: 29), wodurch hybride Formen politischer Bildung entstanden. Die Methoden waren jugendkulturell und sozialräumlich orientiert.

Für die OKJA war der gezielte Einsatz von Bildungsmaterialien und Workshop-Elementen neu – ein Kontrast zu ihrem sonst spontanen und offenen Einrichtungsalltag. Für die politische Jugendbildung waren die langfristige Bearbeitung und Beziehungspflege zu Kooperationspartnern und Teilnehmenden neu, ebenso die Arbeit an einem Alltagsort der Jugendlichen und die Spontanität. Entscheidend war für beide Felder die konsequente Ausrichtung an den Interessen und Wünschen der Jugendlichen – sowohl inhaltlich als auch methodisch. Dadurch erreichte die politische Jugendbildung neue Adressat*innen wie Kinder, jüngere Jugendliche sowie Jugendliche aus prekären Verhältnissen.

Diese Flexibilität und Langfristigkeit wurden durch die besondere Förderstruktur des OPEN-Projekts ermöglicht, die anders als die üblichen projektgebundenen Förderungen der politischen Jugendbildung konzipiert war.

Die Autor*innen fassen zusammen, dass in den Kooperationen zentrale Merkmale nonformaler Bildung wie Prozesshaftigkeit und Ergebnisoffenheit zum Tragen kommen (siehe a.a.O.: 30).

 

Zugänge und Nutzungsweisen der Jugendlichen

Im Projekt erhielten Nutzer*innen der OKJA-Einrichtungen durch die Präsenz von Fachkräften der politischen Jugendbildung und deren Angebote in ihren vertrauten Räumen neue Zugänge zu politischer Bildung, wodurch eine spontane Teilnahme ermöglicht wurde (siehe a.a.O.: 31). Die Fachkräfte gaben an, Zugänge zu schaffen, indem sie sich an den Bedürfnissen und Themen der Jugendlichen orientierten, die sie spontan wahrnahmen und aufgriffen. Als bedeutsam für Zugänge zu Angeboten wurden auch die vertrauensvollen Beziehungen zwischen den Fachkräften und den Jugendlichen von beiden Seiten betont.

Jugendliche eigneten sich die Bildungsaktivitäten auf ihre eigene Weise an, formten sie nach ihren Bedürfnissen um und nutzten sie unabhängig von den strukturellen Vorgaben der Fachkräfte. Für die Jugendlichen stellte die Teilnahme an den Angeboten genauso wie ihre sonstige Nutzung der OKJA eine Möglichkeit sinnvoll erlebter Freizeitgestaltung dar – im Gegensatz zum „Rumgammeln zuhause" –, wobei die in den Kooperationen gestalteten Angebote als angenehme Abwechslung vom Alltagsgeschehen betrachtet wurden.

In den Gruppendiskussionen stand die Frage nach den subjektiven Erfahrungen und Nutzen der Teilnahme an den Bildungsaktivitäten im Mittelpunkt, nicht die Reflexion ihrer politischer Aspekte. Die Jugendlichen nannten das Erleben von Spaß und Freude, das Knüpfen sozialer Beziehungen und die Erfahrung von Mitwirkung und Selbstorganisation als besonders bedeutsam (siehe a.a.O.: 34). Wichtig war für sie auch die Erfahrung, mitsprechen und mitentscheiden zu dürfen, andere Leute kennenzulernen, Vorurteile abzubauen und Ängste zu überwinden. Auch von nachhaltigen Effekten wurde berichtet, etwa dem Wunsch, generell weniger vorurteilsbehaftet zu sein, offener gegenüber anderen zu sein und den Mut zu haben, auf sie zuzugehen.

Diese Erfahrungen werden von den Autor*innen als politisch betrachtet, weil immer wieder Verbindungen zur Gesellschaft gezogen wurden: Es ging um den Umgang mit „den Anderen", um Zugehörigkeit und die Auseinandersetzung mit den Grenzen des eigenen Denkens (ebd.).

 

Einordnung der Ergebnisse

Die Autor*innen ordnen ihre Forschungsergebnisse als Bestätigung ihrer zentralen These ein: Die unterschiedlichen Eigenlogiken von OKJA und politischer Jugendbildung können in kooperativen Projekten produktiv aufeinandertreffen. Dabei bestätigen sich sowohl die angenommenen Unterschiede als auch die vermuteten Potenziale der Zusammenarbeit – erstere allerdings schwächer als ursprünglich erwartet. 

Die Forschenden stellen fest, dass die spezifischen Wissensbestände jedes Arbeitsfeldes das professionelle Handeln der Fachkräfte stark prägen, aber auch dass sich die professionelle Entwicklung der Fachkräfte als kontinuierlicher Lernprozess und wandelbar erwies, wenn sich verschiedene Arbeitsfelder berührten und zusammenarbeiten. Die ursprünglichen Annahmen über große professionelle Unterschiede zwischen OKJA und politischer Jugendbildung mussten nach unten korrigiert werden. Die beiden Felder erwiesen sich als viel kompatibler und durchlässiger für eine Zusammenarbeit als zu Beginn der Studie vermutet (siehe a.a.O.: 37). Jedoch betonen die Autor*innen auch, dass beide Bereiche trotz der erfolgreichen Kooperation ihre eigenständigen Profile behalten haben und in der Zusammenarbeit eine gemeinsame Stärke entwickelten.

Die Studie belegt die Entstehung „hybrider Formen politischer Bildung", in denen die „Feldeigenschaften in den kooperativen Formen zusammenflossen, [sich] ergänzten und einander annäherten" (a.a.O.: 29). Diese vereinten bildnerische Aspekte der politischen Jugendbildung mit spontanen Bildungsmomenten und Lebensbewältigung der OKJA. Damit wurde die Forschungsfrage nach neuen Konzepten eindeutig positiv beantwortet.

Die Autor*innen leiten aus ihren Forschungsergebnissen klare strukturelle Forderungen ab. Sie betonen, dass die „strukturell bestehende Dichotomie der Felder" (a.a.O.: 41) aufgeweicht werden muss, ohne die jeweiligen Besonderheiten zu negieren. Entscheidend sei dabei, dass weder OKJA die politische Jugendbildung als Dienstleisterin nutzt noch politische Jugendbildung die OKJA zur Zielgruppenerweiterung instrumentalisiert. Stattdessen müssten geeignete Förderungs- und Ermöglichungsstrukturen für eine gleichberechtigte Verknüpfung geschaffen werden. Das OPEN-Projekt habe exemplarisch gezeigt, dass beide Felder ihre Logiken und Handlungsmaxime „wirksam einbringen und im Sinne guter Zusammenarbeit temporär auch verlassen" (a.a.O.: 42) können, wenn innovative Finanzierung den Fachkräften ermöglicht, sich auf Projektpartner*innen und Adressat*innen zu konzentrieren. Eine wichtige Erkenntnis: „Um die Ergebnisse der Kooperationen zu festigen und die gewonnen Erkenntnisse ernst zu nehmen und praktisch umzusetzen, werden ähnlich innovative Fördervorgaben benötigt." (ebd.).
 

Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung 

Transfer für Bildung e.V. fungierte projektbegleitend als kommunikative und fachliche Schnittstelle zwischen den Projektpartnerschaften im Praxisprojekt OPEN und den Wissenschaftler*innen und unterstützte das Forschungsteam der TH Köln durch Öffentlichkeitsarbeit und eine Fachtagung. 

Das Forschungsprojekt wurde durch die Stiftung Deutsche Jugendmarke e.V. und das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKJFGFI NRW) gefördert.

Mit dieser Studie leisten die Autor*innen einen Beitrag zur durch den 16. Kinder- und Jugendbericht intensivierten Forschung und Debatte zu politischer Bildung und Demokratiebildung in den Feldern der Kinder- und Jugendarbeit.

 

Bezugsquelle: Abschlussbericht des Forschungsprojekts „Neue kooperative Formen politischer Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit – Eine qualitative Feldanalyse“. [ PDF | 652 KB ]


Veröffentlicht am 25.09.2025

 

Zum Weiterlesen

 

  • Projektwebseite „Forschungsprojekt zu neuen kooperativen Formen politischer Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit“ mehr lesen
  • Broschüre zum Forschungsprojekt „Neue kooperative Formen politischer Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit“ mehr lesen
  • Projektwebseite „OPEN – Offene Jugendarbeit und politische Bildung gemeinsam engagiert“ mehr lesen
  • Broschüre „OPEN – Offene Jugendarbeit und politische Bildung gemeinsam engagiert. Erkenntnisse aus praxisfeldübergreifenden Kooperationen“ mehr lesen
  • Projektbericht „OPEN – Offene Jugendarbeit und politische Bildung gemeinsamen engagiert“ mehr lesen

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