„Von- und Miteinander Lernen“ – Politische Bildung in der Jugendarbeit
Bibliografische Angaben
Sämann, Jana (2025): Erkenntnisse der Begleitforschung. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Projekt „Von- und Miteinander Lernen. Kompetenzteams aus außerschulischer Jugendbildung und Sozialpädagogik zur Stärkung politischer Bildung“. In: Sämann, Jana / Wohnig, Alexander (Hrsg.): Politische Bildung in Handlungsfeldern der Jugendarbeit. Ergebnisse des Projekts „Von- und Miteinander Lernen. Kompetenzteams aus außerschulischer Jugendbildung und Sozialpädagogik zur Stärkung politischer Bildung“ (VoMiLe). Siegen, S. 27-81
Im Rahmen des Modellprojekts „Von- und Miteinander Lernen. Kompetenzteams aus außerschulischer Jugendbildung und Sozialpädagogik zur Stärkung politischer Bildung“ (VoMiLe) wurden in der wissenschaftlichen Begleitforschung professionelle Selbstverständnisse, die Auffassung politischer Bildung und die Wahrnehmung externer Anforderungen von Fachkräften im Kontext von Kooperationen zwischen Einrichtungen der außerschulischen Jugendbildung und der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) untersucht.
Forschungsinteresse
Das von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb geförderte Projekt verband an acht bundesweiten Standorten Fachkräfte beider Bereiche in Form von Tandems. Diese Tandems entstanden entweder aus bereits bestehenden Kooperationen oder wurden eigens für das Projekt ins Leben gerufen. Während einige Partnerschaften auf gemeinsamen Reflexions- und Austauschformaten beruhten, erstreckte sich die Zusammenarbeit in anderen Fällen auf die Konzeption, Durchführung und Auswertung von Praxisprojekten. Ergänzt wurde das Angebot durch mehrere tandemübergreifende Fachaustausche und Netzwerktreffen (siehe a.a.O.: 31).
Die Forschung verfolgte das Ziel, Unterschiede in den professionellen Selbstverständnissen und Bildungsansätzen der verschiedenen Handlungsfelder zu erkennen. Zudem sollte untersucht werden, wie politische Bildung innerhalb von Kooperationen umgesetzt werden kann und ob spezifische Kompetenzen der jeweiligen Handlungsfelder durch die Zusammenarbeit wechselseitig erworben werden können. Die Ausgangshypothese lautete, dass die außerschulische politische Jugendbildung von der Offenen Kinder- und Jugendarbeit insbesondere im Bereich der Beziehungsarbeit und der Schaffung demokratischer Erfahrungsräume lernen kann. Umgekehrt sollte die OKJA von der Jugendbildung profitieren, indem sie deren Kompetenzen in der didaktischen und pädagogischen Aufbereitung politischer Bildungsgelegenheiten übernimmt (siehe a.a.O.: 30).
Forschungsmethode
Die Begleitforschung setzte auf leitfadengestützte Einzel- und Gruppeninterviews, um die Perspektiven der Fachkräfte aus beiden Handlungsfeldern zu erfassen. Ergänzend wurden Reflexionsworkshops durchgeführt, in denen Zwischenergebnisse gemeinsam mit den Akteur*innen validiert und weiterentwickelt wurden. Durch die enge Verzahnung von Wissenschaft und Praxis entstand ein Forschungsprozess, der nicht nur Erkenntnisse lieferte, sondern auch die beteiligten Fachkräfte in ihrer Arbeit gezielt unterstützte.
Ergebnisse
Die Studie zeigt, dass es seitens der Fachkräfte keine Unterschiede im Verständnis politischer Bildung zwischen der außerschulischen Jugendbildung und der Offenen Kinder- und Jugendarbeit gibt. Vielmehr teilen beide Handlungsfelder ein gemeinsames Verständnis von politischer Bildung, das sich durch Niedrigschwelligkeit sowie eine alltags-, handlungs- und teilnehmendenorientierte Ausrichtung auszeichnet. Zudem wird politische Bildung vor allem als Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen und der eigenen Rolle darin verstanden. Sie zielt darauf ab, Reflexion zu fördern und Handlungsmöglichkeiten für politisches Engagement zu eröffnen. Häufig wird die eigene Praxis nicht direkt als politische Bildung bezeichnet, sondern vielmehr als feministische, rassismuskritische oder antisemitismuskritische Bildungsarbeit beschrieben.
Ob, wie und in welchem Umfang politische Bildung in der Jugendarbeit umgesetzt wird, hängt der Studie zufolge maßgeblich von den unterschiedlichen Möglichkeiten und Einschränkungen der jeweiligen Bildungsräume ab. In der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) stellt insbesondere der Mangel an Ressourcen – wie begrenzte finanzielle Mittel, Zeit und Personal – eine zentrale Herausforderung dar. Die außerschulische Jugendbildung hingegen bewegt sich häufig in einem Spannungsfeld zwischen ihrem eigenen Bildungsanspruch und den Projektlogiken sowie strukturellen Rahmenbedingungen, die ihre Arbeit prägen (siehe a.a.O.: 74).
Die Zusammenarbeit in Projekttandems wurde von den Fachkräften überwiegend positiv bewertet. Für die Fachkräfte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) stellte die Kooperation häufig eine Entlastung dar. Sie schätzten den Kooperationspartner aus der Jugendbildung als kreative Instanz, der über Zeit, Raum und die nötigen Kompetenzen verfügt, um sich gezielt Expertise in spezifischen Themenbereichen anzueignen.
Für die Fachkräfte der politischen Jugendbildung war die Zusammenarbeit besonders durch den direkten Zugang zur Zielgruppe bereichernd. Die Fachkräfte der OKJA brachten ein besonderes Nähe- und Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen mit, durch das sie Themen und Anlässe für politische Bildungsprozesse eröffnen konnten.
Entgegen der Ausgangshypothese zeigt die Studie jedoch, dass die Kooperationen nicht dazu führen, dass durch einen Kompetenzzuwachs auf beiden Seiten die Zusammenarbeit überflüssig wird. Vielmehr haben die Fachkräfte durch die Kooperation die Arbeitsweisen und Feldlogiken ihrer Tandempartner besser kennengelernt, was die Basis für eine langfristige und erleichterte Zusammenarbeit geschaffen hat (siehe a.a.O.: 68).
Für beide Seiten wurden die Projektbedingungen als bereichernd und positive Ausnahme empfunden, da sie ein Arbeiten ohne strukturelle und inhaltliche Einschränkungen ermöglichten. Die Fachkräfte schätzten besonders die Verfügbarkeit frei nutzbarer finanzieller Mittel sowie die Freiheit, Formen, Inhalte, Ziele und Zielgruppen eigenständig zu bestimmen.
Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung
Das Modellprojekt „Von- und Miteinander Lernen. Kompetenzteams aus außerschulischer Jugendbildung und Sozialpädagogik zur Stärkung politischer Bildung“ und seine wissenschaftliche Begleitung sind Teil einer Reihe von Praxis- und Forschungsprojekten der letzten Jahre, die sich intensiv mit der politischen Bildungsarbeit in der Kinder- und Jugendarbeit auseinandergesetzt haben. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zur empirischen Untermauerung der derzeitigen praxisfeldübergreifenden Fachdebatte.
Bezugsquelle: Universität Siegen
Veröffentlicht am 09.09.2025
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