Förderung politischer Jugendbildung durch unternehmensnahe Stiftungen

Bibliografische Angaben

Hirsch, Anja (2019): Gemeinwohlorientiert und innovativ? Die Förderung politischer Jugendbildung durch unternehmensnahe Stiftungen. Bielefeld (341 S.)

Anja Hirsch beschäftigt sich in ihrer Studie mit unternehmensnahen Stiftungen und deren Förderung und Aktivitäten im Feld außerschulischer politischer Jugendbildung. Die Forscherin legt den Fokus auf Programme und Aktivitäten, die schwerpunktmäßig sogenannte bildungsbenachteiligte Jugendliche erreichen und fördern sollen. Mit Überlegungen aus der Hegemonietheorie und mit bildungstheoretischen Ansätzen aus der kritischen politischen Bildungsforschung wird in der Studie den Fragen nachgegangen, wie und mit welchen Interessen unternehmensnahe Stiftungen als zivilgesellschaftliche Akteure die politische Jugendbildung beeinflussen und inwiefern diese mit zielgruppenadäquaten Formaten soziale Ungleichheitsverhältnisse reproduzieren (siehe a.a.O.: 19). Die Forscherin wählte eine qualitativ-explorative Herangehensweise.
 

Forschungsinteresse

Ausgangspunkt der Studie ist die Beobachtung, dass unternehmensnahe Stiftungen in den letzten Jahren zunehmend außerschulische politische Bildung fördern und damit als Drittmittelgeber an Bedeutung gewinnen (siehe a.a.O.: 14). Laut Forscherin ist das Paradox dabei, dass Unternehmen auf der einen Seite „systemlogisch treibende Kraft eines Wirtschaftssystems [sind], das ungleiche gesellschaftliche Verhältnisse hervorbringt“ (a.a.O.: 15). Auf der anderen Seite präsentieren sich unternehmensnahe Stiftungen als neutrale Institutionen, die Programme für sozial benachteiligte Jugendliche finanzieren, „um politische Mündigkeit zu fördern und einen Beitrag zum Abbau sozialer Ungleichheit zu leisten“ (ebd.).

Weil es bisher keine Studien gibt, die die Wirkungen unternehmensnaher Stiftungen auf die politische Bildung in Deutschland untersuchen, möchte die Forscherin mit der Explorationsstudie „einen ersten Beitrag zur Schließung dieser Forschungslücke leisten und dabei den Fokus nicht nur auf die Akteure richten, sondern auch auf deren Programme für ‚sozial benachteiligte Jugendliche‘“ (ebd.).
 

Forschungsdesign

Bevor Anja Hirsch sich der empirischen Untersuchung widmet, führt sie in den Forschungsgegenstand ein, indem sie einen Überblick über neue Akteur_innen und neue Formate in der außerschulischen politischen Jugendbildung sowie über politische Jugendbildung mit sozial und bildungsbenachteiligten Jugendlichen gibt. Anschließend legt sie die bildungs- -und gesellschaftstheoretische Grundlegung der Studie dar, mit denen die erhobenen empirischen Daten analysiert werden.

Im ersten empirischen Teil der Studie werden Webseiten, Jahresberichte und andere Dokumente unternehmensnaher Stiftungen hinsichtlich ihrer Aktivitäten in der politischen Bildung analysiert. Weil die Robert Bosch Stiftung drei Modellprojekte zur „politischen Bildung mit ‚benachteiligten Jugendlichen‘ fördert, werden außerdem ein internes Strategiepapier, Programmmaterialien und (z.T. unveröffentlichte) Evaluationen inhaltsanalytisch ausgewertet, um die zielgruppenadäquate Gestaltung der Programme aufzuzeigen“ (a.a.O.: 19).

Im zweiten empirischen Studienteil untersucht die Forscherin anhand einer anonymisierten Einzelfallstudie das Engagementprogramm Micro Projects, das von der „Unternehmensstiftung Technology Company Foundation (T.C. Foundation) finanziert und in Kooperation mit [einer] Bildungsstiftung“ (a.a.O.: 126) sowie Einrichtungen aus der Jugendarbeit deutschlandweit umgesetzt wird. Jugendliche können innerhalb eines festgelegten Zeitraums ihre gemeinnützige Projektidee realisieren, für das sie eine Geldsumme erhalten (siehe ebd.). Zur Datenerhebung wurden sieben qualitative, leitfadengestützte Expert_inneninterviews mit Personen, die mit unterschiedlichen Rollen an der Programmumsetzung beteiligt waren, geführt (Mitarbeitende des Unternehmens Technology Company und der Unternehmensstiftung T.C. Foundation, Kooperationspartner_innen aus der Jugendarbeit, Personen aus dem Teamer_innen-Netzwerk) (siehe a.a.O.: 199; 208). Grund für die absolute Anonymisierung (d.h. Pseudonymisierung personenbezogener Daten; Paraphrasierung oder Löschung von Daten, um die Befragten zu schützen) war die zunehmend kritische Perspektive der Forscherin auf das Thema im Laufe des Forschungsprozesses (siehe a.a.O.: 202). Die absolute Anonymisierung erlaubte es Anja Hirsch, „die Interviewdaten frei zu benutzen und zu interpretieren“ (a.a.O.: 203).

Für die Studie waren folgende Fragestellungen leitend:

  • „Wie sind unternehmensnahe Stiftungen mit Unternehmen verbunden und werden ihre politischen Bildungsprogramme analog zu Unternehmensstrategien ausgerichtet? Wenn ja, inwiefern?“ (a.a.O.: 19)
  • „Wie werden die für die Untersuchung ausgewählten Programme für ›sozial benachteiligte Jugendliche‹ zielgruppenadäquat gestaltet und wie lässt sich an einem Fallbeispiel zeigen, dass auch mit zielgruppenadäquaten Formaten Herrschafts- und Ungleichheitsstrukturen reproduziert werden?“ (ebd.)
     

Theoretische Grundlegung

Die Forscherin wählte einen hegemonietheoretischen Zugang zur Analyse unternehmensnaher Stiftungen und deren Aktivitäten im Feld politischer Jugendbildung. Die Hegemonietheorie nach Antonio Gramsci stellt für sie einen Gegenentwurf zur liberalen Demokratietheorie dar, weil aus dieser Theorieperspektive „scheinbar ‚neutrale‘ zivilgesellschaftliche Akteure und ihre gemeinwohlorientierten Aktivitäten auf ihre Politizität und dahinterstehende partikulare Interessen befragt werden“ (a.a.O.: 68) können.

Des Weiteren wurden drei Analysekriterien aus bildungstheoretischen Ansätzen der kritischen politischen Bildungsforschung abgeleitet: (a) inwiefern werden gesellschaftliche Strukturen thematisiert, die die Subjekte bedingen, (b) inwiefern wird die Bildung der Subjekte in Anpassung zu den jeweiligen Produktionsverhältnissen organisiert, (c) wie und wo werden symbolische Herrschaftsmechanismen in Bildungsprogrammen wirksam (siehe a.a.O.: 101).

 

Befunde der explorativen qualitativen Inhaltsanalyse

94 Prozent aller Stiftungen in Deutschland sind als gemeinnützig anerkannt, allerdings ist die Gemeinnützigkeit „eine steuerrechtliche Kategorie, die nichts über gesellschaftliche und politische Funktionen von Stiftungen aussagt“ (a.a.O.: 104). Es gibt keine eindeutige Definition von unternehmensnahen Stiftungen, weshalb eine eindeutige Identifikation nicht ohne weiteres möglich ist. Weil die in der politischen Bildung tätigen Stiftungen unterschiedliche Stiftungszwecke angeben (z.B. Bildung, Völkerverständigung, demokratisches Staatswesen), sieht Hirsch keine Möglichkeit, eine Grundgesamtheit der Stiftungen zusammenzustellen (siehe a.a.O.: 122). Aufgrund dessen kann die Forscherin lediglich einen explorativen Überblick über unternehmensnahe Stiftungen geben, die politische Bildung fördern, hierbei legt sie ein weites Verständnis von politischer Bildung zugrunde (z.B. auch die Förderung von Bürger_innenbeteiligung und -engagement oder ökonomischer Bildung) (siehe a.a.O.: 122-123).

Die vertiefende Analyse der drei von der Robert Bosch Stiftung geförderten Projekte DU HAST DIE MACHT, Dialog macht Schule und Lernort Stadion ergab, „dass die soziale Benachteiligung der Jugendlichen in Programmbeschreibungen zwar benannt wird, jedoch innerhalb der Programme keine Auseinandersetzung mit sozialen Ungleichheitsverhältnissen und den sozialen Voraussetzungen fokussiert wird. Jugendliche sollen vor allem als Individuen gestärkt werden, da ein wichtiges Ziel ist, dass sie ‚Eigenverantwortung‘ übernehmen“ (a.a.O.: 194-195). Eine unmittelbare inhaltliche Überschneidung der politischen Bildungsprojekte zu den Geschäftsfeldern des Bosch-Konzerns konnten nicht festgestellt werden (siehe a.a.O.: 288), allerdings bewertet die Forscherin die enge strukturelle und personelle Verflochtenheit der Robert Bosch Stiftung mit dem Unternehmen als äußerst komplex. So würden mit der Stiftungsarbeit und den Projektförderungen vielfältige Partikularinteressen verfolgt, z.B. „Steuerumgehung und die finanzielle Versorgung der Bosch-Familie“ (a.a.O.: 194).
 

Befunde der anonymisierten Fallanalyse

Zwar finanziert die Unternehmensstiftung T.C. Foundation das Programm Micro Projects, allerdings spielt sie bei der Umsetzung keine große Rolle. Offizielle Ausrichterin ist eine am Programm beteiligte gemeinnützige Bildungsstiftung, die vor allem auch als Übersetzungsinstanz zwischen Unternehmensinteressen und den beteiligten Einrichtungen der Jugendarbeit fungiert (siehe a.a.O.: 217-220). Anhand der Interviews erlangte die Forscherin tiefere Einblicke in das Kooperationsnetzwerk und die komplexe Aufgabenverteilung und stellt fest, dass das Unternehmen „– obwohl es formal nur Sponsor ist – informell maßgeblichen Einfluss auf die Programmgestaltung“ (a.a.O.: 272) ausübt. Dies zeigt sich z.B. an einer inhaltlichen Neuausrichtung von Micro Projects auf das Thema digitale Kompetenzen, d.h. ein bestimmter Anteil der Projekte der Jugendlichen muss nun einen digitalen Bezug haben (siehe a.a.O.: 275). Fachkräfte aus der Jugendarbeit oder dem Teamer_innennetzwerk bewerten dies in den Interviews als kritisch, weil die Neuausrichtung auf Digitalität und Medienkompetenz zu einer Einschränkung der Ideen und Vielseitigkeit der Projekte führen würde und der Fokus nicht mehr auf benachteiligten Jugendlichen liegt (siehe a.a.O.: 247). Als Begründung für die Neuausrichtung verweisen das Unternehmen und die Bildungsstiftung auf gesellschaftliche Herausforderungen, wie die Notwendigkeit digital kompetenter Arbeitnehmer_innen in allen sozialen Schichten (siehe a.a.O.: 276).

Ziel von Micro Projects ist ein niedrigschwelliges Engagementangebot für sozial- und bildungsbenachteiligte Jugendliche. Insbesondere die Bildungsstiftung möchte passende Angebote bereitstellen, um ein breites Jugendendengagement zu ermöglichen (siehe a.a.O.: 228-229). Für das Unternehmen hingegen gehört die Erreichung sozial benachteiligter Jugendlicher nicht zu den Prioritäten des Programms, es möchte auch Jugendliche aus höheren sozialen Schichten ansprechen (siehe a.a.O.: 232-233).

Die Bildungsstiftung versteht Micro Projects als politisches Bildungsprogramm, „da es die Teilnahme an politischen Prozessen fördere und ermögliche“ (a.a.O.: 278). Interviewte Personen aus Einrichtungen der Jugendarbeit oder dem Teamer_innennetzwerk hingegen teilen dieses Verständnis nicht. Eine gesellschaftspolitische Reflexion der Projekte oder der Lebenssituationen der Jugendlichen sei nicht vorgesehen, auch dürften die Projekte weder politisch sein, noch politische Positionen beziehen (siehe a.a.O.: 261). Das Programmziel, zum Abbau sozialer Ungleichheit beitragen zu wollen, wird laut Forscherin verfehlt, da die Auseinandersetzung mit Macht-, Herrschafts- und sozialen Ungleichheitsverhältnissen „de facto kein inhaltliches Thema ist“ (a.a.O.: 279). Die Befragten begründen dies damit, dass man die Jugendlichen nicht stigmatisieren wolle und man bei ihren Stärken ansetze. Für die Autorin wäre ein so verstandener ressourcenorientierter Ansatz für das Ziel sozialen Lernens erträglich, „für politische Bildung ist die Auseinandersetzung mit strukturellen Fragen aber unerlässlich“ (ebd.).

Die Nichtthematisierung der Ursachen und Auswirkungen sozio-ökonomischer Ungleichheit sowie der Eingebundenheit der Subjekte in soziale Ungleichheitsverhältnisse bewertet die Forscherin als „eine Modernisierung im Bereich der politischen Jugendbildung, die die ‚antagonistische Spitze‘ nimmt“ (a.a.O.: 282). Die Analyse von Micro Projects zeige, dass „die Anpassung der Subjekte an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes eben gerade nicht thematisiert und hinterfragt, sondern: organisiert“ werde (a.a.O.: 283)
 

Schwierigkeiten

Um eine vollständige Anonymisierung der Befragten zu gewährleisten, musste in der Studie auf weitere Analysen wie öffentliche und interne Materialien (Programm-Website, Evaluationen, Handlungsanleitungen etc.) verzichtet werden. Dementsprechend werden in der Fallstudie bestimmte Sachverhalte nur aus der Perspektive einer Person beleuchtet. Die Interviewaussagen konnten nicht durch andere Quellen belegt oder widerlegt werden (siehe a.a.O.: 200). Die Forscherin merkt außerdem an, dass Expert_inneninterviews für Fehler anfällig sind. So kann es sein, dass die Befragten irreführende Informationen angeben oder sozial erwünscht antworten, weshalb das „erhobene Betriebs- und Kontextwissen nicht als eindeutig sicher einzuordnen“ (a.a.O.: 208) ist.
 

Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung

Wie Anja Hirsch in ihrer Studie feststellt, hat die finanzielle Förderung von politischer Bildung durch unternehmensnahe Stiftungen in den letzten Jahren zugenommen. Auf der einen Seite erfährt dadurch sowohl die schulische als auch außerschulische politische Bildung eine Stärkung, unter anderem indirekt, da viele der Projekte wissenschaftlich begleitet bzw. evaluiert werden. Auf der anderen Seite gibt es kaum Forschung oder empirische Daten (im Gegensatz zur USA, wo Stiftungsforschung ein etabliertes Forschungsfeld ist), die die Wirkungen unternehmensnaher Stiftungen auf die politische Bildung untersuchen (siehe a.a.O.: S. 15; 293), obwohl sie mittlerweile durch ihre Finanzierung und Programme die Praxis politischer Bildung nicht unerheblich mitgestalten. Die vorliegende Explorationsstudie liefert erste wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema und bietet Anknüpfungspunkte für weitere Forschung in diesem Feld.
 

Bezugsquelle: Transcript Verlag (online kostenlos verfügbar)

Veröffentlicht am 26.01.2021
 

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