Inklusive politische Bildung am „Lernort Stadion“

Bibliografische Angaben

Besand, Anja / Hölzel, Tina / Jugel, David (2018): Inklusives politisches Lernen im Stadion. Politische Bildung mit unbekanntem Team und offenem Spielverlauf. Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts Lernort Stadion. Dresden (164 S.)

Zwei Jahre lang begleiteten Forscher_innen des Zentrums für inklusive politische Bildung e.V. (ZipB) das Projekt „Lernort Stadion“. Das Projekt nutzt die Faszination des besonderen Orts Fußballstadion und die des (Profi-)Fußballs, um Jugendlichen politische Bildung zugänglich zu machen, „die politischer Bildung ansonsten vielleicht weniger aufgeschlossen gegenüberstehen“ (a.a.O.: 16). Der Fokus liegt dabei auf dem Thema Inklusion. Ziel des Projekts ist es, mit allen Projektstandorten gemeinsam ein Verständnis von inklusiver Arbeit zu entwickeln, Umsetzungsstrategien zu erarbeiten und sie in der Praxis zu erproben (a.a.O.: 16). Anja Besand, Tina Hölzel und David Jugel wählten daher einen prozess- und partizipationsorientierten Forschungszugang für die wissenschaftliche Begleitung. 
 

Forschungsdesign

Die Forscher_innen begleiteten Projekttage mit Schüler_innen an zwei (Berlin und Dresden) von insgesamt 19 Projektstandorten wissenschaftlich. Den anderen standen sie in den zwei Jahren nach Bedarf und auf Abruf beratend zur Seite (siehe a.a.O.: 26ff.).

Sie arbeiteten mit einem partizipativen Forschungsansatz, bei dem nicht über Menschen, sondern gemeinsam mit Menschen geforscht wird (siehe a.a.O: 32). Dadurch konnten beispielsweise die Situationsdeutungen der Projektmitarbeitenden in den Datenanalyseprozess eingebunden werden und auch die Entwicklungswünsche der Jugendlichen hinsichtlich der Angebote und Themen.

Es gab drei unterschiedliche Forschungsinteressen: 1. Welche Vorstellungen von Inklusion und politischer Bildung haben die Projektmitarbeitenden und wie entwickeln sich diese im Laufe der Begleitforschung? 2. Welche Bedürfnisse und Erwartungen haben die teilnehmenden Jugendlichen an eine inklusive und politikdidaktisch anspruchsvolle Weiterentwicklung der Angebote? 3. Wie tragen Formate, Methoden, Materialien und Inhalte der Lernangebote im Projekt zu inklusiven politischen Bildungsprozessen bei (siehe a.a.O: 26)?

Die Forscher_innen waren am Standort Berlin insgesamt 16 Tage, in Dresden 12 Tage vor Ort und nahmen als teilnehmende Beobachter_innen an den Projekttagen teil. Qualitative Daten wurden in Form von Videomitschnitten, Interviews, Beobachtungsprotokollen, offenen Fragebögen und Projektberichten erhoben (siehe a.a.O: 31; 35). Die erhobenen Daten wurden anschließend in Workshops gemeinsam mit den Projektmitarbeitenden reflektiert, um die Angebote zur inklusiven politischen Bildung weiterzuentwickeln (unter anderem Methoden, Themen, Materialien, Abläufe). Die Ergebnisse wurden dann im weiteren Verlauf des Projekts in der Praxis getestet und von den Forscher_innen vor Ort begleitet, um weitere Entwicklungspotenziale zu identifizieren.

Während der zweijährigen Begleitforschung konnten die Forscher_innen eine große empirische Datenmenge sammeln, die noch nicht vollständig ausgewertet werden konnte. Geplant sind daher mindestens zwei weitere wissenschaftliche Anschlussprojekte, um eine vertiefte Auswertung und weitere Forschungsperspektiven zu erhalten (siehe a.a.O: 36).
 

Befunde

Zu Beginn der wissenschaftlichen Begleitung war das Inklusionsverständnis an den meisten Standorten des Projekts eher eng. Inklusion bezog sich für die meisten Mitarbeitenden vor allem auf die Integration von Menschen mit Behinderungen. Dies änderte sich im Laufe der zwei Jahre. Die Mitarbeitenden handelten „ein gemeinsames, sehr weites Inklusionsverständnis“ (a.a.O.: 44) aus. Insbesondere an den beiden intensiv wissenschaftlich begleiteten Standorten hat „eine Übersetzung und Ausdifferenzierung der Vorstellungen über Inklusion für die praktische Umsetzung und die strukturellen Rahmenbedingungen stattgefunden“ (a.a.O.: 44).

Die Untersuchung hat ergeben, dass die Mitarbeitenden meist mit einem sehr offenen Politikverständnis arbeiten und entweder sehr unscharfe oder normativ relativ geschlossene Vorstellungen von politischer Bildung haben. Enge oder Weite der individuellen Konzepte politischer Bildung haben sich im Laufe des Untersuchungszeitraums wenig verändert (a.a.O.: 43f).

Bei den Jugendlichen wurde ein starkes Bedürfnis nach Harmonie und Sicherheit festgestellt, weshalb die Thematisierung bestimmter politischer Sachverhalte teilweise problematisch war, da damit Konflikte aufkamen oder befürchtet wurden. Ein Beispiel hierfür ist der Putschversuch in der Türkei im Juni 2016, der während einer Übung von den Mitarbeitenden thematisiert wurde. Insbesondere Jugendliche türkischer oder kurdischer Herkunft äußerten dahingehend im Nachhinein große Bedenken und Sorgen. Im privaten Kontext würden sie darüber sehr kontrovers diskutieren, in einer für sie öffentlichen Situation, wie die des Projekts, empfanden sie eine Positionierung jedoch als sozial gefährdend (siehe a.a.O.: 60).

Des Weiteren erwarteten viele Jugendliche, dass sie am Lernort Stadion Fußballspieler_innen treffen oder selbst Fußball spielen könnten, wobei diese Erwartungen nicht immer erfüllt werden konnten. Auch erwarteten die meisten, dass die schulische Routine unterbrochen würde. So gab es eine starke Ablehnung bei der Bearbeitung schriftlicher Texte oder gegenüber Spielen, die auf Wettbewerb und Leistung angelegt waren (siehe a.a.O.: 52).
 

Vier Prinzipien einer inklusiven politischen Bildung

Die Forscher_innen beschreiben als Ergebnis des Forschungsprozesses vier zentrale Prinzipien inklusiver politischer Bildung.
 

  1. Durch wertschätzenden Umgang miteinander sollte für gegenseitige Anerkennung und Vertrauen gesorgt werden, sodass ein angstfreier Raum entsteht. Das ausgeprägte Bedürfnis der Jugendlichen nach Harmonie und Sicherheit zeigte sich bei der Thematisierung politischer Fragen als Herausforderung. Wegen der unbekannten Umgebung des Stadions und der Befürchtung, Mitschüler_innen durch Aussagen über politische Sachverhalte zu verärgern oder zu verletzen, erwies es sich als hilfreich, insbesondere am Anfang einer Projektwoche, Themen wie Frieden oder Respekt zu bearbeiten, um Vertrauen und Bindung aufzubauen (siehe a.a.O: 88f.). 
     
  2. Die „Aneignung am gemeinsamen Gegenstand“ ist ein weiteres Prinzip inklusiver politischer Bildung. Damit ist gemeint, dass ein gemeinsames Ziel nur „durch eine intensive Zusammenarbeit und den Beitrag eines jeden Teilnehmenden“ (a.a.O.: 102) erreicht werden kann. Durch Teambuilding-Spiele konnte das grundlegende Dilemma aufgegriffen werden, in dem sich Inklusion vollzieht: Auf der einen Seite sollen individuelle Bedarfe berücksichtigt werden, auf der anderen Seite soll ein lernförderlicher Dialog untereinander zustande kommen (siehe a.a.O.: 19). Die Jugendlichen erlebten es als wertvolle Erfahrung, gemeinsam als Gruppe etwas geschafft zu haben (a.a.O: 55), gleichzeitig sollte sich jede Person individuell einbringen und damit einen wichtigen Beitrag für die gesamte Gruppe leisten können.
     
  3. Das Schaffen von Sinn und Bedeutung durch lebenswelt- und interessenorientierte Ausrichtung von Angeboten ist das dritte Prinzip inklusiver politischer Bildung. Dies zeigte sich beispielsweise dadurch, dass die Jugendlichen sehr motiviert waren, Interviews zu geben und „gehört zu werden“ (a.a.O.: 56). Allerdings war häufig zu beobachten, dass ein enger Lebensweltbezug immer auch mit einer hohen persönlichen und emotionalen Betroffenheit einhergeht. „Hier gilt es, bindungssensibel nach Themen zu suchen, die sowohl lebensnah und interessant als auch emotional positiv bzw. bindungsfördernd angelegt sind“ (a.a.O.: 103). 
     
  4. Das Ineinandergreifen der drei Prinzipien sollte zu einem wechselseitig aufeinander bezogenen Austausch (Kooperation) führen: Die Jugendlichen schaffen in der Gruppe in einer dialogischen Situation etwas Neues für jeden Einzelnen, was sie allein nicht erreicht hätten (a.a.O: 105). An den Reaktionen der einzelnen Jugendlichen und denen der Gruppe konnte beobachtet und in den Aussagen der Jugendlichen rekonstruiert werden, wenn solche kooperativen, inklusiven politischen Lernsituationen gelangen. In diesem Zusammenhang zeigten die Forscher_innen die Parallele zu Fußball und zum Lernort Stadion auf. Ein Fußballteam kann nur dann erfolgreich sein, wenn sich jede_r mit der eigenen Rolle und Verantwortung einbringt sowie gleichzeitig auf die anderen achtet und sich gemeinsam abstimmt (siehe a.a.O.: 102).


Schwierigkeiten

Die wissenschaftliche Begleitung zeigt, dass es den Mitarbeitenden mitunter schwerfiel, eine Verbindung zwischen eher fußballbezogenen oder sozialen Themen zu Fragen der politischen Bildung herzustellen. Dies wurde in zweierlei Hinsicht deutlich: Zum einen wurde teilweise nicht erkannt, wenn man sich bereits mitten in politischen Fragestellungen oder Diskussionen befand. Zum anderen kam es vor, dass ein abrupter Wechsel zu einer auf Institutionen bezogenen politischen Bildung vollzogen wurde, was die Jugendlichen irritierte und verunsicherte. Die Forscher_innen halten fest, dass es daher umso wichtiger ist, dass die Mitarbeitenden eine eigene gefestigte Vorstellung von politischer Bildung haben und Basisbegriffe oder -konzepte der politischen Bildung kennen (siehe a.a.O: 129f.).

Des Weiteren waren nicht alle Jugendlichen positiv auf die Themen Fußball oder Sport im Allgemeinen zu sprechen und ließen diesbezüglich mitunter eine starke Abneigung oder sogar Angst erkennen (siehe a.a.O.: 52). Auch zeigte sich beim Thema Fußball, „dass ein gendersensibler Umgang nicht immer konsequent gelingt und dass für eine inklusive Weiterentwicklung tendenziell mehr Raum benötigt wird“ (a.a.O.: 123).

Die Autor_innen merken an, dass im Projekt aufgrund von Teilzeit- und Honorarverträgen oftmals keine personelle Kontinuität gegeben ist. Solche strukturellen Bedingungen, die für Projektarbeit nicht untypisch sind, erschweren „eine Kontinuität und Nachhaltigkeit des gesamten inklusiven Transformationsprozesses“ (a.a.O.: 123). 
 

Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung

Im Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts „Lernort Stadion“ wurden der Forschungsprozess und die Forschungsergebnisse für möglichst viele verschiedene Leser_innen verständlich und zugänglich aufbereitet. Die partizipative Forschung ermöglichte sowohl die Einbindung der Perspektiven des pädagogischen Personals als auch der Zielgruppe des Projekts. Damit wurde nicht nur über inklusive politische Bildung geforscht, sondern der Forschungsprozess selbst war auf Inklusion aller Beteiligten ausgerichtet. Insbesondere die Untersuchung der Methoden, Inhalte und Materialien hinsichtlich ihrer Wirksamkeit für eine inklusive politische Bildung liefern anschauliche Einblicke in die Praxis politischer Bildung und regen gleichzeitig zu ihrer Reflexion und Weiterentwicklung an.

 

Download der Studie [ PDF | 40 MB ]

 

Zum Weiterlesen

  • Interview mit Anja Besand, Tina Hölzel und David Jugel zur wissenschaftlichen Begleitung von Lernort Stadion mehr lesen
  • Vorstellung des Projekt in der Rubrik Praxisbeispiele. mehr lesen