Am 18. September 2026 hat die Fachstelle politische Bildung – Wissens-Hub ein digitales Fachforum zur Wirkungsforschung ausgerichtet. Zwölf Fachleute aus Wissenschaft, Bildungspraxis, Fachverbänden und Förderstrukturen diskutierten vier Stunden lang, was über die Wirkungen nonformaler politischer Bildung empirisch bekannt ist. Zur Diskussion stand ein erster Entwurf eines geplanten Working Papers, der die empirischen Erkenntnisse zu Wirkungen in einer Übersicht zusammenführt und zu einem Modell verdichtet, das zeigt, unter welchen Bedingungen Wirkungen durch politische Bildungspraxis zustande kommen.
Warum das Thema
Aktuell sind Träger politischer Bildung zunehmend mit der Anforderung konfrontiert, die Wirkungen ihrer Bildungspraxis nachzuweisen. Unter dem Stichwort einer „wirkungsorientierten Bildungsarbeit“ soll schon in der Antragstellung angegeben werden, welche Wirkungen erwartet werden. Die Fachstelle politische Bildung erreichen diesbezüglich Fragen, weil unklar erscheint, was eine Wirkungsorientierung ausmacht und wie Wirkungen der politischen Bildungspraxis nachgewiesen werden könnten.
Neu ist die Debatte um Wirkungsnachweise nicht. Allerdings wurden entsprechende Anforderungen in der Vergangenheit im Feld der nonformalen politischen Bildung meist als nicht sachgerecht und praxisfern zurückgewiesen. Die Fachstelle geht das Thema deshalb von der anderen Seite an, nämlich mit der Frage, welches Eigeninteresse politische Bildung daran hat, sich mit Wirkungen zu befassen, etwa für die eigene Qualitätsentwicklung. Dazu wurde von der Fachstelle politische Bildung – Wissens-Hub 2025 zunächst gesichtet, was die Forschung über die Praxis weiß. Mit dem aktuellen Arbeitsschwerpunkt fragt sie danach, welche Wirkungen empirisch belegt sind.
Was wirkt wie und warum?
Zu den Wirkungen nonformaler politischer Bildung gibt es einzelne, teils sehr sorgfältige Studien. Was fehlt, ist ihre Zusammenführung, denn sie sind kaum aufeinander bezogen und benennen Ähnliches unterschiedlich. Genau hier setzt der Entwurf an, der im Fachforum vorgestellt wurde. Als ein Ergebnis der Auswertung von vier umfangreichen qualitativen Studien wurde von der Fachstelle ein Modell vorgelegt, das die verstreuten Befunde ordnet und ihre Zusammenhänge sichtbar macht.
Das Modell beschreibt Wirkungen nicht als etwas, das ein Angebot linear auslöst, sondern als Ergebnis einer Kette von Bedingungen. Am Anfang steht die Frage, wer teilnimmt bzw. was eine Teilnahme wahrscheinlich macht. Dann folgt, was in der Veranstaltung selbst geschieht, wo die Gestaltung des Angebots auf das trifft, was Teilnehmende an Erfahrungen, Erwartungen und Vorwissen mitbringen. Erst wenn dort vertraute Überzeugungen irritiert werden oder Menschen ihre eigene Position zu anderen ins Verhältnis setzen, können Wirkungen entstehen. Auf allen Stufen kommen Bedingungen hinzu, die außerhalb der Reichweite der Anbietenden liegen.
Die Spannweite der in den Studien festgestellten Wirkungen ist groß. Sie reicht von Wissen und dem Verstehen politischer Zusammenhänge über Urteilsfähigkeit und politisches Interesse bis zu einem veränderten Verhältnis zum Lernen oder gesteigertem Selbstvertrauen. Sichtbar werden manche davon erst, wenn Menschen Gelegenheit haben, das Erworbene anzuwenden, etwa in einem Verein, einem Betriebsrat oder im eigenen Umfeld. Die ausgewerteten Studien betrachten Präsenzveranstaltungen, sie berichten von Menschen, bei denen etwas angekommen ist, und sie fragen rückblickend nach Erinnerungen. Der Modellentwurf ist ausdrücklich vorläufig. Weitere Studien sollen aufgenommen werden.
Die Diskussion
Von den Teilnehmenden des Fachforums wurde der Entwurf Schritt für Schritt geprüft, ergänzt und kritisch kommentiert. Vier thematische Stränge prägten das Gespräch.
- Zur Reichweite der Befunde wurde angeregt, auch negative und nicht beabsichtigte Wirkungen in den Blick zu nehmen. Die ausgewerteten Studien fokussieren überwiegend Menschen, die nach einer Maßnahme dem Feld verbunden geblieben sind; andere Erfahrungen kommen darin kaum vor. Von Vertreter*innen der Forschung kam der Hinweis, dass internationale Untersuchungen, die nicht allein auf Selbstauskunft beruhen, eine geringere Wirksamkeit von Angeboten feststellen.
- Es wurde diskutiert, wie sich Wirkungen überhaupt erheben lassen. Wer direkt danach fragt, was eine Maßnahme bewirkt hat, legt eine positive Antwort nahe. Offene, erzählende Zugänge bringen dafür auch Kritisches zutage. Ebenso wurde davor gewarnt, von Teilnehmenden zu erwarten, dass sie ihre eigenen Lernprozesse in Fachbegriffen beschreiben.
- Am längsten beschäftigte die Runde die Frage, wie genau sich Wirkungserwartungen im Voraus festlegen lassen, ohne dass gerade das verloren geht, was politische Bildung wirksam macht, nämlich Freiwilligkeit, Mitgestaltung und Ergebnisoffenheit. Vorgeschlagen wurde unter anderem, die Erwartung nicht auf die Wirkungen zu richten, sondern auf die Gestaltung des Angebots. Träger würden dann nicht zusagen, was sich bei den Teilnehmenden verändert, sondern darlegen, wie sie ihr Angebot anlegen, damit bestimmte Wirkungen möglich werden. Dafür können sie einstehen, für das Ergebnis bei einzelnen Menschen nicht. Dem steht die Förderlogik gegenüber, die einen Abgleich von gesetzten Zielen und erreichten Ergebnissen verlangt. Annäherung zeichnete sich darin ab, dass ein Vorhaben mehr anstreben darf, als sich am Ende erheben lässt. Eine Evaluation würde sich dann auf den Teil beschränken, der sich tatsächlich erfassen lässt, während das größere Anliegen davon unberührt bleibt. Auch das ließe sich in einem Antrag offen benennen.
- Beim Thema Zugänge bestand Einigkeit, dass Menschen ohne Bezug zur politischen Bildung vor allem aufsuchend erreicht werden und dass persönliche Empfehlungen und Kooperationen dabei entscheidend sind. Bekannt ist das im Feld seit Langem, es scheitert an Zeit und Personal. Der Ertrag einer wissenschaftlichen Bestätigung liegt deshalb vor allem darin, gegenüber Fördernden besser argumentieren zu können.
Wie es weitergeht
In der Abschlussrunde wurde der vorgelegte Entwurf des Wirkmodells als hilfreich bewertet, weil er sichtbar macht, wie voraussetzungsvoll Wirksamkeit ist und welche Faktoren nicht in der Hand der Anbietenden liegen. Das entlastet und fordert zugleich, denn damit steigen die Ansprüche an eine Begründung der Gestaltung von Angeboten. Mehrfach wurde der Wunsch formuliert, das Modell in eine anschaulichere Form zu bringen, einerseits als Darstellung, die seine Herleitung erklärt, andererseits als praktische Fassung, die bei der Planung von Angeboten und beim Deuten von Evaluationsergebnissen hilft.
Die Ergebnisse fließen in das nächste Working Paper des Wissens-Hubs ein, in dem das Modell ausführlich beschrieben wird.
Veröffentlicht am 26.10.2026
Screenshot v.l.n.r.: Dirk Posenau, Julia Schreier, Dr.in Helle Becker, Marcel Hansek (alle Fachstelle politische Bildung – Wissens-Hub / Transfer für Bildung e.V., Ina Bielenberg (Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) e.V., Prof.in Dr.in Claudia Bergmüller-Hauptmann (PH Weingarten), Anne Seibring, Dr.in Antje Gansewig (beide Bundeszentrale für politische Bildung/bpb), Dr.in Elizaveta Firsova-Eckert (Universität Hannover), Dr.in Anne Jordan (Evangelische Trägergruppe), Dr.in Luisa Schmidt (ehemalig bei Das NETTZ), Andrea Rühmann (Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke (AKSB) in der Bundesrepublik Deutschland).
Zum Weiterlesen
- Working Paper 4 der Fachstelle politische Bildung zur Grundlagenforschung in der politischen Bildung, in einer Lang- und einer Kurzfassung mehr lesen
- Analysepapier „Gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation in der Demokratieförderung und nonformaler politischer Bildung", ebenfalls in Lang- und Kurzfassung mehr lesen
- Monitor „Empirische Grundlagenforschung zur Praxis nonformaler politischer Bildung" mehr lesen
- Laufend aktualisierte Literaturlisten zu Grundlagenforschung, Wirkungsforschung und Evaluation mehr lesen