Am 17. Dezember 2025 fand die erste Veranstaltung zur Präsentation von Ergebnissen aus Abschlussarbeiten „Einblicke in aktuelle Abschlussarbeiten zur nonformalen politischen Bildung" statt. Die Präsentation vor Expert*innen der politischen Bildung ist Teil des Unterstützungsangebots der Fachstelle politische Bildung - Wissens-Hub, mit dem empirische Forschung zu diesem Themenfeld gefördert und sichtbar gemacht wird. Vier Absolvent*innen stellten ihre Bachelor- und Masterarbeiten vor rund 40 Teilnehmenden aus Wissenschaft und Praxis vor. Die Veranstaltung bot sowohl den Nachwuchsforschenden eine Plattform zur Präsentation ihrer Ergebnisse als auch Fachkräften aus Wissenschaft und Praxis die Möglichkeit, sich über aktuelle empirische Erkenntnisse auszutauschen. Die große Resonanz auf das Angebot zeigt: Das Interesse an empirischer Forschung zur nonformalen politischen Bildung ist groß!
Dr.in Helle Becker eröffnete die Veranstaltung mit einer herzlichen Begrüßung aller Teilnehmer*innen. Besonders dankte sie den vier Absolvent*innen für ihren Mut und ihr Engagement, ihre Arbeiten in diesem Rahmen vor Fachpublikum zu präsentieren. In ihrer Einführung stellte sie das Unterstützungsprogramm für Abschlussarbeiten zur nonformalen politischen Bildung sowie die Arbeit der Fachstelle vor.
Anschließend präsentierten die vier Absolvent*innen in der 2,5-stündigen Veranstaltung ihre Bachelor- und Masterarbeiten zu ganz unterschiedlichen Themen – von digitalen Bildungsformaten über Kooperationen zwischen außerschulischer Bildung und Schule bis hin zu Motivationsfaktoren von Fachkräften.
Im Anschluss an jeden Vortrag nutzten die Teilnehmenden die Diskussionsrunden intensiv, um Fragen zu stellen, Anmerkungen zu teilen und die Erkenntnisse zu diskutieren. Die lebhaften Gespräche machten deutlich, wie groß das Interesse sowohl von Seiten der Wissenschaft als auch der Praxis an den präsentierten Forschungsergebnissen ist. Das Engagement der jungen Forschenden für das Feld der politischen Bildung wurde in den Rückmeldungen vielfach gewürdigt und wertgeschätzt.
Die vorgestellten Arbeiten im Überblick
Jan Niklas Kellermann untersuchte in seiner Bachelorarbeit „Das Prinzip Freiwilligkeit in der außerschulischen politischen Kinder- und Jugendbildung und in Kooperation mit Schule“. Das Spannungsfeld ist bekannt: Einerseits bieten Schulkooperationen die Chance, bestimmte Zielgruppen zu erreichen, andererseits droht durch die Einbindung in Schulregeln der Verlust eigener fachlicher Standards. Mittels leitfadengestützter Gruppeninterviews an vier Standorten zeigte Kellermann, dass sich die meisten Kooperationen auf lose, arbeitsteilige Formen beschränken und oft in Dienstleistungsverhältnisse münden. Das Prinzip der Freiwilligkeit – ein Kernmerkmal außerschulischer Bildung – wird dabei häufig nicht eingelöst oder umgedeutet. Besonders bemerkenswert: An manchen Standorten wird Freiwilligkeit sogar als Bildungshindernis interpretiert. Die Arbeit plädiert für professionsübergreifende Austauschforen und eine verbindliche Klärung von Freiwilligkeit für Teilnehmende.
Mit einer anderen Perspektive befasste sich Johanna Herwix: „Was beeinflusst die Motivation von Jugendarbeiter*innen für politische Jugendbildung? Eine Annäherung mithilfe der Selbstbestimmungstheorie nach Ryan und Deci“. Da Fachkräfte weitgehend autonom entscheiden, welche Schwerpunkte sie setzen, hängt die Schaffung von Gelegenheiten für politische Bildung vor Ort stark von ihrer individuellen Motivation ab. Herwix führte sieben Interviews und analysierte diese auf Basis der Selbstbestimmungstheorie nach Ryan und Deci. Ihre Ergebnisse zeigen: Die drei Grundbedürfnisse nach Kompetenzerleben, Autonomie und sozialer Eingebundenheit spielen vonseiten der Jugendarbeiter*innen eine zentrale Rolle dabei, politische Bildung in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Vor allem die Sorge, Jugendliche könnten Angebote ablehnen, hemmt das Engagement für politische Bildung. Die Studie empfiehlt selbstbestimmte Fortbildungsformate für Fachkräfte, die Schaffung unterstützender Rahmenbedingungen im Team und in der Einrichtung und die Stärkung professioneller Ansprüche an politische Bildung im Arbeitsalltag.
Tom Kemmner widmete sich in seiner Praxisforschung „Anforderungen politischer Bildung in der Jugendarbeit und Jugendbildung begegnen. Eine Praxisforschung im Stadtjugendring Leipzig e. V.“ den Anforderungen politischer Bildung am Beispiel des Stadtjugendrings Leipzig e.V., konkret der politischen Bildung zu Wahlen zwischen dem sächsischen Superwahljahr 2024 und der vorgezogenen Bundestagswahl 2025. Seine Befragung von Fachkräften aus unterschiedlichsten Bereichen – von Jugendverbänden über offene Jugendarbeit bis zur Schulsozialarbeit – zeigt: Politische Handlungs- und Urteilsfähigkeit werden als zentrale Ziele angesehen, lebensweltliche Bezüge als besonders wichtig eingeschätzt. Das „Integrationsmodell politische Bildung in der Jugendarbeit“ nach Becker erwies sich als praxisrelevant, wobei anlassbezogene politische Bildung den häufigsten Zugang darstellt und Gespräche das zentrale Medium sind. Herausforderungen sehen die Befragten vor allem im Einfluss familiärer Sozialisation, der heterogenen Aufnahmefähigkeit junger Menschen und mangelnden Ressourcen für nachhaltige Partizipationsstrukturen.
Einen aktuellen und brisanten Themenkomplex griff Raphael Stroman auf: „Das Potenzial informeller historisch-politischer Bildung auf TikTok in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus“. TikTok spielt eine Doppelrolle – einerseits als zentrales Medium für Informationsaneignung junger Menschen, zugleich als Verbreitungsfeld antisemitischer Inhalte. Stroman analysierte die zehn meistgesehenen Videos der Content Creatorin Susanne Siegert (@keine.erinnerungskultur) und kam zu einem differenzierten Ergebnis: Holocaust Education auf TikTok kann grundsätzlich zur antisemitismuskritischen Bildung beitragen, insbesondere durch lebensweltliche Ansätze und Multiperspektivität. Allerdings werden bestimmte Anforderungen wie Inklusivität nur marginal erfüllt. Sein zentrales Ergebnis: TikTok sollte trotz berechtigter Kritik von der politischen Bildung genutzt werden. Aber nur eingebettet in formale und nonformale Bildungskontexte kann ein ganzheitlicher Beitrag zur Antisemitismusprävention gelingen.
Die Veranstaltung hat gezeigt, wie wichtig empirische Forschung zur nonformalen politischen Bildung ist und dass mehr davon benötigt wird. Genau hier setzt das Unterstützungsprogramm der Fachstelle politische Bildung - Wissens-Hub an: Indem Forschung sichtbar gemacht wird, entstehen Impulse für die Praxis und im besten Fall auch Motivation für weitere Studierende, sich diesem Forschungsfeld zu widmen.
Die Resonanz bestärkt die Fachstelle darin, das Veranstaltungsformat im kommenden Jahr fortzusetzen. Der Austausch über empirische Forschungsergebnisse ermöglicht es beiden Seiten, voneinander zu profitieren: Die Wissenschaft erhält Impulse, die Praxis gewinnt Erkenntnisse für ihre Arbeit.
Veröffentlicht am 06.01.2026