Bericht zum Fachforum „Daten zu Praxis nonformaler politischer Bildung. Erhebung. Nutzung. Potenziale“

Am 4. Dezember 2025 lud die Fachstelle politische Bildung – Wissens-Hub Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis zu einem Fachforum nach Berlin ein. Im Fokus stand die Frage, wie quantitative Daten zur nonformalen politischen Bildung erhoben, genutzt und für die Weiterentwicklung des Feldes fruchtbar gemacht werden können. 16 Teilnehmende diskutierten drei Stunden lang über Potenziale und Herausforderungen von Strukturstatistiken, trägereigenen Datenerhebungen und Bildungsberichterstattung.

Das Forum bildete die zweite Veranstaltung dieser Art im laufenden Projekt – nach dem Fachforum zur empirischen Grundlagenforschung im September 2025. In der Verbindung von wissenschaftlichen Impulsen mit praxisnaher Diskussion konnten sowohl Fortschritte als auch offene Fragen in der systematischen Erfassung nonformaler politischer Bildung aufgezeigt werden.

 

Hintergrund: Warum Daten zur politischen Bildung?

Die nonformale politische Bildung zeichnet sich durch große Vielfalt an Trägern aus, beispielsweise Bildungsstätten und Akademien, Volkshochschulen, Bildungswerke und andere Organisationen, aber auch Jugendverbände, Träger der Kinder- und Jugendarbeit und Einrichtungen der kulturellen Bildung arbeiten mit unterschiedlichen Konzepten, Formaten und Zielgruppen. Diese Vielfalt von Trägern und Angeboten ist einerseits eine Stärke , erschwert jedoch andererseits eine systematische Erfassung und Dokumentation.
Gleichzeitig wachsen die Anforderungen: Träger benötigen Daten für Qualitätsentwicklung und Legitimation, die Wissenschaft braucht empirische Grundlagen für Forschung, Fördermittelgeber erwarten Nachweise über Reichweite und Wirksamkeit. Doch wie kann ein so heterogenes Feld angemessen erfasst werden, ab wann kann von einer Grundgesamtheit gesprochen werden, über die aussagekräftige, ggf. verallgemeinerbare Aussagen getroffen werden kann? Welche Daten sind notwendig, welche wenig belastbar? Und vor allem: Wie können erhobene Daten tatsächlich genutzt werden – für Praxis, Forschung und Förderpolitik? Diese Fragen standen im Zentrum des Fachforums.

 

Der Pilotmonitor politische Bildung: Diskussion zwischen Anerkennung und kritischer Reflexion

Den Auftakt des Fachforums bildete ein Input von Prof.in Dr.in Monika Oberle (Goethe-Universität Frankfurt am Main) zum Pilotmonitor politische Bildung. Dieses dreijährige Forschungsprojekt hat systematisch versucht, das Feld der politischen Bildung bereichsübergreifend zu erfassen – neben Schule, Hochschule und Lehrkräftebildung wurde auch die außerschulische politische Bildung untersucht. Der Monitor kombiniert verschiedene Datenquellen: Dokumentenanalysen, eine standardisierte Trägerbefragung und Items in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung. Diese methodische Triangulation soll es ermöglichen, verschiedene Perspektiven auf das Feld zu gewinnen und Ergebnisse gegenseitig zu validieren. Oberle betonte, dass der Monitor bewusst als „lernendes System" konzipiert sei, das kontinuierlich weiterentwickelt werden müsse. Sie konzentrierte sich in ihrer Vorstellung auf den Bereich der außerschulischen politischen Bildung.

Der Monitor untersucht auf Basis von zwölf Indikatoren zentrale Aspekte der außerschulischen politischen Bildung. Dazu zählen unter anderem öffentliche Förderstrukturen auf Bundes- und Landesebene, regionale Verteilung von Bildungsräumen und Trägern, Bildungspersonal, Umfang und Formate von Veranstaltungen sowie Zielgruppen und Teilnehmende. Zur Erfassung dieses heterogenen Feldes konzentrierte sich die Analyse auf zentrale Akteure, die politische Bildung als ihre Kernaufgabe verstehen oder gesetzlich damit beauftragt sind – darunter Bundeszentrale und Landeszentralen für politische Bildung, Volkshochschulen, politische Stiftungen, konfessionelle und gewerkschaftsnahe Träger sowie Jugendringe. Der Monitor versteht sich als Ausgangspunkt für eine evidenzbasierte Bildungsberichterstattung und betont den Bedarf nach weiterführenden systematischen Datenerhebungen.

Die anschließende Diskussion würdigte die Pionierarbeit des Projekts und zeigte gleichzeitig ein differenziertes Bild von Potenzialen und Herausforderungen. Mehrere kritische Reflexionsebenen kristallisierten sich heraus, die zum Teil über methodische Detailfragen hinauswiesen und grundsätzlichere Fragen der Felderfassung berührten.
Ein zentrales Thema war die Frage der Sampleauswahl und Feldbegrenzung. Die pragmatische Fokussierung auf „Kernakteure" – insbesondere von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderte Träger und Mitglieder des Bundesausschusses politische Bildung – wurde einerseits hinsichtlich der beschränkten Ressourcen des Projekts akzeptiert. Mehrere Teilnehmende wiesen jedoch darauf hin, dass diese Lösung die Gefahr berge, bestehende Sichtbarkeiten bzw. Unsichtbarkeiten zu perpetuieren. Bestimmte Arbeitsfelder wie die Kinder- und Jugendarbeit oder kleinere wenig organisierte oder neuere Akteure sowie migrantische Selbstorganisationen oder Initiativen aus der Sozialen Arbeit seien dadurch systematisch unterrepräsentiert. Die Frage „Wie kriegen wir die anderen rein?" wurde dabei nicht nur als technisches, sondern auch als normatives Problem verstanden: Wer hat Definitionsmacht über Feldzugehörigkeit?

Besonders eindringlich wurde argumentiert, dass die Sampleauswahl fundamental die Aussagekraft der Ergebnisse beeinträchtige: Man bekomme vorbestimmte Antworten, wenn man nur bestimmte Akteure befrage. Das Selbstverständnis als „Kernakteur“ zur Grundlage zu machen, erzeuge Reichweitenprobleme. Gerade diejenigen, die alternative, zum Teil hochspezialisierte oder zielgruppenspezifischen Ansätze verfolgen,, blieben unsichtbar. Die erhobenen Daten bildeten dann vor allem die Logiken der etablierten, geförderten Strukturen und Formate ab – nicht jedoch die Vielfalt und Innovationskraft des gesamten Feldes. Die Frage, ob alle Träger gleichermaßen alle Zielgruppen erreichen müssten, oder ob Spezialisierung und Heterogenität gerade die Stärke des Feldes ausmachten, wurde intensiv diskutiert. Es wurde betont: „Diese Querschnittsidee sozusagen, die steht und fällt mit der Frage, ob man eben genau solche sehr verstreuten, sehr spezialisierten Träger mit erfasst oder nicht."

Ein weiterer kritischer Diskussionspunkt betraf die Vergleichbarkeit und mögliche Rankings. Aus der Runde wurde die Sorge geäußert, dass Daten aus sehr unterschiedlichen Kontexten miteinander verglichen würden, obwohl sie nicht vergleichbar seien. Wenn solche Kontextunterschiede nicht berücksichtigt würden, drohten unangemessene Vergleiche oder gar Rankings, die der Komplexität des Feldes nicht gerecht würden. Die Gefahr wurde benannt, dass Monitoring-Daten von politischen Entscheidungsträgern und anderen außenstehenden Akteuren für Bewertungen genutzt werden könnten, die fachlich nicht angemessen seien.

Trotz dieser kritischen Reflexionen wurde der Pilotmonitor als wichtiger Meilenstein gewürdigt. Die partizipative Entwicklung des Erhebungsinstruments in intensiven Dialogen mit Trägern fand Anerkennung. Mehrere Teilnehmende betonten, dass gerade diese Einbindung des Feldes als Vorbild für zukünftige Datenerhebungen dienen könne. Die Bereitschaft des Projektteams, Kritik aufzunehmen und den Monitor als „lernendes System" weiterzuentwickeln, wurde positiv hervorgehoben.

 

Trägereigene Datenerhebung: Zwischen Dokumentationspflicht und Erkenntnisgewinn

Der zweite thematische Block widmete sich den Daten, die Träger selbst erheben. Dr.in Helle Becker (Transfer für Bildung e.V.) skizzierte die Ausgangslage. Träger und Einrichtungen generieren fortlaufend große Mengen an Daten – für Bildungsstatistiken, Qualitätssicherung, Sachberichte gegenüber Fördermittelgebern oder interne Steuerung. Diese Dokumentation ist aufwendig und bindet erhebliche Ressourcen. Das zentrale Problem sei jedoch, dass viele dieser Daten nach ihrer Erhebung kaum genutzt würden – weder für die Weiterentwicklung der eigenen Bildungsarbeit, noch für wissenschaftliche Analysen, noch für eine evidenzbasierte Programmsteuerung durch Fördergeber. Hinzu käme, dass Träger mit sehr unterschiedlichen Erhebungsinstrumenten arbeiten, unterschiedliche Datenarten erfassen und verschiedene Kategorien nutzen. Dies führt zu Redundanzen, fehlender Vergleichbarkeit und Frustration.

Die anschließende Diskussion bestätigte diese Problembeschreibung. Aus unterschiedlichen Perspektiven wurde die Dokumentationsbelastung als reales Problem anerkannt. Besonders kritisch wurde die fehlende Koordination zwischen verschiedenen Fördermittelgebern gesehen. Verschiedene Förderer verlangten unterschiedliche Daten in unterschiedlichen Formaten, ohne sich untereinander abzustimmen. Träger müssten mehrfach dokumentieren, ohne dass erkennbar werde, welchen Nutzen diese Daten hätten oder ob sie überhaupt ausgewertet würden. Mehrfach wurde betont, dass die Dokumentation primär der Rechenschaftslegung gegenüber Fördermittelgebern diene, weniger der internen Qualitätsentwicklung der Träger selbst – obwohl dies wünschenswert sei.

In der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass das Problem weniger in der Dokumentation an sich liege, sondern vor allem in ihrer mangelnden Nutzung. Daten würden „nach oben" gemeldet, aber es gebe keinen Rückfluss an die Träger. Niemand wisse, was mit den Daten geschehe, ob sie ausgewertet würden, welche Erkenntnisse daraus gezogen würden. Dieses „Versanden" von Daten frustriere Träger und wurde als ineffizient mit Blick auf die damit verbundenen Ressourcen beklagt. Mehrere Teilnehmende fragten kritisch, ob Fördermittelgeber und Politik eigentlich wirklich an evidenzbasierter Steuerung interessiert seien, oder ob politische Entscheidungen nicht doch anderen Logiken folgten.
Besonders kontrovers wurde die Frage diskutiert, wessen Interessen durch die Datenerhebungen eigentlich bedient werden. Aus der Runde wurde deutlich artikuliert, dass verschiedene Akteure sehr unterschiedliche Erkenntnisinteressen haben. Während Fördermittelgeber primär an Reichweite und Legitimation interessiert seien, benötigten Träger vor allem Daten zur Qualitätsentwicklung und Strukturverbesserung. Eine Teilnehmerin formulierte dies pointiert: Die Fragen von Politik und Trägern lägen „auf völlig anderen Ebenen", und es sei unklar, wie diese zusammengebracht werden könnten.

 

Fazit: Viele offene Fragen, aber auch Ansätze für Verbesserungen

Das Fachforum hat gezeigt: Es gibt einen Konsens über die grundsätzliche Notwendigkeit systematischer Datenerhebung und empirischer Bestandsaufnahmen zur politischen Bildung, sei es in Form von Monitorings oder im Kontext von Rechenschaftspflichten und Selbstevaluationen.

Die Interessendivergenz zwischen verschiedenen Akteuren bleibt eine zentrale Herausforderung. Politik will Reichweite und Legitimation, Träger wollen Qualitätsentwicklung und Strukturverbesserung, Wissenschaft will empirische Fundierung. Wie Monitoring-Systeme gestaltet werden können, die verschiedene Interessenlagen produktiv verbinden, bleibt bis dato ungeklärt und zeigt einen großen Bedarf an tiefergehendem Austausch und Dialog. Die Spannung zwischen Legitimationsfunktion und Lernfunktion durchzieht alle Diskussionen über Datenerhebung.

Trotz aller offenen Fragen: Das Fachforum hat gezeigt, dass die Bereitschaft zur Kooperation und ein großes Interesse an Austausch existiert. Die Fachstelle politische Bildung – Wissens-Hub wird diese Diskussion weiter aktiv begleiten.

 

Veröffentlicht am 16. Dezember 2025

 

Zum Weiterlesen

  • Datenbankeintrag: Abs, Hermann Josef / Entgartner, Tim / Hedtke, Reinhold / Oberle, Monika / Heijens, Marie / Hellmich, Simon Niklas / Hulkovych, Valeriia / Huschle, Lucy / Wasenitz, Stella (Hrsg.): Pilotmonitor politische Bildung. Indikatoren zur datengestützten Berichterstattung, Kapitel 6 (Außerschulische politische Bildung), S. 382-528. Bonn mehr lesen
  • Datenbankeintrag: Abs, Hermann Josef / Entgartner, Tim / Hedtke, Reinhold / Oberle, Monika / Heijens, Marie / Hellmich, Simon Niklas / Hulkovych, Valeriia / Huschle, Lucy / Wasenitz, Stella (Hrsg.) (2025): Pilotmonitor politische Bildung. Indikatoren zur datengestützten Berichterstattung, Kapitel 1: Grundlagen, Kapitel 2: Methodologie, S. 24-67. Bonn mehr lesen
  • Dr. Helle Becker (2021): Berichtswesen und Gütesiegel in der Politischen Erwachsenenbildung. Expertise für die Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (AKSB e.V.) im Rahmen des Projekts „Mehrwert Verantwortung – Politische Erwachsenenbildung in neuen Formaten“ mehr lesen
  • Monitor: Empirische Grundlagenforschung zur Praxis nonformaler politischer Bildung. Bestandsaufnahme und Analyse von Forschungssituation und Fachdebatte mehr lesen
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