„Sagt nicht sowas!“ Lernen im homogenisiert-fragmentierten Raum der Nation. Eine qualitative Untersuchung bei aktiven Schüler/innen gegen Rassismus und Rechtsextremismus
Bibliografische Angaben
Guthmann, Thomas (2014): „Sagt nicht sowas!“ Lernen im homogenisiert-fragmentierten Raum der Nation. Eine qualitative Untersuchung bei aktiven Schüler/innen gegen Rassismus und Rechtsextremismus, Immenhausen bei Kassel.
Lernen zu Rassismus und Rechtsextremismus als aktiver Prozess im Engagement von JugendlichenLernen zu Rassismus und Rechtsextremismus als aktiver Prozess im Engagement von JugendlichenLernen zu Rassismus und Rechtsextremismus als aktiver Prozess im Engagement von Jugendlichen
In seiner Studie betrachtet Thomas Guthmann die Lernprozesse politisch aktiver Schüler_innen zu Rechtsextremismus und Rassismus in den Jahren 2008 bis 2010. „Es geht damit in dieser Arbeit nicht um das individuelle Lernen oder die individuelle (politische) Einstellung der Schüler/innen, sondern darum, anhand qualitativer empirischer Daten das Lernen im Kontext der Nation zu Rassismus und Rechtsextremismus zu skizzieren.“ (Guthmann 2014, S. 9). Der Autor will mit seinem Untersuchungsansatz die Möglichkeit bieten, bestehende Konzepte der politischen Bildung zu überprüfen, insbesondere im Hinblick auf Aktivitäten, die nicht der reinen Prävention dienen.
Bei der Analyse der Lernprozesse der Jugendlichen standen ihre Aktivitäten gegen Rechtsextremismus und Rassismus im Vordergrund. Lernen, so die These Guthmanns, wird in diesem Kontext durch Aktivität und Beteiligung initiiert. Es wurden je eine Gruppendiskussion mit sieben Gruppen von Schüler_innen durchgeführt, die sich an ihren Schulen gegen Rassismus und Rechtsextremismus engagierten. Vier Gruppen waren im Rahmen des Projekts „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ aktiv. Eine Gruppe agierte projektunabhängig und zwei Gruppen wurden für die Interviews konstruiert, sie waren ohne eine Gruppenzugehörigkeit an ihrer Schule aktiv. Es wurden jedoch nur die Gruppendiskussionen mit den fünf schon existierenden Gruppen ausgewertet.
Unterschiedliche Impulse führen zu Aktionen gegen Rechtsextremismus und Rassismus
In der Regel fand das Engagement der untersuchten Zielgruppe außerhalb des Unterrichts statt. „Die Schüler/innen engagieren sich dort aus freien Stücken, weil sie durch einen Impuls dazu gekommen sind, gegen Rassismus und Rechtsextremismus aktiv zu werden.“ (a.a.O., S. 138). Verschiedene Impulse beeinflussten das Engagement der Jugendlichen. Hierzu gehörten Anregungen von Eltern oder eigene Schlüsselerlebnisse im schulischen Kontext (kognitive Erkenntnis und persönliche Betroffenheit). Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass der Impuls in eine Aktion der Schüler_innen mündete. Sie waren motiviert durch den Wunsch etwas zu verändern.
Lernen ist an Aktivitäten in Gruppen gebunden
Laut Guthmann führt dieser individuelle Impuls zur Gruppenbildung und zur Aktivität innerhalb der Gruppe. „Die Gruppe ist entscheidend für das Lernen, da sie die Basis für die Bearbeitung der Dissonanz ist, der Unzufriedenheit mit rassistischen oder rechtsextremistischen Umtrieben an der eigenen Schule.“ (a.a.O. , S. 139). Erkenntnisinteresse und Wissen werden in der Gruppe generiert, hier findet das Lernen der Jugendlichen statt. Die Ergebnisse der Interviews zeigten, dass die Gruppe für die Schüler_innen zudem identitätsstiftend wirkt. Die Mitgliedschaft in den Gruppen ist jeweils an die Aktivitäten gegen Rassismus und Rechtsextremismus gebunden. Ziel der Jugendlichen war es, Andere zu überzeugen und an ihren Schulen Aufklärungsarbeit leisten. Sie appellierten in ihren Aktionen an ihre Umwelt und Mitschüler_innen, sich an der Praxis gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu beteiligen.
Aktivitäten werden nicht als Lernen wahrgenommen
Aufgrund seines informellen Charakters nahmen weder die interviewten Schüler_innen noch die Schulen die Aktivitäten gegen Rechtsextremismus und Rassismus als Lernen wahr. „Die Aktivitäten werden nicht als Lernen wahrgenommen, weil sie nicht mit dem Lernen, das an der Schule praktiziert wird, korrespondieren.“ (a.a.O., S. 140). Mit ihren Aktionen gegen Rechtsextremismus und Rassismus (z.B. einer Projektwoche oder Artikeln in der Schülerzeitung) wirkten die Schüler_innen oftmals in die Schulen hinein. Die Aktivitäten werden von Guthmann als Form der Kommunikation mit der Schule bzw. der Öffentlichkeit zur Vermittlung der Botschaft der Jugendlichen beschrieben.
Schule als Ort, der gesellschaftlichen Diskurs reproduziert
Guthmann richtet in seiner Studie einen besonderen Blick auf die Schule als Lernumfeld. „Schule als sozialer Ort ist aber zugleich ein gesellschaftlicher Ort, an dem politische Auseinandersetzungen stattfinden wie an jedem anderen Ort auch.“ (a.a.O., S. 141). Das Wissen eigneten sich die Schüler_innen in dem gesellschaftlichen Diskurs an, den die Schule reproduziert. Beispielsweise sollten die Jugendlichen in den Gruppendiskussionen ihre Definitionen von Rassismus und Rechtsextremismus erläutern. Dies fiel ihnen in einigen Bereichen ihres Engagements leicht. Guthmann problematisiert, dass sie dabei auf die Logik der ethnischen Segregation zurückgriffen, ohne diese zu hinterfragen. Die Abgrenzung von „Wir und die Anderen“ bot den Referenzrahmen zur Einordnung. Der Logik der „Unverträglichkeit verschiedener Kulturen“ konnten sich die Schüler_innen damit nur schwer entziehen. „Das Erinnern und die empathischen Bezeugungen, das Hineinversetzen in die Leute, die >kommen<, dämmen die Logik zwar ein und verhindern, dass sie sich entfaltet. Dies bricht die Logik aber nicht.“ (a.a.O., S. 156). Guthmann bringt in diesem Zusammenhang den Begriff der Nation an, der in diesem Fall als exklusives „Territorium“ betrachtet werden kann.
Rassismus als Ausgrenzungspraxis auf dem Schulhof
Die Jugendlichen hatten in den Interviews immer wieder Probleme, den Begriff Rassismus klar zu definieren und einzugrenzen. „Der Begriff Rassismus fällt in den Gruppendiskussionen am ehesten dann, wenn es darum geht, eine bestimmte Ausgrenzungspraxis auf dem Pausenhof zu benennen.“ (a.a.O., S. 154). Hierzu zählten unter anderem Beleidigungen anderer Mitschüler_innen aufgrund verschiedener Ethnien. Laut Guthmann ist der Begriff für die Schüler_innen gerade aufgrund seiner Offenheit und durch seine Verbindung zu anderen Begriffen, wie zum Beispiel dem des Vorurteils oder der Diskriminierung, schwer zu definieren. Zudem ist der Begriff Rassismus in der Gesellschaft stark umkämpft. Einheitliche Definitionen, an denen sich die Schüler_innen orientieren könnten, sind schwer zu finden. Die Jugendlichen lernten auch durch ihre Aktionen, dass es nicht immer einfach war, Handlungen als rassistisch zu definieren. „Sie erfahren vielmehr, dass sich rassistische Praxen auch anders interpretieren lassen und dass es oft nicht möglich ist, etwas eindeutig als Rassismus zu benennen, sondern die Bedeutung von Rassismus an eine Meinung gebunden ist.“ (a.a.O., S. 154).
Schüler_innen setzen sich in den Gruppen kritisch mit Themen auseinander, bleiben aber im gesellschaftlichen Kontext verhaftet
Es ist „das Deutsche“, das nach Guthmann als Leitkultur den politischen Raum bestimmt. Da das Lernen der Jugendlichen immer im gesellschaftlichen Kontext stattfindet, definieren Jugendliche ihre Identität im Raum der Nation und verorten sich in diesem.
Auch die gesellschaftlich tradierte Idee der Segregation wird laut Guthmann als objektive Wirklichkeit erfahren. „Das Prinzip der Segregation erhält seine Stärke dadurch, dass es sich sowohl aus Selbst- als auch aus Fremdzuschreibungen speist.“ (a.a.O., S. 185). In ihren Appellen gegen die Auswirkungen der Segregation und Abgrenzung können die Schüler_innen einen Ankerpunkt für ihr Lernen finden. Sie können sich der Logik der Segregation zwar nicht entziehen, setzen sich mit dieser aber in der Gruppe kritisch auseinander. Durch die Auseinandersetzung mit der politischen Realität entsteht das Lernen. Die Jugendlichen wollten an ein „gutes Benehmen“ in der Gesellschaft appellieren (hier z.B. gegen Beleidigungen auf dem Schulhof), es ist jedoch zu beachten, dass dies kaum die Segregation durchbricht und der Kontext, in dem eine Äußerung als Beleidigung verstanden werden kann, weiter bestehen bleibt. „Das Lernen zu Rassismus und Rechtsextremismus ist so durch zwei wesentliche Faktoren bestimmt: die politisch-kulturellen Verhältnisse in Deutschland, die im Alltag durch die Schüler/innen als gültig wahrgenommen werden und durch die Praxis der Gruppen, die gegen Rassismus und Rechtsextremismus ausgerichtet ist.“ (a.a.O., S. 183).
Entwicklung von demokratischen Strukturen an Schulen
Beteiligung, so Guthmann, kann vor allem dann gelernt werden, wenn sie ein wichtiger Bestandteil politischer Kultur wird. In diesem Kontext kann die Entwicklung von demokratischen Kulturen an Schulen Jugendlichen eine Möglichkeit geben, Selbstwirksamkeitserfahrungen zu sammeln. Jedoch weist Guthmann darauf hin, dass auch dieses Vorhaben seinem gesellschaftlichen Kontext verhaftet bleibt. „Das Problem möglicher Diskrepanz zwischen Struktur und lokaler Lernsituation umfasst alle pädagogischen Umstände, bei denen es darum geht, Demokratie zu lernen und Rassismus und Rechtsextremismus abzulehnen.“ (a.a.O., S. 190).
Demokratie muss in der Partizipation gelernt werden
Da sich die Erfolge politischer Bildung laut Guthmann in gelebter Demokratie oder einer antirassistischen Haltung erkennen lassen, muss das Lernen in diesem Zusammenhang als Auseinandersetzung mit der Welt stattfinden und lässt sich kaum operationalisieren oder in Lehrpläne umwandeln. Politische Bildung in Form von Projekten und Unterricht kann Reflexionsräume für Jugendliche ermöglichen, jedoch muss Demokratie in der konkreten Praxis der Partizipation gelernt werden. Das Lernen, wie es in den Gruppen aktiver Schüler stattfindet, kann nicht initiiert werden, es findet in der Praxis statt (Training on the Job) und ist hochgradig informell. Hinzu kommt, dass das Lernen nicht in einer „künstlichen“ pädagogischen Situation stattfindet.
Attraktive Gestaltung der Lernumgebung für aktive Gruppen
Die Untersuchung weist darauf hin, dass es für das Lernen in der Praxis besonders wichtig ist, die Lernumgebung und ihre Voraussetzungen in den Blick zu nehmen. Die Frage nach der Gestaltung des Lernraums und in welchem Kontext er zur sozialen Wirklichkeit steht, spielt eine besondere Rolle. Eine Gefahr ist, wenn dieser in zu großer Diskrepanz zum Alltag steht. Der Lernraum sollte so gestaltet werden, dass das Lernen in aktiven Gruppen für Schüler_innen attraktiv wird. „Das geschieht z.B., indem man das Engagement anerkennt, für das Treffen dieser Gruppen Zeitressourcen zur Verfügung stellt, finanzielle Mittel für Aktivitäten organisiert und Möglichkeiten der beratenden Unterstützung für die Aktivitäten schafft, Anlaufstellen, in denen die Schüler/innen sich mit Know-how versorgen können.“ (a.a.O., S. 192).
Gemeinsamerer Lernprozess von Schüler_innen und pädagogischen Personal
Schlussendlich sieht Guthmann das Lernen in diesem Zusammenhang als gemeinsamen Lernprozess von Schüler_innen und pädagogischen Personal und damit als eine Möglichkeit, aus der eine neue Praxis entstehen kann. Auf dem Weg zu einer demokratischen Gesellschaft, in der ethnische Differenzen keine Rolle spielen, braucht es aber zusätzlich politische Initiativen. „Lernen ist in diesem Moment das Lernen der Gesellschaft sich neu zu erfinden und sich auf den Weg zu machen, neue Strukturen zu schaffen.“ (ebd.).
Bezugsquelle: Verlag Barbara Budrich
Kontakt:
Thomas Guthmann
Kohlfurter Str. 40
10999 Berlin
Telefon: 0176 23500008
E-Mail: th_guthmann@gmx.net
Internet: www.thomasguthmann.info
Leseprobe (Kapitel 1 und 4) als PDF-Download:
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