Pilotmonitor politische Bildung. Indikatoren zur datengestützten Berichterstattung. Kapitel 4: Hochschule

Bibliografische Angaben

Abs, Hermann Josef / Entgartner, Tim / Hedtke, Reinhold / Oberle, Monika / Heijens, Marie / Hellmich, Simon Niklas / Hulkovych, Valeriia / Huschle, Lucy / Wasenitz, Stella (Hrsg.) (2025): Pilotmonitor politische Bildung. Indikatoren zur datengestützten Berichterstattung, Kapitel 4, S. 180-285. Bonn

Bislang mangelt es an systematischen, vergleichbaren Daten zur Verankerung und Wirksamkeit politischer Bildung in verschiedenen Bildungsbereichen. Der Pilotmonitor politische Bildung, entwickelt im Rahmen der von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb geförderten Machbarkeitsstudie Monitor politische Bildung (2021-2025), adressiert diese Lücke und bietet erstmals ein bereichsübergreifendes Indikatorensystem. Er analysiert, wie Lernende politische Bildung erfahren, wie Organisationen Bildungsangebote gestalten und wie pädagogisches Personal auf seine Rolle vorbereitet wird. Untersucht wurden vier zentrale Bildungsbereiche: Schule, Hochschule, Lehrkräftebildung (zweite und dritte Phase) sowie außerschulische politische Bildung.

Der Pilotmonitor zeigt auf, wo zentrale Schnittstellen und Datenlücken liegen, und empfiehlt den Aufbau eines dauerhaft angelegten, indikatorengestützten Monitorings. Dieses soll politische Bildung datenbasiert sichtbarer machen, systematisch weiterentwickeln und stärker in bildungspolitische Entscheidungsprozesse integrieren. Der Monitor versteht sich als Ausgangspunkt für eine evidenzbasierte Bildungsberichterstattung, die politische Bildung als integralen Bestandteil demokratischer Bildung begreift.

 

In Kapitel 4 zum Bereich Hochschule werden unter anderem Fragen zur Ausbildung von Lehramtsstudierenden im Ankerfach der politischen Bildung, zur Integration politischer Bildung in den Bildungswissenschaften für alle Lehrämter, zur Situation der Professor*innen im Fachgebiet sowie zu soziodemografischen Merkmalen und politischen Orientierungen verschiedener Studierendengruppen untersucht. Die Autor*innen Huschle und Abs konstatieren, dass die Hochschulbildung im Kontext bisheriger Bemühungen einer datenbasierten Berichterstattung zum Feld der politischen Bildung in Deutschland weitgehend unbearbeitet geblieben ist (a.a.O.: 182). Ein zentraler Befund ist die deutliche Asymmetrie zwischen schulischer und außerschulischer Ausrichtung in Lehre und Forschung: Das Lehrdeputat konzentriert sich mit 70 Prozent auf Lehramtsstudierende, während auf Studiengänge der Sozialen Arbeit 15 Prozent und auf Fachstudiengänge Politik und Erziehungswissenschaft jeweils ca. 5 Prozent entfallen. Dieser Befund gibt einen Hinweis auf die fehlende Sicherstellung von Ausbildungsangeboten für zukünftige Fachkräfte der außerschulischen politischen Bildung (a.a.O.: 206-213).

Weitere Datenbankeinträge zu den Kapiteln 1 und 2 („Grundlagen einer datengestützten Berichterstattung zur politischen Bildung“ und „Methodologie eines Monitorings für die politische Bildung“) sowie Kapitel 6 („Außerschulische politische Bildung“) des Pilotmonitors politische Bildung sind in der Datenbank ebenfalls verfügbar.

 

Hochschulen als Orte politischer Sozialisation und formaler Bildung

Huschle und Abs betonen die besondere Rolle von Hochschulen als Orte politischer Sozialisation, die zur Entwicklung und Resilienz demokratischer Systeme beitrügen. Studierende würden dabei neben fachlichen Kompetenzen auch die Fähigkeit zu kritischem Denken erwerben, ein ethisches Bewusstsein entwickeln und lernen, soziale Verantwortung zu übernehmen –; alles sei essenziell für die aktive Teilnahme an demokratischen Prozessen (a.a.O.: 182).

Bei den Lerngelegenheiten politischer Bildung an Hochschulen unterscheiden die Autor*innen zwischen formalen, nonformalen und informellen Angeboten. Der Schwerpunkt der angewandten Indikatoren liege dabei auf der formalen Bildung, insbesondere auf der Ausbildung von Studierenden, die später als schulische Lehrkräfte im Feld der politischen Bildung agierten (a.a.O.: 184). Für zukünftige schulische Lehrkräfte im Ankerfach der politischen Bildung verabschiedete die Kultusministerkonferenz (KMK) 2008 erstmals Anforderungen, die ein umfassendes Verständnis sozialwissenschaftlicher Konzepte, Theorien und Methoden vorsähen (a.a.O.: 185–186).

Mit dem Begriff „Ankerfach der politischen Bildung" bezeichnen Huschle und Abs jene Lehramtsstudiengänge, für die politische Bildung ein Hauptmerkmal der zukünftigen Berufstätigkeit darstellt und damit auch einen Schwerpunkt des Studiums bildet. Zu dieser Gruppe gehören insbesondere Studierende des Lehramts Politik/Sozialwissenschaften – je nach Bundesland unter verschiedenen Fachbezeichnungen wie Politik, Sozialkunde, Sozialwissenschaften, Gemeinschaftskunde oder Wirtschaft/Politik (a.a.O.: 184–185). Diese Lehramtsstudierenden werden von den Autor*innen von zwei weiteren Gruppen unterschieden: den Lehramtsstudierenden aller anderen Fächer, für die Demokratiebildung eine Querschnittsaufgabe darstellt, sowie den fachwissenschaftlichen Studierenden in affinen Fächern wie Soziale Arbeit oder Politikwissenschaft, die sich für die außerschulische politische Bildung qualifizieren können (a.a.O.: 184–186).

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes war 2022 eine, verglichen mit anderen Lehramtsstudiengängen, kleine Gruppe von 16 Professuren und 69 wissenschaftlichen Mitarbeitenden dem Fachgebiet Politische Bildung zugeordnet (a.a.O.: 189).

 

Curriculare Verankerung und institutionelle Vielfalt in der Lehramtsausbildung

Die curriculare Struktur der Lehramtsausbildung zeigt laut Huschle und Abs eine beachtliche Vielfalt zwischen den Bundesländern. Zur Analyse der Anteile der fachwissenschaftlichen Bezugsdisziplinen (Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften gemäß KMK-Beschluss von 2008), der Fachdidaktik und Bildungswissenschaften im Lehramtsstudium (H1 – Kürzel für die Indikatoren im Pilotmonitor) führten Huschle und Abs eine quantitative Inhaltsanalyse von Modulhandbüchern für die Lehramtsausbildung in den Sekundarstufen I und II an 40 repräsentativ ausgewählten Hochschulen durch. Insgesamt wurden 131 Studiengänge in die Analyse einbezogen (a.a.O.: 193).

Die Ergebnisse zeigen, dass die Aufteilung zwischen Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Bildungswissenschaft – auch im Hinblick auf Differenzen zwischen den Schularten – im Durchschnitt den KMK-Standards von 2008 entspricht. Die fachwissenschaftlichen Bezugsdisziplinen verteilen sich im Mittel wie folgt: Politikwissenschaft 52,3 Prozent, Sozialwissenschaften 15,4 Prozent, Wirtschaftswissenschaften 12,1 Prozent, Soziologie 14,3 Prozent (a.a.O.: 194). Einzelne Studiengänge berücksichtigen allerdings lediglich eine der drei vorgegebenen Bezugsdisziplinen. Die Profile unterscheiden sich zwischen den Bundesländern erheblich – von Ausbildungscurricula, die rein auf politikwissenschaftlichen Inhalten basieren (wie in Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz), bis hin zu einer weitgehend paritätischen Aufteilung der fachwissenschaftlichen Inhalte zwischen Sozialwissenschaften/Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaft (wie in Nordrhein-Westfalen) (a.a.O.: 191–196).

Auch bei Studienausrichtung und -organisation (H2) in den Lehrämtern für das Ankerfach zeigen sich erhebliche Unterschiede. Nach Auswertung der Datenbank des Hochschulkompass durch die Autor*innen ergaben sich final 195 Studiengänge, davon entfallen 65 auf Bachelorstudiengänge, 82 auf Masterstudiengänge und 48 auf Studiengänge mit Staatsexamen als Abschluss (a.a.O.: 200). Von den ausgewerteten Studiengängen können ca. 15 Prozent auch in Teilzeit belegt werden (a.a.O.: 201). Die Angebotsdichte der Studiengänge variiert stark zwischen den Bundesländern: Der Anteil der Studiengänge für das Ankerfach am Gesamtangebot aller Lehramtsstudiengänge ist in Thüringen mit 8,1 Prozent am höchsten, während im Saarland kein einschlägiger Studiengang vorhanden ist (a.a.O.: 202). Anzahl und Verfügbarkeit von Studiengängen hängen den Ergebnissen zufolge stark von den angestrebten Lehrbefähigungen ab (a.a.O.: 198–205).

 

Professuren im Fachgebiet Politische Bildung

Zur Situation der Professuren im Fachgebiet Politische Bildung (H3) weisen Huschle und Abs darauf hin, dass die Erfassung des Personals durch öffentliche Statistik unzulänglich sei. Die statistische Untererfassung lasse sich vermutlich teilweise auf die Erfassungsstruktur des Statistischen Bundesamtes zurückführen, dessen Organisation im Fachgebiet Politische Bildung nur Professor*innen berücksichtige, die dem Fachbereich Politikwissenschaft zugeordnet sind. Politische Bildung sei jedoch institutionell in verschiedenen Disziplinen verankert, darunter Erziehungswissenschaften, Sozialwissenschaften/Soziologie und Soziale Arbeit (a.a.O.: 206).
Die Autor*innen verweisen auf dem 16. Kinder- und Jugendbericht, wonach die meisten Professuren in diesem Bereich der Didaktik der politischen Bildung zuzurechnen sind. Diese Professuren würden jedoch nicht immer im Fachgebiet Politische Bildung erfasst, da sie häufig als Didaktik der Sozialwissenschaften oder Didaktik der Sozialkunde ausgewiesen werden (a.a.O.: 206).

Neben der amtlichen Statistik stellen Huschle und Abs bestehende Erfassungsbemühungen anderer Institutionen dar. Bemühungen zur Erfassung der Professor*innen im Feld würden von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb unternommen, deren Liste der Forschungseinrichtungen seit 2015 laufend aktualisiert wurde und insgesamt 46 Hochschulen an 45 Standorten enthält (Stand: Frühjahr 2023). Gelistet würden jedoch nicht die Professuren, sondern lediglich die Hochschulen mit ihren jeweils einschlägigen Instituten und Abteilungen (a.a.O.: 207).

Die Autor*innen ziehen für ihre Analyse die Landkarte der Forschung zur politischen Bildung heran, mit der die Fachstelle politische Bildung von Transfer für Bildung e.V. eine umfassender gepflegte Systematik zur Verfügung stellt, in der zum Erhebungszeitpunkt insgesamt 81 (Junior-)Professuren in Deutschland aufgeführt waren. Die Forschungslandkarte erfasst außerdem, inwieweit sich die Professor*innen in der Forschung zur außerschulischen bzw. schulischen politischen Bildung verorten. Demnach forschen 75 Prozent ausschließlich oder auch teilweise zum schulischen Bereich, 54 Prozent zur außerschulischen politischen Bildung allgemein, 41 Prozent zur Erwachsenenbildung und 20 Prozent zur politischen Bildung im Elementarbereich (Mehrfachnennungen sind möglich). Da sich die Professor*innen bei der Datenerhebung nicht für einen Bereich entscheiden mussten, lasse sich nach Anmerkung der Autor*innen nicht eindeutig ermitteln, welchen Bereich sie in ihrer Forschung tatsächlich schwerpunktmäßig und welchen sie nur peripher bearbeiten (a.a.O.: 207).

Zur empirischen Untersuchung führten Huschle und Abs eine Onlinebefragung von Professor*innen im Fachgebiet Politische Bildung durch. Von 136 eingeladenen Personen haben 63 den Fragebogen nahezu vollständig ausgefüllt. Die Datenerhebung erstreckte sich über den Zeitraum November bis Dezember 2023 (a.a.O.: 208).

Die Daten zeigen laut den Autor*innen ein eher ausgeglichenes Geschlechterverhältnis: 36 Personen (ca. 56 Prozent) ordneten sich dem männlichen, 28 Personen (ca. 44 Prozent) dem weiblichen Geschlecht zu (a.a.O.: 208). 69 Prozent der Befragten waren an Universitäten angestellt, 18 Prozent an Fachhochschulen und 13 Prozent an pädagogischen Hochschulen (a.a.O.: 209).

Bezüglich der Verortung ihrer Lehre ordneten nach Angaben der Autor*innen etwa 25 Prozent der Befragten diese als ausschließlich oder eher außerschulisch ein, während ca. 62 Prozent ihre Lehre als eher oder ausschließlich schulisch einordneten. Die Verhältnisse in der Forschung seien sehr ähnlich (a.a.O.: 209). Vorwiegend außerschulisch verortete Professor*innen seien vor allem an Fachhochschulen vertreten, an Universitäten dominiere die schulische Verortung (a.a.O.: 210).

Huschle und Abs stellen dar, dass die Denomination Politikdidaktik/Didaktik der Politik mit 21 Personen (etwa 31 Prozent) die am häufigsten gewählte ist, gefolgt von der Didaktik der Sozialwissenschaften/Gesellschaftswissenschaften mit 11 Personen (etwa 16 Prozent). Der Studienbereich Politikwissenschaft belegt mit etwa 32 Prozent den ersten Platz, gefolgt von den Sozialwissenschaften mit 26 Prozent (a.a.O.: 210-211).

Hinsichtlich des Lehrdeputats sind laut den Autor*innen Lehramtsstudierende mit 70 Prozent die mit Abstand größte Zielgruppe. Auf Studiengänge der Sozialen Arbeit entfallen 15 Prozent des Deputats, die Fachstudiengänge Politik und Erziehungswissenschaft sind mit jeweils ca. 5 Prozent vertreten. Allerdings seien die Lehrveranstaltungen oft auch für Studierende aus nicht lehramtsbezogenen Studiengängen geöffnet (a.a.O.: 212). Die Autor*innen schlussfolgern, dass der außerordentliche Fokus des Lehrdeputats auf Lehramtsstudiengänge die Feststellung des 16. Kinder- und Jugendberichts unterstreicht, dass die Sicherstellung von Ausbildungs- und Weiterbildungsangeboten für zukünftige Fachkräfte im Bereich der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung nicht gewährleistet ist (a.a.O.: 212). Zukünftig wäre es wichtig, Veränderungen über die Zeit zu verfolgen sowie die Erfassung durch das Statistische Bundesamt zielangemessen zu überarbeiten (a.a.O.: 212-213).

 

Drittmittel und Fördermöglichkeiten im Fachgebiet Politische Bildung

Huschle und Abs weisen darauf hin, dass das Vorhandensein von Drittmitteln als anerkannter, wenn auch umstrittener Indikator für die Forschungsstärke von Wissenschaftsfeldern gelte. Förderprogramme lenkten die Aufmerksamkeit in Richtung von Fragestellungen, die für Drittmittelgeber interessant seien (a.a.O.: 214).

Da öffentliche Daten zum Einsatz von Drittmitteln (H4) im Fachgebiet Politische Bildung fehlen, griffen die Autor*innen auf die im Rahmen des Pilotmonitors durchgeführte Befragung der Professor*innen zurück (a.a.O.: 215).
Die Analyse ergibt laut Huschle und Abs, dass 24 Prozent der Befragten zum Zeitpunkt der Befragung nicht aktiv an einem Drittmittelprojekt beteiligt waren, während 57 Prozent angaben, sich an ein bis zwei Drittmittelprojekten zu beteiligen. 19 Prozent waren an drei oder mehr Drittmittelprojekten beteiligt. Die hohe Bedeutung von Drittmitteleinnahmen spiegele sich auch in ihrer Relevanz für die Personalausstattung wider: Durchschnittlich 1,6 wissenschaftliche Angestellte werden allein über Drittmittel finanziert, während nur durchschnittlich 1,1 wissenschaftliche Mitarbeitende über den Haushalt angestellt sind (a.a.O.: 215).

Hinsichtlich der Drittmittelgeber zeigen die Daten von Huschle und Abs, dass Professor*innen im Fachgebiet Politische Bildung im Zeitraum von 2013 bis 2023 ihre Mittel von unterschiedlichen Quellen erhielten. Als primäre Geldgeber traten Bundesministerien (n=25), Landesministerien (n=18) und private Stiftungen (n=17) auf. Ebenfalls bedeutsam sind die Europäische Union (n=11) sowie die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb (n=12) (a.a.O.: 215–216).

Bezüglich der Förderdauer zeigen die Daten nach Angaben von Huschle und Abs eine Spanne von im Mittel 2,6 Jahren (bei privaten Stiftungen und der bpb) bis zu 3,6 Jahren (bei Bundesministerien) (a.a.O.: 216).
Hinsichtlich der Veröffentlichungsmodalitäten ließen sich nur leichte Unterschiede zwischen den Mittelgebern ausmachen. Der Anteil von Forschungsprojekten, bei denen Rücksprachevereinbarungen zu Veröffentlichungen mit dem Mittelgeber bestehen, liegt bei privaten Stiftungen bei 16,3 Prozent, während er bei den Landesministerien lediglich 9,6 Prozent beträgt (a.a.O.: 217–218).

17 Befragte gaben laut den Autor*innen an, dass ein Teil ihrer geförderten Forschungsprojekte keine freie Verwertung der Ergebnisse vorgesehen habe. In einigen Fällen wurden Berichte nicht durch die Mittelgeber freigegeben (n=5) oder die Zuwendungsauflagen erschwerten die Publikation (n=5). In anderen Fällen wurde aus Datenschutzgründen (n=4), aufgrund von Bedenken bezüglich zu erwartender negativer Öffentlichkeitsarbeit (n=2) oder einer möglichen Gefährdung von Personen (n=2) (a.a.O.: 217–218) nicht publiziert.

 

Politische Bildung in bildungswissenschaftlichen Curricula und in der Sozialen Arbeit

Die curriculare Verankerung politisch bildender Inhalte in bildungswissenschaftlichen Teilstudiengängen (H5) der Lehramtsausbildung analysierten Huschle und Abs durch eine computergestützte, lexikonbasierte quantitative Inhaltsanalyse. Untersucht wurden Curricula zu 92 lehramtsbezogenen bildungswissenschaftlichen Teilstudiengängen der Sekundarstufe I und II an 42 deutschen Hochschulen in 16 Bundesländern mit Gültigkeit im Wintersemester 2023/2024. Dafür wurde ein Begriffslexikon mit neun Themenkategorien und insgesamt 95 Suchbegriffen erstellt (a.a.O.: 220–221).

Die Analyse zeigt, dass die Themenkategorie Diversität mit einem Anteil von 52 Prozent aller Treffer den größten Anteil aufweist. „Insbesondere die Begriffe Inklusi* (21 Prozent) und Heterogen* (15 Prozent) tragen maßgeblich zu diesem Ergebnis bei“ (a.a.O.: 222). Eine erkennbare Rolle spielen die Themenkategorien Politisches System (ca. 12 Prozent) sowie Internationales (ca. 8 Prozent). Auffallend gering sind die Trefferquoten für Medienbildung (ca. 5 Prozent) und Nachhaltigkeit (3 Prozent) (a.a.O.: 221–223).

Erhebliche Unterschiede zeigen sich laut der Studie zwischen den Bundesländern: Bei der Themenkategorie Politisches System reicht die Spannweite von 30 Prozent in Sachsen bis 0 Prozent in Thüringen (a.a.O.: 224).

Um die Befunde zu den bildungswissenschaftlichen Teilstudiengängen einordnen zu können, analysierten Huschle und Abs vergleichend auch politisch bildende Inhalte in Studiengängen der Sozialen Arbeit (H6). Huschle und Abs analysierten hierfür 116 Modulhandbücher von 75 Hochschulen in 15 Bundesländern mit Gültigkeit im Sommersemester 2023. Mit 25 Prozent der Nennungen ist die Themenkategorie Diversität die stärkste. Innerhalb dieser dominieren die Begriffe Migration* (6 Prozent), Inklusion* (5 Prozent), Religi* (3 Prozent) und Geschlecht (3 Prozent). Die Themenkategorie Werte und Rechte nimmt in den Curricula der Sozialen Arbeit mit 19 Prozent einen wesentlich größeren Raum ein als in den Bildungswissenschaften (a.a.O.: 229–232).

Beim Vergleich politikdidaktischer Prinzipien zeigt sich den Ergebnissen zufolge ein deutlicher Kontrast: Lebensweltorientierung ist in den Curricula der Sozialen Arbeit mit 59,6 Prozent stark vertreten, während sie in den bildungswissenschaftlichen Curricula nur 3,6 Prozent ausmacht. Umgekehrt dominiert Urteilsbildung in den bildungswissenschaftlichen Curricula mit 64,3 Prozent gegenüber 22,6 Prozent in den Curricula der Sozialen Arbeit. Der Begriff Politische Bildung kommt in den bildungswissenschaftlichen Curricula mit 76,1 Prozent deutlich häufiger vor als in den Curricula der Sozialen Arbeit (44,8 Prozent), während Demokratiebildung in den Curricula der Sozialen Arbeit mit 55,2 Prozent viel häufiger erwähnt wird als in den bildungswissenschaftlichen Curricula (8,7 Prozent) (a.a.O.: 233–234).

 

Studierende: Entwicklung, soziale Herkunft und politische Orientierungen

Die Entwicklung der Studierendenzahlen in Lehramtsstudiengängen (H7) für das Ankerfach analysierten die Autor*innen anhand von Daten der Studierendenstatistik für einen Zeitraum von 22 Jahren (2000/2001 bis 2021/2022). Seit dem Wintersemester 2000/2001 ist ein Anstieg der Studierendenzahlen sowohl im Lehramt aller Fächer (+41,3 Prozent) als auch speziell im Ankerfach (+47,2 Prozent) zu verzeichnen, der jedoch deutlich hinter dem generellen Anstieg aller Studierenden (+63,5 Prozent) zurückbleibt (a.a.O.: 237–239).

Nach Angaben von Huschle und Abs verzeichnen dabei lediglich die Lehrämter für Sekundarstufe II und I einen markanten Anstieg, während für Sonderpädagogik und berufliche Sekundarstufe II Stagnation herrscht. Ein rückläufiger Trend ist bei den Studierendenzahlen für die Primarstufe zu erkennen. Als möglicher Grund wird die seit Mitte der 2000er-Jahre eingeführte Verpflichtung genannt, als angehende Grundschullehrkraft Mathematik und Deutsch als Pflichtfach zu studieren (a.a.O.: 239–240).

Hinsichtlich der soziodemografischen Merkmale der Lehramtsstudierenden (H8) für das Ankerfach nutzten die Autor*innen die repräsentative Studierendenbefragung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) von 2021 (a.a.O.: 244). Die Analyse zeigt einen signifikanten Unterschied in der Bildungsherkunft: Studierende der Politikwissenschaft und Sozialwissenschaften weisen einen um etwa 7 Prozentpunkte höheren Anteil von Studierenden aus akademischen Elternhäusern auf als angehende Lehrkräfte für das Ankerfach (a.a.O.: 246–247). Beim Migrationshintergrund bestehen nur geringfügige, nicht signifikante Mittelwertsunterschiede zwischen allen Studierendengruppen, wobei alle einen Migrationsanteil von rund 20 Prozent haben – deutlich unter dem Anteil an Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund, der bei ungefähr 39 Prozent liegt (a.a.O.: 248).

Bei der Differenzierung nach Schularten zeigen sich den Autor*innen zufolge erhebliche Unterschiede: Studiengänge der allgemeinbildenden Sekundarstufe II weisen den höchsten Anteil an Studierenden mit akademischem Hintergrund auf (55,9 Prozent), während dieser Anteil bei Sekundarstufe I (40,6 Prozent) und berufsbildenden Schulen (45,3 Prozent) niedriger ausfällt (a.a.O.: 249–250).

Zur Untersuchung der politisch-demokratischen Orientierungen und des gesellschaftlichen Engagements (H9) zeigt die Analyse derselben DZHW-Befragung nach Angaben der Autor*innen, dass Lehramtsstudierende für das Ankerfach und Studierende der Politikwissenschaft/Sozialwissenschaften im Vergleich zu anderen Studierendengruppen ein höheres politisches Interesse, eine stärkere Demokratiezufriedenheit und ein höheres politisches Engagement erkennen ließen. Sie stünden Auseinandersetzungen in der Demokratie und der Suche nach Kompromissen offener gegenüber und befürworteten in der Tendenz einen weiteren Ausbau des Sozialstaats (a.a.O.: 253–258).

 

Abschlüsse, Promotionen und Forschungsfokus

Die Entwicklung der bestandenen Abschlussprüfungen (H10) zeichnet laut Huschle und Abs ein gemischtes Bild. Die jährlich bestandenen Masterprüfungen und Ersten Staatsexamen sind im Zeitraum 2000 bis 2021 um 29,2 Prozent zurückgegangen. Die Zahlen fielen ab 2000 rapide ab und erreichten im Wintersemester 2004/2005 ihren bisherigen Tiefstand. Anschließend stiegen die Zahlen wieder und erreichten zum Wintersemester 2015/2016 einen vorläufigen Höchststand. Der Trend ist seither erneut rückläufig (a.a.O.: 261).

Betrachtet man die Entwicklung nach Lehramtsbefähigungen, ist der Rückgang für die Primarstufe besonders deutlich (a.a.O.: 263–264). Trotz des Anstiegs der Gesamtzahl an Abschlüssen seit den Bologna-Reformen sei laut den Autor*innen die Anzahl der Lehramtsabsolvierenden, die die Befähigung für den Vorbereitungsdienst erhalten, seit einem Hoch im Jahr 2015 kontinuierlich gesunken. Die Gesamtzahl aller Abschlüsse (inkl. Bachelor) ist um 143 Prozent gestiegen, während die bestandenen Masterprüfungen und Ersten Staatsexamen um 71 Prozent zurückgingen. Dies könnte nach Einschätzung von Huschle und Abs darauf hindeuten, dass sich mehr Studierende nach bestandenem Bachelor für einen nicht lehramtsbezogenen Master entscheiden oder das Studium ohne Lehramtsbefähigung beenden (a.a.O.: 264–265).

Zur Erfassung der Promotionen im Fachgebiet Politische Bildung (H11) recherchierten die Autor*innen systematisch in drei Datenbanken und identifizierten 211 Treffer im Zeitraum 2014 bis 2023, davon wurden 76 Arbeiten als einschlägig eingestuft (wobei die Jahre 2022 und 2023 noch nicht vollständig abgedeckt sind). Als einschlägig werden Arbeiten bewertet, wenn sie direkt und spezifisch Themen der politischen Bildung behandeln und in ihrer Verschlagwortung die Begriffe Politische Bildung und/oder Politikdidaktik enthalten oder den Fachbereich Politische Bildung als Forschungsfeld benennen. Weitere 53 Arbeiten wurden als affin kategorisiert, da sie der politischen Bildung inhaltlich nahestanden, dies jedoch nicht explizit in Anspruch nahmen. Die Jahre 2022 und 2023 sind noch nicht vollständig abgedeckt (a.a.O.: 268). Das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen (51 Prozent männlich, 49 Prozent weiblich). 71 Prozent der Dissertationen beforschen das schulische Handlungsfeld, während lediglich 11 Prozent einen explizit außerschulischen Fokus haben. Methodisch dominieren empirische Arbeiten (73 Prozent), davon mehrheitlich qualitativ (64 Prozent der empirischen Arbeiten) (a.a.O.: 267–272).

 

Fazit und Ausblick

In ihrem Fazit konstatieren Huschle und Abs, dass die 11 Indikatoren trotz beträchtlicher Datenlücken eine erste Grundlage bildeten, um die politische Bildung im Hochschulbildungsbereich empirisch zu betrachten. Eine übergreifende Erkenntnis sei, dass sowohl in der Lehre als auch in der Forschung ein deutlicher Fokus auf dem Bildungsbereich Schule liege. Dies bestätige die Kritik des 16. Kinder- und Jugendberichts, dass die Aus- und Weiterbildungsangebote für zukünftige Fachkräfte im Bereich der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung nicht annähernd vergleichbar seien mit den Angeboten der politikdidaktischen Ausbildung für die Schule (a.a.O.: 273).

Die Autor*innen betonen, dass sich die Profile der Hochschulstandorte und Bundesländer deutlich unterschieden – von fachwissenschaftlichen Inhalten über Abschlüsse bis hin zu Fachbezeichnungen (a.a.O.: 273). Es wäre zu diskutieren, inwieweit bildungspolitisch eine vergleichbare Ausbildung für Lehrkräfte im Ankerfach angestrebt werden sollte und entsprechend eine Harmonisierung der inhaltlichen Leitlinien und Strukturen erfolgen sollte.

Trotz positiver Entwicklungen bleibe nach Angaben von Huschle und Abs die Zahl der Lehramtsstudierenden im Ankerfach hinter dem Anstieg der Gesamtstudierendenzahl zurück. Für einzelne Schularten stagnierten die Zahlen sogar oder nähmen leicht ab. Auch die Anzahl der erfolgreich absolvierten Abschlussprüfungen, die für den Vorbereitungsdienst befähigen, sinke (a.a.O.: 274).

Als besonders bedenklich heben die Autor*innen hervor, dass die Curricula der lehramtsübergreifenden bildungswissenschaftlichen Teilstudiengänge nur in äußerst geringem Maße Inhalte vorsähen, die für die Aufgabe der Demokratieförderung vorbereiten würden (a.a.O.: 274).

Insgesamt identifizieren Huschle und Abs zahlreiche Datendefizite. Um repräsentative Daten bereitzustellen, müsse laut den Autor*innen die Datenerfassung durch die statistischen Ämter auf die Ebene der Fachgebiete ausgeweitet werden. Ein weiteres Datendesiderat bestehe für den Lehrkräftebedarf im Ankerfach. Dringend erforderlich seien verlässliche Zahlen zum spezifischen Bedarf, besonders vor dem Hintergrund des hohen Anteils an fachfremd unterrichtenden Lehrkräften (a.a.O.: 275).

 

Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung

Die Ausführungen von Huschle und Abs liefern erstmals eine umfassende empirische Bestandsaufnahme zu Forschung und Lehre zur politischen Bildung an deutschen Hochschulen. Mit der systematischen Erfassung von Eckdaten wie Strukturen und Curricula von Studiengängen, Abschlüssen oder zur Nutzung von Drittmitteln wurde trotz beträchtlicher Datenlücken (a.a.O.: 273) eine wichtige Grundlage für ein kontinuierliches Monitoring im Feld geschaffen.

Dabei wird eine zentrale Asymmetrie deutlich: Während Lehramtsstudierende institutionalisiert auf ihre Tätigkeit vorbereitet werden, fehlen vergleichbare Ausbildungswege für Fachkräfte der nonformalen Bildung nahezu vollständig (a.a.O.: 212). Diese Schieflage wird durch die Lehrpraxis verstärkt: Die befragten Professor*innen richten 70 Prozent ihrer Lehre auf Lehramtsstudierende aus (ebd.).

Auch die Drittmittelstruktur verweist auf ein strukturelles Defizit: Die Vielzahl unterschiedlicher Geldgeber – Bundesministerien, Landesministerien, politische Stiftungen und die bpb (a.a.O.: 215-216) –, bei gleichzeitigem Fehlen dauerhafter Strukturförderung, deutet darauf hin, dass politische Bildung nicht als eigenständiges Forschungsfeld mit etablierten Förderlinien anerkannt ist. Forschende sind daher darauf angewiesen, bei allgemeinen Ausschreibungen selbst zu prüfen, ob diese für politische Bildung passen könnten – ein Defizit, welches die Fachstelle politische Bildung mit ihrem fortlaufenden, systematischen Monitoring von Fördermöglichkeiten für das Feld der (nonformalen) politischen Bildung adressiert. Die aus projektförmiger Förderung resultierende Befristung von Stellen erschwert den Aufbau langfristiger Forschungskapazitäten.

Während die amtliche Statistik nur 16 Professuren ausweist, identifizierten die Autor*innen 136 Personen für ihre Befragung (a.a.O.: 206). Diese Diskrepanz resultiert daraus, dass politische Bildung institutionell in verschiedenen Disziplinen verankert ist, statistisch aber nur bei Zuordnung zum Fachbereich Politikwissenschaft erfasst wird. Die daraus resultierende eingeschränkte Sichtbarkeit erschwert die politische Adressierbarkeit – eine Problematik, die für die außerschulische politische Bildung noch ausgeprägter ist. Ein kontinuierliches Monitoring, das solche Datendefizite sukzessive bearbeitet, könnte wichtige Grundlagen für eine evidenzbasierte Weiterentwicklung des gesamten Feldes schaffen.



Bezugsquelle: Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

 

Veröffentlicht am 12.02.2026

Zum Weiterlesen 

  • Datenbankeintrag zu Kapitel 1 (Grundlagen einer datengestützten Berichterstattung zur politischen Bildung) und Kapitel 2 (Methodologie eines Monitorings für die politische Bildung“) des Pilotmonitors politische Bildung mehr lesen
  • Datenbankeintrag zu Kapitel 6 (Außerschulische politische Bildung) des Pilotmonitors politische Bildung mehr lesen 

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