Politische Bildungswirkungen des deutsch-israelischen Jugendaustauschs

Bibliografische Angaben

Firsova-Eckert, Elizaveta (2024): Politische Bildung zum Nahostkonflikt. Zur Wirksamkeit des deutsch-israelischen Jugendaustauschs. Wiesbaden. 353 Seiten

In ihrer Studie „Politische Bildung zum Nahostkonflikt“ untersucht Elizaveta Firsova-Eckert, welchen Einfluss die Teilnahme an (außerschulischen) deutsch-israelischen Jugendaustauschprogrammen auf politische Bildungsprozesse Jugendlicher im Kontext des Nahostkonflikts hat. Zu diesem Zweck wurden mehrere hundert Jugendliche mithilfe eines Onlinefragebogens befragt – unter anderem zu ihrer Wahrnehmung und Einordnung des Konflikts, ihrer Fähigkeit zur Perspektivübernahme, ihrer (Nicht-)Zustimmung zu antisemitischen Aussagen, ihren Emotionen gegenüber den Konfliktparteien sowie zu ihrem Interesse und ihrer Bereitschaft zur politischen Partizipation über die Austauschzeit hinaus. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass solche Austauschprogramme einen positiven Beitrag zur politischen Bildung junger Menschen leisten.

In ihrer Studie „Politische Bildung zum Nahostkonflikt“ untersucht Elizaveta Firsova-Eckert, welchen Einfluss die Teilnahme an (außerschulischen) deutsch-israelischen Jugendaustauschprogrammen auf politische Bildungsprozesse Jugendlicher im Kontext des Nahostkonflikts hat. Zu diesem Zweck wurden mehrere hundert Jugendliche mithilfe eines Onlinefragebogens befragt – unter anderem zu ihrer Wahrnehmung und Einordnung des Konflikts, ihrer Fähigkeit zur Perspektivübernahme, ihrer (Nicht-)Zustimmung zu antisemitischen Aussagen, ihren Emotionen gegenüber den Konfliktparteien sowie zu ihrem Interesse und ihrer Bereitschaft zur politischen Partizipation über die Austauschzeit hinaus. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass solche Austauschprogramme einen positiven Beitrag zur politischen Bildung junger Menschen leisten.
 

Forschungsfragen und Forschungshypothesen

Firsova-Eckert untersucht, ob die Teilnahme an einem deutsch-israelischen Jugendaustausch in Israel zur politischen Bildung im Themenfeld des Nahostkonflikts beiträgt. Für sie stellt die „Einsicht in die Komplexität des Nahostkonflikts“ (vgl. Firsova-Eckart 2023: 20) eine erfolgreiche politische Bildung im Hinblick auf das Thema dar. Dabei rücken fünf Bildungsprozesse in den Fokus. Sie wurden auf der Grundlage theoretischer und empirischer Auseinandersetzung als Prozesse identifiziert, die zu einer differenzierteren Wahrnehmung führen und von denen „entsprechend den bisherigen Auseinandersetzungen in der Fachliteratur“ (a.a.O.: 108) angenommen werden kann, dass sie durch eine Teilnahme an einem Jugendaustausch angeregt werden. Entsprechend unterteilt sich die übergeordnete Forschungsfrage in mehrere Teilfragen und dazugehörige Hypothesen:

  1. Veränderung der Vorstellung und Annahmen vom Gegenstand des Nahostkonflikts
    Es wird davon ausgegangen, dass die Jugendlichen, die an einem deutsch-israelischen Jugendaustausch teilnehmen, bereits über mehr oder weniger ausgeprägte Annahmen, Vorstellungen, Wissensbestände und Deutungsmuster verfügen. Es wird angenommen, dass durch die Konfrontation mit neuen Informationen und Perspektiven diese vorhandenen Vorstellungen erweitert und in Richtung einer differenzierteren Betrachtung verändert werden. Eine erfolgreiche Bildungswirkung zeigt sich demnach in einem vertieften und facettenreicheren Verständnis des Konflikts (siehe a.a.O.: 108).
     
  2. Zunahme der Fähigkeit zur klassischen sowie subjektspezifischen Perspektivübernahme
    Situationen, in denen Personen mit Informationen, Erfahrungen oder Sichtweisen konfrontiert werden, die nicht mit ihren bisherigen Annahmen, Erwartungen oder ihrem Vorwissen übereinstimmen, haben der Autorin zufolge das Potenzial, Bildungsprozesse anzustoßen, die die Fähigkeit zur Perspektivübernahme fördern. Damit ist zum einen die generelle Bereitschaft gemeint, beim Verständnis und bei der Bewertung des Nahostkonflikts unterschiedliche Sichtweisen einzubeziehen, und zum anderen die konkrete Fähigkeit, sowohl die Perspektiven der Palästinenser*innen als auch der Israelis nachzuvollziehen (siehe a.a.O.: 109). Da es das Ziel politischer Bildung sei, dass Lernende selbstständig Positionierungen einnehmen und Urteile treffen können (und nicht, eine bestimmte Perspektive zu übernehmen) wird in der Studie ebenfalls untersucht, ob die Jugendlichen, die an einem Austausch teilgenommen haben, sich häufiger eindeutig positionieren können.
     
  3. Veränderung der affektiven Wahrnehmung der Konfliktparteien (Palästinenser*innen und Israeli)
    Ausgehend von der Annahme, dass Emotionen einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung und Bewertung politischer Problemfelder haben, wird auch die Veränderung affektiver Wahrnehmungen als Bildungsprozess verstanden. Die Autorin geht davon aus, dass negative Emotionen wie Angst und Ärger mit Gruppenvorurteilen in Verbindung stehen, während positive Emotionen wie Empathie dazu beitragen können, solche Vorurteile abzubauen. Zudem wird angenommen, dass der deutsch-israelische Jugendaustausch ein Lernsetting darstellt, das durch den Kontakt mit Mitgliedern einer Fremdgruppe positive Emotionen gegenüber diesen fördert und gleichzeitig negative Emotionen reduziert.
     
  4. Abnahme israelbezogener antisemitischer Ressentiments
    Auch die Abnahme israelbezogener antisemitischer Vorurteile wird als ein positiver Bildungsprozess betrachtet. „Israelbezogener Antisemitismus meint generell die Übertragung antisemitischer Stereotype und Ressentiments auf den Staat Israel“ (a.a.O.: 69). Dies drücke sich beispielsweise in einer Gleichsetzung von Israel und Nazi-Deutschland oder der Leugnung des Existenzrechts Israels aus.
     
  5. Zunahme des Interesses und der Bereitschaft zur politischen Partizipation im Kontext des Nahostkonflikts 
    Abschließend wird angenommen, dass die Teilnahme am deutsch-israelischen Jugendaustausch das Interesse am Thema sowie die Bereitschaft zur politischen Partizipation steigert. Letztere bezieht sich vor allem auf kommunikatives politisches Handeln – etwa das Verfolgen medialer Berichterstattung oder das aktive Mitwirken an Diskussionen über den Nahostkonflikt (siehe a.a.O.: 110).
     

Methodik

Zur Beantwortung der Forschungsfrage entwickelte Firsova-Eckert einen Fragebogen, der die Gegenstandsvorstellungen, die Fähigkeit zur Perspektivübernahme, die affektive Wahrnehmung, israelbezogene antisemitische Ressentiments sowie das Interesse und die Bereitschaft zur politischen Partizipation erfassen sollte. Der Fragebogen beinhaltete eine offene Frage, die die Vorstellungen und Annahmen der Jugendlichen zum Nahostkonflikt erfasste, und 14 Frageblöcke mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten zur Messung der anderen politischen Bildungsprozesse (siehe a.a.O.: 114).

Um den Einfluss der Teilnahme am deutsch-israelischen Jugendaustausch auf die beschriebenen Bildungsprozesse untersuchen zu können, wurde der Fragebogen sowohl von Jugendlichen ausgefüllt, die bereits an einem solchen Austausch teilgenommen hatten (Interventionsgruppe), als auch von Jugendlichen ohne entsprechende Erfahrung (Vergleichsgruppe). Systematische Unterschiede im durchschnittlichen Antwortverhalten zwischen beiden Gruppen sollen als Hinweis darauf dienen, dass die Teilnahme eine politisch bildende Wirkung entfaltet. Um auszuschließen, dass die Teilnehmenden nicht bereits vorab wesentlich anders eingestellt waren als Nicht-Teilnehmende, wurde als Vergleichsgruppe eine Gruppe von Jugendlichen ausgewählt, die zum Zeitpunkt der Befragung zwar noch nicht am Austausch teilgenommen hatten, dies jedoch fest geplant hatten. Zudem wurde ein Matching-Verfahren angewendet, bei dem Daten von Jugendlichen der Interventionsgruppe mit jenen aus der Kontrollgruppe verglichen wurden, die ihnen in Bezug auf Alter, Geschlecht, Konfession und Bildungsabschluss möglichst ähnlich waren. Dadurch sollte bestmöglich sichergestellt werden, dass etwaige Unterschiede im Antwortverhalten tatsächlich überwiegend auf die Teilnahme am Austausch zurückzuführen sind (siehe a.a.O.: 222).

Wenn bei einem Bildungsprozess Unterschiede zwischen den Gruppen festgestellt wurden, die auf eine Wirkung der Teilnahme hindeuten, wurde anschließend untersucht, ob es auch innerhalb der Interventionsgruppe Unterschiede in der Stärke der Wirkung gab. Dabei wurde berücksichtigt, wie lange der Austausch bereits zurücklag und wie intensiv das Bildungsangebot gestaltet war (siehe a.a.O.: 224). Um die Intensität des Austauschs zu bestimmen, wurden die Jugendlichen gebeten anzugeben, welche Aktivitäten Teil ihres Austauschs waren. Zur Auswahl standen elf mögliche Elemente, etwa Vor- und Nachbereitungsseminare, Gespräche mit jüdisch-israelischen, arabisch-israelischen oder palästinensischen Gesprächspartner*innen sowie inhaltliche Auseinandersetzungen mit dem Holocaust oder dem Nahostkonflikt. Je mehr dieser Aktivitäten genannt wurden, desto intensiver wurde der Austausch eingeschätzt. Teilnehmende, die mindestens acht Aktivitäten angaben, wurden der Gruppe mit der höchsten Intensität zugeordnet. Durch diesen Vergleich sollte zum einen untersucht werden, welchen Einfluss die konkrete Gestaltung eines Jugendaustauschs auf die beobachteten Wirkungen hat, und zum anderen, ob sich bestimmte Wirkungen im Laufe der Zeit abschwächen oder erst nachträglich entfalten.

Zur Analyse der offenen Frage wurden vier Niveaustufen definiert, die auf theoretischen Vorarbeiten basieren. Diese Niveaustufen bilden jeweils einen unterschiedlichen Grad an differenzierter Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt ab, von einfachen, wenig reflektierten Darstellungen bis hin zu komplexeren Analysen.

Die Antworten aller Teilnehmenden wurden systematisch einer der vier Niveaustufen zugeordnet. Auf dieser Grundlage wurde für die Interventions- und die Vergleichsgruppe jeweils die mittlere erreichte Niveaustufe berechnet und die Gruppen miteinander verglichen, um mögliche Wirkungen des Jugendaustauschs auf die Vorstellungen und Annahmen der Jugendlichen zu erfassen (siehe a.a.O.: 229).
 

Die Befragten

Insgesamt wurden 347 Fragebögen in die Analyse einbezogen. Diese Stichprobe ist jedoch zu klein, um die Ergebnisse auf die Gesamtheit aller jemals am deutsch-israelischen Jugendaustausch Teilnehmenden zu verallgemeinern (siehe a.a.O.: 312). Zur Gruppe der Teilnehmenden zählten 259 Personen, während die Vergleichsgruppe 88 Personen umfasste. Die 347 Befragten waren zwischen 15 und 30 Jahre alt (Durchschnitt: 20,4 Jahre). 65 Prozent identifizierten sich als weiblich, 34 Prozent als männlich und rund 1 Prozent als divers. Die Mehrheit studierte oder ging zur Schule – am häufigsten auf ein Gymnasium. Andere befanden sich in Ausbildung, im Freiwilligendienst oder waren bereits berufstätig. Einige promovierten oder absolvierten ein Referendariat. Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden gehörte dem christlichen Glauben an, ein Drittel war konfessionslos. Rund 6 Prozent waren muslimisch, 2 Prozent jüdisch. Die meisten Teilnehmenden (rund 96 Prozent) wurden in Deutschland geboren. Befragte kamen aus allen Bundesländern, am häufigsten aus Baden-Württemberg, Sachsen und Niedersachsen (siehe a.a.O.: 181f.). Die meisten ehemaligen Teilnehmenden gaben an, dass ihr Jugendaustausch von einem Jugendverband (24,7?Prozent) oder ihrer Stadt bzw. Gemeinde (17,8?Prozent) organisiert wurde. Weitere nannten religiöse Organisationen (11,6?Prozent), politische Gruppen oder Sportvereine (jeweils 7,3?Prozent) sowie Kunst- und Theaterträger (2,3?Prozent). Über die Hälfte der Jugendlichen (52,5?Prozent) nahm an einem Austausch von sieben bis 14 Tagen teil. 27,8?Prozent waren etwas länger, aber unter einem Monat unterwegs. Kürzere oder längere Zeiträume kamen deutlich seltener vor. Die meisten Teilnehmenden wohnten während des Austauschs in jüdisch-israelischen Gastfamilien (52,1?Prozent). Ein Drittel war in anderen Unterkünften wie Hotels oder Herbergen untergebracht. Nur wenige lebten bei arabisch-israelischen (6,2?Prozent) oder palästinensischen Gastfamilien (0,8?Prozent) (siehe a.a.O.: 183).
 

Ergebnisse

Firsova-Eckert kommt zu dem Schluss, dass viele der aufgestellten Hypothesen durch die Auswertung der Daten bestätigt werden. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Teilnahme an einem deutsch-israelischen Jugendaustausch positive Effekte auf politische Bildungsprozesse zum Nahostkonflikt hat (siehe a.a.O.: 282).
 

Konzepte zum Gegenstand Nahostkonflikt

dass die Jugendlichen, die am deutsch-israelischen Jugendaustausch teilgenommen haben, den Nahostkonflikt im Durchschnitt komplexer und vielschichtiger beschreiben als jene Jugendlichen, die diese Erfahrungen noch nicht gemacht hatten. Zwar werden die Antworten beider Gruppen mehrheitlich der niedrigsten Niveaustufe zugeordnet (Interventionsgruppe: 46,7?Prozent; Vergleichsgruppe: 63,6?Prozent), jedoch erreichen die Jugendlichen der Interventionsgruppe deutlich häufiger die höheren Stufen 2 (39,4?Prozent; Vergleichsgruppe: 28,4?Prozent) und 3 (5,8?Prozent; Vergleichsgruppe: 3,4?Prozent) (siehe a.a.O.: 239).
 

Perspektivübernahme

Die Studie zeigt, dass Jugendliche, die am deutsch-israelischen Jugendaustausch teilgenommen haben, häufiger angeben, bei der Bewertung des Nahostkonflikts verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen (klassische Perspektivübernahme).

Die Fähigkeit zur subjektspezifischen Perspektivübernahme wurde daran gemessen, inwieweit die Jugendlichen in der Lage sind, den Nahostkonflikt sowohl als Territorial- als auch als Terrorismuskonflikt aus der jeweiligen Sichtweise beider Konfliktparteien – der israelischen und der palästinensischen – zu betrachten.

Zu diesem Zweck wurden ihnen Aussagen präsentiert, die entweder eine palästinensische oder eine israelische Perspektive widerspiegeln. Die Auswahl der Aussagen erfolgte so, dass möglichst gegensätzliche Standpunkte abgebildet werden, um die Spannbreite der Sichtweisen deutlich zu machen (siehe a.a.O.: 118).

Dabei ging es ausdrücklich nicht um die persönliche Zustimmung zu den Aussagen, sondern ausschließlich um die Frage, inwieweit die Jugendlichen diese Positionen als nachvollziehbar empfinden.
Beispielhafte Aussagen, zu denen die Nachvollziehbarkeit eingeschätzt werden sollte, waren unter anderem:

  • „Die Palästinenser bedrohen durch Terrorismus das tägliche Leben der israelischen Bürger.“ (a.a.O.: 189)
  • „Die Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg in Europa hat gezeigt, dass Juden einen eigenen Staat brauchen.“ (ebd.)
  • „Die Israelis unterdrücken die Palästinenser mit allen Mitteln.“ (a.a.O.: 194)
  • „Die Palästinenser haben das Recht, sich gegen die Besatzung durch Israel mit allen Mitteln zu wehren.“ (ebd.)

Sowohl die Jugendlichen der Interventionsgruppe als auch die der Vergleichsgruppe zeigen in allen Frageblöcken hohe Zustimmungswerte, was auf eine starke Perspektivübernahme hindeutet. Am wenigsten plausibel wurden von beiden Gruppen jene Aussagen eingeschätzt, die den Konflikt als Terrorkonflikt aus israelischer Perspektive darstellen (siehe a.a.O.: 257).

Die Interventionsgruppe bewertete insbesondere die Aussagen, die den Territorialkonflikt aus israelischer Sicht beschreiben, deutlich häufiger als nachvollziehbar im Vergleich zur Vergleichsgruppe. Auch in den meisten anderen Bereichen der subjektspezifischen Perspektivübernahme zeigen sich Unterschiede zwischen den Gruppen. Bei diesen Unterschieden kann jedoch nach statistischer Prüfung nicht ausgeschlossen werden, dass sie zufällig entstanden sind (siehe a.a.O.: 258).
 

Affektive Wahrnehmung und Veränderung von Emotionen

Zur Erfassung der affektiven Wahrnehmung wurden die Studienteilnehmer*innen unter anderem gebeten anzugeben, inwieweit sie das Verhalten der Israelis bzw. der Palästinenser*innen im Kontext des Konflikts als feindselig oder freundlich einschätzen (vgl. a.a.O.: 120). Insgesamt zeigte sich in beiden Gruppen eine tendenziell eher negative Wahrnehmung beider Konfliktparteien. Auffällig war jedoch, dass die Interventionsgruppe die Israelis insgesamt positiver und die Palästinenser*innen negativer wahrnahm als die Vergleichsgruppe.

Des Weiteren wurden die Teilnehmer*innen gefragt, ob und in welchem Ausmaß sie Gefühle wie Ärger, Empathie oder Angst empfinden, wenn sie an die Rolle der jeweiligen Konfliktpartei denken. Zwar zeigen sich Unterschiede im Hinblick auf negative Emotionen und empathische Haltungen gegenüber Israelis und Palästinenser*innen, diese sind jedoch statistisch nicht signifikant – das heißt, es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie zufällig entstanden sind (vgl. a.a.O.: 269). Eine Bildungswirkung im Sinne der aufgestellten Hypothese lässt sich daher an dieser Stelle nicht belegen.
 

Israelbezogene antisemitische Ressentiments

In beiden Gruppen werden israelbezogene Ressentiments überwiegend abgelehnt. Allerdings zeigt sich, dass die Teilnehmenden der Interventionsgruppe diese Ressentiments stärker zurückweisen als jene der Vergleichsgruppe. Dies stützt die Hypothese, dass die Teilnahme am Austauschprogramm zu einer stärkeren Ablehnung israelbezogener Ressentiments führt. 
 

Interesse und Bereitschaft zur politischen Partizipation am Nahostkonflikt

Die Ergebnisse zur Frage nach dem Interesse und der Bereitschaft zur politischen Beteiligung am Thema zeigen, dass sich Jugendliche aus beiden Gruppen im Durchschnitt grundsätzlich interessiert zeigen und auch zur politischen Partizipation bereit sind. Allerdings ist das Interesse und die Bereitschaft zur politischen Partizipation bei den Jugendlichen der Austauschgruppe im Durchschnitt etwas höher als bei denen der Vergleichsgruppe (siehe a.a.O.: 276).
 

Einfluss tagesaktueller Ereignisse

Während der Datenerhebung im Sommer 2021 kam es zu einer erneuten Eskalation im israelisch-palästinensischen Konflikt. Dadurch bot sich die Möglichkeit, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie danach zu unterscheiden, ob sie vor oder nach dem Konfliktausbruch an der Studie teilgenommen hatten. Ein Vergleich zeigt: Jugendliche der Interventionsgruppe, die nach der Eskalation an der Studie teilnahmen, äußern mehr Empathie gegenüber beiden Konfliktparteien und zeigen ein stärkeres Interesse, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, als solche, die zuvor an der Studie teilnahmen. Anders fällt das Bild in der Vergleichsgruppe aus: Teilnehmende, die nach dem Konfliktausbruch den Fragebogen ausfüllten, wiesen im Vergleich zu Studienteilnehmer*innen von vor dem Ausbruch des Konflikts keine Unterschiede in der Empathie oder im Interesse am Thema auf, stimmten aber israelbezogenen antisemitischen Ressentiments häufiger zu und zeigten eine geringere Fähigkeit, die israelische Perspektive nachzuvollziehen. Firsova-Eckert interpretiert den Unterschied zwischen der Interventions- und der Vergleichsgruppe dahingehend, dass der deutsch-israelische Jugendaustausch eine präventive Wirkung im Hinblick auf antisemitische Ressentiments entfalten kann (siehe a.a.O.: 303f.).
 

Kurz- und langfristige Wirkung

Beim Vergleich innerhalb der Interventionsgruppe, also zwischen Jugendlichen mit länger zurückliegender Austauscherfahrung und solchen, deren Austausch erst vor Kurzem stattfand, zeigen sich Unterschiede, die Hinweise auf die Nachhaltigkeit von Wirkungen des Austauschs geben.

Jugendliche, die vor drei Jahren oder mehr am Austausch teilgenommen hatten (Jahrgang 2018 oder früher), zeigten höhere Werte bei der Bereitschaft, allgemein multiperspektivisch auf den Konflikt zu schauen als auch spezifisch die israelische Perspektive nachzuvollziehen. Diese Gruppe unterschied sich dabei von den Jugendlichen ohne Austauscherfahrung sowie von denen, deren Teilnahme erst in den letzten Jahren stattfand (Jahrgänge 2019 bis 2021).

In Bezug auf die Wahrnehmung Israels und die Zustimmung zu israelbezogenen antisemitischen Aussagen zeigten hingegen die Teilnehmenden der Jahrgänge 2019 bis 2021 deutlichere Unterschiede zur Vergleichsgruppe. Sie bewerteten Aussagen über Israel tendenziell positiver und lehnten antisemitische Aussagen häufiger ab.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Austausch sowohl kurzfristige als auch langfristige Wirkungen entfalten kann. Emotionale Reaktionen wie Empathie oder die Ablehnung von Vorurteilen zeigen sich vor allem unmittelbar nach der Teilnahme ausgeprägt, scheinen jedoch mit der Zeit etwas abzunehmen. Demgegenüber entwickelt sich die Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, offenbar eher langfristig und vertieft sich im Verlauf der Zeit.
 

Einfluss der Intensität des Austauschs

Der Vergleich von Teilnehmendengruppen, die unterschiedlich intensive Austauscherfahrungen gemacht haben, zeigt in einigen Bereichen Unterschiede bei den Ergebnissen. Jugendliche, die an einem Austausch mit mehr inhaltlichen und erlebnisbezogenen Elementen zum Nahostkonflikt teilgenommen haben, erzielten tendenziell höhere Werte in den Bereichen Perspektivübernahme, Interesse am Thema und Ablehnung antisemitischer Aussagen.
 

Fazit

Die Studie von Firsova-Eckert zeigt, dass der deutsch-israelische Jugendaustausch politische Lernprozesse bei Jugendlichen fördern kann. Sie macht deutlich, dass persönliche Begegnungen und direkte Erfahrungen dabei helfen, komplexe Konflikte wie den Nahostkonflikt besser zu verstehen und unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Auch Vorurteile, insbesondere israelbezogener Antisemitismus, können durch solche Austausche abgeschwächt werden. 
 

Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung 

Die Ergebnisse der Studie tragen zu einem Forschungsbereich bei, der sich mit der Frage beschäftigt, wie politische Bildung wirkt – also ob und wie sich Einstellungen, Urteilsfähigkeit oder das Interesse an politischen Themen durch Bildungsangebote verändern. Die Studie greift dabei auf quantitative Methoden zurück, die im Feld der Wirkungserfassung non-formaler und informeller Bildungsprozesse bislang eher selten eingesetzt werden. Firsova-Eckert entwickelt ein Untersuchungsinstrument, das verschiedene kognitive, emotionale und handlungsbezogene Zugänge zu einem politischen Thema – in diesem Fall dem Nahostkonflikt – erfasst. Zwar handelt es sich nicht um eine klassische Vorher-Nachher-Erhebung, da die Teilnehmenden nicht zu mehreren Zeitpunkten befragt wurden. Dennoch ermöglicht der Vergleich mit einer Kontrollgruppe aus Interessierten und zukünftigen Teilnehmenden sowie der Vergleich von Jugendlichen, die sich in relevanten Merkmalen ähnlich sind, ein methodisch fundiertes Vorgehen. Dieses zielt darauf ab, beobachtbare Unterschiede möglichst klar auf die Erfahrungen im Rahmen des Jugendaustauschs zurückzuführen – und stellt damit einen wichtigen Beitrag zur empirischen Erforschung der Wirkung politischer Bildung außerhalb schulischer Kontexte dar.
 


Bezugsquelle: Springer VS


Veröffentlicht am 10. Juni 2025

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