Rassismus ist schon total normal geworden. Wahrnehmungen von Rassismus und weiteren Diskriminierungen im Bremer Norden – Eine Situations- und Ressourcenanalyse aus verschiedenen Perspektiven.
Bibliografische Angaben
Bremer Institut für Soziale Arbeit und Entwicklung e.V. (Hrsg.) (2016): Rassismus ist schon total normal geworden. Wahrnehmungen von Rassismus und weiteren Diskriminierungen im Bremer Norden – Eine Situations- und Ressourcenanalyse aus verschiedenen Perspektiven. (84 S.)
„Die Partnerschaft für Demokratie Bremen-Nord entschied sich im Oktober 2015 für die Förderung einer Erhebungsstudie durch das Bremer Institut für Soziale Arbeit und Entwicklung (BISA+E)“ (Bremer Institut für Soziale Arbeit und Entwicklung e.V. 2016, S. 4). Gefördert wird die Partnerschaft durch das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“, in dem Handlungskonzepte zur Förderung von Vielfalt und Demokratie umgesetzt und gefördert werden sollen. Die Studie beschäftigt sich mit den Wahrnehmungen von Rassismus und weiteren Diskriminierung im Bremer Norden. Im Winter 2015 wurden hierzu 18 Einzel- und Gruppeninterviews mit Vertreter_innen von Institutionen, deren Nutzer_innen und lokalen (gesellschafts-)politischen Akteur_innen und Aktivist_innen geführt. Zusätzlich nahmen die Forscher_innen in Form einer dichten Teilhabe an neun Veranstaltungen wie z.B. öffentlichen Foren oder Sitzungen der Ortsbeiräte teil. Beides wurde mit Hilfe einer qualitativ-rekonstruktiven Analyse ausgewertet. Die Forschungsfragen beschäftigten sich zum einen mit thematisierten bzw. nicht thematisierten Rassismus sowie Diskriminierungserfahrungen und zum anderen mit den Handlungsnotwendigkeiten im Stadtteil. Ein Ziel war es, Ressourcen und Bedarfe sichtbar zu machen sowie Handlungsanregungen zu entwickeln.
Die Autor_innen weisen darauf hin, dass die Ergebnisse sich zwar auf Bremen-Nord beziehen, sich jedoch verallgemeinert auch auf andere Regionen und Orte übertragen lassen können. Im Bericht wird auf die umfassende Wirkung rassistischer Grenzziehungen hingewiesen. Rassismus äußert sich in Bremen-Nord z. B. auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, in Institutionen und im Alltag. Rassismus wurde in den Interviews häufig als Normalität beschrieben, er wurde nicht wahrgenommen bzw. geleugnet. Dennoch beschreiben die Akteur_innen: „Im Rahmen unserer Forschung wurde deutlich, dass in Bremen-Nord ein Interesse an der Auseinandersetzung mit und Reflexion über Rassismus und andere Diskriminierungsformen besteht. […] Immer wieder wurde das große Bedürfnis nach und Interesse an Vernetzung, Austausch, Reflexion, Fortbildungen geäußert, sowohl von Sozialpädagog_innen als auch von Ehrenamtlichen. Dieses Bedürfnis werten wir als Ressource, von dem aus Vernetzungsvorhaben und gemeinsamer Austausch und Aktivitäten ausgehen können.“ (a.a.O., S. 61). Durch Kürzungspolitiken und sozialstrukturelle Begrenzungen werde dies jedoch strukturell verhindert. Angeführt wird das Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe im Stadtteil – Fachkräfte mussten aufgrund mangelnder Ressourcen häufig alleine arbeiten und konnten Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen infolgedessen kaum bearbeiten.
Empfohlen werden langfristige und verlässliche Strukturen, um z. B. einen gemeinsamen Begriff von Rassismus zu entwickeln, sich zu vernetzen und Rassismuserfahrungen anzuerkennen. „Um Rassismus aufgreifen und bearbeiten zu können und die bestehenden Strukturen für geflüchtete Menschen offener zu gestalten, braucht es mehr Ressourcen. Das Bundesprogramm erlaubt und ermöglicht hingegen einzig die Förderung einmaliger und abgeschlossener Projekte“ (a.a.O., S. 69). Viel wichtiger als eine Projektförderung seien kontinuierliche Angebote und ein Ausbau der bestehenden sozialen Infrastruktur, insbesondere um Rassismus und andere Formen von Diskriminierung kontinuierlich auf den verschiedenen Ebenen thematisieren und verändern zu können. Zudem müsse darauf geachtet werden, dass keine Parallelstrukturen für geflüchtete Menschen geschaffen werden, da dies wieder zu Aus- und Abgrenzung führen könne.
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