Bericht zum Fachforum „Wirkungen nachweisen: Gegenstandsangemessene Forschungsdesigns für politische Bildung“

Am 29. September 2026 hat die Fachstelle politische Bildung – Wissens-Hub von Transfer für Bildung e.V. in Essen ihr zweites Fachforum in diesem Jahr zum Thema Wirkungsforschung ausgerichtet. Elf Fachleute aus Wissenschaft und Bildungspraxis diskutierten, welche Forschungsdesigns geeignet sind, um die Wirkungen nonformaler politischer Bildung methodisch angemessen zu untersuchen. Zwei Inputs strukturierten die Veranstaltung. Zunächst wurde aus evaluationstheoretischer Sicht ein Vorschlag gemacht, was Wirkungsforschung leisten kann und wo ihre Grenzen liegen. Danach wurde eine Studie zum deutsch-israelischen Jugendaustausch vorgestellt und exemplarisch diskutiert.

 

Aktualität des Themas „Wirkung und Wirkungsforschung“

Träger politischer Bildung stehen aktuell erneut unter Legitimationsdruck, die Wirkungen ihrer Arbeit nachzuweisen. In Förderprogrammen, etwa im Bundesprogramm „Demokratie leben!“, finden sich Zielkataloge, die vorgeben, was eine Maßnahme bewirken soll, ohne dass oftmals klar ist, wie sich das nachweisen lässt.

Die politische Bildung hat solche Anforderungen in der Vergangenheit mit Verweis auf offene Bildungsprozesse und die Gefahr einer „Gesinnungsprüfung“ zurückgewiesen. Diese Bedenken tragen weiterhin, haben aber dazu geführt, dass eine weitergehende fachliche Auseinandersetzung aus eigenem Interesse oft unterblieb. Transfer für Bildung e.V. fragt deshalb nach den Bedarfen der Praxis für ihre Qualitätsentwicklung und die Legitimation der eigenen Arbeit.

 

Was Wirkungsforschung leisten kann

Prof. Dr. Jan Hense stellte zunächst vor, warum sich Wirkungen politischer Bildung nur schwer untersuchen lassen. Politische Bildung verfolgt oft mehrere, teils konkurrierende Ziele, findet in sehr unterschiedlichen Formaten statt, lässt sich kaum im Detail planen und beruht auf freiwilliger Teilnahme, bei der sich die Teilnehmenden selbst für das Angebot entscheiden. Bei einem umfangreichen Förderprogramm wie beispielsweise „Demokratie leben!“ liegen zudem zwischen der Steuerung auf Programmebene und den Zielgruppen viele kleine Projekte. Die Wirkungsketten verlaufen deshalb deutlich indirekter, als es in der politischen Debatte oft dargestellt wird.

Kritisch sah Hense den diskutierten Begriff der Gegenstandsangemessenheit. Aus evaluationstheoretischer Sicht bestimme nicht der Gegenstand, welche Methode passt, sondern der Zweck, dem die Erkenntnis dienen soll. Statt „gegenstandsangemessener“ Methoden sei es daher treffender, von „zweckangemessenen“ Methoden zu sprechen. Der Versuch, Wirkungen im experimentellen Sinn mittels eines Vergleichs mit einer zufällig zusammengestellten Kontrollgruppe nachzuweisen, stößt in der politischen Bildung meist an Grenzen, weil sich die Ergebnisse dieser Verfahren häufig nur bedingt auf andere Kontexte übertragen lassen und der Blick auf wenige Einzelaspekte verengt wird. Als Alternative stellte Hense theoriebasierte Ansätze vor. Sie gehen von einer ausgearbeiteten Annahme aus, wie und warum eine Maßnahme wirken soll, und gelangen so zu einer plausiblen Annäherung an Wirkung statt zu einem strengen Kausalnachweis. Anders als experimentelle Designs sind sie im Feld gut umsetzbar, kommen ohne Kontrollgruppe aus und beantworten zugleich, wie und unter welchen Bedingungen Wirkungen zustande kommen. Ihr zentrales Werkzeug sind Wirkungsmodelle. Sie machen die Annahmen der Praxis sichtbar und überprüfbar und entfalten ihren Nutzen vor allem dann, wenn sie sorgfältig erarbeitet und fachlich begleitet werden.

Abschließend wurden zwei übergeordnete Punkte hervorgehoben. Erstens werde Wirkungsorientierung im politischen Raum oft fälschlich auf eine reine Ergebniskontrolle am Ende eines Projekts reduziert, sollte aber den gesamten Projektentwicklungsprozess begleiten, insbesondere die oft zu knapp bedachte Antrags- und Konzeptphase. Zweitens sei die Frage nach Wirkung an ihren Verwendungskontext gebunden, entscheidend sei, von wem und mit welchem Interesse sie gestellt werde. Politische Akteure hätten oft ein instrumentalisiertes Wirkungsverständnis. Wo die Wirkungsfrage rein taktisch motiviert ist, stoße methodische Qualität an ihre Grenzen und es sei eine politische statt einer rein methodischen Antwort notwendig.

 

Ein Praxisbeispiel aus dem Jugendaustausch

Dr.in Elizaveta Firsova-Eckert stellte anschließend eine im Rahmen ihrer Promotion durchgeführte Studie zum deutsch-israelischen Jugendaustausch vor. Sie ging darin der Frage nach, welche Wirkungen die Teilnahme an einem solchen Austausch auf die Auseinandersetzung Jugendlicher mit dem Nahostkonflikt hat. Während der Nahostkonflikt im Schulunterricht kaum systematisch behandelt werde, sei die Auseinandersetzung damit im Rahmen eines Jugendaustauschs möglich. Das Feld ist bislang jedoch wenig erforscht, auch weil sich der Austausch nur schwer als Forschungsgegenstand eingrenzen lässt. Die Studie wählte deshalb ein breit angelegtes, quantitatives Vorgehen und befragte 259 ehemalige Teilnehmende. Erstens ging es darum, wie differenziert die Jugendlichen den Nahostkonflikt verstehen. Dazu antworteten sie auf eine offene Frage, was sie unter dem Konflikt verstehen. Die Antworten wurden Stufen zugeordnet, etwa danach, ob nur eine oder mehrere Perspektiven berücksichtigt wurden. Zweitens wurden Perspektivübernahme, drittens israelbezogener Antisemitismus und viertens die Beschäftigung mit dem Thema außerhalb der Schule erfasst.

Die Teilnehmenden unterschieden sich von einer statistisch optimierten Vergleichsgruppe aus Interessent*innen (ohne Teilnahme) in mehreren der untersuchten Dimensionen. Das Verständnis des Nahostkonflikts war bei den Teilnehmenden differenzierter als in der Vergleichsgruppe, antisemitische Ressentiments gingen zurück und die Jugendlichen setzten sich nach dem Austausch häufiger aus eigenem Antrieb mit dem Thema auseinander. Weniger eindeutig fiel das Ergebnis bei der Perspektivübernahme aus, die mit Blick auf die israelische Seite deutlicher gelang als auf die palästinensische. Bei Austauschbegegnungen mit vielen begleitenden Maßnahmen wie Vor- und Nachbereitung fielen die positiven Effekte stärker aus. 


Die Diskussion

Die nachfolgenden Gespräche schlossen an die Inputs an und hatten vier Schwerpunkte.

  1. Zuerst wurde erörtert, welche Belastbarkeit Aussagen zu Wirkungen haben müssen. Experimentelle Designs seien in der politischen Bildung grundsätzlich anwendbar, im Feld ließen sich Störfaktoren jedoch nur begrenzt kontrollieren. So erzielte in einem Beispiel aus der Unterrichtsforschung eine begleitete Kontrollklasse höhere Lernzuwächse als die Interventionsklasse, weil ein Lehrkraftwechsel das Klassenklima verbessert hatte. Zugleich wurde bezweifelt, dass für die Anliegen der Praxis stets Repräsentativität erforderlich ist. Auch nicht repräsentative Studien könnten Trägern Hinweise für die Gestaltung ihrer Angebote geben. Ein Vorher-Nachher-Vergleich gewinne an Aussagekraft, wenn er auf einer Theorie beruhe, die alternative Erklärungen berücksichtige.
  2. Anschließend wurde diskutiert, wofür die Ergebnisse einer Wirkungsuntersuchung verwendet werden sollen. Wirkungsforschung dient dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, ihre Ergebnisse stehen daher zunächst in keinem unmittelbaren Verwendungszusammenhang. Eine Evaluation hingegen bereitet eine konkrete Entscheidung vor. Sie muss deshalb Aussagen treffen, die dafür relevant sind, und sich an der Frage ausrichten, wer mit den Ergebnissen was entscheiden will. Aus dem Verwendungszweck ergibt sich somit, welche Aussagen eine Untersuchung leisten soll. Betont wurde zudem, dass Zweck und Nutzen einer Evaluation unter allen Beteiligten auszuhandeln sind, wie es auch die Standards der DeGEval – Gesellschaft für Evaluation e.V., vorsehen. Aufseiten der Auftraggeber sei dieses Bewusstsein jedoch häufig wenig ausgeprägt.
  3. Der Einfluss von Förderlogiken auf die Praxis war ein weiterer Schwerpunkt. So sei es mangels wissenschaftlicher Erkenntnisse schwierig, Wirkungsannahmen zu validieren oder überzogene Wirkungserwartungen zurückzuweisen. Trägern fehlten meist die Ressourcen, Wirkungsannahmen fundiert selbst zu entwickeln, sodass Anträge teils überzogene Versprechen enthalten.
  4. Abschließend wurde diskutiert, unter welchen Bedingungen externe Evaluationen der Praxis nützen.. Einigkeit bestand in dem Wunsch, dass sich Evaluation nicht nur auf die Frage beziehen sollte, welche Wirkungen feststellbar seien, sondern auch, wie diese Wirkungen zustande kommen. Außerdem wurde der Wunsch geäußert, dass Evaluationen in Zusammenarbeit von Zuwendungsgebern und Zuwendungsnehmern durchgeführt werden sollten. Die Herausforderung sei es dann, die Interessen der Zuwendungsgeber nach Kontrolle und die der Träger nach Qualitätsentwicklung zu vereinen.

 

Fazit und Perspektiven

Als Ergebnis des Fachforums wurde deutlich, dass eine gegenstandsangemessene Wirkungsforschung für die nonformale politische Bildung keine ausschließlich methodische, sondern immer auch eine strategische und politische Aufgabe ist. Sie erfordert, externe Anforderungen aus Politik und Verwaltung offen zu adressieren und die jeweils relevanten Akteure mit passenden Argumenten zu erreichen. Zugleich sollte Wirkungsforschung stärker proaktiv aus den Bedarfen und Interessen der Praxis heraus gestaltet werden, statt vor allem auf äußere Anforderungen zu reagieren. Dafür gilt es, in der Praxis wie bei Fördermittelgebenden ein stärkeres Bewusstsein zu schaffen.
Die Erkenntnisse aus diesem und einem weiteren Fachforum („Was wirkt wie? Wirkungsforschung in der politischen Bildung auswerten") werden in zwei Working Paper einfließen. 2027 widmet sich die Fachstelle politische Bildung dem Thema Evaluation und setzt damit die begonnene Diskussion fort.

 

Zum Weiterlesen

  • Analysepapier „Gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation in Demokratieförderung und nonformaler politischer Bildung. Eine fachliche Einordnung am Beispiel des Bundesprogramms ‚Demokratie leben!‘“ (Lang- und Kurzfassung)
    Bericht zum Fachforum „Was wirkt wie? Wirkungsforschung in der politischen Bildung auswerten“ mehr lesen
  • Analyse: Grundlagenforschung zur Praxis nonformaler politischer Bildung. Bestandsaufnahme, Forschungslücken und Lernpotenziale (Lang- und Kurzfassung sowie eine Literaturliste) mehr lesen
  • Literatur zu empirischer Forschung und Evaluation nonformaler politischer Bildung mehr lesen
  • Übersicht zu Veröffentlichungen aus der Arbeit von Transfer für Bildung e.V. mehr lesen

 

Bereich: