„Raus aus dem Kämmerlein, rein in den Dialog." Interview mit Kerstin Hübner zu Grundlagenforschung Kultureller Bildung

Portraitfoto zeigt Kerstin Hübner.

Kerstin Hübner (Foto: privat)

Die „Fachstelle politische Bildung – Wissens-Hub“ arbeitet daran, Forschung „im eigenen Interesse“ der nonformalen politischen Bildung zu stärken. Im Austausch mit benachbarten Praxisfeldern möchten wir von deren Erfahrungen und Strukturen lernen. Die Kulturelle Bildung verfügt über etablierte Forschungsstrukturen und eine längere Tradition der systematischen Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis. Daher haben wir mit Kerstin Hübner gesprochen. Sie koordiniert das IU Research Center Kulturelle Bildung und Digitalität sowie das Netzwerk Forschung Kulturelle Bildung und ist Redaktionsleitung bei kubi-online, der Wissensplattform für Kulturelle Bildung. Mit ihrer Expertise kann sie einen fundierten Einblick in die Forschungslandschaft Kultureller Bildung geben.
 

Fachstelle politische Bildung (FpB): Was zeichnet die Forschungslandschaft im Feld der Kulturellen Bildung aus?

Kerstin Hübner (KH): Kulturelle Bildung umfasst unterschiedliche Konzepte: Kinder- und Jugendkulturarbeit, ästhetische Bildung, musische Erziehung, Kunst- und Kulturvermittlung, Kulturarbeit in der Sozialen Arbeit, Kulturpädagogik, Kulturgeragogik, kulturelle Erwachsenenbildung, Kulturelle Teilhabe und vieles mehr. Es gibt also unterschiedliche Kontexte und Leitbegriffe, mit und in denen Kulturelle Bildung ermöglicht wird und die entsprechend beforscht werden können. Eine je eigene Forschungstradition bringen zudem die verschiedenen künstlerischen Sparten mit, die den Künstebegriff unterschiedlich interpretieren und den jeweiligen Kulturbezug sehr verschieden fassen.

Eine weitere klassische Unterscheidung ergibt sich aus der Beforschung informeller, non-formaler und formaler Settings oder aus unterschiedlichen konzeptionellen Ansätzen – z. B., ob der Zugang zu ästhetischen, künstlerischen und kulturellen Ausdrucksformen eher selbsttätig-kreativ, eher systematisch-rezeptiv oder eher verstehend-kommunikativ ist. Auch spielen für die Forschung verschiedene Traditionslinien eine Rolle, ich nenne hier emanzipatorische Bildung im Gegensatz zu musischen Leitkonzepten als ein Beispiel.

All das braucht unterschiedliche Forschungsperspektiven und -methoden. Entsprechend heterogen sind die Bezugsdisziplinen dieser Forschungslandschaft: Ganz zentral sind die Bildungswissenschaften, Kulturwissenschaften und die verschiedenen Künste mit ihren Wissenschaften. Forschung kommt aber auch aus der Ethnologie und Anthropologie, der Soziologie und Psychologie, den Medienwissenschaften oder der Sportwissenschaft. Vielleicht lässt sich für diese diverse Forschungslandschaft noch sagen, dass sie eher qualitativ als quantitativ forscht.

 

FpB: Wie schätzen Sie die Grundlagenforschung zur Kulturellen Bildung ein? Was verstehen Sie darunter?

KH: In den letzten 40 Jahren hat sich Kulturelle Bildung, parallel zur dynamischen Praxisentwicklung, professionalisiert und akademisiert: Studiengänge sind entstanden, Lehrstühle wurden implementiert, Theoriebildung vorangebracht. Das sind wichtige Grundlagen für Forschung. Dennoch zeigt sich diese Theorieorientierung in den unterschiedlichen Forschungsfeldern sehr divers und als längst nicht vollständig. Hervorzuheben ist insbesondere, dass die historischen Grundlagen, die sich implizit in viele aktuelle Verständnisse Kultureller Bildung eingeschrieben haben, noch wenig aufbereitet und reflektiert sind – sowohl in ihren kritischen Dimensionen als auch in ihrer zum Teil hochaktuellen Bedeutung.

Spätestens seit dem Bildungsbericht 2012 mit dem Schwerpunkt Kulturelle Bildung weiß nicht nur die Forschungscommunity Kultureller Bildung, sondern die Bildungsforschung insgesamt: System- und Strukturwissen zur Kulturellen Bildung – bezogen auf Träger, Angebote oder Professionalisierung – existiert eher in Form eines Flickenteppichs mit vielen Löchern. Dieses Wissen ist zudem stark davon abhängig, welche Definition Kultureller Bildung forschungsleitend ist, d. h. welche Akteur*innen und Praktiken ein- und welche ausgeschlossen werden. Hier hat das Projekt „Indikatoren für Kulturelle Bildung“ des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) wichtige Definitionsarbeit geleistet (Abschlusspublikation). Die Datenerfassung scheitert dann aber spätestens daran, informelle Settings Kultureller Bildung oder soziokulturelle und jugendkulturelle Praktiken mit abbilden zu können. So begrenzt sich die Grundlagenforschung v. a. auf formale und non-formale angebotsstrukturierte Kontexte. Praxiskonzeptionen und Prozessfragen Kultureller Bildung werden aktuell vor allem empirisch in Tiefenbohrungen erforscht, die für sich einzeln sehr erkenntnisreich sind, aber Grundlagen eher in Ansätzen hervorbringen. 

Eine weitergehende grundlegende Forschungsfrage wäre, was der gemeinsame Kern kultureller Bildungsprozesse ist. Naheliegend ist, dass die ästhetische Erfahrung als ein solcher Kern genutzt werden könnte. Man würde damit fragen, wie sich ästhetische Erfahrung als Bildungsmoment, als Grundlage für Bildungsprozesse überhaupt erforschen lässt – das entzieht sich jenseits theoretischer Herleitungen bisher weitestgehend der Beschreib- und Verbalisierbarkeit. Daran anschließend ließe sich differenzieren, inwiefern sich dieser Bildungsmoment in den unterschiedlichen kulturellen Praktiken ähnelt oder eben nicht. Ähnlich ließen sich „Leiblichkeit“ oder „Ambiguität“ – d. h. die spezifischen Bildungsqualitäten, die Kultureller Bildung zugeschrieben werden – auf ihre grundlegenden Dimensionen hin prüfen.

 

FpB: Welche Rolle spielt Grundlagenforschung im Vergleich zu anderen Forschungsformen wie Wirkungsforschung oder Evaluation?

KH: Grundlagenforschung hatte und hat es förderpolitisch schwer, auch wenn die Forschungslücken und das Interesse von Forschenden groß sind. Hier wird sich Kulturelle Bildung kaum von anderen Feldern unterscheiden.

Im Zuge des Booms Kultureller Bildung, wie wir ihn nach der Jahrtausendwende im Nachgang der PISA-Studie erlebt haben, rückte die kultur- und bildungspolitische Legitimation stark in den Fokus und mit ihr nicht nur die Wirkungsforschung, sondern vielmehr die Transferforschung. Man denke nur an den Slogan „Musik macht schlau“, auf den die bekannte Bastian-Studie verkürzt wurde (Informationen zur Studie u.a. auch hier). Auch die zahlreichen Förderprogramme sollten in dieser Zeit ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen und wurden entsprechend evaluiert. Das hat das Forschungsfeld sehr bewegt, aber auch frühzeitig viel Kritik herausgefordert. 

Zwei Richtungen werden aktuell aus meiner Sicht besonders stark angegangen: Die eine ist, das Feld der Kulturellen Bildung und Teilhabe durch quantitative Methoden genauer zu vermessen – soziodemografisch und strukturell. Ich denke hier an die deutschlandweite Panelstudie „Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland“ an der Universität Mainz oder das Institut für kulturelle Teilhabeforschung in Berlin. Die andere Richtung bleiben die qualitativen Tiefenbohrungen, die Grundlagenforschung ein wenig unter dem Deckmantel der Praxisforschung verstecken, aber wichtige historische und theoriebildende Dimensionen aufgreifen oder zusehends Zusammenhänge zwischen Mikro-, Meso- und Makroebene herstellen.
 

FpB: Welches Wissen aus der Grundlagenforschung hatte Einfluss auf weitere Forschung und ggf. auch Praxis?

KH: Ich kann das nur exemplarisch und möglichst konkret beantworten: Bereits frühzeitig – ich hebe die beiden Jugend-KulturBarometer hervor – wurde der Teilhabe-Anspruch beforscht und von Anbeginn mehr als kritisch beantwortet (1. Jugend-KulturBarometer | 2. Jugend-KulturBarometer). Daran hat sich, das gehört zur Wahrheit und das zeigen unterschiedlichste Forschungsdaten und -perspektiven, in den letzten 20 Jahren wenig verändert: Trotz diskriminierungssensibler und partizipativer Auseinandersetzungen in Praxis und Forschung und trotz zahlreicher erfolgreicher Konzepte gelingt es nicht, kulturelle Teilhabe flächendeckend zu verbessern. Gesellschaftliche und systemische Zusammenhänge bleiben sehr wirkmächtig und es braucht auf all diesen Ebenen einen langen Atem. Das nimmt Praxis und Forschung bezogen auf die eigenen Teilhabe-Ansprüche und -Konflikte nicht aus der Pflicht. Indem wir beispielsweise mit einem Begriff wie „Kultur“ arbeiten, befinden wir uns automatisch in einem Spannungsfeld: Machtkritik auf der einen, Kulturkampf auf der anderen Seite.

Auch die Forschung zu den Spannungsfeldern, wie sie sich z. B. in der Positionierung von Kultureller Bildung und Künsten im schulischen Kontext ergeben hat, erachte ich als sehr grundlegend. Diese hebt hervor, dass sich die Institution Schule und die Prinzipien Kultureller Bildung scheinbar unvereinbar gegenüberstehen. Das Interessante ist, dass die Forschung unterschiedliche Strategien zu dieser Unvereinbarkeit aufzeigt: Konflikt, Irritation, Reibung einerseits bis hin zu Anpassung, Unterordnung, Vereinnahmung andererseits. Zwischen diesen Polen verortet sich „institutionelle Transformation der Schule“ quasi als Option, dieses Spannungsfeld zu lösen. Das regt natürlich die Fachdebatte an, weil hier Forschung sehr grundlegende Problematiken systematisiert, die gesellschaftlich relevant sind: Welche Bildung wollen wir in Schule?

 

FpB: Wo sehen Sie nach wie vor weitere Wissenslücken?

KH: Ich habe diese bereits angerissen, deshalb hier der Blick auf bestimmte Felder: Je „kleiner“ oder „jünger“ die Sparte, desto weniger eigene Grundlagenforschung hat sie und desto weniger wird sie in der übergreifenden Grundlagenforschung gesehen. Das trifft z. B. auf die Zirkuspädagogik oder die baukulturelle Bildung zu. Je weniger Sichtbarkeit sie hat, desto irrelevanter wird sie eingeschätzt – eine Abwärtsspirale. Dabei sind die Träger und Konzepte dieser Sparten oft besonders agil oder innovativ. Grundlagenforschung würde hier bedeuten, für mehr Ausgleich zu sorgen.

Schaue ich auf die sogenannten Adressat*innen, würde ich sagen: Angebotsstrukturen für Kinder und Jugendliche im Schulalter sind ganz gut erforscht, zunehmend auch für Kinder bis sechs Jahren. Unbedingt zu entwickeln wäre Forschung für Erwachsene und zur Kulturarbeit im Alter – auch wenn es hier Ansätze gibt. Und an biografischer Forschung über den Lebenslauf hinweg, die vor 15 Jahren durchaus in den Fokus rückte, mangelt es. Interessant an diesem Altersgruppen-Fokus ist zudem, dass der Blick auf Rollen als „Adressat*innen“ oder gar „Nutzer*innen“ gelenkt wird, die Menschen also weniger in ihrer Subjektposition mit eigenen Bedürfnissen und kulturellen Ausdrucksformen gesehen werden. Das führt unmittelbar zu einer weiteren Leerstelle: Wir wissen zu wenig über informelle Praktiken und Kontexte Kultureller Bildung!

Während sich die Forschung mit Bezug zu Bildungs- und Kulturwissenschaften gut entwickelt hat, sind andere relevante Felder in der Beforschung Kultureller Bildung unterrepräsentiert, obwohl in ihnen ästhetische und kulturelle Praxis weit verbreitet ist und sie ganz eigenständige Forschungsperspektiven einbringen könnten. Das betrifft z. B. die Jugend(arbeits)forschung, die Zivilgesellschaftsforschung oder die Forschung in der Sozialen Arbeit, auch wenn sich Letztere gerade etabliert.

Eine Leerstelle, die grundlagenforschend noch untersetzt werden muss, stützt sich auf neuere Theorien, die globale Dynamiken und Denkweisen mit dem Präfix „Post“ verbinden: Postkolonialität, Postdigitalität, Postdemokratie, Posthumanismus. Hier nehme ich die kulturelle Bildungsforschung sehr aufgeschlossen wahr, auch in Hinsicht darauf, Theorien in Grundlagenforschungszusammenhänge zu übersetzen und sie in ihrer Praxisrelevanz zu untersuchen.
 

FpB: Welche Strukturen ermöglichen Grundlagenforschung, und gibt es spezielle Förderprogramme oder institutionelle Verankerungen?

KH: Die Phase der öffentlichen und Stiftungsförderung für Wirkung und Evaluation ist durch Einzelfallstudien abgelöst worden, die uns etwas über sehr spezifische Strukturen und Prozesse Kultureller Bildung verraten. Eine übergreifende Grundlagenforschung bleibt im deutschsprachigen Raum die Ausnahme und ist vom Engagement der einzelnen Forschenden und Hochschulen abhängig. Nicht unerwähnt lassen möchte ich einige Ausnahmen: Die Förderrichtlinien des Bundesbildungsministeriums zur Kulturellen Bildung tragen entscheidend zur Systematisierung bei. Weil sie in der empirischen Bildungsforschung verortet sind, ermöglichen sie Anschlüsse zu weiteren Grundlagenforschungen. Und: Jede Forschungsrichtlinie hat mittlerweile ein Meta-Vorhaben, aus dem Meta-Forschungsstudien und -erkenntnisse hervorgehen.

Wichtig waren und sind auch jene Impulse, die aus internationaler Vernetzung und internationalen Forschungsprojekten hervorgehen, auch wenn sich Verständnisse und Rahmenbildungen Kultureller Bildung kaum vergleichen lassen.

 

FpB: Welche Rolle spielen dabei das Netzwerk Forschung Kulturelle Bildung und Plattformen wie kubi-online?

KH: Das Netzwerk Forschung Kulturelle Bildung ist ein informeller Zusammenschluss von Forschenden. Es bietet Plattformen für fachlichen Austausch, insbesondere zu gegenstandsadäquaten Forschungsmethoden und zur Verknüpfung von Forschungserkenntnissen. Man könnte sagen: „Raus aus dem Kämmerlein und rein in den offenen Dialog.“ Mir erscheint insbesondere die gemeinsame Suchbewegung nach Forschungsmethoden, welche die vielfältigen Forschungsgegenstände Kultureller Bildung erfassen und beschreiben können, wesentlich. Wenn man so will, ist das auch Grundlagenforschung, nämlich die methodologische.

Ähnlich wie das Netzwerk hat kubi-online sehr wenig personelle Ressourcen und lebt vom ehrenamtlichen Engagement von Wissenschaftler*innen und Multiplikator*innen. Die Plattform generiert keine eigene Forschung, bringt sich aber mit einer jährlichen Tagung in den Diskurs ein. Sie hat sich dem Wissenstransfer im Sinne einer Online-Bibliothek verschrieben, die sich stets erweitert. Die dort veröffentlichten fachwissenschaftlichen Beiträge präsentieren Forschungsergebnisse, Qualifizierungsarbeiten, Theoriediskurse und reflektive Praxis. Es geht darum, Zugänglichkeit zu Wissen zu unterstützen und durch einen interdisziplinären Charakter die Vielfalt Kultureller Bildung nicht nur sichtbar zu machen, sondern fachliche und professionelle Weiterentwicklungen zu fördern.

Beide Formate haben sich dem Wissenstransfer verschrieben und zeigen dabei schnell nicht nur die Potenziale, sondern auch die Grenzen von Wissenstransfer auf. Sie sind stark aus der Perspektive der Fachwissenschaft strukturiert und nicht aus der Logik von Strukturen und Praxis Kultureller Bildung. Das Projekt „Wissenstransfer in der Kulturellen Bildung“ (WITRA KuBi, Bundesakademie Wolfenbüttel und IU Internationale Hochschule) hat verdeutlicht, dass es ergänzend ganz anderer Formate bedarf, um unterschiedliche Disziplinen und Akteur*innen nicht nur miteinander sprachfähig zu machen, sondern Erkenntnisse füreinander fruchtbar zu machen oder idealerweise gemeinsame Vorhaben zu konturieren. Solche Formate beruhen auf konkreter persönlicher Begegnung, Moderation und Beratung, zeitlichen und personellen Ressourcen.

 

FpB: Was verhindert oder erschwert Grundlagenforschung zur Kulturellen Bildung?

KH: Klar mangelt es an Ressourcen, insbesondere für große und langfristige Vorhaben. Das ist die kurze Antwort. Wenn ich es von der Finanzierungsfrage wegrücke, kommen aber die konzeptionellen und strukturellen Herausforderungen wieder zum Vorschein. „Vielfalt ist unser Programm“, das sagen sowohl Forschung und Praxis als auch Politik zur Kulturellen Bildung. Kann aber Vielfalt eine Grundlage sein, die sich beforschen lässt? Oder umgekehrt: Gibt es überhaupt gemeinsame Grundlagen, auf die man sich verständigen kann, und sind diese dann so spezifisch, dass sie mit Forschungsfragen untersetzt werden können? Ich denke nur an den Kulturbegriff und das Bildungsverständnis, die immer wieder zu Grundsatzdebatten führen, aber das Forschungsfeld eben auch wach und lebendig halten. Ein Ansatz könnte hier sein, zunächst in Meta-Forschung zu investieren, die zur Systematisierung der Landschaft und ihrer Grundlagen beiträgt. Dazu gab es bereits vor gut zehn Jahren wesentliche Ergebnisse im Projekt „Forschung zur Kulturellen Bildung in Deutschland: Bestand und Perspektiven“ an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) in Erlangen. Hier können wir übrigens von der politischen Bildung und der Fachstelle politische Bildung lernen. 

Und natürlich ist die Forschung in der Kulturellen Bildung bei aller Kollegialität nicht frei vom Ringen um Deutungshoheiten und um die Durchsetzung eigener Forschungsparadigmen. Ein gemeinsames Interesse an Grundlagen zu bilden, das Einzelinteressen aus Sparten, Bezugsdisziplinen, Konzeptionen und Kontexten überwindet und zugleich einbindet, wäre unbedingt notwendig und lohnenswert, aber eben nicht konfliktfrei.

Nennen möchte ich zudem, dass wir bei der Überwindung struktureller Hürden oft horizontal denken. Barrieren und Logiken unterschiedlicher Sparten, Bezugsdisziplinen, Konzeptionen aufzudecken und zu überwinden, ist komplex genug. Strukturelle Barrieren gibt es aber auch vertikal zwischen Mikro-, Meso- und Makroebene: Das bezieht sich zum einen auf Forschungsprozesse: Was ist gesellschaftlich anerkannt bzw. wird (forschungs-)politisch gefordert und gefördert (Makroebene), auf welche organisationalen Logiken und Konzepte trifft das bei den Akteur*innen (Mesoebene), und was können wir bezogen auf die konkreten Prozesse und Interessen von Adressat*innen überhaupt erforschen (Mikroebene)? Und wie verorten sich Forschende „dazwischen“ oder „daneben“? Andererseits wäre der Zusammenhang zwischen den vertikalen Strukturebenen selbst eine spannende Grundlagenfrage, die aber sehr wenig in den Blick genommen wird: Wie sind kulturelle Bildungsprozesse (Mikro) von den individuellen Adressierungen, den institutionellen Kontexten (Meso) und zusätzlich den politischen und gesellschaftlichen Prägungen (Makro) bestimmt?
 

FpB: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Forschenden und Praktiker*innen im Feld der Kulturellen Bildung?

KH: Ich befürchte, hier verhält es sich ganz ähnlich wie in der politischen Bildung. Prägend sind einerseits Hierarchisierungen, die das akademische oder durch Forschung generierte Wissen höher bewerten als das Praxiswissen. Das gilt es aufzubrechen. Zugleich gerät die Praxis zunehmend unter Druck: weniger Ressourcen bei noch mehr Aufgaben, vulnerable Strukturen, prekäre Arbeitsverhältnisse, Rechtsruck. Die Praxis zeigt zwar Interesse an Forschung und Auseinandersetzung, muss entsprechende Räume aber meist on top schaffen. Insbesondere bei der Grundlagenforschung stellt sich dann schnell die Frage, inwiefern sie für Praxis einen unmittelbaren Mehrwert hervorbringt.

Es gibt aber eine Perspektive, die uns vielleicht von anderen Feldern unterscheidet. Es gibt nämlich sehr enge Verknüpfungen zwischen Forschung und Praxis. Im Netzwerk Forschung Kulturelle Bildung vernetzen sich beispielsweise viele Forschende, die selbst Praktiker*innen sind bzw. in ihrer Forschung unmittelbaren Praxisbezug haben. Mit Sicherheit hängt das auch mit der hohen Praxisorientierung vieler Studiengänge der Kulturpädagogik, der Kulturvermittlung, des Kulturmanagement, der Sozialen Arbeit zusammen, in welchen die Forschenden als Lehrende wirken. Noch weiter gehen Ansätze, welche explizit darauf zielen, Binaritäten – Forschung hier, Praxis da – fluide zu gestalten oder zu überwinden. Ich denke da an das Konzept der künstlerischen oder ästhetischen Forschung, die künstlerische und wissenschaftliche Methoden zusammenbringt. Dieser Ansatz wirkt in zwei Richtungen. Er bezieht einerseits forschende Methoden in die künstlerische und ästhetische Arbeit ein – Forschungsfragen werden in kulturellen Bildungsprozessen generiert, Erkenntnisse gewonnen und präsentiert, Teilnehmende sind also Forschende. Andererseits nutzt das Konzept künstlerische Methoden zur Wissensgenerierung. Das ist deswegen für Forschungspraxis interessant, weil sich viele Erfahrungen und Erkenntnisse in Bildungsprozessen nicht verbalisieren lassen.

 

FpB: Was kann die politische Bildung von der Forschungslandschaft der Kulturellen Bildung lernen?

KH: Statt ein Fazit zu ziehen, möchte ich Dinge einbringen, die bisher nicht genannt wurden. Durch das Paradigma der Vielfalt ergibt sich eine grundsätzliche Offenheit für und Neugier auf „andere“ Forschungskontexte mit ihren Theorien und Methoden. Selbst wenn es einen „Kern“ kultureller Bildungsforschung geben sollte, sind die Ränder unbestimmt bzw. werden immer neu verhandelt. Hier möchte ich ein Potenzial Kultureller Bildung aufgreifen, jenes der Ambiguität.

Auch nehme ich in der Beforschung Kultureller Bildung keinen Fokus auf Didaktik oder Unterricht wahr. Kulturelle Bildungsforschung beschäftigt sich natürlich mit dem künstlerischen Fachunterricht, aber eben auch mit außerunterrichtlichen Räumen und kultureller Schulentwicklung. Und es gibt ein deutliches „Jenseits von Schule“, ein Erschließen der Räume kultureller Praktiken im Alltag. 

Ganz interessant erachte ich zudem, wie stark Forschende in der Kulturellen Bildung ihre Suchbewegungen transparent machen. Sie wählen offene Methodologien im Sinne der Grounded Theory, adaptieren und revidieren ihre Methoden. Aber sie reflektieren nicht nur ihre Methoden, vielmehr sich selbst, indem sie ihre Forschungshaltung und -involviertheit, ihre impliziten Präkonzepte zu Kultureller Bildung und ihre konkreten Einflüsse auf Ergebnisse und deren Interpretation zum Gegenstand selbst machen. Denn selbstverständlich sind Methoden und Forschende nicht neutral, sondern prägen die Perspektiven auf und die Ergebnisse über Kulturelle Bildung mit und „erzählen“ das Feld Kultureller Bildung auf ihre Weise.
 

 

 

Veröffentlicht am 17.04.2026
 

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