Dr. Marcel Grieger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Empirische Bildungsforschung mit dem Schwerpunkt Schul- und Unterrichtsforschung an der Universität Göttingen. Er hat eine digitale Landkarte der gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Integrationsfächer erstellt. Im Interview gibt er Einblick in aktuelle Forschungsprojekte zu gesellschaftlichen Integrationsfächern. Im Bereich politischer Bildung sieht er Forschungsbedarf zu den Auswirkungen fachfremden Unterrichts auf das Wohlbefinden von Lehrkräften sowie zu Angebot und Nutzung von Lehrkräftefortbildungen.
1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?
Derzeit leite ich das DFG-geförderte Projekt „Ursachen und Effekte des Umgangs mit Herausforderungen beim fächerübergreifenden Unterrichten in gesellschaftswissenschaftlichen Verbundfächern (FUGEV)“. Im Mittelpunkt steht eine deutschlandweite Befragung von Lehrkräften, die in sogenannten Integrationsfächern wie Gesellschaftswissenschaften unterrichten. Parallel dazu untersuche ich im niedersachsenweiten Projekt „Professionalisierung durch Kooperation im Integrationsfach Gesellschaftslehre (PROKIG)“, inwiefern Lehramtsstudierende der Fächer Geografie, Geschichte und Politik bei der Planung fächerübergreifender Unterrichtsreihen zusammenarbeiten würden. Zuvor habe ich eine digitale Landkarte der gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Integrationsfächer erstellt. Seit Juli 2025 betreibe ich zudem auf Twitch einen Kanal zur Wissenschaftskommunikation, in dem ich wöchentlich Themen der (Politik-)Lehrkräftebildung aufgreife. Alle Veröffentlichungen und Vorträge sind auf meiner Homepage einsehbar.
2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein?
Politische Bildung findet nicht nur in Fächern wie Politik/Wirtschaft oder Sozialkunde statt, sondern in zwölf Bundesländern auch in Integrationsfächern, die Geschichte und Geografie einbeziehen. Studien zeigen, dass sich Politiklehrkräfte bei fachfremden Inhalten oft als weniger kompetent einschätzen. Doch Fachfremdheit ist mehr als ein fehlender Abschluss: Eine ausgebildete Geschichtslehrkraft mit lokalpolitischer Erfahrung und geografischem Interesse, die sich im Kollegium als Teil des Teams wahrnimmt, gestaltet vermutlich einen anderen Unterricht als eine Politiklehrkraft ohne Bezüge zu Geschichte und Geografie, die sich ausschließlich auf politikdidaktische Fortbildungen konzentriert. Formal wäre beider Unterricht in Integrationsfächern „fachgerecht“, da beide ein integriertes Fach studiert haben. Entscheidend ist jedoch, wie sich Lehrkräfte über ihren Abschluss hinaus fachlich identifizieren – ein Prozess, der bis zu 40 Berufsjahre prägt. Daher plädiere ich dafür, die Reflexion der fachlichen Identität und die Förderung von Kooperationskompetenzen bereits im Lehramtsstudium systematisch zu verankern.
3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?
Aus großangelegten Studien wie dem Bildungstrend des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) oder dem Deutschen Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung wissen wir, dass Faktoren wie Schüler*innenverhalten, Heterogenität, Arbeitsintensität und große Klassen Lehrkräfte unabhängig vom Unterrichtsfach belasten. Wie fachfremder Unterricht zusätzlich das Wohlbefinden beeinflusst, ist dagegen weniger erforscht. Besonders im Politikunterricht, der durch kontroverse Diskussionen geprägt ist, zeigen sich Unsicherheiten bei Lehrkräften ohne Lehrbefähigung, was zu einer stärkeren Vermeidung kontroverser Themen führt, wie die jüngste ICCS-Studie gezeigt hat. Solche Situationen können nicht nur kurzfristig belastend sein, sondern langfristig beanspruchend werden.
4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?
Niemand kann allein alles wissen. Fachfremdheit bietet daher sowohl für Lehrkräfte als auch für Wissenschaftler*innen Lernpotenziale, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Gemeinsames Lernen setzt voraus, dass ein Zugehörigkeitsgefühl zur gesellschaftswissenschaftlichen Community sowie eine gemeinsame Fachsprache vorhanden sind. Zudem ist es entscheidend, zu verstehen, wie andere Disziplinen Wissen generieren, beispielsweise durch die Arbeit mit Quellen und Darstellungen in der Geschichtswissenschaft oder durch die Re- und Dekonstruktion gesellschaftlicher Narrative. Wie Wolfgang Sander treffend beschreibt, eilt die Praxis in Integrationsfächern der Theorie oft voraus, sodass die alltäglichen Gestaltungsstrategien von Lehrkräften für fächerübergreifenden Unterricht eine unschätzbare Wissensquelle darstellen.
5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?
Praktische Einblicke aus Integrationsfächern wie Gesellschaftslehre oder Sachunterricht sind für meine Forschung besonders wertvoll, da mir diese Perspektive im akademischen Alltag oft fehlt. Gern stehe ich für Austausch zu meinen Forschungsschwerpunkten zur Verfügung, insbesondere zu fachfremdem Unterricht, Lehrkräftekooperation oder der Rolle von Identität in der Professionalisierung.
Veröffentlicht am 07.04.2026
Zum Weiterlesen
- Sie finden Dr. Marcel Grieger in der Landkarte der Forschung zur politischen Bildung.
- „Von der äußeren Organisationsform eines Unterrichtsfachs auf dessen Wirksamkeit zu schließen, greift zu kurz.“ Fünf Fragen an Marcel Grieger (2025) mehr lesen