„An Orten wirksam werden, an denen sich Menschen aufhalten" – Interview zum Projekt „Allzeitorte“

Portraitfoto von Barbara Bichler

Barbara Bichler, Bundesverband Soziokultur e.V. (Foto: © Anita Back)

Portraitfoto Andreas Klee

Prof. Dr. Andreas Klee, Uni Bremen (Foto: © Peter Mehlis )

Portraitfoto von Nina Lüders

Nina Lüders, Robert Bosch Stiftung (Foto: © Robert Bosch Stiftung)

Das Kooperationsprojekt „Allzeitorte. Gemeinsam mehr bewegen“ der Robert Bosch Stiftung GmbH und des Bundesverbands Soziokultur e.V. widmete sich innovativen Formaten der Demokratiearbeit an zehn Alltags- und Freizeitorten in ganz Deutschland und wurde von der Universität Bremen wissenschaftlich begleitet. Im Interview mit der Fachstelle politische Bildung geben die Projektbeteiligten Einblick in ihre Erfahrungen.

Ziel des Förderprogramms „Allzeitorte“ war es, dass Akteur*innen der politischen und soziokulturellen Bildung gemeinsam mit Betreiber*innen von Alltags- und Freizeitorten den Mehrwert von Demokratie und Gemeinschaft durch niedrigschwellige Begegnungs-, Gestaltungs- und Austauschangebote erlebbar machen und damit das Vertrauen in demokratische und gesellschaftliche Prozesse stärken.

Gesprächspartner*innen: Barbara Bichler (Bundesverband Soziokultur e.V. / BVS); Nina Lüders (Robert Bosch Stiftung / RBSG); Prof. Dr. Andreas Klee (Universität Bremen)

Interviewer: Fachstelle politische Bildung – Wissens-Hub

 

Das Projekt „Allzeitorte“ im Überblick 

Fachstelle politische Bildung (FpB): Warum brauchen wir Demokratiearbeit / politische Bildung im Friseursalon, am Kiosk oder im Wartezimmer?  

Barbara Bichler (BVS): Demokratie braucht Begegnung, damit Vertrauen aufgebaut, Vorurteile hinterfragt und abgebaut werden. Es braucht eine Arbeit an Orten, an denen sich ganz unterschiedliche Menschen aufhalten, insbesondere für die, die eher weniger mit Angeboten der politischen Bildung erreicht werden und die kaum soziokulturelle Orte oder Kulturzentren besuchen, die Raum für kulturelle Vielfalt und Mitbestimmung aller bieten. 

Nina Lüders (RBSG): Wir wollten mit dem Programm mit Menschen in Kontakt kommen, die sich von politischen Themen nicht mehr angesprochen und nicht gehört fühlen oder ein ambivalentes Verhältnis zur Demokratie aufgebaut haben. Mit der Idee von Allzeitorte wollten wir Menschen dort zusammenbringen, wo sie sich alltäglich aufhalten, und dort Gestaltungsmöglichkeit geben, wo diese Menschen gerne gestalten möchten. Wir hoffen, dass dadurch wieder mehr Menschen Demokratie als etwas Positives erfahren. 

FpB: Was genau geschah im Projekt? Welche Rolle spielten die verschiedenen Akteure?

Barbara Bichler (BVS): Das Besondere und auch Komplexe bei Allzeitorte ist, dass an jedem Ort Trios aus drei Akteur*innen zusammenarbeiten: Betreibende eines Alltagsortes schließen sich mit politischen Bildner*innen und Akteur*innen der Soziokultur zusammen. Sie alle steuern ihre Expertise, ihre Fähigkeiten und ihre Ressourcen bei. Die Akteur*innen aus der politischen Bildung und Soziokultur fungieren als Brückenbauer*innen, die Ideen gemeinsam mit den Menschen vor Ort entstehen lassen können, bei der Umsetzung unterstützen und neue Räume für Demokratiearbeit öffnen – seien es tatsächliche Veränderungen vor Ort oder auch das Etablieren neuer Strukturen, damit in Entscheidungsprozessen mehr Teilhabe aller möglich ist. Die Akteur*innen der politischen Bildung bringen die Expertise mit, politische Prozesse vermitteln zu können und auf kleine, alltägliche Einheiten herunterzubrechen – je nach Kontext, ob im Friseursalon oder im Kleingarten.

FpB: Wie haben Sie aus den vielen Bewerbungen die zehn besten ausgewählt? Worauf haben Sie geachtet?

Nina Lüders (RBSG): Neben einer ausgewogenen Verteilung von Projekten in Ballungszentren und ländlichen Räumen, und bekannteren, typischeren und eher ungewöhnlichen Alltagsorten, kam es vor allem auf die individuelle Idee im Zusammenspiel mit dem spezifischen Ort an. Wichtig war auch, ob es bereits eine Idee gab, wer mit wem vor Ort kooperieren wollte.

Eine siebenköpfige Jury wählte in einem längeren Prozess schlussendlich zehn Projekte für die einjährige Umsetzungsphase aus. 

FpB: Was ist aus wissenschaftlicher Perspektive eine Besonderheit des Projektansatzes? 

Andreas Klee (Uni Bremen): Ein zentrales Strukturmerkmal des Projekts war die bereits erwähnte Arbeit in sogenannten Tridems. An jedem der bundesweit zehn Standorte wurden drei Akteursgruppen zu einem kooperativen Team zusammengeführt: Akteur*innen der politischen Bildungsarbeit, Akteur*innen der Soziokultur und Betreiber*innen des jeweiligen Alltags- oder Freizeitortes.

In der Zusammenarbeit sollte ein bestehender, frequentierter, alltäglicher Ort zu einem Ort des Austauschs und der Demokratie umgestaltet werden. 

FpB: Was wollten Sie mittels dieses neuen Ansatzes über Demokratiearbeit und politische Bildung herausfinden?

Andreas Klee (Uni Bremen): Erfolgreiche aufsuchende politische Bildungsarbeit und soziokulturelle Begegnungsarbeit hängen nicht allein von konzeptionellen Überlegungen ab. Ihr Erfolg ist in hohem Maße durch strukturelle Rahmenbedingungen, zeitliche Ressourcen, partizipative Gestaltungsspielräume und adressatengerechte Zugänge beeinflusst. Der Ansatz, über aufsuchende Bildungs- und Kulturarbeit direkt an den Orten wirksam zu werden, an denen sich unterschiedliche Menschen in ihrem Alltag aufhalten, wurde auf seine Wirksamkeit hin überprüft: Erreichen wir durch diesen Ansatz tatsächlich andere Zielgruppen, die bisher eher weniger angesprochen wurden? Etablieren sich aus dem experimentellen Ansatz heraus neue, tragfähige Kooperationen in der Tridem-Struktur? Sind die Voraussetzungen gegeben, durch den Ansatz gute Voraussetzungen für einen Zuwachs an Demokratiekompetenz der Zielgruppen zu beobachten? 

 

Die wissenschaftliche Begleitung im Detail 

FpB: Wie haben Sie das Projekt wissenschaftlich begleitet? Wie sind Sie vorgegangen?

Andreas Klee (Uni Bremen): Zunächst wurde gemeinsam mit den Projektleitungen und unter Einbeziehung der Perspektive der Akteur*innen an den Allzeitorten ein gemeinsames Qualitätsprofil entwickelt. Es diente als Referenzrahmen für die spätere Erhebung und Bewertung.

In einem gemeinsamen Workshop mit den Projektdurchführenden wurden Meilensteine und konkrete Ziele festgehalten. Durch qualitative Expert*inneninterviews wurden die Erwartungen der beteiligten lokalen Akteur*innen an den Allzeitorten vor Projektbeginn ermittelt. Durch die Wiederholung der problemzentrierten Interviews am Ende der Projektlaufzeit im Sinne eines Pre-/Post-Designs sollten Veränderungsprozesse sichtbar werden.

Im Laufe des Programms wurden qualitative und quantitative Daten erhoben: anhand von regelmäßigen virtuellen Austauschrunden zur Reflektion, durch teilnehmende Beobachtungen, leitfadengestützte Interviews, durch Gespräche mit Projektbeteiligten und Teilnehmer*innen sowie einer Online-Umfrage mit dem Tool mQuestDiary.

FpB: Was waren die größten methodischen Herausforderungen?

Andreas Klee (Uni Bremen): Da es sich um ein experimentelles Programm handelte, dessen Herausforderungen sich in der Praxis zeigten und nicht zu einem Zeitpunkt, an dem die methodischen Zugänge geplant wurden, mussten einige Grundannahmen revidiert werden bzw. konnten in Anbetracht der Kürze des Förderzeitraumes nicht mehr angepasst werden. In aller Kürze: Der Faktor Zeit spielt eine wesentliche Rolle.

FpB: Wie funktionierte die Kooperation zwischen Programmleitung, Praxisakteuren und Wissenschaft? 

Nina Lüders (RBSG): Auf Projektleitungsebene war es eine Kooperation zwischen der Robert Bosch Stiftung und dem Bundesverband Soziokultur, die von einem engen Austausch geprägt war. Die Robert Bosch Stiftung stellte die finanzielle Förderung und koordinierte die Zusammenarbeit mit Andreas Klee und seinem Team sowie einem Projektbüro, das die Kommunikation umsetzte. Der Bundesverband Soziokultur begleitete die zehn Projektstandorte inhaltlich und hatte deshalb tiefen Einblick in die Entwicklungen vor Ort. Neben Projektbesuchen, Telefonaten, Online-Austauschrunden innerhalb jedes Projektes und regelmäßigen Online-Austauschrunden aller Projekte miteinander, gab es auch zwei analoge Netzwerktreffen. Bei den Treffen war die wissenschaftliche Begleitung von Beginn an dabei, regelmäßig tauschten sich wissenschaftliche Begleitung und Programmleitung über den Fortschritt aus. Die wissenschaftliche Begleitung hielt außerdem separat mit jedem einzelnen Projekt Rücksprache. Durch diese gute inhaltliche und persönliche Vernetzung entstand Vertrauen und damit gute Einblicke in die Wirkmöglichkeiten vor Ort. 

 

Erkenntnisse 

FpB: Was haben die jeweils drei Akteur*innen, die in den einzelnen Projekten miteinander kooperierten, anders gemacht, als Sie erwartet hatten?

Barbara Bichler (BVS): Eine der größten Überraschungen war, wie viel insbesondere die Kooperationspartner aus den unterschiedlichen Bereichen durch die Zusammenarbeit lernten – Ambiguitätstoleranz, andere Meinungen und Strategien, einen anderen Umgang mit der Zielgruppe als der seit Jahrzehnten eingeübte. Das war sehr lehrreich. 

FpB: Was war ihr schönster Moment im Projektverlauf?

Nina Lüders (RBSG): Da gab es sehr viele. Von Erkenntnismomenten in offenen Gesprächen mit den Projektdurchführenden bis hin zu Aha-Momenten auf unserer Abschlussveranstaltung und Momente in Projektbesuchen, bei denen man begreift: Da haben Personen, gestützt durch das Projekt, gemeinsam eine politische Forderung formuliert und gestellt – sind also selbst tätig geworden. Eine andere Person hat, angespornt durch den neuen Begegnungsort, zum ersten Mal selbst einen Kuchen für alle gebacken, ist also aktiv für die Gemeinschaft tätig geworden. 

FpB: Was haben Sie über Demokratiearbeit bzw. politische Bildung im Alltag gelernt, was Sie vorher nicht wussten?

Andreas Klee (Uni Bremen): Für mich war es überraschend zu erleben, wie viel Innovationskraft politische Bildung entfalten kann, sobald sie ihr gewohntes Terrain verlässt. Fachleute der politischen Bildung bringen ein breites Repertoire an Perspektiven und Methoden mit. Dieses Potenzial zeigt sich besonders deutlich, wenn sie – wie im Projekt – häufiger und selbstbewusster in Kooperationen mit anderen gesellschaftlichen Akteur*innen eintreten. Solche Allianzen öffnen Räume, in denen politische Bildung neue Formen annimmt und gesellschaftliche Wirkung stärker entfalten kann. 

FpB: Welche Ihrer ursprünglichen Hypothesen haben sich als falsch erwiesen?

Andreas Klee (Uni Bremen): Es hat sich nicht bestätigt, dass sich an allen Orten eine feste Gruppe etabliert, die sich regelmäßig trifft. Dadurch war es an einigen Orten schwierig, die notwendige Beziehungsarbeit zu leisten, die es gebraucht hätte, um messbare Schritte in der Entwicklung von Demokratiekompetenz zu gehen. 

FpB: Haben Sie Muster erkennen können? Was funktionierte überall, was nur an bestimmten Orten?

Andreas Klee (Uni Bremen): Überall funktioniert es, mutig umzudenken, wenn das Konzept nicht aufgeht. Überall funktioniert es besser, wenn Raum und Zeit für Beziehungsarbeit vorhanden sind. Meist ist es besser, nicht direkt Schlagwörter wie „Demokratie“ etc. zu nutzen, sondern im Kleinen Begegnung zu ermöglichen. 

FpB: Was bedeuten Ihre Erkenntnisse für Praxis und Forschung politischer Bildung? 

Andreas Klee (Uni Bremen): Zunächst bedeuten die Erkenntnisse für uns, dass dieser Experimentierraum, den wir konzipiert haben, einer ist, in dem man sich gut bewegen kann – und dass er Ecken und Kanten hat, aber auch genügend Fenster und Türen, um ihn gut nutzen zu können. 

Einen zusammenfassenden Evaluationsbericht finden Sie hier.

 

Perspektiven 

FpB: Wie wird das Projekt und die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Begleitung die Arbeit des Bundesverbands Soziokultur und der Robert Bosch Stiftung beeinflussen?

Nina Lüders (RBSG): Unter anderem die Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung, aber auch die reflektierte, produktive Kritik aus der Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Akteur*innen an verschiedenen Standorten in Deutschland haben uns Ideen gegeben, wie wir das Programm verändern sollten, um es noch wirksamer zu machen. Auch in Austausch mit anderen Unterstützenden der Zivilgesellschaft möchten wir noch bessere Voraussetzungen für die Arbeit vor Ort schaffen können. Wir haben genaue Vorstellungen, wie wir noch wirkungsvoller unterstützen können und werden die Erfahrungen aus der Pilotrunde in eine neue Förderrunde aufnehmen. 

FpB: Wie lässt sich die Zusammenarbeit von politischer Bildung, Soziokultur und Alltagsorten verstetigen? Was passiert mit den „Allzeitorten“ nach dem Ende der Förderung?

Barbara Bichler (BVS): In vielen Projekten hat die Zusammenarbeit im Tridem eine positive Öffnung und neue, tragfähige Kooperationen hervorgebracht, die an manchen Standorten auch weitergeführt wird. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich die Arbeit vor Ort verstetigen kann, wenn fundierte Beziehungen entstehen konnten. Denn viele Menschen möchten sich engagieren, möchten sich einbringen und gemeinsam mit anderen gestalten – und legen los, sobald die Strukturen dafür gegeben sind. 

Aus Sicht der Soziokultur haben wir festgestellt, dass sie wichtige Strukturgeberin ist. Soziokulturelle Zentren sind per se Orte, an denen Teilhabe und gemeinsame gesellschaftliche Gestaltung im Mittelpunkt steht. Diese Orte können noch stärker als Ankerpunkte im Tridem fungieren. 

Nina Lüders (RBSG): An einigen Orten sind Kooperationen entstanden, die weiterlaufen, an anderen haben sich regelmäßige Treffen und Aktionen durch das Projekt etabliert, an einem Ort ist ein Hörstück entstanden, das nun die Erfahrungen des Allzeitortes nachhörbar macht und am Ort selbst, aber auch darüber hinaus, für weitere Dialoge sorgen wird. Das, was durch die Allzeitorte angestoßen wurde, verschwindet also mancherorts nicht einfach wieder. Und wir sind im Zuge einer neuen Ausschreibung auch dabei zu sondieren, wie wir Know-how, Netzwerke und Expertise weiterhin einbinden können.  

FpB: Welche weiteren spannenden Forschungsfragen ergeben sich aus der Begleitung des Projekts?

Andreas Klee (Uni Bremen): Es gibt eine Fülle spannender Entdeckungen, die es lohnen würden, weiterverfolgt zu werden. Die große Leitfrage bleibt dabei natürlich die nach der Erreichbarkeit verschiedener Zielgruppen und der Messbarkeit der Wirkung offener Formate politischer Bildung. Mit Blick auf die Allzeitorte reizt mich jedoch besonders eine vertiefte Betrachtung der Kooperationsstrukturen. Die Tridems waren ein enormer Gewinn für das Projekt und wirken wie ein kleines Labor dafür, wie gelingende Demokratiebildung aussehen kann. Ihre Dynamiken und Effekte genauer zu beschreiben wäre selbst ein lohnendes Forschungsprojekt.

FpB: Vielen Dank für das interessante Interview!


Veröffentlicht am 12.01.2026

 

Zum Weiterlesen

  • Projektwebseiten Robert Bosch Stiftung mehr lesen
  • Projektwebseite Bundesverband Soziokultur e.V. mehr lesen
  • Eine Kurzfassung des Evaluationsberichts finden Sie auf den Seiten der Robert Bosch Stiftung und des Bundesverbands Soziokultur. mehr lesen
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