Topografie der Praxis politischer Bildung

Schon in der Arbeit der Transferstelle politische Bildung wurde deutlich, dass Wissenschaft und Praxis diversifiziert sind, es unterschiedliche Fachdiskurse sowie Wissenschaftsdisziplinen und Praxisbereiche gibt, die das Feld der politischen Bildung breit und vielfältig machen. So kommt politische Bildung in unterschiedlicher Ausprägung, neuerdings auch unter verschiedenen Begrifflichkeiten (Demokratiepädagogik, Demokratiebildung, Demokratieerziehung), in unterschiedlichen praktischen Kontexten vor. Die handelnden Akteur_innen rahmen und begründen ihre Arbeit aufgrund mannigfacher Theoriemodelle (z.B. Politikdidaktik, Theorie der Jugendarbeit/Jugendbildung). Grundsätzliche Unterscheidungen ergeben sich durch

  • das Bildungssetting (formal/nichtformal),
  • zugrunde liegende Bildungskonzepte und daraus folgende pädagogische Parameter (Freiwilligkeit/Partizipation vs. Schulpflicht, Prozessorientierung vs. Lernzielorientierung u.a.),
  • pädagogische Arrangements (Formate, Methoden),
  • die fachliche oder thematische Ausrichtung (Themen, Inhalte),
  • programmatische Ziele (thematische Bildungsziele, jugend- oder bildungspolitische Ziele).


Darüber hinaus differenziert sich das Gesamtfeld nach institutionellen/institutionalisierten Kontexten, die nach

  • Zielgruppen (v.a. Altersgruppen, Betroffenengruppen),
  • aufgrund spezifischer rechtlicher Bezüge (Weiterbildungsgesetzgebung, Sozialgesetzgebung u.a.),
  • nach Politik- und Ressortzugehörigkeiten (Schul-, Jugend- oder Weiterbildungspolitik u.a.),
  • davon abhängig nach Finanzierungsströmen und -bedingungen,


also insgesamt nach spezifischen Regelungen und systemimmanenten Logiken funktionieren.

Es kann festgehalten werden, dass es in Forschung und Praxis der politischen Bildung unterschiedliche Professionsverständnisse gibt und verschiedene Diskurse geführt werden. Insgesamt ist das Feld der politischen Bildung stark segmentiert und eher von Abgrenzungstendenzen als von professioneller Einheitlichkeit geprägt. Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen für die politische Bildung ist es aus unserer Sicht jedoch sinnvoll, Differenziertheit und Vielfalt der „Landschaft“ als Gewinn wahrzunehmen und gleichzeitig den Austausch untereinander weiterzuentwickeln. Deswegen möchten wir

  • einen Überblick über Akteur_innen und Praxisbereiche der politischen Bildung, deren Strukturen und Ansätze geben,
  • den Austausch zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen und Praxisbereiche anregen,
  • bereichsübergreifende Zusammenarbeit und neue, gemeinsame Entwicklungen unterstützen.

 

Entwicklung der Topografie der Praxis politischer Bildung

Zu Beginn der Erarbeitung einer Topografie der Praxis politischer Bildung haben wir gefragt: In welchen Kontexten wird politische Bildung angeboten, wie und für wen? Um die Praxisfelder geordnet und nachvollziehbar sichtbar zu machen, orientierte sich die Fachstelle politische Bildung an Annahmen aus der Systemtheorie nach Niklas Luhmann. Luhmann geht davon aus, dass sich die (Welt-)Gesellschaft in soziale „Systeme“ strukturiert, die sich von ihrer Umwelt und von anderen Systemen abgrenzen. Als ersten Schritt haben wir überlegt, in welchen gesellschaftlich institutionalisierten Systemen politische Bildung Bestandteil ist und worin sich diese Systeme grundlegend voneinander unterscheiden. Hilfreich ist das Sichtbarmachen ihrer „symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien“ (vgl. Luhmann 1957). Diese entstehen vor allem in sehr ausdifferenzierten und komplexen Gesellschaften, um ein Mindestmaß an gegenseitigem Verstehen und Konsens zu gewährleisten. Zu den symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien zählen Macht (Politik), Wahrheit (Wissenschaft) und die Unterscheidung in Recht/Unrecht.

 

Luhmann, Niklas (1975): Soziologische Aufklärung Band 5. Konstruktivistische Perspektive. Wiesbaden

 

Rechtsgrundlagen

Der zuvor beschriebenen Logik folgend sind die Praxisfelder anhand ihrer jeweiligen (gemeinsamen) Rechtsgrundlagen systematisiert. Gesetze, Beschlüsse und Verordnungen regeln Aufgaben, Inhalte, Verantwortungen etc. der Praxisfelder und geben damit die Funktion des jeweiligen Systems vor. Eine Einteilung der Praxisfelder politischer Bildung anhand ihrer rechtlichen Regelungen ermöglicht eine nachvollziehbare Systematisierung, da diese eine für alle gleich geltende Verbindlichkeit innehaben. Die rechtlichen Grundlagen geben außerdem inhaltliche Ziele und Zielgruppen vor, mit denen auch immer praxisfeldspezifische Aufgaben, Leistungserbringungen sowie Prüfungs- und Anerkennungsverfahren von Trägern verbunden sind. Besonders wichtig sind hier die systemspezifischen Förderungsvoraussetzungen und -verfahren. Sie werden in den Gesetzen entweder explizit genannt oder leiten sich aus den jeweiligen gesetzlichen Rahmenbedingungen ab. So sind es auch Finanzströme, die, basierend auf den Rechtsgrundlagen, die Praxis der politischen Bildung strukturell beeinflussen.

 

In Kürze werden in einer interaktiven Version der Topografie der Praxis politischer Bildung die rechtlichen Grundlagen der Praxisfelder vertiefend dargestellt.

 

Politikbereiche

Sowohl rechtliche Regelungen als auch Finanzströme sind abhängig von der geltenden Politik, systemtheoretisch gedacht von Macht und Nicht-Macht. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Praxisfelder politischer Bildung unterschiedlichen Politikbereichen zuzuordnen. Kinder- und Jugendpolitik, Schulpolitik, Sozialpolitik oder Hochschulpolitik verfolgen jeweils eigene Ziele und sind dementsprechend auf unterschiedliche Praxisfelder bezogen. Die Praxisfelder gestalten ihre Systemlogik in einem Spannungsfeld politischer Machtkämpfe aus und beziehen sich – zustimmend oder ablehnend – auf die für sie geltenden politischen Beschlüsse und Bedingungen.

Eine Zuordnung der Praxisfelder politischer Bildung zu den verschiedenen Politikbereichen finden Sie in Kürze in der interaktiven Version der Topografie der Praxis politischer Bildung.

 

Wissenschaftsbezüge

Die in der Topografie dargestellten Praxisfelder politischer Bildung lassen sich gemäß der Logik der Systemtheorie auch mit ihren Bezügen zu spezifischen Wissenschaftsdisziplinen abbilden. Die unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen erforschen aufgrund ihrer disziplinären und thematischen Verteilung jeweils verschiedene Praxisfelder. Gleichzeitig wird die Praxis durch ihre wissenschaftlichen Bezüge professionell gerahmt und unterfüttert.

Eine Zuordnung der Praxisfelder politischer Bildung zu den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen finden Sie in Kürze in der interaktiven Version der Topografie der Praxis politischer Bildung.

Einen Überblick über Forscher_innen und Forschungseinrichtungen, die sich mit Themen der politischen Bildung auseinandersetzen, bietet unsere Landkarte der Forschung zur politischen Bildung. In unserer Online-Datenbank finden Sie Informationen zu empirischen Forschungsarbeiten zu politischer Bildung.

 

Gemeinsam stärker!

Der Versuch, die Praxisfelder politischer Bildung darzustellen, zeigt, dass sich viele Felder in Rechtsgrundlagen, Altersgruppen, Konzeptionen oder Politikbezügen überschneiden. Trotz der großen Diversität der politischen Bildungslandschaft gibt es viele Gemeinsamkeiten. Die Topografie der Praxis politischer Bildung soll eine Grundlage bieten, die jeweiligen Schnittstellen zu „bearbeiten“, das Wissen über die jeweiligen „Logiken“ gegenseitig zu befördern und einen Austausch anzuregen, in dem fachliche Ansätze verglichen und unterschieden werden. Wir möchten damit Gemeinsamkeiten und langfristig eine bessere Zusammenarbeit, im Sinne einer starken Vielfalt politischer Bildungsangebote, unterstützen.

2019 und 2020 werden wir in verschiedenen Fachforen mit Expert_innen aus Wissenschaft und Praxis darüber beraten und ausloten, wie Akteur_innen verschiedener Praxisfelder, in denen politische Bildung eine Rolle spielt, dabei unterstützt werden können, in einen Austausch – und perspektivisch in eine fruchtbare Zusammenarbeit – zu kommen.

 

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