„Aus der Praxis" – Politische Bildung für Auszubildende bei Siemens. Interview mit Sebastian Bock, AdB

Portraitfoto von Sebastian Bock

Sebastian Bock (Foto: AdB e.V.)

Wenn ein Großkonzern bei einem zivilgesellschaftlichen Bildungsträger anruft und politische Bildung für seine Azubis anfragt, entstehen neue Fragen: Wer bestimmt die Inhalte? Wo verlaufen die Grenzen der eigenen Ansprüche? Sebastian Bock, stellvertretender Geschäftsführer beim Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. (AdB) berichtet von den Erfahrungen aus der Kooperation mit Siemens – über Chancen, Kompromisse und die Erkenntnis, dass professionelle politische Bildung mehr ist als Methoden abzuarbeiten.

Gesprächspartner: Sebastian Bock, stellvertretender Geschäftsführer des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB)

Interviewer: Fachstelle politische Bildung


Einleitung

Fachstelle politische Bildung (FpB): Herr Bock, Sie haben mit der Firma Siemens in Sachen politische Bildung zusammengearbeitet. Können Sie uns einen Überblick über die Zusammenarbeit geben?

Sebastian Bock (SB): Sehr gerne. Ich bin beim AdB für den Bereich politische Kinder- und Jugendbildung zuständig. Die Zusammenarbeit mit Siemens war tatsächlich ein Dienstleistungsauftrag – das ist wichtig zu betonen. Es ging darum, für die Auszubildenden von Siemens deutschlandweit ein Konzept zu entwickeln, das einmal jährlich mit allen Azubis umgesetzt werden kann. Siemens wollte im Bereich politische Bildung aktiv werden, sah aber, dass sie das nicht allein umsetzen können und suchten deshalb Unterstützung.

FpB: Wie kam es denn überhaupt zu diesem Kontakt?

SB: Die Initiative ging von Siemens aus. Wir bekamen eine Mail vom Schulleiter der Siemens-Berufsschule Berlin und der Ausbildungsleiterin für Nord-Ost. Eine Person aus dem Vorstand des Konzerns kannte den AdB und empfahl, uns anzusprechen. Das war für uns komplett neu, weil wir normalerweise zu 99,9 Prozent über Förderungen arbeiten und unsere Themen selbst setzen. Hier kam jemand auf uns zu und sagte: Ich hätte gerne etwas von euch.

 

Die Entstehung der Kooperation

FpB: Und wie haben Sie auf diese Anfrage reagiert?

SB: Wir fanden das spannend, hatten aber auch Respekt vor der Aufgabe. Die Frage war: Was kommt da auf uns zu? Wir wollten ja etwas entwickeln, das unseren Mitgliedern und den Teilnehmenden zugutekommt. Also haben wir erst einmal ein Gespräch geführt und uns angehört, was Siemens vorhat.

FpB: Was war denn die ursprüngliche Idee von Siemens?

SB: Sie hatten zunächst sehr klare Vorstellungen: Sie wollten etwas gegen Rechtsextremismus und Extremismus tun, sprachen von einer ganzen Woche Angebot. Wir mussten dann aber schnell klarstellen: Wir sollten keine Extremismusprävention machen. Die jungen Menschen bei Siemens sind an einem ganz anderen Punkt. Es geht eher um die Basics – was verstehen wir unter Demokratie, was ist Politik, wie gehen wir mit Hass im Netz um. Die Extremismusdiskussion kommt drei Schritte später. Wir haben dann erst einmal über Begrifflichkeiten gesprochen. Politik, Demokratie, Extremismus, Bildung und unser Professionsverständnis

FpB: Gab es in den Verhandlungen strittige Punkte?

SB: Einige. Zum einen die Zeitschiene: Das Projekt sollte ursprünglich im März 2024 starten und nicht schon im September desselben Jahres laufen, wie am Ende geschehen – eine sehr sportliche Nummer. Dann stellte sich heraus, dass es gar nicht mehr um eine Woche ging, sondern nur noch um einen Tagesworkshop. Und der sollte der letzte Tag einer einwöchigen Azubi-Freizeit sein. Da haben wir klar gesagt: Überlegt euch das. Nach einer Woche unterwegs hat am letzten Morgen niemand Lust, über Demokratie zu diskutieren.

Ein weiterer kritischer Punkt: Die Berufsschullehrer*innen sollten das Konzept umsetzen. Wir haben darauf hingewiesen, dass diese Lehrkräfte die Jugendlichen täglich sehen und bewerten. Das schafft eine ganz andere Atmosphäre als die Arbeit mit externen Teamer*innen. Und dann kam noch der Wunsch des Betriebsrats, dass Betriebsratsmitglieder in den Seminaren hinten drin sitzen, um zu begutachten, was besprochen wird. Das haben wir natürlich als sehr problematisch für eine offene Diskussionskultur bezeichnet.

 

Das Konzept: Vom Pilotworkshop zum fertigen Reader

FpB: Wie haben Sie dann weitergemacht?

SB: Wir haben einen Tagesworkshop zur Auftragsklärung vorgeschaltet, mit Berufsschullehrer*innen, den Ausbildungsverantwortlichen und uns mit vier Personen. Aus diesem Workshop entstanden die vier Themenfelder: Grundwerte, Gleichberechtigung, Populismus und Fake News. Dabei kam auf, dass Siemens sogar noch die Dual-Studierenden berücksichtigt haben wollte, die schon im August starteten – wir hätten es aber zeitlich nicht geschafft, den Reader noch früher fertigzustellen.

Unser Vorschlag war dann: Wir machen mit den ersten Gruppen einen Pilotworkshop in Bamberg, schicken sechs Teamer*innen hin und entwickeln daraus dann das finale Konzept. 

FpB: Und wie lief dieser Pilot?

SB: Genau so, wie wir es erwartet hatten. Es war Freitagmorgen, manche Jugendlichen nicht anwesend und andere waren noch sehr verschlafen. Der letzte Abend einer intensiven Seminarwoche ist immer sehr gesellig. Das war uns bewusst. Manche Lehrkräfte vor Ort teilten unsere Einschätzung, dass es sehr herausfordernd für sie sein kann, politische Bildung zu machen. Es ist etwas anderes als Elektrotechnik, Fräsen oder Mathe.

FpB: Was ist dann konkret das Konzept, das ihr entwickelt habt?

SB: Wir haben einen vollständigen Demokratietag von A bis Z konzipiert: Begrüßung, Warm-up, Heranführung, Pause mit weiterem Warm-up, dann eine größere Aufgabe über zwei bis drei Stunden, Reflexion und Feedbackrunde – genau so, wie wir ein Seminar gestalten würden. Zu jedem einzelnen Baustein haben wir jeweils zu jedem Thema zwei oder drei Methoden zur Verfügung gestellt. Ein ganzer Baukasten mit Einstiegs-, Ausstiegs- und Feedbackmethoden sowie zu den vier großen Themenblöcken jeweils mehrere Methoden.

Die Berufsschullehrer*innen können sich daraus ihren Tag zusammenstellen – ähnlich wie sie es aus ihrem beruflichen Alltag kennen. Wir haben darauf geachtet, dass es von Menschen mit pädagogischem Grundverständnis, aber ohne große Vorerfahrung in politischer Bildung, gut umsetzbar ist.

Das Konzept musste so gebaut sein, dass es möglichst einfach für die Lehrkräfte umsetzbar ist. Wir haben aber immer betont, dass diese keine politischen Bildner*innen sind und es einen guten Grund hat, dass es diese Profession gibt. Der Blick auf das Thema, auf die Methoden und auf die Gruppe bzw. die Jugendlichen im Seminar ist eine sehr komplexe Aufgabe, die immer wieder Herausforderungen mit sich bringt und mit denen man umgehen können muss.

In unserem Reader haben wir aber auch Grundlagentexte vorangestellt. Hierbei sind wir auf folgende Punkte eingegangen: Verständnis außerschulischer politischer Bildung im AdB, Hinweise für die pädagogisch-didaktische Gestaltung und Umsetzung des Demokratietags, aber auch zum Umgang mit herausfordernden Workshopsituationen und letztendlich Hinweise zur Arbeit mit dem Methodenreader. Gerade diese Grundlagen empfanden die Lehrkräfte als sehr hilfreich.

 

Train the Trainer und Umsetzung

FpB: Und wie wurden die Lehrkräfte vorbereitet?

SB: Wir haben ein dreistündiges Train-the-Trainer-Seminar durchgeführt, bei dem wir 180 Berufsschullehrerinnen bundesweit digital zusammengerufen haben. In der großen Runde haben wir die Grundlagen vermittelt, dann in kleineren Gruppen – wir waren sechs Teamer*innen – jeweils ein oder zwei Methoden angeteasert. Die meisten fanden es leicht und gut umsetzbar. Aber es kamen auch Bedenken: „Wie gehen wir mit Meinungen um, auf die wir nicht vorbereitet sind?“ Wir haben immer wieder auf den Code of Conduct des Unternehmens verwiesen: Ihr habt einen Code of Conduct mit klaren Aussagen zur Pluralität der Gesellschaft, zu Zukunftsverantwortung. Dieser Code of Conduct wurde unsere Rückfalllinie für das gesamte Konzept. Wir haben immer wieder betont: Orientiert euch daran, da steht alles drin. 

FpB: Inwiefern hat in eurem Konzept die besondere Situation der Auszubildenden eine Rolle gespielt?

SB: Sehr stark. Aus der Rolle des Azubis entstehen ganz andere Zwänge als bei jungen Menschen, die aus eigener Motivation zu uns in Bildungsstätten kommen. Die Frage ist: Kann ich meine Meinung wirklich äußern, wenn ich innerhalb des Betriebs zu einem Workshop eingeladen werde? Wir haben kritisch hinterfragt, ob die Teilnahme verpflichtend sein soll. Das Konzept würde definitiv anders aussehen, wenn wir mit freiwillig kommenden Teilnehmenden oder Mitarbeitenden nach der Ausbildung arbeiten würden.

Wir wollten nicht zu sehr in gewerkschaftliche Bildungsarbeit reingehen, aber haben das Thema Meinungsfreiheit und demokratisches Miteinander im Betrieb aufgenommen. Ein Punkt war auch die Geschichte von Siemens selbst – welche Verantwortung das Unternehmen hat. Da war das Unternehmen sehr offen und hat gut mit uns gearbeitet.

 

Herausforderungen und Spannungsfelder

FpB: Sie haben vorhin schon einige kritische Punkte angesprochen. Wo lagen die größten Herausforderungen?

SB: Die Zeitschiene wurde immer enger gezogen, und am Ende ist jede Zeile durch den Gesamtbetriebsrat gegangen – für einen vier Stunden Workshop.

Das Thema Betriebsrat war überhaupt eine Herausforderung. Wir konnten zumindest erreichen, dass nicht der Betriebsrat im Seminar sitzt, sondern nur die Jugendvertreter*innen, und zwar nur beim Reflexionsteil am Ende, nicht während der Diskussionen.

FpB: Sie haben im Pilotworkshop erlebt, dass Themen spontan aufkommen. Können die Berufsschullehrer*innen solche Situationen auch flexibel aufgreifen?

SB: Das ist nur noch relativ eingeschränkt möglich. Es hängt sehr davon ab, ob die Lehrer*innen das auch mitmachen wollen und solche Situationen auffangen können. Wir haben im Konzept immer wieder gesagt: Das kann vorkommen, und wenn ihr es laufen lassen wollt, könnt ihr das tun. Aber die Rückfalllinie ist immer der Code of Conduct. Wenn jemand pädagogisch gut geschult ist, kriegt er das hin, Themen laufen zu lassen. Aber das ist eben genau der Punkt: Professionelle politische Bildung bedeutet nicht nur, Methoden abzuarbeiten, sondern flexibel auf das zu reagieren, was im Raum entsteht. Das ist eine Qualität und Professionalität, die wir in dieser Form nicht in einen Reader packen können. Es geht aber nicht nur um die pädagogische Kompetenz, sondern auch um die Frage: Wie offen ist die Diskussion wirklich? Wie weit öffnen sich die Jugendlichen? Viele sagen vielleicht nicht, was sie eigentlich denken, weil die Lehrkraft sie ja sonst auch im schulischen Alltag bewertet. Man bleibt auf einer gewissen Ebene hängen. Das war uns klar, aber da kamen wir argumentativ nicht weiter – es hatte schlicht finanzielle Gründe. Für drei bis fünf Workshops mit 20 Jugendlichen externe Teamer*innen irgendwo hinzuschicken, hätte enorme Kosten verursacht.

 

Erste Erfahrungen und Ausblick

FpB: Gibt es schon erste Rückmeldungen zur Umsetzung?

SB: Ja, sehr positive! Die Personen, die von Anfang an mit uns zusammengearbeitet haben, haben mittlerweile drei, vier Workshops umgesetzt. Sie sagen, mit dem Reader kann man super arbeiten, es gibt gute Diskussionen mit den Jugendlichen, und danach ist man auf einer anderen Ebene mit ihnen. Auch weil die Lehrer*innen erlebt haben, dass sie ihre eigene Meinung sagen und Reibungsfläche sein können – im Sinne des Beutelsbacher Konsenses. Es gibt deutlich mehr positive als negative Stimmen bei Siemens.

FpB: Könnte dieses Modell auf andere Unternehmen übertragbar sein?

SB: Absolut. Wir müssten den Reader ein bisschen anpassen – den Code of Conduct, die geschichtlichen Hintergründe. Wenn das Unternehmen die gleichen Themen angehen möchte, ist es nahezu eins-zu-eins umsetzbar. Wir hadern etwas mit den Ressourcen, es aktiv anzubieten. Ich hatte ehrlich gesagt eine größere Sogwirkung erwartet – aber so viele Anfragen kamen nicht. Wir scheuen uns noch, das prominent auf unsere Homepage zu stellen: „Das ist unser Angebot für Unternehmen, das könnt ihr buchen."

FpB: Woran liegt das?

SB: Es fühlt sich noch ein bisschen schräg an. Aber eigentlich wäre genau das der Weg: Ein Verband wie unserer könnte neben der geförderten Schiene einen Dienstleistungssektor haben. Man könnte auf den gesamten Verband zugreifen – die Themen, die Häuser, die Vermittlung. Man müsste wahrscheinlich in Vorleistung gehen und ein, zwei Referent*innen einstellen, die Akquise betreiben und die Finanzen reinholen.

 

Politische Bildung und Wirtschaft

FpB: Was ist Ihr Fazit zur Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen?

SB: Wir sollten uns nicht davor scheuen, mit Wirtschaftsunternehmen zusammenzuarbeiten. Aber es muss klar sein: Wir erbringen eine Leistung, und dafür müssen wir entlohnt werden. Es kann nicht sein, dass wir über geförderte Mittel Unternehmen unterstützen. Sie haben eine Verantwortung für die Gesellschaft und ihre Belegschaft. Wenn Unternehmen sich ihrer Verantwortung stellen wollen, können sie das bezahlen. Und sie würden das nicht tun, wenn sie sich nicht auch einen ökonomischen Vorteil versprechen würden.

FpB: Was würden Sie anderen Bildungsträgern raten, die über ähnliche Kooperationen nachdenken?

SB: Man muss für sich klar haben: Wie weit möchte man sich verbiegen? Was sind die eigenen Ansprüche, die nicht zu verhandeln sind? Die Zwänge kommen von ganz allein – wirtschaftliche Zwänge, Mitbestimmungszwänge vom Betriebsrat. Man rutscht in eine Dienstleistungsrolle, was für uns ungewohnt ist. Ein Stück weit gilt: Wer bestellt, zahlt. Aber wer zahlt, kann auch sagen, wohin es geht. Da entstehen Reibungspunkte. Man muss seinen eigenen Code of Conduct – den wir ja meist nicht niedergeschrieben haben – haben und wissen, wann man sagt: Bis hierhin und nicht weiter.

FpB: Gibt es konkrete Beispiele, wo Sie an diese Grenzen gekommen sind?

SB: Die Betriebsratsfrage, die Freiwilligkeit, die Tatsache, dass nicht wir Durchführende sind, sondern die Berufsschullehrer*innen – das waren alles Punkte, wo wir ins Knirschen kamen. Wir haben dann gesagt: Okay, ihr zahlt für das Papier und für eine Schulung. Wir übergeben das, die Verantwortung ist bei uns raus. Das muss man aushalten können.

 

Das Wichtigste

FpB: Was ist für Sie die zentrale Erkenntnis aus dieser Kooperation?

SB: Wir sind in eine andere Rolle gerutscht – in eine Dienstleistungsrolle mit klaren Grenzen und Zwängen. Aber wir haben auch gesehen, dass es funktionieren kann, wenn man die eigenen Standards klar hat und nicht verhandelbar macht. Der Siemens Code of Conduct wurde unsere Rettungsleine – das zeigt, dass Unternehmen durchaus Grundlagen haben, auf denen man aufbauen kann. Und wir haben gelernt, dass diese Form der Arbeit durchaus ein Potenzial hat, wenn sie richtig angelegt ist.

FpB: Vielen Dank für das offene Gespräch!

SB: Sehr gerne!

 

veröffentlicht am 5. Dezember 2025

 

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