„Aktuelle Antisemitismuskontroversen unterstreichen die Bedeutung von Ambiguitätstoleranz als Bildungsziel.“ Fünf Fragen an Kai E. Schubert-Praxl

Portraitfoto zeigt Dr. Kai Schubert-Praxl in lila Hemd.

Dr. Kai E. Schubert-Praxl (Foto: © RUB, Marquard)

Dr. Kai E. Schubert-Praxl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Lebenslanges Lernen unter besonderer Berücksichtigung des non-formalen und informellen Lernens am Institut für Erziehungswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Er forscht zu politischer Bildung und Antisemitismus und betont die Bedeutung des Erlernens von Ambiguitätstoleranz. Im Bereich Diskriminierungskritik beschreibt er die außerschulische politische Bildung als einen „Treiber pädagogischer Innovation“.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung? 

Kürzlich habe ich mein Promotionsprojekt über politische Bildung und Antisemitismus abgeschlossen, das verschiedene Teilstudien verband und insbesondere israelbezogenen Antisemitismus fokussierte. 

Neben einer Bestandsaufnahme des Diskurses über eine politisch-bildnerische Auseinandersetzung mit gegenwärtigem Antisemitismus und dem Nahostkonflikt führte ich Analysen von bislang empirisch nur wenig erschlossenen Feldern durch, z.B. Antisemitismus in christlichen Medien sowie antisemitische Einstellungen bei Jugendlichen im Vergleich zu Erwachsenen. Didaktisch-empirisch untersuchte ich Inhaltsfelder und Annahmen in Bildungsmaterialien für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und dem Nahostkonflikt, die bislang ebenfalls noch kaum im Fokus der Forschung standen. Ergänzt sind die empirischen Arbeiten durch theoretische und didaktisch-konzeptionelle Texte.

Aktuell beteilige ich mich u.a. an den Forschungsdiskursen über Antisemitismus als Gegenstand der Polizeiausbildung und die Didaktik einer (gesellschaftskritischen und) politischen Bildung gegen Antisemitismus sowie zum Nahostkonflikt.

 

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein?

Aktuelle Antisemitismuskontroversen unterstreichen die Bedeutung von Ambiguitätstoleranz als Bildungsziel: Kollektive Selbstbilder verschiedener Art (nationale, politische, religiöse u.a.) werden regelmäßig sowohl durch antijüdische bzw. -israelische Fremdbilder gestützt: abwertenden Konstruktionen „jüdischer“ Eigenschaften und „jüdischen“ Verhaltens (z.B. Künstlichkeit, Unaufrichtigkeit, Amoralität, Partikularismus) werden positiven Bildern etwa der Christ*innen oder Muslim*innen, der (West-)Deutschen, der Erwachsenen oder auch der Linken gegenübergestellt. Diese identitätsbezogene Funktion antisemitischer Positionierungen wird heute auch über selektive Antisemitismuskritik gestützt, die den „anderen“ gilt: In der Regel wird die Existenz des Antisemitismus nicht mehr an sich geleugnet, allerdings wird dieser eindeutig (und nicht selten pauschal) lokalisiert in Gruppen, denen man selbst nicht angehört. Das erzeugt einen Entlastungseffekt und behindert Reflexion. Dies wahrnehmen und reflektieren zu können, stellt meines Erachtens ein zentrales Ziel antisemitismuskritischer Bildung dar. 

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden? 

Grundsätzlich gibt es einen großen Bedarf an Forschung zu antisemitismuskritischer politischer Bildung. Sehr wenig ist bislang bekannt über die Empirie der Bildungspraxis und insbesondere das Thema Nahostkonflikt, das außer zu Antisemitismus und Rassismus Bezüge zu verschiedenen Fachdidaktiken wie Geschichte, Geographie, Ethik und Religion hat. 

Auch der Bereich der Bildungsmedien jenseits klassischer Schulbücher – etwa didaktische Handreichungen und verschriftlichte Unterrichtsreihen, die häufig von zivilgesellschaftlichen Trägern erarbeitet werden – wird absehbar wichtiger werden. Er benötigt weitere Forschung und auch Institutionalisierung. Denkbar wäre es, einen Arbeitsschwerpunkt zu externen Bildungsmedien am Leibniz-Institut für Bildungsmedienforschung auszubauen und so die etablierte Arbeit zu Schulbüchern zu ergänzen. Hier oder in anderer Form denkbar wäre ein Kompetenzzentrum, das Bildungsmedien dokumentiert und analysiert, der Forschung zugänglich macht und ggf. auch an der Erstellung neuer Materialien mitwirkt. Dies könnte auch themenbezogen zu Antisemitismus umgesetzt werden. 
 

4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?

Die außerschulische politische Bildung ist (nicht nur) im Bereich Diskriminierungskritik nach wie vor ein Treiber pädagogischer Innovation. Um ihre Erfahrungen zu dokumentieren, kritisch einzuordnen und mit weiteren Ansätzen zu vergleichen, halte ich wissenschaftliche Begleitung für wichtig. Dies wird gerade vor dem Hintergrund einer zunehmenden, grundsätzlichen Infragestellung politischer Bildung, z.B. durch die extreme Rechte, relevant.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Ich freue mich grundsätzlich über Kontaktaufnahmen aller Interessierten an einer pädagogischen Bearbeitung von Antisemitismus und/oder dem Nahostkonflikt, insbesondere auch von Kolleg*innen, die im Bereich der Aus- und Fortbildung pädagogischer Fachkräfte tätig sind. Auch Medienschaffende und politische Akteur*innen möchte ich ermutigen, wissenschaftliche Perspektiven auf diese Themen noch stärker aufzugreifen. 

 

Veröffentlicht am 08.10.2026
 

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