Was die Teilnahme am Jugendstadtrat über die Amtszeit hinaus bewirkt
Bibliografische Angaben
Waldmann, Sinja Jalila (2025): Politisches Engagement über die Amtszeit hinaus. Eine qualitative Untersuchung zur Wirkung der Mitgliedschaft im Solinger Jugendstadtrat, online https://transfer-politische-bildung.de/transfermaterial/datenbankeintrag/d249 (59 S.)
Was nehmen junge Menschen aus ihrer Zeit in einem Jugendparlament mit, und bleiben sie danach politisch aktiv? Sinja Jalila Waldmann hat im Rahmen ihrer Bachelorarbeit dazu vier aktuelle und ehemalige Mitglieder des Solinger Jugendstadtrats interviewt, deren Amtszeiten bis ins Jahr 2013 zurückreichen. Die Befragten beschreiben die Mitarbeit als prägende Lebensphase. Sie haben dort gelernt, öffentlich aufzutreten, Projekte zu steuern und mit Politik und Verwaltung umzugehen. Alle vier sind der Politik verbunden geblieben, durch Engagement in Parteien, im Beruf oder im Studium. Ob eine Mitarbeit im Jugendstadtrat nachhaltig wirkt, hängt nach Einschätzung der Autorin davon ab, wie ernsthaft Jugendliche an Entscheidungen beteiligt werden und wie gut sie hauptamtlich begleitet werden.
Wissenschaftliches Vorgehen
Die Bachelorarbeit im Studiengang Soziale Arbeit der TH Köln geht der Frage nach: „Inwieweit stärkt die aktive Mitarbeit in einem Jugendparlament das Selbstbewusstsein, die politische Haltung und das langfristige Interesse an gesellschaftlicher Teilhabe?“ (Waldmann 2025: 1). Die Autorin stellt fest, dass empirische Studien zur langfristigen Wirkung solcher Beteiligungsangebote weitgehend fehlen (a.a.O.: 2). Theoretisch stützt sie sich auf die politische Sozialisationsforschung, auf die sozialpädagogische Demokratiebildung nach Benedikt Sturzenhecker und auf die „Qualitätsmerkmale starker Kinder- und Jugendparlamente“ des Deutschen Kinderhilfswerks (a.a.O.: 3-5).
Untersucht wurde der Jugendstadtrat Solingen. Das Gremium besteht seit 1997 und hat heute 25 gewählte Mitglieder im Alter von 14 bis 20 Jahren. Gewählt wird alle drei Jahre (a.a.O.: 13). Begleitet wird der Jugendstadtrat von einer Geschäftsstelle in der kommunalen Jugendförderung (a.a.O.: 15-16). Seit einem Ratsbeschluss vom Juni 2022 hat der Jugendstadtrat Rede- und Beratungsrecht in den Fachausschüssen (a.a.O.: 16).
Die Autorin führte leitfadengestützte, problemzentrierte Interviews mit vier Personen, zwei Frauen und zwei Männern. Sie gehörten dem Jugendstadtrat in verschiedenen Wahlperioden seit 2013 an; eine Person ist zum Zeitpunkt der Befragung noch Mitglied (a.a.O.: 17). Weil die Amtszeiten vor und nach dem Ratsbeschluss von 2022 liegen, wird in den Interviews sichtbar, wie sich die veränderten Rahmenbedingungen auswirken.
Ergebnisse
Zugang über aufsuchende Ansprache in Schulen und im sozialen Umfeld
Der Zugang zum Jugendstadtrat erfolgte bei den Befragten über das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Dazu gehören Anstöße von außen, Ermutigung im Umfeld und der Wunsch, in der eigenen Stadt etwas zu verändern (a.a.O.: 33-34). Eine zentrale Rolle spielt die aufsuchende Ansprache über eine sogenannte Schultour in Solingen. Dabei stellen vor jeder Wahl des Stadtjugendrats die Geschäftsstelle und aktive Mitglieder in Schulen die Möglichkeit zur Kandidatur vor (a.a.O.: 18). Lehrkräfte, Freund*innen und Familie bestärkten die Befragten in ihrem Engagement. Parteipolitische Motive spielten bei keiner der befragten Personen eine Rolle. Die Familien standen der Kandidatur unterschiedlich offen gegenüber. Die Autorin folgert daraus, dass es Impulse und Unterstützung braucht, die an allen Schulformen und unabhängig vom sozialen Hintergrund funktionieren (a.a.O.: 34).
Kompetenzen und Erfahrungen von Wirksamkeit
Alle Befragten berichten, dass sie im Jugendstadtrat viel gelernt haben. Genannt werden vor allem Lernerfolge in den Bereichen Kommunikation und Moderation, Projektmanagement, Verantwortungsübernahme und Wissen über die Arbeitsweise von Verwaltung und Kommunalpolitik (a.a.O.: 34-35). Auch die Zusammenarbeit in einer altersgemischten Gruppe beschreiben sie als Gewinn (a.a.O.: 20-21). Ihr Selbstbewusstsein ist nach Waldmann vor allem durch öffentliche Auftritte, Führungsrollen und Anerkennung von außen gewachsen (a.a.O.: 51).
Wirksamkeit haben die Befragten auf verschiedene Weise erlebt. Sie nennen dazu umgesetzte Anträge und Projekte, gut besuchte Veranstaltungen, öffentliche Aktionen mit Symbolkraft, Bündnisse mit anderen Beiräten, wie etwa dem Integrationsrat, und schließlich die Verankerung eigener Rechte in der Hauptsatzung der Stadt. Die Autorin unterscheidet deshalb eine strukturelle, eine symbolische und eine soziale Ebene der Wirkung (a.a.O.: 35-37).
Hürden zwischen fehlender Augenhöhe und schwacher Begleitung
Alle Befragten haben erlebt, dass sie in politischen Gremien nicht als gleichrangige Akteur*innen behandelt wurden (a.a.O.: 38). Sie berichten von herablassenden Reaktionen in Ausschüssen und Fraktionssitzungen. Vor 2022 hing es außerdem vom Wohlwollen der jeweiligen Ausschussvorsitzenden ab, ob sie überhaupt reden durften (a.a.O.: 23-25). Die Autorin ordnet das mit einem Begriff der Partizipationsforschung als „Tokenism“ ein, also als symbolische Beteiligung ohne echte Augenhöhe (a.a.O.: 37). Weitere Hürden waren langwierige politische Verfahren und die rein digitale Gremienarbeit während der Corona-Pandemie. Eine Befragte erlebte die große Freiheit im Jugendstadtrat zwiespältig. Sie habe viel Kreativität ermöglicht, zugleich habe ein Rahmen durch eine außenstehende Stelle gefehlt, der Projekte effektiver gemacht hätte.
Hinzu kamen Phasen, in denen die Geschäftsstelle zu wenig unterstützte und sich die Arbeit deshalb auf wenige Personen im Vorstand des Stadtjugendrats verlagerte (a.a.O.: 23-24, 37). Mit dem Rede- und Beratungsrecht ab Juni 2022 hat sich die Lage aus Sicht der Befragten spürbar verbessert (a.a.O.: 46).
Unterstützende Strukturen für die Arbeit
Als tragende Strukturen nennen die Befragten die Geschäftsstelle, die Jugendförderung, den Förderverein des Jugendstadtrats und Kontakte zu Fraktionen und anderen kommunalen Beiräten (a.a.O.: 40). Wie gut diese Unterstützung wirkt, hängt laut den Interviews stark von den beteiligten Personen ab und davon, ob sie kontinuierlich ansprechbar sind. Personalwechsel oder Ausfälle in der Geschäftsstelle schlagen unmittelbar auf Arbeit und Motivation der Jugendlichen durch (ebd.). Ein aktives Mitglied fasst das Verhältnis so zusammen: Eine Geschäftsstelle ohne aktive Mitglieder bringe nichts, aktive Mitglieder könnten ohne Geschäftsstelle aber auch nicht gut arbeiten (a.a.O.: 26). Für die Zukunft wünschen sich die Befragten mehr hauptamtliches Personal, ein Sitzungsgeld, damit auch Jugendliche mitmachen können, die neben der Schule Geld verdienen müssen, ein Rederecht im Stadtrat sowie den Erhalt der Projektgruppen innerhalb des Jugendstadtrats, die für den Zusammenhalt wichtig seien (a.a.O.: 44-45).
Nach der Amtszeit
Alle Befragten beschreiben die Zeit im Jugendstadtrat als prägende Phase zwischen Schule und Ausbildung oder Studium. Sie verbinden damit Stolz und Freundschaften, beim Abschied auch Wehmut (a.a.O.: 40-42). Bei allen hat sich die Erfahrung auf die Berufs- oder Studienwahl ausgewirkt. Die Wege führen in die Soziale Arbeit, in den Lokaljournalismus und in sozial- und politikwissenschaftliche Studiengänge (a.a.O.: 27-31). Zwei Befragte sind heute in einer Partei aktiv und haben dort Ämter übernommen, eine Person plant den Parteieintritt. Die vierte Person engagiert sich nicht mehr politisch, nutzt ihr Wissen über Politik und Verwaltung aber im Beruf (a.a.O.: 42-44). Mehrere bleiben dem Gremium über den Förderverein verbunden. Langfristiges Engagement entsteht nach Waldmann vor allem dann, wenn Jugendliche wirklich an Entscheidungen beteiligt waren, etwa in Ausschüssen mit Rede- und Antragsrecht. Wer sich im Rahmen seiner oder ihrer Mitgliedschaft eher um Veranstaltungsorganisation gekümmert hat, hat weniger Wirksamkeit im Umgang mit Politik und Verwaltung erlebt (a.a.O.: 47-48).
Schlussfolgerungen
Die Autorin beantwortet ihre Forschungsfrage, was junge Menschen aus ihrer Zeit in einem Jugendparlament mitnehmen, und ob sie danach politisch aktiv bleiben, positiv, sieht die Wirkung aber an Bedingungen gebunden. Selbstbewusstsein, politische Haltung und Teilhabe werden vor allem dann gestärkt, wenn erstens verbindliche Rechte die Beteiligung absichern, zweitens Jugendliche ihre Themen selbst wählen und in Projekten bearbeiten und drittens genug Ressourcen und Begleitung vorhanden sind (a.a.O.: 50). Für die Praxis empfiehlt sie regelmäßige Fortbildungen zu Rhetorik, Projektmanagement und kommunalen Verfahren, Mentoring durch ehemalige Mitglieder, strukturierte Übergaben zwischen den Wahlperioden, regelmäßige Befragungen der Mitglieder sowie mehr Personal in der Geschäftsstelle (a.a.O.: 40, 49-50). Über Solingen hinaus fordert sie verbindliche Rahmenbedingungen für Jugendparlamente auf Landes- und Bundesebene. Außerdem solle politische Bildung im Studium der Sozialen Arbeit einen festeren Platz bekommen (a.a.O.: 51-52). Weiteren Forschungsbedarf sieht sie bei Längsschnittstudien, bei Vergleichen zwischen Kommunen und bei der Frage, welche Jugendlichen Jugendparlamente erreichen und welche nicht (a.a.O.: 52).
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Diese Arbeit wurde im Rahmen des Unterstützungsangebot der Fachstelle politische Bildung für Abschlussarbeiten veröffentlicht. Die hier veröffentlichten Abschlussarbeiten und Datenbankeinträge beziehen sich auf Studien mit unterschiedlichen akademischen Niveaus (Bachelor-, Master- und Promotionsarbeiten) und werden durch uns in der Version veröffentlicht, die uns die Autor*innen zur Verfügung stellen. Es findet keine gesonderte redaktionelle Bearbeitung durch die Fachstelle politische Bildung statt.
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Veröffentlicht am 26.10.2026