Politische Bildung zu Wahlen in der Jugendarbeit und Jugendbildung – eine Praxisforschung im Stadtjugendring Leipzig

Bibliografische Angaben

Kemmner (geb. Pannwitt), Tom (2025): Anforderungen politischer Bildung in der Jugendarbeit und Jugendbildung begegnen – Eine Praxisforschung im Stadtjugendring Leipzig e. V., online: https://transfer-politische-bildung.de/transfermaterial/datenbankeintrag/d247

In seiner Bachelorarbeit untersucht Tom Kemmner (2025), wie Praktiker*innen der Kinder- und Jugendarbeit politische Bildung zum Thema Wahlen umsetzen und welche Anforderungen und Herausforderungen sich dabei in der pädagogischen Praxis stellen. Das Forschungsfeld bilden die örtlichen Einrichtungen und Gruppen der Kinder- und Jugendarbeit und ihre politische Bildungspraxis, wobei der Stadtjugendring Leipzig e. V. als Forschungspartner fungiert. Der Stadtjugendring organisiert seit 2014 als koordinierende Instanz die U18-Wahlen in Leipzig und stellt damit eine zentrale Unterstützungsstruktur für politische Bildung in der kommunalen Jugendarbeit dar. 

Die Studie analysiert den aktuellen Stand der Angebote und leitet Handlungsempfehlungen für deren Weiterentwicklung ab. Die Forschung basiert auf einem handlungsorientierten, qualitativen Ansatz mittels einer Online-Befragung von Bildungspraktiker*innen. Als theoretische Grundlage erarbeitet Kemmner einen Rahmen, der beschreibt, nach welchen Prinzipien und mit welchen Zielen politische Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit gestaltet werden sollte, und der als Maßstab für die Bewertung der vorgefundenen Praxis dient. Ergänzend nutzt er das Integrationsmodell politischer Bildung von Helle Becker (2022) als zentrales Analyseinstrument, das zwei Konzepte politischer Bildung aus unterschiedlichen Praxisfeldern zusammenführt und praxisfeldübergreifend nutzbar ist. Darüber hinaus zieht der Autor die Wirkungsstudie von Balzter, Ristau und Schröder (2014) heran, um einzuschätzen, welche längerfristigen Wirkungen die politischen Bildungsangebote bei den Adressat*innen entfalten können.

Die Ergebnisse zeigen, dass politische Bildung zum Thema Wahlen in den untersuchten Einrichtungen auf allen drei Ebenen stattfindet, die das Integrationsmodell politischer Bildung von Helle Becker unterscheidet: in anlassbezogenen Alltagsgesprächen, in Formen demokratischer Mitbestimmung innerhalb der Einrichtung und in eigens arrangierten thematischen Formaten. Das Anknüpfen an subjektive Erfahrungen und die Lebenswelt der Adressat*innen erweist sich als zentraler Erfolgsfaktor, während konkurrierende Grundbedürfnisse, soziale Ungleichheiten und die zunehmende Normalisierung antidemokratischer Einstellungen die Bildungsarbeit erschweren. Politische Handlungs- und Urteilsfähigkeit werden von den Praktiker*innen als primäre Bildungsziele bewertet. Als besondere Kompetenzanforderungen benennen sie politische Informiertheit sowie Fähigkeiten zur Gesprächsführung, Moderation und Intervention bei demokratiefeindlichen Äußerungen. Hinsichtlich der Unterstützung durch den Stadtjugendring werden praxisorientierte Materialien und didaktische Anleitungen von den Fachkräften am stärksten bevorzugt.

Die Studie liefert empirisch gestützte Belege für die Leistungsfähigkeit der Kinder- und Jugendarbeit als Orte politischer Bildung und macht sichtbar, welche strukturellen und professionellen Voraussetzungen nötig sind, damit diese Potenziale ausgeschöpft werden können. Sie leistet damit einen Beitrag zur fachlichen Weiterentwicklung politischer Bildung in der Jugendarbeit und zur Stärkung einer auf Demokratieförderung ausgerichteten Bildungspraxis.
 

Forschungsinteresse und theoretischer Hintergrund

Die Bachelorarbeit von Tom Kemmner (2025) untersucht, wie politische Bildung zum Thema Wahlen in den Einrichtungen und Gruppen der Kinder- und Jugendarbeit, die sich an den politischen Bildungsangeboten des Stadtjugendrings Leipzig e. V. beteiligen, didaktisch begründet, umgesetzt und weiterentwickelt werden kann. Im Zentrum steht eine Praxisforschung, die gemeinsam mit dem Stadtjugendring Leipzig e. V. als Forschungspartner durchgeführt wurde. Ziel ist es, den aktuellen Stand der Bildungspraxis in den Einrichtungen und Gruppen der Kinder- und Jugendarbeit zu analysieren und praxisnahe Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung der Bildungsqualität abzuleiten (a.a.O.: 11–14). 

Den gesellschaftlichen Ausgangspunkt der Arbeit bildet die wachsende Relevanz politischer Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit. Der Autor verweist auf die hohe Wahlbeteiligung junger Menschen bei der sächsischen Bundestagswahl 2025 (81,2 Prozent) und benennt gleichzeitig eine zunehmende Zustimmung zu rechtsextremen Parteien, insbesondere bei U18-Wahlen und Erstwähler*innen, als strukturelle Herausforderung für die Praxis politischer Bildung (a.a.O.: 12). Die Kinder- und Jugendarbeit wird mit Bezug auf den 17. Kinder- und Jugendbericht als zentrale gesetzliche Leistung für die politische Bildung junger Menschen hervorgehoben (a.a.O.: 12).

Den theoretischen Rahmen der Arbeit bilden drei aufeinander bezogene Elemente: Erstens erarbeitet Kemmner einen Rahmen, der beschreibt, nach welchen Prinzipien und mit welchen Zielen politische Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit gestaltet werden sollte, und der als Maßstab für die Bewertung der vorgefundenen Praxis dient. Zweitens greift er auf das Integrationsmodell politischer Bildung in der Jugendarbeit von Helle Becker (2022; 2024) zurück, das Konzepte politischer Bildung und Demokratiebildung aus unterschiedlichen Praxisfeldern zusammenführt, drei Handlungsmodi politischer Bildung in der Jugendarbeit beschreibt und als zentrales Analyseinstrument für die empirische Untersuchung dient. Drittens folgt die Studie methodisch dem Konzept der handlungsorientierten Forschung nach Philipp Mayring (2022; 2023), das auf eine praxisverändernde Wirkung der Forschungsergebnisse zielt.

Dieser Rahmen dient Kemmner als normatives Grundgerüst, das beschreibt, welche Ziele und Prinzipien politische Bildung im Kontext der Kinder- und Jugendarbeit leiten sollten. Er orientiert sich dabei an den Grundsätzen des Beutelsbacher Konsenses, insbesondere dem Überwältigungsverbot und dem Gebot, politisch und wissenschaftlich kontroverse Themen auch als kontrovers darzustellen, sowie an den Kompetenz- und Wissensbereichen der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE), die politische Urteils- und Handlungsfähigkeit als zentrale Bildungsziele beschreiben (a.a.O.: 20-21). Dieser Rahmen bildet den Maßstab, an dem Kemmner die vorgefundene Praxis misst.

Das Integrationsmodell politischer Bildung von Helle Becker (2022; 2024) fungiert als zentrales Analyseinstrument der Studie. Es unterscheidet drei Handlungsmodi, mit denen politische Bildung in der Jugendarbeit stattfinden kann: anlassbezogene Auseinandersetzungen mit politischen Themen im pädagogischen Alltag (Modus A), demokratische Partizipationserfahrungen innerhalb der Einrichtung (Modus B) sowie eigens arrangierte thematische Settings (Modus C). Anhand dieser drei Modi strukturiert Kemmner sowohl seinen Fragebogen als auch die Auswertung der empirischen Daten (a.a.O.: 25-28).

Ergänzend zieht der Autor die Wirkungsstudie von Balzter, Ristau und Schröder (2014) heran, um die Frage zu rahmen, welche längerfristigen Effekte politische Bildungsangebote bei Adressat*innen haben können. Die Studie unterscheidet vier Wirkungsrichtungen – politisches Engagement, berufliche Orientierung, eine politisch aufgeklärte Haltung und den Erwerb grundlegender Handlungsfähigkeiten – sowie eine funktionale Differenzierung, die beschreibt, wie Bildungsangebote an vorhandene politische Vorerfahrungen anknüpfen können. Kemmner nutzt diese Typologie, um die Einschätzungen der befragten Praktiker*innen zur Wirkung ihrer Angebote einzuordnen (a.a.O.: 35-36).

Der Studie liegt als empirische Vorarbeit eine eigenständige Feldanalyse des Autors (Kemmner 2025) zugrunde, die die Angebotsstruktur, die beteiligten Akteur*innen, Herausforderungen und Anforderungen an die politische Bildung im Kontext der Wahlangebote des Stadtjugendrings Leipzig e. V. untersuchte (a.a.O.: 33). Der Stadtjugendring koordiniert seit 2014 die U18-Wahlen in Leipzig. Im Zeitraum 2019 bis 2024 beteiligten sich 99 verschiedene Einrichtungen und Gruppen der Kinder- und Jugendarbeit mit insgesamt 202 Wahllokalen (a.a.O.: 34-35).

Ergänzend werden Ergebnisse des Modellprojekts OPEN (Offene Jugendarbeit und politische Bildung gemeinsam engagiert) der Transferstelle politische Bildung / Transfer für Bildung e.V. (2024) sowie Beobachtungen der John-Dewey-Forschungsstelle an der TU Dresden (2023) als Wissensgrundlagen herangezogen (a.a.O.: 31; 36-37). Aus beiden Quellen leitet der Autor Anforderungen an die Praxis ab, die unter anderem die Förderung politischer Informiertheit, den Ausbau von Partizipationsmöglichkeiten, die professionelle Gesprächsführung als Bildungsform sowie die mehrdimensionale Nutzung der Handlungsmodi umfassen (a.a.O.: 33-37).

Die handlungsorientierte Ausrichtung der Forschung folgt dem Konzept Mayrings, das direktes Ansetzen an konkreten sozialen Problemen, eine praxisverändernde Umsetzung der Ergebnisse und einen gleichberechtigten Diskurs zwischen Forschenden und Betroffenen vorsieht (a.a.O.: 40). Darüber hinaus reflektiert der Autor seine eigene Mehrfachrolle als Forschender, Geschäftsführer des Stadtjugendrings und Projektkoordinator der U18-Wahlen, indem er auf das Konzept des Trippelmandats der Sozialen Arbeit nach Staub-Bernasconi (2018) zurückgreift. Dieses beschreibt die gleichzeitigen Verpflichtungen der Sozialen Arbeit gegenüber den Adressat*innen, der Gesellschaft und der eigenen Profession und dient Kemmner als Rahmen, um die möglichen Auswirkungen seiner Mehrfachrollen auf die Forschung transparent zu machen (a.a.O.: 40-43).
 

Studiendesign und Datengrundlage

Die empirische Untersuchung folgt einem handlungsorientierten Forschungsansatz. Sie zielt nicht nur auf die Beschreibung der vorgefundenen Praxis, sondern auch darauf, konkrete Handlungsempfehlungen zu entwickeln, die unmittelbar in den Praxiskontext zurückwirken können. Die offenen Fragen des Fragebogens wurden qualitativ ausgewertet, das heißt, die Antworten wurden inhaltlich analysiert und zu übergreifenden Aussagen verdichtet. Ergänzend enthielt der Fragebogen geschlossene Fragen mit vorgegebenen Antwortskalen, deren Ergebnisse zahlenmäßig ausgewertet wurden. 

Als Erhebungsinstrument diente eine schriftliche Online-Befragung. Die Entscheidung für dieses Verfahren begründet der Autor mit der Diversität der Zielgruppe, der Möglichkeit für die Teilnehmenden, den Fragebogen selbstständig und ohne Anwesenheit des Forschenden auszufüllen, sowie der Effizienz, Einrichtungen aus verschiedenen Stadtteilen Leipzigs ohne persönliche Vor-Ort-Termine zu erreichen (a.a.O.: 44).

Der Fragebogen umfasste 44 Fragen und war in fünf thematische Blöcke gegliedert: die Lebenswelt und Alltagserfahrungen der Adressat*innen, die Bedeutung verschiedener Kompetenzen und Wissensbereiche für die politische Bildung zum Thema Wahlen, die drei Handlungsmodi des Integrationsmodells, Möglichkeiten der Reflexion und wiederkehrende Herausforderungen in der Praxis sowie die wahrgenommene Wirkung der Bildungsangebote auf die Adressat*innen (a.a.O.: 44-54).

Die Fallauswahl basierte auf Einrichtungen und Gruppen, die zwischen 2019 und 2024 an den U18-Wahlen in Leipzig teilgenommen hatten, sowie auf Neuanmeldungen zur U18-Bundestagswahl 2025 (a.a.O.: 49-51). Insgesamt wurden 53 Personen eingeladen, von denen 17 den Fragebogen vollständig ausfüllten. Das entspricht 32 Prozent derjenigen, die die Befragung begonnen hatten, und 14 Prozent aller Eingeladenen.

In der Verteilung nach Handlungsfeldern waren die Offene Kinder- und Jugendarbeit (35 Prozent, n=6), die Mobile Jugendarbeit/Streetwork (23 Prozent, n=4) und die Jugendverbandsarbeit (12 Prozent, n=2) am stärksten vertreten (a.a.O.: 51). Sozialraumorientierte offene Angebote und schulische Kontexte blieben unterrepräsentiert.

Die offenen Antworten des Fragebogens wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet: Die Antworten wurden schrittweise paraphrasiert, verallgemeinert und zu übergreifenden Aussagekategorien verdichtet (a.a.O.: 47-48). Bei den geschlossenen Fragen kamen fünfstufige Antwortskalen zum Einsatz (von „sehr wichtig" bis „nicht wichtig"), deren Ergebnisse über die am häufigsten gewählte Antwortkategorie sowie die Verteilung der Antworten ausgewertet wurden (a.a.O.: 48-49). 
 

Zentrale Ergebnisse

Adressat*innenorientierung

Adressat*innenorientierung bezeichnet das Grundprinzip, politische Bildungsarbeit konsequent an den Lebenswelten, Erfahrungen und Voraussetzungen der jungen Menschen auszurichten – also dort anzusetzen, was sie tatsächlich beschäftigt, und nicht bei abstrakten politischen Inhalten. Im Fragebogen wurden die Praktiker*innen deshalb mit konkreten offenen Fragen nach ihrer Alltagspraxis gefragt: Welche Themen und Äußerungen junger Menschen tauchen im pädagogischen Alltag immer wieder auf? Gibt es Handlungen oder Verhaltensweisen, die pädagogisch bearbeitet werden müssen? Und welche Situationen entstehen speziell rund um das Thema Wahlen? Diese Fragen zielten darauf ab, den Ausgangspunkt der Bildungsarbeit (die Lebenswelt der Adressat*innen) möglichst konkret zu erfassen.

Die Ergebnisse zeigen nach Kemmner ein widersprüchliches Bild: Einerseits bestätigen die Praktiker*innen, dass das Anknüpfen an konkrete Alltagserfahrungen, wie etwa Zukunftsängste, Diskriminierungserfahrungen oder soziale Ungleichheiten im unmittelbaren Umfeld, der entscheidende Erfolgsfaktor für politische Bildung ist. Andererseits benennen sie genau diese Lebenssituation auch als größtes Hindernis: Wenn junge Menschen von Armut, psychischen Belastungen oder dem schlichten Wunsch nach unbeschwerter Freizeit geprägt sind, fehlt oft die Bereitschaft oder die Kapazität, sich auf politische Themen einzulassen (a.a.O.: 55-58).

Hinzu kommt eine Herausforderung, die Kemmner als zunehmend beschreibt. Pauschale Feindbilder gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen sowie rechtspopulistische Positionen sind im Alltag junger Menschen auf dem Vormarsch und tauchen in allen Situationen auf, in Alltagsgesprächen ebenso wie in Diskussionen über Wahlen. Dies erschwert die politische Bildungsarbeit zusätzlich und stellt nach Einschätzung des Autors besondere Anforderungen an die Fachkräfte, solche Äußerungen professionell einzuordnen und pädagogisch zu begleiten (a.a.O.: 55-56).

 

Wissens- und Kompetenzbereiche

Im Fragebogen wurden die Praktiker*innen gebeten einzuschätzen, wie wichtig ihnen verschiedene Wissens- und Kompetenzbereiche politischer Bildung im Kontext von Wahlen sind, und zwar auf einer Skala von „sehr wichtig" bis „nicht wichtig". Die Ergebnisse zeigen, dass die politische Handlungsfähigkeit, verstanden als Bereitschaft zur Wahlteilnahme oder zur bewussten Entscheidung einer Nichtteilnahme, von den meisten Befragten als „sehr wichtig" eingestuft wurde. Die politische Urteilsfähigkeit als Grundlage für die Stimmabgabe und das Deutungswissen über verschiedene politische Programme, Werte und Kandidierende werden jeweils als „eher wichtig“ eingeschätzt. Auch das Funktionswissen über das Wahlsystem wurde von den meisten Befragten als „eher wichtig" eingestuft (a.a.O.: 56-57).

Methodische Fähigkeiten zum selbstständigen Weiterlernen sind der einzige Bereich, bei dem die Befragten am häufigsten „teils-teils" antworteten. Kemmner deutet dies als Hinweis darauf, dass unter den Praktiker*innen Unsicherheit darüber besteht, wie relevant oder umsetzbar diese Kompetenz im Kontext der politischen Bildung zu Wahlen ist. Insgesamt wurden die fünf Kompetenzbereiche von den Befragten überwiegend als wichtig eingeschätzt, was Kemmner als Beleg für eine grundsätzlich hohe Wertschätzung politikdidaktischer Kompetenzen und Wissensbereiche in der Praxis wertet (a.a.O.: 57).

 

Handlungsmodi der politischen Bildung

Kemmner zeigt, dass der erste Handlungsmodus des Integrationsmodells politischer Bildung nach Becker (anlassbezogene Auseinandersetzung) als der meistgenutzte Zugang beschrieben wird. Dabei gelten direkte Gespräche als zentrale Bildungsform und setzen stabile Beziehungen sowie professionelle Gesprächsführung voraus. Als wirksam werden Ansätze benannt, die von kleinen Alltagssituationen, persönlichen Erzählungen und aktuellen Ereignissen ausgehen und politische Themen implizit in bestehende Freizeitformate einbetten (a.a.O.: 57). Kemmner stellt fest, dass sich die Sozialisation im familiären und peerbezogenen Umfeld als herausfordernd erweise. Dort etablierte Ansichten und Verhaltensweisen prägten die Bildungsbereitschaft sowie die Haltung zu politischen Themen maßgeblich (a.a.O.: 57). Das Materialangebot des Stadtjugendrings, konkret Plakate und Merchandise-Artikel der U18-Wahl und leipzig-wählt.de, wird hinsichtlich seiner Unterstützungsfunktion bei der Überleitung vom Alltäglichen zum Politischen gemischt bewertet. Die meisten Befragten antworteten hier mit „teils-teils" (a.a.O.: 62).

Der zweite Handlungsmodus (demokratische Partizipationserfahrungen) ist in vielen Einrichtungen durch alltagsorientierte und kontinuierliche Formen etabliert und zeigt sich etwa in Form der Aushandlung gemeinsamer Regeln, Mitsprache bei der Auswahl von Freizeitangeboten oder bei Entscheidungen über Neuanschaffungen. Diese niedrigschwelligen Formate ermöglichen aus Sicht der Befragten Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und demokratischen Aushandlungsprozessen (a.a.O.: 58). Die Jugendverbandsarbeit wird dabei als besonderes demokratisches Lernfeld hervorgehoben, da ihre Organisationsstruktur Mitbestimmung und Gremienbeteiligung strukturell verankert (a.a.O.: 58). Demgegenüber stellt der Autor fest, dass vielfach konkrete, langfristige und nachhaltige Partizipationsprojekte fehlten. Besonders der Grad der Selbstorganisation bei der U18-Wahl ist gering. Während einige Einrichtungen Jugendliche aktiv in Gestaltung der Wahlurnen und Stimmauszählung einbeziehen, wird dies in anderen Fällen stark von verfügbaren Ressourcen und kontinuierlichen Gruppenstrukturen abhängig gemacht. Mehrfach wird das Alter der Adressat*innen als limitierender Faktor genannt (a.a.O.: 58-59).

Im Hinblick auf den dritten Handlungsmodus (eigens arrangierte Settings) zeigt sich ein breites Spektrum an Erfahrungen. Einige Praktiker*innen äußern ausschließlich Negativerfahrungen hinsichtlich der Wirksamkeit dieses Modus. Demgegenüber werden zahlreiche Beispiele für erfolgreiche Formate genannt: regelmäßige und strukturierte Angebote wie themenbezogene Koch-, Spiele- oder Filmformate mit politischem Inhalt sowie ereignisbasierte Angebote wie Projektwochen, Fußballturniere oder historische Erinnerungsarbeit (z. B. Stolpersteinputzen). Als ausschlaggebend gilt nach Einschätzung des Autors, ob das arrangierte Setting von den Adressat*innen als Freizeitaktivität wahrgenommen und akzeptiert wird. Kreative, interaktive und digitale Formate – etwa der Wahl-O-Mat oder mobile Wahllokale im Rahmen aufsuchender Arbeit – werden als besonders wirksam eingeschätzt (a.a.O.: 59).

 

Unterstützungsangebote des Stadtjugendrings

Bei der Rangreihe zur Priorisierung von sechs Unterstützungsformaten des Stadtjugendrings werden ein Methodenkoffer mit erprobten Aktivitäten und Angeboten sowie Anleitungen mit didaktischen Hinweisen zum Umgang mit den vorhandenen Materialien (leipzig-wählt.de, Parteiprogramme, Plakate) am häufigsten an erster Position platziert (je n = 5 Nennungen auf Position 1) (a.a.O.: 59-60). Persönliche Qualifizierungsangebote und buchbare externe Kurse oder Projekte sind im Mittelfeld zu verorten. Die geringste Präferenz erhalten Netzwerkveranstaltungen zum Austausch sowie kollegiale Fallberatung und Supervision, die sich mit deutlichem Abstand auf den hinteren Rängen befindet (a.a.O.: 60).

Kemmner identifiziert als zentrale Anforderungen an Wissen und Kompetenzen der Praktiker*innen in der offenen Abfrage vor allem politische Informiertheit und Gesprächsführungsfähigkeiten. Die politische Informiertheit stellt besondere Herausforderungen dar aufgrund der hohen Komplexität politischer Prozesse, der Dynamik und Tagesaktualität politischer Ereignisse sowie einer wahrgenommenen Fremdzuschreibung von Kompetenzerwartungen seitens der Adressat*innen (a.a.O.: 60). Nach Einschätzung der befragten Praktiker*innen sind Gesprächsführung, Moderationsfähigkeit und Konfliktlösungskompetenzen besonders bedeutsam, insbesondere im Umgang mit grenzüberschreitenden Äußerungen sowie gezielten Konfrontationen und Provokationen durch die Adressat*innen (a.a.O.: 60-61). Der Autor hebt hervor, dass die Praktiker*innen die Abgrenzung zwischen politischer Bildung und politischer Einflussnahme als dauerhaftes Spannungsfeld wahrnehmen – insbesondere im Umgang mit dem Kontroversitätsgebot, dem Überwältigungsverbot und der gleichzeitigen Notwendigkeit wertebasierter Bildungsarbeit (a.a.O.: 60-61).

 

Reflexionsmöglichkeiten und Wirkung

Darüber hinaus sind Kemmners Ergebnissen zufolge Reflexionsmöglichkeiten in den Einrichtungen in Form von regelmäßigem Austausch in Teamsitzungen, Supervision sowie analogen und digitalen Feedbackformaten für die Adressat*innen (etwa Wunsch- und Beschwerdeboxen) grundlegend vorhanden und etabliert (a.a.O.: 61). Kemmner hält fest, dass diese Formate meist generalistisch ausgerichtet und nicht spezifisch auf die Reflexion politischer Bildung zugeschnitten seien. Die Ergebnisse zur Bereitschaft für gegenseitige Hospitationen sind uneindeutig. Während je vier Personen einen Besuch bei einem anderen U18-Wahllokal befürworten bzw. ablehnen, gibt eine Mehrheit von neun Personen an, sich darüber unsicher zu sein. Eine ähnliche Verteilung zeigt sich bei der Bereitschaft, andere Praktiker*innen zur Hospitation einzuladen (fünf ja, zwei nein, neun unentschlossen) (a.a.O.: 61-62).

Die Wirkungsstudie von Balzter, Ristau und Schröder (2014) beschreibt nicht nur Wirkungsrichtungen politischer Bildung, sondern auch drei Arten, wie Bildungsangebote an die bisherigen Erfahrungen junger Menschen anknüpfen können: als Impuls für eine weitere Auseinandersetzung mit Politik, als Verstärkung bereits vorhandener politischer Interessen oder als Erweiterung des bisherigen Erfahrungshorizonts durch neue Perspektiven. Kemmner hat die Praktiker*innen im Fragebogen gebeten, einzuschätzen, inwieweit diese drei Funktionen auf ihre eigenen Angebote zutreffen, ebenfalls auf einer Skala von „trifft zu" bis „trifft nicht zu". Addiert man alle Antworten der 17 Befragten zu einem Gesamtwert, ergibt sich ein Wert von 7,06 auf einer möglichen Skala von 3 bis 15, wobei 3 der niedrigsten und 15 der höchsten Zustimmung entspricht. Kemmner wertet dies als insgesamt positive Einschätzung der eigenen Angebote durch die Praktiker*innen (a.a.O.: 63). Die höchste Zustimmung erhält dabei die impulsgebende Funktion, also die Einschätzung, dass die Angebote junge Menschen dazu anregen, sich weiter mit Politik zu beschäftigen (a.a.O.: 63). Ergänzend wurden die Praktiker*innen gebeten, einzuschätzen, welche längerfristigen Wirkungen ihre Angebote bei den jungen Menschen entfalten. Die Wirkungsstudie von Balzter, Ristau und Schröder (2014) unterscheidet dabei vier mögliche Wirkungsrichtungen: dass junge Menschen durch die Bildungsangebote politisch aktiver werden und sich gesellschaftlich engagieren, dass sie eine politisch aufgeklärte und reflektierte Haltung entwickeln, dass sie grundlegende Fähigkeiten erwerben, die politisches Handeln ermöglichen, oder dass die Angebote einen Anstoß für ihre berufliche Orientierung im politischen Bereich geben. Die Praktiker*innen schätzten auf einer Skala von „trifft zu" bis „trifft nicht zu" ein, inwieweit diese Wirkungen in ihren Angeboten eintreten.

Die Ergebnisse zeigen nach Kemmner ein uneinheitlicheres Bild als bei der zuvor beschriebenen Einschätzung der Anknüpfungsfunktionen (a.a.O.: 64). Am stärksten zugestimmt wird dem Erwerb grundlegender Fähigkeiten für politisches Handeln sowie der Entwicklung einer politisch aufgeklärten Haltung. Deutlich skeptischer bewerten die Praktiker*innen hingegen, ob ihre Angebote junges politisches Engagement oder gar eine berufliche Orientierung im politischen Bereich anstoßen. Kemmner deutet diesen Befund dahingehend, dass es in der Praxis schwerfällt, solche längerfristigen Wirkungen bei den Adressat*innen überhaupt wahrzunehmen (a.a.O.: 64-65).

 

Fazit und Ausblick

Kemmner zeigt, dass politische Bildung in den Einrichtungen und Gruppen der Kinder- und Jugendarbeit, die sich an den politischen Bildungsangeboten des Stadtjugendrings Leipzig e. V. beteiligen, aktiv stattfindet und von den Praktiker*innen als relevante Aufgabe angesehen wird. Zugleich weist er auf Defizite hin. Es fehlt in weiten Teilen an einer systematischen Konzeption auf Einrichtungsebene, die schriftlich festhält, welche Ziele politische Bildung in der jeweiligen Einrichtung verfolgt, an welchen didaktischen Prinzipien sie sich orientiert und wie sie in den Arbeitsalltag integriert werden soll. Politische Bildung erfolgt häufig reaktiv und situationsgebunden, ohne explizite didaktische Begründung oder schriftliche Fixierung von Zielen und Handlungsprinzipien (a.a.O.: 66-69).

Aus den Ergebnissen leitet der Autor elf Handlungsempfehlungen auf drei Ebenen ab. Für die intermediäre Ebene des Stadtjugendrings empfiehlt er die Entwicklung einer eigenen politikdidaktischen Konzeption, die Erstellung einer modularen Orientierungshilfe für Einrichtungen (in den Varianten handlungsorientierte Ausrichtung, reflexiv-konzeptionelle Ausrichtung, politikdidaktische Konzeption), die Ausweitung von Kooperationen und Netzwerkarbeit sowie die strukturelle Absicherung der U18-Wahl und leipzig-wählt.de als intermediäre Bildungsstrukturen (a.a.O.: 77-78).

Auf Einrichtungsebene empfiehlt Kemmner die gezielte Weiterentwicklung der Gesprächsführung als pädagogisches Werkzeug (a.a.O.: 70), die bewusste Nutzung von Konflikten als Übungsräume für demokratische Aushandlungsprozesse, die konzeptionelle Schärfung der Abgrenzung zwischen Intervention, Prävention und politischer Bildung sowie die individuelle Förderung politischer Informiertheit der Praktiker*innen (a.a.O.: 78).

Für Wissenschaft und Forschung schlägt der Autor vor, das Integrationsmodell politischer Bildung nach Becker um die Perspektive koordinierender und vernetzender Organisationen wie Jugendringe und Dachverbände zu erweitern, da diese im Modell bisher nicht berücksichtigt werden, in der Praxis jedoch eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung und Unterstützung politischer Bildung spielen. Darüber hinaus empfiehlt er, Übergangsstrategien zwischen den drei Handlungsmodi stärker zu untersuchen sowie politische Sozialisationseinflüsse in der Forschung zu didaktischen Konzeptionen politischer Bildung stärker zu berücksichtigen (a.a.O.: 79).

Kemmner reflektiert darüber hinaus kritisch die Grenzen seiner Praxisforschung, indem er darauf verweist, dass die Ergebnisse auf das lokale Forschungsfeld beschränkt und nur begrenzt verallgemeinerbar seien. Die vorzeitige Bundestagswahl 2025 verhinderte zudem eine geplante zeitnahe Erprobung der Handlungsempfehlungen. Als weiterführende Erkenntnisse benennt er die Bedeutung der Gesprächsführung als eigenständige politikdidaktische Handlungsform sowie den Befund, dass das Integrationsmodell sich auch auf Angebots- und Unterstützungsstrukturebene intermediärer Instanzen anwenden lässt (a.a.O.: 81-82).
 

Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung

Die Arbeit von Kemmner (2025) leistet einen wichtigen Beitrag zur empirischen Fundierung außerschulischer politischer Bildung in der Jugendarbeit. Der Autor bezieht sich mit dem Integrationsmodell nach Becker auf einen in der Fachdiskussion etablierten konzeptionellen Rahmen. Darüber hinaus setzt er einen relevanten neuen Schwerpunkt, indem er die Tragfähigkeit des Modells in den Einrichtungen und Gruppen der Kinder- und Jugendarbeit im Leipziger Kontext erstmals systematisch empirisch untersucht und damit Gelingensbedingungen und Herausforderungen seiner Umsetzung in der Praxis sichtbar macht.

Besonders aufschlussreich ist, was die Befunde über die Leistungsfähigkeit und die Potenziale der Einrichtungen und Gruppen der Kinder- und Jugendarbeit als Orte politischer Bildung aussagen. Die Untersuchung zeigt, dass politische Bildung dort tatsächlich stattfindet, und zwar in Alltagsgesprächen, in Formen demokratischer Mitbestimmung und in eigens arrangierten Formaten. Damit liefert die Studie empirisch gestützte Belege für eine Praxis, die in der aktuellen Debatte um die Rolle der Jugendarbeit für die Stärkung einer demokratischen Gesellschaft häufig vorausgesetzt, aber selten konkret nachgewiesen wird. Zugleich macht sie sichtbar, welche Voraussetzungen, nämlich stabile Beziehungen, lebensweltlicher Bezug, professionelle Gesprächsführung und politische Informiertheit der Fachkräfte, nötig sind, damit diese Potenziale ausgeschöpft werden können.

Die Aussagekraft der Studie ist dabei im Blick zu behalten: Aufgrund der begrenzten Zahl von 17 Befragten und der Mehrfachrolle des Autors als Forscher und zugleich Geschäftsführer des untersuchten Praxispartners, die Kemmner in der Arbeit selbst transparent macht und reflektiert (a.a.O.: 82-84), sind die Ergebnisse als erste explorative Befunde zu verstehen. Dies schmälert ihren Wert nicht, verweist aber auf weiteren Forschungsbedarf und macht die Studie zu einem wertvollen Ausgangspunkt für vergleichende Untersuchungen in anderen lokalen Kontexten. Insgesamt eröffnet die Arbeit einen differenzierten Blick auf ein zunehmend bedeutsames Handlungsfeld und liefert wichtige Impulse sowohl für die Weiterentwicklung der Praxis als auch für die Professionalisierungsdebatte in der politischen Jugendbildung.
 

 

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Diese Arbeit wurde im Rahmen des Unterstützungsangebot der Fachstelle politische Bildung für Abschlussarbeiten veröffentlicht. Die hier veröffentlichten Abschlussarbeiten und Datenbankeinträge beziehen sich auf Studien mit unterschiedlichen akademischen Niveaus (Bachelor-, Master- und Promotionsarbeiten) und werden durch uns in der Version veröffentlicht, die uns die Autor*innen zur Verfügung stellen. Es findet keine gesonderte redaktionelle Bearbeitung durch die Fachstelle politische Bildung statt. 

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veröffentlicht am 12.06.2026