Führt ein Parlamentsbesuch zu einer Zunahme politischen Wissens?
Bibliografische Angaben
Scheidig, Falk / Obergassel, Niklas (2026): Führt ein Parlamentsbesuch zu einer Zunahme politischen Wissens? Eine Längsschnittstudie mit Erwachsenen. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. 29. Jg., H. 2, S. 553-574
Parlamentsbesuche sind ein weit verbreitetes Bildungsangebot, das Bürger*innen die Arbeit des Parlaments näherbringen soll. Ihre Wirkung auf das politische Wissen Erwachsener wurde empirisch jedoch bisher kaum untersucht. Falk Scheidig und Niklas Obergassel von der Ruhr-Universität Bochum gehen dieser Frage erstmals systematisch in einer Längsschnittstudie nach. Hierfür führten sie eine Erhebung mit 115 erwachsenen Besucher*innen des Landtags Nordrhein-Westfalen durch.
Hintergrund und Forschungsinteresse
Den Autoren zufolge ist politisches Wissen eine zentrale Voraussetzung für demokratische Teilhabe und bildet das Fundament politischer Urteils- und Handlungsfähigkeit (siehe Scheidig und Obergassel 2026: 553). Sie verweisen darauf, dass Niveauunterschiede im politischen Wissen mit ungleichen Teilhabechancen einhergehen. Scheidig und Obergassel beziehen sich auf bisherige Studien, die nahelegen, dass unter Erwachsenen Annahmen zur Funktion und Arbeitsweise von Parlamenten weit verbreitet sind, die im politikdidaktischen Diskurs als „Fehlkonzepte“ (Weißeno et al. 2010) und „misskonzeptuelle Vorstellungen“ (Hahn-Laudenberg 2024) bezeichnet werden. Als problematisch gelten solche Vorstellungen vor allem deshalb, weil ihre Enttäuschung im Kontakt mit dem realen Politikgeschehen einen Vertrauensverlust in politische Institutionen nach sich ziehen würden.
Die Autoren verfolgen zwei Forschungsfragen, erstens, ob ein Parlamentsbesuch Einfluss auf das politische Wissen Erwachsener hat, zweitens, ob sich die Wirkung abhängig von soziodemografischen Merkmalen, vom Politikinteresse, vom Politikvertrauen, vom Vorwissen oder von der Variante des Besuchsprogramms (mit oder ohne Besuch einer Plenardebatte) unterscheidet (siehe Scheidig und Obergassel 2026: 559).
Forschungsdesign
Scheidig und Obergassel führten eine Fragebogenerhebung mit Wissenstest zu drei Erhebungszeitpunkten durch. Pre- und Posttests fanden unmittelbar vor und nach dem Besuchsprogramm statt, der Follow-up-Test wurde sechs Monate später als Online-Befragung realisiert (siehe a.a.O.: 560).
Insgesamt nahmen 155 Personen zu allen drei Messzeitpunkten teil, nach Bereinigung der Daten verblieb eine finale Stichprobe von 115 Personen. Das Durchschnittsalter lag bei 48 Jahren, 45 Prozent der Befragten waren weiblich, 81 Prozent verfügten über ein hohes formales Bildungsniveau (siehe a.a.O.: 561). Das Besuchsprogramm bestand aus einem rund 30-minütigen Informationsvortrag des Besuchsdiensts und einem etwa 60-minütigen Gespräch mit einer oder einem Landtagsabgeordneten. An Plenartagen kam eine etwa einstündige Beobachtung einer Plenardebatte von der Besuchstribüne hinzu. Der Besuch dauerte zwischen zweieinhalb und vier Stunden, eine organisierte Vor- oder Nachbereitung fand nicht statt.
Der von den Autoren selbst entwickelte Wissenstest umfasst acht Aussagen zum parlamentarischen Regierungssystem, die als richtig oder falsch eingestuft werden sollten. Erhoben wurden außerdem das Politikinteresse, das Politikvertrauen sowie soziodemografische Angaben. Scheidig und Obergassel werteten ihre Daten mit zwei statistischen Verfahren aus. Mit einer Varianzanalyse mit Messwiederholung wurde der Wissensstand derselben Personen an den drei Befragungszeitpunkten verglichen und die Frage beantwortet, ob die Veränderungen zwischen den Messungen groß genug sind, um nicht als Zufallsschwankung durchzugehen. Mittels einer multiplen Regressionsanalyse wurde anschließend geprüft, ob sich der langfristige Wissenszuwachs bei Personen mit unterschiedlichen Merkmalen wie Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss, Politikinteresse, Politikvertrauen oder Vorwissen unterscheidet. Damit wurde geschaut, für wen der Parlamentsbesuch stärker oder schwächer in Bezug auf politisches Wissen wirkt (siehe a.a.O.: 563f.).
Befunde
Den Autoren zufolge zeigt die Varianzanalyse einen starken und statistisch signifikanten Effekt des Parlamentsbesuchs auf das politische Wissen. Scheidig und Obergassel berichten, dass der durchschnittliche Anteil richtiger Antworten im Wissenstest von 57,6 Prozent vor dem Besuch auf 72,1 Prozent direkt nach dem Besuch stieg und sechs Monate später noch bei 67,4 Prozent lag (siehe a.a.O.: 564). Aus Sicht der Autoren lässt sich somit sowohl kurz- als auch langfristig eine Zunahme des parlamentsbezogenen politischen Wissens nachweisen, wenngleich der langfristige Effekt durch ein leichtes Absinken etwas schwächer ausfällt als der kurzfristige.
Die Regressionsanalyse zeigt nach Darstellung von Scheidig und Obergassel, dass die langfristige Veränderung des politischen Wissens weitgehend unabhängig von Alter, Geschlecht und formalem Bildungsniveau der Teilnehmenden sowie von Politikinteresse, Politikvertrauen und von der Variante des Besuchsprogramms ist (siehe a.a.O.: 565). Da die Autoren keinen Wirkungsunterschied zwischen Besuchen mit und ohne Plenardebatte feststellen konnten, führen sie die Wissenszunahme auf den Informationsvortrag und das Abgeordnetengespräch zurück. Einen deutlichen Unterschied macht den Autoren zufolge das politische Vorwissen der Teilnehmenden: Je mehr eine Person bereits über das parlamentarische Regierungssystem wisse, desto geringer falle der Lerneffekt durch den Besuch aus. In wenigen Fällen kehre er sich sogar ins Gegenteil. Scheidig und Obergassel deuten diesen Befund mit dem „Expertise Reversal Effect“. Dieser besagt, dass Lernangebote, die bei Anfänger*innen gut funktionieren, bei Personen mit viel Vorwissen ihre Wirkung verlieren oder sogar nachteilig werden können. Ausführliche Erklärungen, die für Neueinsteiger*innen hilfreich sind, überschneiden sich bei Vorwissenden häufig mit dem bereits Gewussten und binden kognitive Ressourcen, die dann für das eigentliche Lernen nicht mehr zur Verfügung stehen.
Bei einem differenzierten Blick auf die einzelnen Items des Wissenstests bestünden, so die Autoren, parlamentsbezogene Fehlkonzepte auch nach dem Besuch teilweise fort. Scheidig und Obergassel berichten, dass vor dem Besuch 93 Prozent der Befragten die populäre, aber aus politikdidaktischer Sicht falsche Annahme teilen, die Plenardebatte diene primär der ergebnisoffenen Meinungsbildung der Abgeordneten; direkt nach dem Besuch seien es noch 77 Prozent und sechs Monate später wieder 81 Prozent (siehe a.a.O.: 565).
Schwierigkeiten
Scheidig und Obergassel benennen selbst mehrere Limitationen ihrer Studie. Die Befragung zu Beginn des Landtagsbesuchs könne, so die Autoren, das Verhalten der Teilnehmenden beeinflusst haben, etwa als Impuls für Gespräche in der Besuchsgruppe oder für Fragen an den Besuchsdienst und Abgeordnete.
Der Online-Follow-up-Test nach sechs Monaten fand zudem unter nicht kontrollierbaren Bedingungen statt. Da die Wirkung der einzelnen Programmelemente nicht isoliert untersucht wurde, lässt sich nach Darstellung von Scheidig und Obergassel der jeweilige Anteil von Informationsvortrag und Abgeordnetengespräch am Wissenszuwachs nicht differenzieren. Aussagen zur Repräsentativität der Stichprobe sind den Autoren zufolge nicht möglich, das hohe Politikinteresse und das hohe formale Bildungsniveau der Befragten könnten jedoch auf Teilnahmedisparitäten bei Parlamentsbesuchen hinweisen, also auf eine sozial ungleiche Reichweite des Angebots (siehe a.a.O.: 567).
Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung
Mit der Studie liegt erstmals eine quantitative Wirkungsuntersuchung zu Parlamentsbesuchen Erwachsener vor. Sie schließt eine Forschungslücke, da bisherige längsschnittliche Erhebungen sich auf Schüler*innen bezogen. Für die Praxis der politischen Erwachsenenbildung sind insbesondere zwei Aspekte von Interesse: Zum einen ist der Befund der nachweisbaren langfristigen Wissenszunahme nach einem niedrigschwelligen, kurzzeitigen Bildungsangebot interessant. Zum anderen kann der Hinweis, dass Besuchsprogramme stärker an den (miss-)konzeptuellen Vorstellungen und medial geformten Politikbildern der Teilnehmenden ansetzen sollten, um sogenannte Fehlkonzepte zum parlamentarischen Regierungssystem gezielt zu adressieren, hilfreich sein. Aus einer erwachsenenbildnerischen Perspektive lädt die Studie zu weiterführenden Überlegungen ein. Da politisches Wissen hier ausschließlich als Strukturwissen über das parlamentarische Regierungssystem operationalisiert wird, rückt eine bestimmte politikwissenschaftliche Lesart in den Mittelpunkt, während andere Verständnisse von politischer Bildung in den Hintergrund treten. Damit verbunden ist die Frage, wie die als „Fehlkonzepte" markierten Vorstellungen der Besucher*innen bildungspraktisch zu deuten sind, ob ausschließlich als zu korrigierende Wissenslücken oder auch als Hinweise auf wahrgenommene Spannungen zwischen idealtypischer Beschreibung und gelebter Parlamentswirklichkeit, etwa hinsichtlich Fraktionsdisziplin, vorverhandelter Mehrheiten oder Plenarpräsenz. Eine subjektorientierte politische Erwachsenenbildung, wie sie die Autoren selbst anführen, kann an dieser Stelle ansetzen und die Vorstellungen der Teilnehmenden nicht nur korrigierend, sondern auch dialogisch erschließen.
Bezugsquelle: Springer / Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (Open Access)
Titelseite: CC BY 4.0
Veröffentlicht am 21. Mai 2026
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