„Wir versuchen, politische, soziologische und ökonomische Bildung miteinander in Einklang zu bringen.“ Fünf Fragen an Tim Engartner

Tim Engartner ist Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt politische Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Direktor der dortigen Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung. In einem kurzen Interview gibt er Einblicke in seine Forschung zu politischer Bildung in der Schule und spricht über die Vorzüge von Interdisziplinarität durch sozialwissenschaftliche Bildung.


Prof. Dr. Tim Engartner (Foto: Uwe Dettmar)

Prof. Dr. Tim Engartner (Foto: Uwe Dettmar)

Tim Engartner ist Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt politische Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Direktor der dortigen Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung. In einem kurzen Interview gibt er Einblicke in seine Forschung zu politischer Bildung in der Schule und spricht über die Vorzüge von Interdisziplinarität durch sozialwissenschaftliche Bildung.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Wir haben gerade das Projekt „Böckler Schule“ abgeschlossen, in dem wir ein Konzept zur sozioökonomischen Bildung entworfen sowie Unterrichtsmaterialien entwickelt haben. Aktuell befassen wir uns mit der Entwicklung eines Curriculums für das bilinguale Unterrichtsfach Politics, Economics & Culture sowie mit der Evaluation von Lehr-/Lernprozessen in Planspielen. Im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ gehen wir außerdem der Frage nach, wie Reflexionsfähigkeit als Bestandteil der professionellen Unterrichtswahrnehmung in den verschiedenen Phasen der Lehrer_innenbildung durch videobasierte Online-Lehr-Lernformate gefördert werden kann.

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

Für besonders relevant halte ich, neben dem Projekt „Böckler Schule“, eine Studie, die wir Ende 2018 abschließen konnten. Darin sind wir der Frage nachgegangen, inwieweit die Volkswirtschaftslehre dem Ruf nach mehr Pluralismus nachkommt. Kritiker_innen fordern größere theoretische Vielfalt, mehr Interdisziplinarität und eine Erweiterung des Methodenrepertoires. Wir haben VWL-Studierende befragt und die Ergebnisse haben uns überrascht: VWL-Studierende vermissen sozialwissenschaftliche Zugänge und interdisziplinäre Bezüge zu angrenzenden Fächern. Das lässt unseres Erachtens den Schluss zu, dass ein separates Fach „Wirtschaft“ auch die Interessen von Schüler_innen negiert, drohen doch soziologische, politikwissenschaftliche, historische und rechtliche Bezüge ausgeblendet zu werden.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Unter den Vorzeichen des erstarkenden Populismus scheint es mir geboten zu sein, die in der pädagogischen Psychologie verbreitete Erkenntnis zu erforschen, dass Wissenserwerb kein rein rationales Geschäft ist. Gerade in der politischen Bildung findet er zumeist vor dem Hintergrund handlungsrelevanter Umstände und emotional aufgeladener Zustände statt.

4. Welchen Gewinn für die politische Bildung können ein Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis sowie ein Austausch zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen bringen?

Die prinzipielle Offenheit gegenüber benachbarten sozialwissenschaftlichen Disziplinen scheint mir essenziell zu sein, um den fachdidaktischen Prinzipien der Problem-, Lebenswelt- und Situationsorientierung folgend zu konsistenten Schlussfolgerungen in der sozialwissenschaftlichen Bildung zu kommen. Mit Blick auf die Praxis ist es bedeutsam, dass politische Sachfragen, die Menschen umtreiben, nahezu immer eine Bedeutung für das persönliche Lebensumfeld haben. Daher sollte unser Erkenntnisinteresse nicht auf kognitive Aspekte beschränkt bleiben, sondern affektive und konative Faktoren einbeziehen. Denn unabhängig davon, ob Einstellungen auf Menschen, Gruppen, Institutionen und/oder Problemstellungen zielen, fungieren diese Faktoren in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern sowohl als Lernvoraussetzungen wie auch als Bildungs- und Erziehungsziele.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern: zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen, aber auch zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler_innen, Praktiker_innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Grundsätzlich freuen wir uns über Kooperationen jeder Art, wobei wir hier in Frankfurt insbesondere die Integration der sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen im Blick haben, das heißt, wir versuchen, politische, soziologische und ökonomische Bildung miteinander in Einklang zu bringen.

 

Veröffentlicht am 08.07.2019

 

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