„Wir müssen die Fähigkeit aller Bevölkerungsgruppen stärken, gesellschaftskritische soziale Utopien zu entwickeln, die Ungleichbehandlungen eine Alternative entgegensetzen.“ Fünf Fragen an Brigitte Kukovetz

Dr.in Brigitte Kukovetz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich „Migration – Diversität – Bildung“ am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz. Sie arbeitet und forscht dort schwerpunktmäßig zu Migration, Active Citizenship / freiwilliges Engagement, Diskriminierungen und Rassismen und gibt im Interview Einblicke in zwei Projekte in diesem Bereich.


Dr.in Brigitte Kukovetz (Foto:© Lilith Ondas)

Dr.in Brigitte Kukovetz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich „Migration – Diversität – Bildung“ am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz. Sie arbeitet und forscht dort schwerpunktmäßig zu Migration, Active Citizenship / freiwilliges Engagement, Diskriminierungen und Rassismen und gibt im Interview Einblicke in zwei Projekte in diesem Bereich.

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Im Arbeitsbereich „Migration-Diversität-Bildung“ des Instituts für Erziehungs- und Bildungswissenschaften war bzw. bin ich im Kontext politischer Bildung in zwei Projekten tätig, die beide unter der Leitung von Prof.in Annette Sprung  durchgeführt werden. Das Projekt „Caring-Living-Labs Graz: Gut leben im Alter“  (2022-2024) stärkt die gesellschaftliche Teilhabe von älteren Menschen in Hinblick auf ein gutes Zusammenleben und der Sorge und Unterstützung füreinander. In Orten der Beteiligung diskutieren ältere Menschen (insbesondere mit Migrationsbiografien und/oder in armutsgefährdeten Lebenssituationen) ihre Bedürfnisse und Sorgeerfahrungen und entwickeln Zukunftsbilder eines guten Lebens im Alter, welche zum Teil auch im Rahmen des Projekts umgesetzt werden. Politische Bildung verstehen wir hier im Sinne einer Förderung der „Active Citizenship“, also der aktiven Bürger*innenschaft im Rahmen von „Caring Communities“. Gleichzeitig erforschen wir die notwendigen Rahmenbedingungen und kommunizieren diese, ebenso wie die Vorstellungen der Projektteilnehmenden, relevanten Organisationen und Entscheidungsträger*innen in der Stadt.

In einem Vorläuferprojekt legten wir den Fokus ebenfalls auf bürgerschaftliche Beteiligungsprozesse unter Bedingungen migrationsbedingter Diversität. Im Projekt „Active Urban Citizenship“  (2021-2022) kamen Frauen verschiedenen Alters mit unterschiedlichen sozialen, nationalen, sprachlichen und Bildungs-Hintergründen zusammen und entwickelten in einer Workshopreihe Utopien des Zusammenlebens und der aktiven Bürger*innenschaft. Diese wurden in Schaufenstern von Grazer Lokalen und Geschäften ausgestellt. 

 

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein?

In beiden Projekten zeigte sich, dass Menschen auch in prekären Lebenssituationen viele Ressourcen haben und sich bereits auf verschiedenste Weisen gesellschaftlich einbringen. Die stärkere Förderung aktiver Beteiligungsprozesse braucht insbesondere eine Sensibilität gegenüber verschiedenen Ungleichheitsfaktoren. Vertrauensbildender Kontaktaufbau, professionell moderierte Treffen, kreative Methoden und das Zurverfügungstellen von zusätzlichen Ressourcen helfen dabei, sozioökonomischen Ungleichheiten, Diskriminierungen und Rassismen entgegenzuwirken.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Gerade in Zeiten, in denen rechtsradikale Positionen immer gesellschaftsfähiger werden, ist es besonders wichtig, das Augenmerk auf Rassismen, Sexismen, Diskriminierungen und allgemein Machtverhältnisse zu legen. Der Blick sollte dabei „glokal“ erfolgen, also auf lokaler Ebene ansetzen, jedoch die globalen Entwicklungen und Auswirkungen mitbedenken.

Ebenso wichtig ist aber auch eine positive Herangehensweise. Wir müssen die Fähigkeit aller Bevölkerungsgruppen stärken, gesellschaftskritische soziale Utopien zu entwickeln, die Ungleichbehandlungen eine Alternative entgegensetzen.

 

4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?

In der politischen Bildung ist es meines Erachtens gar nicht möglich, nur aus einer Perspektive oder einer Disziplin heraus tätig zu werden. Als Basis braucht es die Analyse sozialpolitischer Entwicklungen und Bedingungen gesellschaftlicher Ungleichheit, sowie der Bildungsprozesse selbst. Im besten Fall erfolgt die Forschung selbst schon unter Einbindung der Akteur*innen in der Praxis. Sowohl informelle und non-formale als auch formalisierte politische Bildung kann dann von diesen Ergebnissen profitieren.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Einerseits teile ich gerne die Ergebnisse unserer bisherigen Forschungsprojekte, andererseits freue ich mich über Anfragen zu zukünftigen Kooperationen in Forschungs- und Bildungsprojekten. Meine Schwerpunkte hierbei sind intersektionale Bildung mit Fokus auf Migration, Grenzregime, Utopie und zivilgesellschaftliches Engagement.

Veröffentlicht am 26.10.2023

 

Zum Weiterlesen

  • Sie finden Dr.in Brigitte Kukovetz in der Landkarte der Forschung zur politischen Bildung. mehr lesen


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