Wie politische Bildung wirkt. Interview mit Nadine Balzter

In der trägerübergreifenden bundesweiten Studie „Wie politische Bildung wirkt. Wirkungsstudie zur biographischen Nachhaltigkeit politischer Jugendbildung“ untersuchen Nadine Balzter, Yan Ristau und Prof. Dr. Achim Schröder von der TU Darmstadt Effekte politischer Jugendbildung. Die Ergebnisse stellte Nadine Balzter am 9. Februar 2015 auf der Tagung "Bildungsstätten - Lernorte der Zukunft" in der Ländlichen Heimvolkshochschule Mariaspring vor. Die Transferstelle politische Bildung nutzte diese Gelegenheit, um nachzufragen.


Nadine Balzter (Foto: privat)

In der trägerübergreifenden bundesweiten Studie „Wie politische Bildung wirkt. Wirkungsstudie zur biographischen Nachhaltigkeit politischer Jugendbildung“ untersuchen Nadine Balzter, Yan Ristau und Prof. Dr. Achim Schröder von der TU Darmstadt Effekte politischer Jugendbildung. Die Ergebnisse stellte Nadine Balzter am 9. Februar 2015 auf der Tagung "Bildungsstätten - Lernorte der Zukunft" in der Ländlichen Heimvolkshochschule Mariaspring vor. Die Transferstelle politische Bildung nutzte diese Gelegenheit, um nachzufragen.

Transferstelle politische Bildung: Frau Balzter, was sind die zentralen Erkenntnisse Ihrer Studie in Hinsicht auf die Praxis politischer Bildung?

Nadine Balzter: Die Arbeit und die Grundelemente politischer Jugendbildung wurden in der Studie bestätigt. Die Ziele politischer Jugendbildung, Wissen zu vermitteln, zur Urteilsfähigkeit zu befähigen und zur Partizipation anzuregen, werden erreicht.
Zudem zeigt die Studie, wie die Arbeit mit Jugendlichen funktionieren kann, die als bildungsfern oder politikfern gelten und deren bisherige Sozialisation wenig Berührung mit Politik hatte. Das ist insofern spannend, da das Vorurteil besteht, die Wirkung der Arbeit mit diesen Jugendlichen sei nur marginal. Die Studie zeigt hingegen sehr anschaulich, wie es gelingen kann, diese Zielgruppe zu erreichen und wie politische Jugendbildung Möglichkeitsräume schafft, diese Jugendlichen ermutigt, sich mit dem Politischen zu befassen und Zugänge zum Feld der Politik eröffnet. Das klappt natürlich nicht in jedem Fall. Zudem braucht es auch Anschlussmöglichkeiten, also meist ist es nicht mit einem Seminar getan.

TpB: Gab es Ergebnisse, die Sie überrascht haben?

NB: Ein eher ungewöhnliches Ergebnis der Studie ist, dass politische Jugendbildung auch die berufliche Orientierung der Teilnehmenden im Feld der Politik oder der politischen Bildung beeinflussen kann. Dieser Befund lohnt sicherlich eine weitere Diskussion. Was heißt das für die politische Bildung? Die berufliche Orientierung der Teilnehmenden und so etwas wie „Nachwuchspflege“ ist ja konzeptionell nicht in der politischen Jugendbildung verankert, daher wäre es sicherlich spannend, dieses Ergebnis mit den Praktikerinnen und Praktikern beziehungsweise den Verantwortlichen zu diskutieren.

TpB: Konnten Sie einen Zusammenhang zwischen bestimmten Methoden und Formaten und den beobachteten Effekten feststellen?

NB: Ich würde das grundsätzlich verneinen. Meines Erachtens gibt es diese Art von Kausalitäten – Wenn-dann-Beziehungen – in Bildungsprozessen nicht. Allerdings kann man rekonstruktiv arbeiten, wie wir das auch gemacht haben, und Rückschlüsse ziehen – natürlich immer nur vor dem Hintergrund der jeweiligen individuellen Biographie. So lässt sich etwa nachvollziehen, wenn der oder die Jugendliche aus einer parteipolitisch orientierten Familie kommt, folglich am Kinder- und Jugendparlament teilnimmt und daraufhin kommunalpolitisch aktiv wird, auch in der Partei. Aber natürlich hätte das auch anders verlaufen können. Das Engagement im Kinder- und Jugendparlament hätte auch zu der Feststellung führen können, dass politisches Engagement für sie oder ihn nichts ist, keinen Spaß macht oder dass sie oder er sich in anderer Weise politisch engagieren möchte, als in dem eher konservativen parteipolitischen Spektrum.

TpB: Sie haben in Ihrem Vortrag erwähnt, dass Angebote an bestimmte Erfahrungen anschließen sollten und möglicherweise auch mehr als nur ein einmaliger Input notwendig ist. Erleben also Jugendliche, die mehrwöchige Veranstaltungen besuchen, stärkere Effekte als solche, die an kürzeren Veranstaltungen teilnehmen?

NB: Lang heißt nicht immer mehr Effektivität. Es kann auch in kürzeren Formaten Schlüsselerlebnisse geben. Man bemerkt bei einer Wochenendveranstaltung, dass man das Thema total wichtig findet und sagt „ich will mich damit weiter befassen“ oder „ich will mich dafür einsetzen“ oder „ich finde die politische Jugendbildung ganz toll, weil hier anders diskutiert wird als im Politikunterricht“. Für manche Jugendliche ist es dann wichtig, dass es Anschlussmöglichkeiten gibt. Wenn man etwa ein einwöchiges Seminar in einer Bildungsstätte konzipiert, eventuell in Kooperation mit einer Schule, dann ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, welche anderen Seminare für die Jugendlichen interessant sind, was oder welche Möglichkeiten es vor Ort, in der Lebenswelt der Jugendlichen gibt, die daran anschließen.

TpB: Sie haben in Ihrer Studie den Einfluss der pädagogischen Fachkräfte erwähnt. Sie können eine anregende Funktion, eine Vorbild-Funktion oder auch eine Funktion als Unterstützer für die Jugendlichen haben. Gibt es bestimmte Qualifikationen, die dafür förderlich sind und die sich erlernen lassen, um diese Rolle einzunehmen?

NB: Die Anforderungen sind schon sehr hoch, um als Jugendbildungsreferent oder -referentin zu arbeiten. Das zugrunde liegende Problem ist aber, dass es kaum einen Studiengang gibt, der dafür ausbildet. Referentinnen und Referenten in der politischen Jugendbildung kommen meist aus der Politikwissenschaft, aus der Pädagogik oder aus der Soziologie. Dadurch müssen sie sich vieles selbst aneignen, beziehungsweise gibt es eine Zweistufigkeit des Qualifikationsprozesses, einerseits im Studium und andererseits in der Institution. Das ist meines Erachtens eine Grundproblematik.
Aber um zu den Qualifikationen zu kommen: Natürlich ist es wichtig, politikwissenschaftliche Kenntnisse zu haben. Aber auch pädagogische Qualifikationen zu Didaktik, Methodik, pädagogischen Beziehungen sind relevant, ebenso wie Wissen über die Jugendphase – um zu verstehen, dass sich manche Jugendliche einfach abarbeiten wollen, den Konflikt suchen, andere eher ein Vorbild suchen oder eine Unterstützerfunktion brauchen. Gleichzeitig zeigt unsere Studie, wie wichtig es ist, sich mit biographischen Prozessen der Teilnehmenden zu beschäftigen, um eine Sensibilität für die Jugendlichen im Seminar zu entwickeln. Welche Vorerfahrungen gibt es, wo kann ich anknüpfen, welche Funktion hat politische Bildung in diesem konkreten Fall? Hat politische Bildung beispielsweise nur eine unterstützende Funktion, da es in der Familie schon eine politische Sozialisation gab? Wann ist es angezeigt, die Jugendlichen zu ermutigen, welche Selbstwirksamkeitserfahrungen brauchen sie, um Selbstbewusstsein aufzubauen? Ich denke, dass solche Überlegungen im Feld der politischen Bildung bislang vernachlässigt wurden. Und natürlich spielt auch die biografische Reflexion der Bildungsreferenten eine Rolle. Also: wie bin ich zu der Persönlichkeit geworden, die ich heute bin? Wie kam ich überhaupt zum Politischen? Wie komme ich dazu, Referent für politische Bildung zu werden?

TpB: Dies steht dann im Zusammenhang mit der erwähnten Vorbildfunktion, die Bildungsreferenten und -referentinnen für Jugendliche haben können?

NB: Genau, sie können auch Vorbildfunktion haben. Aber natürlich gibt es auch Konstellationen, in denen man nicht Vorbild, sondern Gegenpart ist. Die Beschäftigung mit der eigenen Biografie hilft, eine Sensibilität für die Teilnehmenden zu entwickeln.

TpB: Das sind ja schon recht konkrete Empfehlungen für die Praxis. Was kann die Wirkungsforschung – über solche Empfehlungen hinaus – noch für die Praxis der politischen Bildung leisten?

NB: Die Wirkungsforschung ist eine Rückmeldung, die man sonst in der Regel so nicht einholen kann. Denn viele Jugendbildungsreferentinnen und -referenten stehen vor dem Problem, Seminare durchzuführen und nicht zu wissen, was mit Impulsen und Erfahrungen, die Jugendliche dort bekommen, passiert. Die Ergebnisse der Wirkungsforschung können wichtige Bestätigungen, aber auch Anregungen für Veränderungen in der politischen Bildung geben. Und letztlich spielt die Wirkungsforschung auch eine entscheidende Rolle in der Diskussion, welche Bedeutung politische Jugendbildung hat und wie sie von der öffentlichen Hand finanziert werden sollte.

TpB: Frau Balzter, vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:
Nadine Balzter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik der Technischen Universität Darmstadt und war im Forschungsprojekt „Biographische Nachhaltigkeit politischer Jugendbildung – eine Wirkungsstudie“ an der Hochschule Darmstadt beschäftigt.

 

Veröffentlicht: Juli 2015

 

Zum Weiterlesen

  • Datenbankeintrag zur Studie „Wie politische Bildung wirkt. Wirkungsstudie zur biographischen Nachhaltigkeit politischer Jugendbildung“ mehr


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