„Viele Akteure in der Wissenschaft und Praxis engagieren sich im Bereich der politischen Bildung, ohne voneinander zu wissen.“ Fünf Fragen an Christian Kuchler

Prof. Dr. Christian Kuchler ist Leiter des Lehr- und Forschungsbereichs der Didaktik der Gesellschaftswissenschaften an der RWTH Aachen. Er arbeitet an den Schnittstellen von historischer und politischer Bildung, unter anderem zu den Potenzialen außerschulischer Lernorte, und fordert einen stärkeren Austausch zwischen den Bereichen.


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Prof. Dr. Christian Kuchler (Foto: privat)

Prof. Dr. Christian Kuchler ist Leiter des Lehr- und Forschungsbereichs der Didaktik der Gesellschaftswissenschaften an der RWTH Aachen. Er arbeitet an den Schnittstellen von historischer und politischer Bildung, unter anderem zu den Potenzialen außerschulischer Lernorte, und fordert einen stärkeren Austausch zwischen den Bereichen.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Aktuell entsteht an meinem Lehr- und Forschungsgebiet Didaktik der Gesellschaftswissenschaften eine Dissertation zum Themenfeld politische Kommunikation in Gestalt visuell-humoristischer Inhalte und ihre Bedeutung für die politische Sozialisation. Gerade in Sozialen Medien gibt es eine große Bandreite an Kommunikation von demokratiefeindlichen Kräften, die bislang kaum wahrgenommen wurde, obwohl sie sich in Memes in breiten Teilen der Bevölkerung weiterverbreitet. Daneben arbeiten ich und mein Team vorwiegend an den Schnittstellen zwischen politischer und historischer Bildung, wo wir häufig das Vergangene mit der politischen Gegenwart verknüpfen. Das zeigt sich beispielsweise in der kleinen Gemeinde Roetgen in der Eifel, die als erste deutsche Kommune von der US-Armee erobert wurde. Dort entwickeln wir ein Museum, das danach frägt, warum es sich um eine Befreiung handelte. Die lokale Geschichte wird eingebunden in die Entwicklung der Erinnerung seit 1945.

 

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

Gegenwärtig arbeite ich zu außerschulischen Lernorten und ihren individuellen Zugängen zur politischen und historischen Bildung. Beide Zugänge bieten den Lernenden interessante Perspektiven und eröffnen vielfältige Lernchancen. Ich bin davon überzeugt, dass diese Chancen oft ungenutzt bleiben und werbe daher für einen stärkeren Austausch zwischen Geschichts- und Politikdidaktik, da die historische Gewordenheit immer auf die politische Situation der Gegenwart wirkt – ebenso wie die aktuellen Gegebenheiten spezifische Fragen an die Vergangenheit stellen.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Es gibt viele Aspekte, über die wir wenig oder vielleicht auch noch nichts wissen. Einen oder mehrere Punkte herauszugreifen scheint mir schwierig. Daher greife ich auf den Gedanken eines Kollegen zurück: Anstatt uns immer wieder selbst zu befragen, was wir erforschen könnten, sollten wir uns gelegentlich auch daran orientieren, welche Fragen die Gesellschaft an uns richtet. Aus diesem Grund scheinen mir Forschungsfragen zur Digitalisierung, zum Extremismus und Nationalismus für die politische Bildung von zunehmender Relevanz zu sein.

 

4. Welchen Gewinn für die politische Bildung kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis bringen sowie ein Austausch sowohl zwischen den Wissenschaftsdisziplinen als auch innerhalb dieser?

Ein potenzieller „Gewinn“ liegt bereits im Kennenlernen selbst. Viele Akteure in der Wissenschaft und Praxis engagieren sich im Bereich der politischen Bildung, ohne voneinander zu wissen. Anstelle eines gemeinsamen Miteinanders rückt allzu häufig ein unkoordiniertes Nebeneinander. Aus diesem Grund ist die Arbeit der Transferstelle so wichtig und ein organisierter Austausch (auch auf Verbandsebene) erstrebenswert.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

In Aachen unternehmen wir den Versuch historische und politische Bildung sowie ihre Didaktiken zusammenzudenken. Wir sind daher besonders an Kooperationen zwischen diesen Schnittstellen interessiert und freuen uns auf einen anregenden, offenen und gerne auch experimentellen Austausch.

 

Veröffentlicht am 18.08.2022

 

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