„Vermessungen politischer Bildung, die von einem Lernen über die Welt und die Politik ausgehen, erscheinen nicht mehr angemessen.“ Fünf Fragen an Werner Friedrichs

Dr. Werner Friedrichs leitet die Fachvertretung für die Didaktik der Politik und Gesellschaft an der Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der Otto-Friedrich Universität Bamberg. Im Interview berichtet er von seinen Forschungsprojekten, die sich mit der Frage nach dem Politisch-Werden beschäftigen. Vor dem Hintergrund der Klimakrise fordert er neue, radikalere Denkweisen und die Überwindung der Dichotomie von Gesellschaft und Natur.


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Dr. Werner Friedrichs (Foto: privat)

Dr. Werner Friedrichs leitet die Fachvertretung für die Didaktik der Politik und Gesellschaft an der Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der Otto-Friedrich Universität Bamberg. Im Interview berichtet er von seinen Forschungsprojekten, die sich mit der Frage nach dem Politisch-Werden beschäftigen. Vor dem Hintergrund der Klimakrise fordert er neue, radikalere Denkweisen und die Überwindung der Dichotomie von Gesellschaft und Natur. Er wünscht sich dafür alternative, interdisziplinäre Arbeitsformen, auch zwischen Wissenschaft und (ästhetischer) Praxis.


1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

In meinen Forschungsprojekten geht es um die Frage, wie sich das Politisch-Werden von Subjekten in der Welt vollzieht. Politik wird dabei nicht als ein gesonderter Bereich betrachtet, der die Gesellschaft verwaltet und steuert. Vielmehr geht es darum, wie sich Subjekte gleichfrei (Balibar) in der konkreten Lebenswelt mit Dingen und anderen Lebewesen zusammen bilden. Dazu habe ich mit dem Künstler*innenkollektiv JAJAJA aus Hamburg eine Experimentserie zu demokratischen Existenzweisen entwickelt. Hier geht es einerseits darum, die Demokratie als Lebensform in ihren konkreten Alltagspraxen zu untersuchen und andererseits Strategien für eine demokratische Kunst des Existierens zu entwickeln. Im Rahmen einer Rimini-Protokoll-Produktion habe ich außerdem die Frage nach der praktischen Greifbarkeit des Gemeinsamen bearbeitet. 

 

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein?

Vor dem Hintergrund der Debatten in den Neuen Materialismen, den Science and Technology Studies oder den Theorien der Verkörperung erscheinen Vermessungen politischer Bildung, die von einem Lernen über die Welt und die Politik ausgehen, nicht mehr angemessen. Die politische Bildungspraxis, die in vielen Projekten mit neuen Formaten experimentiert, kann mit den Ergebnissen meiner Arbeiten herausstellen, dass sie als explizit politisch zu verstehen ist. Sie muss sich nicht an einem virtuellen „Kern des Politischen“ oder an einem gereinigten „engen Sinn“ des Politikbetriebes messen lassen.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Wir sollten uns an den drängenden Fragen orientieren, die in der Debatte um das Anthropozän aufgeworfen wurden: Im sogenannten Klimaregime erleben wir eine beispiellose Krise des In-der-Welt-Seins. Um die Dimensionen dieser existenziellen Krise greifbar zu machen, kommen wir mit den bisherigen Denkweisen nicht weiter. Viele Ansätze agieren noch zu sehr in einer Gegenüberstellung von Gesellschaft und Natur. Wir müssen dagegen politische Weltverhältnisse viel radikaler denken – über Zukunftswerkstätten, Nachhaltigkeitsfantasien und letztlich auch das Humane hinaus.

 

4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?

Für zeitgemäße Ausbuchstabierungen von Weltverhältnissen brauchen wir neue Erzählungen, neue Narrative. Wir brauchen nicht nur science, wir brauchen science fiction. Die Wissenschaft muss sich dafür nicht nur von den angestammten Fächerlogiken lösen. Wir brauchen alternative Formen, über Weltbeziehungen zu arbeiten und zu denken – wie es Autorinnen wie Donna Haraway oder Isabell Stengers eindrucksvoll gezeigt haben. Gerade die Praxis kann dazu einen substanziellen Beitrag leisten, weil sie viel stärker in Praktiken der gemeinsamen Welterzeugung verstrickt ist.


5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Ich bin interessiert an Projekten, in denen die Demokratie als Lebensform erprobt wird, insbesondere solche, die auch kulturelle Aspekte miteinbeziehen und die offen für künstlerische Arbeitsformen sind. Es gibt unzählige Vorhaben, die nie an die Universität vordringen. Zukunftsweisend sind aus meiner Sicht ästhetische Zugänge zu Weltverhältnissen, wie sie etwa in der Choreografie oder von Performer*innen und Soundkünstler*innen ausprobiert werden. Ein kleiner Traum wäre ein interdisziplinärer Arbeitszusammenhang zu politischen, materialen Weltverhältnissen.

 

Veröffentlicht am 18.02.2022

 

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