„Politikwissenschaft und politische Bildung sollten selbstverständlich den Dialog suchen.“ Fünf Fragen an Reinhard Mehring

Prof. Dr. Reinhard Mehring ist Professor für Politikwissenschaft und deren Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Politische Theorie, Neuere deutsche Geschichte und Geschichte der Philosophischen Pädagogik. Er spricht im Gespräch mit der Fachstelle über die Entliberalisierung


Prof. Dr. Reinhard Mehring (Foto: privat)

Prof. Dr. Reinhard Mehring ist Professor für Politikwissenschaft und deren Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Politische Theorie, Neuere deutsche Geschichte und Geschichte der Philosophischen Pädagogik.
Prof. Reinhard Mehring spricht im Gespräch mit der Fachstelle über die Entliberalisierung der politischen Kultur und darüber, dass mehr Dialog zwischen Disziplinen und Akademiker_innen nötig ist.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Ich bin mehr interdisziplinärer Forscher als Fachdidaktiker. Im Bereich der Politikdidaktik und politischer Theorie habe ich in den letzten beiden Jahren aber veröffentlicht: 2019 eine kleine Geschichte der neuen Bundesrepublik und 2018 eine politisch akzentuierte Geschichte der philosophischen Pädagogik. Daran möchte ich nun Studien zur Nationalpädagogik Friedrich Schleiermachers anschließen.

 

2. Welche Ihrer Forschungserkenntnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

Ich halte die aus meinen Carl Schmitt-Studien sich ergebenden Fragen zur aktuellen Lage der liberalen Demokratie für relevant. Wir erleben gerade erneut eine Entliberalisierung der Demokratie und unheilige Allianzen von Populismus und autoritärer Exekutivstaatlichkeit. Die omnipräsente Demokratierhetorik verdunkelt, dass nur die liberale Demokratie anerkennungswürdig ist. Sie ist aktuell in der Defensive. Ich vertrete deshalb einen Primat des Liberalismus, der den Einzelnen rechtsstaatlich und gewaltenbeschränkend schützt.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Allgemein ist die Entliberalisierung der politischen Kultur eine große Herausforderung, auch für die didaktische Forschung. Aus meiner langjährigen Tätigkeit als Realschullehrer weiß ich aber auch um die große Bedeutung von Migrationshintergründen, familiärer Sozialisation und Erziehungsstilen, die genauer erschlossen und kommuniziert werden müssten.

 

4. Welchen Gewinn für die politische Bildung kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis bringen sowie ein Austausch sowohl zwischen den Wissenschaftsdisziplinen als auch innerhalb dieser?

Politikwissenschaft und politische Bildung, Theorie und Praxis, sollten selbstverständlich den Dialog suchen. Ich betrachte Politikwissenschaft als eine praktische und auch interventionistische Disziplin, die auch das tagespolitische Engagement nicht scheuen sollte. Seit Jahren gerät die Welt in immer größere Krisen. Viele Entwicklungen halte ich für negativ, auf welche die politische Bildung antworten muss. „Populismus“ und „Antisemitismus“ sind hier nur zwei Stichworte und Symptome einer allgemeinen Entliberalisierung.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern: zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen, aber auch zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten.  Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler_innen, Praktiker_innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Akademische Kommunikation verläuft viel zu oft zu umständlich. Ich freue mich über jeden, der mich anspricht und spreche und schreibe diejenigen an, die mich interessieren. Das Schneeballsystem unserer Publikationsformen, die für alle und keinen im Bibliotheksregal oder Netz stehen, bringt immer wieder überraschende Begegnungen und Vernetzungen, die zu den Freuden unseres Berufes gehören.


Veröffentlicht am 21.07.2020

 

Zum Weiterlesen

  • Sie finden Reinhard Mehring in der Landkarte der Forschung zur politischen Bildung.
  • Mehring, Reinhard (2019): Die neue Bundesrepublik. Zwischen Nationalisierung und Globalisierung. Kohlhammer, E-Book. 
  • Mehring, Reinhard (2018): Die Erfindung der Freiheit. Vom Aufstieg und Fall der Philosophischen Pädagogik. Königshausen& Neumann. Würzburg


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