„Nichts nutzt mehr gegen soziale Ungleichheit in der politischen Bildung als hochwertiger Politikunterricht für alle“ Fünf Fragen an Hermann Josef Abs

Hermann Josef Abs leitet das nationale Studienzentrum zur International Civic and Citizenship Education Study (ICCS) in Deutschland und ist Gründungsvorsitzender des Interdisziplinären Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (InZentIM) an der Universität Duisburg-Essen. Im Kurzinterview gibt er Einblicke in seine Forschung zu politischer Bildung in der Schule.


Prof. Hermann Josef Abs (Foto: Daniel Schumann, Universität Duisburg-Essen)

Prof. Hermann Josef Abs (Foto: Daniel Schumann, Universität Duisburg-Essen)

Hermann Josef Abs leitet das nationale Studienzentrum zur International Civic and Citizenship Education Study (ICCS) in Deutschland und ist Gründungsvorsitzender des Interdisziplinären Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (InZentIM)  an der Universität Duisburg-Essen. Im Kurzinterview gibt er Einblicke in seine Forschung zu politischer Bildung in der Schule. Geforscht werden sollte seiner Meinung nach unter anderem dazu, wie die Identifikation mit integrativen (nicht exklusiven) Gemeinschaften gestärkt wird, wie Schule als eine solche Gemeinschaft entwickelt werden kann, und wie sich die Identifikation mit der eigenen Schule auf weitere Identifikationsprozesse (z.B. Stadt, Nation, Europa) auswirkt.

1.Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt im Bereich politischer Bildung?

Die ICCS (International Civic and Citizenship Education Study) ist eine international vergleichende Repräsentativstudie zur politischen Sozialisation in der Schule und analysiert für circa 20 Schulsysteme in Europa den Bildungsstand zu politischer und zivilgesellschaftlicher Bildung von Jugendlichen im schulischen Kontext. Nachdem mein Team und ich den Bericht zu ICCS 2016 abgeschlossen haben, nehmen wir nun vertiefende Analysen vor.

Für die nächste Durchführung der ICCS 2022 haben wir drei wesentliche Veränderungen geplant: Erstens wollen wir neue Fragen zu schulischen Prozessen, zur ökologischen Nachhaltigkeit und zur Digitalisierung entwickeln. Zweitens wird neben Nordrhein-Westfalen auch Schleswig-Holstein als zweites Bundesland in Deutschland teilnehmen. Drittens haben Vertr.-Prof.in Dr.in Hahn-Laudenberg (Uni Wuppertal), Prof. Dr. Goldhammer (DIPF – Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation) und ich ein nationales Konsortium zur Studie eingerichtet, das die Interdisziplinarität der ICCS noch besser zur Geltung bringt. So werden politikdidaktische, psychometrische und schulpädagogische Perspektiven gleichermaßen integriert. Die Studie wird von der Europäischen Union und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

In der Analyse von Daten aus der ICCS 2016 für vier Schulsysteme haben wir (Daniel Deimel, Bryony Hoskins und ich) uns mit dem Beitrag der Schule zur Kompensation von Ungleichheit in der politischen Partizipation beschäftigt. Dazu werden Prozesse auf der Schulebene (institutionalisierte Partizipation von Schüler_innen), auf der fachübergreifenden Unterrichtsebene (offenes Diskussionsklima im Unterricht) und auf der Ebene des Fachunterrichts (Thematisierung von Inhalten politischer Bildung) betrachtet. Im Ergebnis zeigt sich, dass zwar alle drei Bedingungen positive Bildungseffekte generieren (hier am Beispiel der Intention, als Erwachsene_r wählen zu gehen), jedoch in unterschiedlicher Weise sozial selektiv sind. Für die untersuchten Merkmale auf Schulebene und allgemeiner Unterrichtsebene besteht ein erschwerter Zugang in Schüler_innengruppen mit einem geringeren sozioökonomischen Status. D.h., in Klassen, die im Mittel einen niedrigeren sozioökonomischen Status haben, berichten die Schüler_innen seltener von institutionalisierter Partizipation und seltener von kontroversen Diskussionen, in denen sie eigene Auffassungen einbringen können. Dagegen zeigt sich für das Merkmal auf der Ebene des Fachunterrichts ein Kompensationseffekt; d.h., Schüler_innengruppen mit geringerem sozioökonomischem Status profitieren relativ stärker von einschlägigen Unterrichtsangeboten. Das Ergebnis ist von hoher Relevanz für die Bedeutung des Fachunterrichts in politischer Bildung und für die Debatte, auf welche Weise Schule zur politischen Integration beitragen kann.

3. Trifft das auf alle Aspekte der politischen Bildung zu?

Nein, nicht für jeden Aspekt der politischen Bildung erweist sich der sozioökonomische Kontext der Schüler_innen als ebenso bedeutsam. So zeigt sich bei der folgenden Analyse kein Einfluss des sozioökonomischen Kontext: In einer weiteren Auswertung des ICCS-2016-Datensatzes aller Schulsysteme in Europa sind wir (Johanna Ziemes, Katrin Hahn-Laudenberg und ich) einer anderen, teilweise strittigen Zieldimension politischer Bildung nachgegangen und haben die Frage untersucht, inwiefern das Gefühl nationaler Zugehörigkeit sowie der Zugehörigkeit zu Europa   durch Prozesse auf der Schulebene (institutionalisierte Partizipation von Schüler_innen), auf der fachübergreifenden Unterrichtsebene (Sozialbeziehungen in der Klasse, offenes Unterrichtsklima) und auf der Ebene des Fachunterrichts (Thematisierung von Inhalten politischer Bildung) vorhergesagt werden können. Im Ergebnis zeigt sich als stärkster schulischer Effekt die Thematisierung von Unterrichtsinhalten zu Europa als Prädiktor für ein europäisches Zugehörigkeitsgefühl bei Schüler_innen. Der Effekt der Thematisierung von allgemeinen Inhalten der politischen Bildung für das Gefühl nationaler Zugehörigkeit ist dagegen deutlich geringer und nicht in allen untersuchten Schulsystemen zu beobachten. Jenseits des Fachunterrichts erweisen sich vor allem die Sozialbeziehungen zwischen Schüler_innen und Lehrpersonen als bedeutsam. Offensichtlich werden Lehrpersonen auch als Repräsentant_innen einer übergeordneten Institution gesehen. Dies könnte erklären, warum Schüler_innen, die sich von ihren Lehrpersonen anerkannt und unterstützt sehen, von einem stärkeren Gefühl der nationalen Zugehörigkeit berichten. Für die europäische Zugehörigkeit zeigt sich der Effekt etwas schwächer und nicht für alle Schulsysteme.

4. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Geforscht werden sollte zu folgenden Fragen: Wie kann politisches Lernen, im Sinne einer Veränderung von politischem Mindset, durch beispielsweise digitalisierte (teil-)standardisierte Lernumgebungen, gefördert werden? Wie wirkt sich die Identifikation mit der eigenen Schule auf weitere Identifikationsprozesse (Stadt, Nation, Europa) aus? Oder wie muss die Lehrkräfteaus- und -fortbildung gestaltet werden, damit die Lehrkräfte bzw. der Unterricht dem Kontroversitätsprinzip und dem Überwältigungsverbot genügen?

 

5. Welchen Gewinn für die politische Bildung kann ein Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis sowie ein Austausch zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen haben?

Die interdisziplinäre Arbeit kann zur Überprüfung und Differenzierung der eigenen Begriffsbildung beitragen. Zum Beispiel kann die aktuelle Debatte über Emotionen in der politischen Bildung davon profitieren, wenn Ergebnisse der jahrzehntelangen psychologischen Forschung zu Emotionen stärker einbezogen werden.

Eine höhere Relevanz von Forschungserkenntnissen für die Praxis könnte beispielsweise durch größere Anstrengungen im Bereich der quasi-experimentellen Interventionsforschung erzielt werden.

 

Veröffentlicht am 12.12.2019


Zum Weiterlesen

  • Sie finden Hermann Josef Abs in der Landkarte der Forschung zur politischen Bildung.
  • Datenbankeintrag: Abs, Hermann Josef / Hahn-Laudenberg, Katrin (Hrsg.) (2017): Das politische Mindset von 14-Jährigen. Ergebnisse der International Civic and Citizenship Education Study 2016. Münster mehr lesen
  • Veranstaltungsbericht: Fit für die Demokratie? Tagung zur ICCS-Studie mehr lesen  
  • Dokumentation der Keynotes „Migration, Social Transformation and Education for Democratic Citizenship“: EARLI SIG 13 Conference 2018 in Essen mehr lesen
  • Tagung der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (GEBF) 25.-27.03.2020 in Potsdam „Bildung gestalten, Partizipation erreichen, Digitalisierung nutzen“. Drei Symposien im Rahmen der Tagung werden Analysen zu ICCS 2016 und andere Forschung zur politischen Bildung präsentieren. mehr lesen
  • EARLI SIG 13 Conference 03-05.06.2020 in Kristiansand (Norwegen): Call for Papers mehr lesen


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