„Jugendliche können Einfluss auf die kommunale (Jugend-)Politik nehmen“ Fünf Fragen an Werner Lindner.

Werner Lindner ist Professor im Fachbereich Sozialwesen an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Seine Forschungsschwerpunkte sind Jugendpolitik, Partizipation und Demokratie, Politikfeldanalysen sowie Arrangieren als pädagogische Praxis. Im Gespräch mit der Fachstelle legt er den Fokus auf die Etablierung eines Politikansatzes, der die Interessen und Bedürfnisse von jungen Menschen in den Mittelpunkt politischen Handelns stellt.


Dr. Werner Linder (Foto: privat)

Werner Lindner ist Professor im Fachbereich Sozialwesen an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Seine Forschungsschwerpunkte sind Jugendpolitik, Partizipation und Demokratie, Politikfeldanalysen sowie Arrangieren als pädagogische Praxis. Im Gespräch mit der Fachstelle legt er den Fokus auf die Etablierung eines Politikansatzes, der die Interessen und Bedürfnisse von jungen Menschen in den Mittelpunkt politischen Handelns stellt.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Ich arbeite an verschiedenen Projekten zur Implementation von kommunaler Jugendpolitik und zur Stärkung sowie Profilierung von Kinder- und Jugendarbeit. Darin einbezogen sind kooperative, d.h. fachwissenschaftliche und praxisbezogene Zugänge zu Politikfeldanalysen. Darüber hinaus ist ein Schwerpunkt der aktive Einbezug von Jugendlichen in die Politikgestaltung als praktische Demokratiebildung. Unter anderem habe ich das bundesweit einzigartige zweijährige Projekt PEP zur Fachberatung der Jugendarbeit in Rheinland-Pfalz betreut. Es stellt einen wichtigen Schritt bei der Beantwortung der Frage dar, wie Jugendarbeit sich professionell weiterentwickeln kann und wie die Anliegen der Jugendlichen in das politische Feld eingebracht werden können.


2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

Die aus den Projekten zu generierenden Forschungsergebnisse sind derzeit noch nicht abgeschlossen. Es zeichnen sich aber neue Erkenntnisse darüber ab, wie Jugendliche in Kooperation mit sozialpädagogischen Fachkräften erfolgreicher als bisher Einfluss auf die kommunale (Jugend-)Politik nehmen können. Das wäre also praktische Demokratiebildung. Im Rahmen des  rheinland-pfälzischen Projekt PEP II wurden speziell zur Rolle der Jugendlichen in den teilnehmenden Kommunen verschiedene Ziele erreicht: die Neu-Installation eines kommunalen Jugendparlaments und Etablierung einer Jugendkonferenz, Etablierung eines neuen Aufgabenschwerpunkts Jugendpolitik sowie einer Stelle für Jugendpolitik, Sensibilisierung der Kommunalpolitik und Verankerung von Jugendarbeit als kommunale Pflichtaufgabe  sowie Initiierung einer kommunalen Kinder- und Jugendstrategie. Hinzu kommen u.a. dezentrale Beteiligungsmöglichkeiten, Politisierung aller im Prozess Beteiligten und Qualifizierung der sozialpädagogischen Fachkräfte.


3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Verschiedene Themen sollten weiter beforscht werden: Politikfeldanalysen als Voraussetzung für erfolgreiche Politik(mit)gestaltung Jugendlicher; Analysen zur Kommunikation von Jugendlichen mit politischen Akteur_innen und Entscheider_innen sowie Analysen konkreter (politischer) Bildungspraxen und Bildungsarrangements von sozialpädagogischen Akteur_innen und des zugrunde liegenden Politik- und Bildungsverständnisses. Darüber hinaus bedarf es der Analyse von Ansätzen explizit politischer Bildung in Kontexten der Kinder- und Jugendarbeit und eine thematische und praktische Verflechtung von politischer Bildung mit anderen Bildungsansätzen (Umweltbildung, Ganztagsbildung, Gender etc.).


4. Welchen Gewinn für die politische Bildung kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis bringen sowie ein Austausch sowohl zwischen den Wissenschaftsdisziplinen als auch innerhalb dieser?

Ein Gewinn ist, dass Wissenschaft sich auf die konkreten Arbeitsbedingungen von Praktiker_innen besser einstellen und diese in die eigenen Reflexionen einbeziehen kann. Praktiker_innen können die Anregungspotenziale der Wissenschaft in die eigene Praxis transformieren und relationieren. Hierzu bedarf es unumgänglich der gesonderten Experimentierzonen. Derartige exemplarische Experimentierzonen bestehen derzeit in den von mir als Projektleitung durchgeführten Projekte in Rheinland-Pfalz, Thüringen und auf der EU-Ebene; solche Experimentierzonen müssten im Hinblick auf Fragen der politischen Bildung weiter qualifiziert und intensiviert sowie evaluiert werden.


5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern: zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen, aber auch zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler_innen, Praktiker_innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Ich würde mich über Kontakte zu (Kommunal-)Politiker_innen, Kommunalwissenschaftler_innen, Politikwissenschaftler_innen sowie Politikberater_innen freuen, vor allem im Bereich konkrete Politik- und Policyforschung, insbesondere auf kommunaler Ebene.


Veröffentlicht am 21.07.2020

 

Zum Weiterlesen

  • Sie finden Werner Lindner in der Landkarte der Forschung zur politischen Bildung
  • Thole, Werner/ Pothmann, Jochen/ Lindner, Werner (Hrsg.) (2020): Die Kinder- und Jugendarbeit. Einführung in ein sozialpädagogisches Handlungsfeld der Bildung. Weinheim u. Basel (i.E.)
  • Lindner, Werner/ Pletzer, Winfried (Hrsg.) (2017) : Kommunale Jugendpolitik. Weinheim und Basel.
  • Lindner, Werner (2020): Reflexive und praktische Beteiligung sowie Demokratiebildung junger Menschen – eine komplexe Herausforderung für die Kinder- und Jugendarbeit. 
  • Projekt PEP - Das Praxisentwicklungsprojekt zur Profilierung von Jugendarbeit (2013-2015): Die Evaluationen aus dem rheinland-pfälzischen Projekt PEP II speziell zu Rolle der Jugendlichen sind noch nicht abgeschlossen; ein erster Bericht zum Projekt wird vorrauassichtlich 2020 in der der Zeitschrift deutsche jugend veröffentlicht. mehr lesen
  • Projekt Kommunale Verankerung der Eigenständigen Jugendpolitik in Thüringen (2018-2020). mehr lesen
  • Europäischer Trainingskurs für Jugendarbeiter und  Jugendvertreter: “LOBBYING for YOUTH WORK” mehr lesen


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