„Gemeinsamkeit herstellen, Differenz bearbeiten“ – Fünf Fragen an Dorothee Meyer

Dr.in Dorothee Meyer ist Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Abteilung Allgemeine Behindertenpädagogik und -soziologie am Institut für Sonderpädagogik der Universität Hannover. Sie arbeitet schwerpunktmäßig zu Gemeinsamkeit und Differenz in (inklusiven) Gruppen sowie zu politischer Bildung für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und inklusiver politischer Bildung.


Portraitfoto von Dorothee Meyer

Dr.in Dorothee Meyer (Foto: privat)

Dr.in Dorothee Meyer ist Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Abteilung Allgemeine Behindertenpädagogik und -soziologie am Institut für Sonderpädagogik der Universität Hannover. Sie arbeitet schwerpunktmäßig zu Gemeinsamkeit und Differenz in (inklusiven) Gruppen sowie zu politischer Bildung für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und inklusiver politischer Bildung.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Ich arbeite als Sonderpädagogin zur (inklusiven) politischen Bildung von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und zum Thema leichte und einfache Sprache. Dabei arbeite ich vor allem an zwei Projekten.

In dem Projekt einfachPOLITIK erarbeiten wir in einem interdisziplinären und inklusiven Team Texte für Materialien der Reihe einfachPOLITIK der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, die in einfacher Sprache über Politik und Gesellschaft informieren. Dabei arbeite ich mit meinem Kollegen Wolfram Hilpert vom Fachbereich zielgruppenspezifische Angebote der bpb zusammen.

Das zweite Projekt ist das inklusionsorientierte Seminar „Politik und Inklusion – Einmischen und Mitentscheiden“. Hier arbeiten Studierende der Sonderpädagogik und behinderte Menschen ohne Hochschulzugangsberechtigung an politischen Themen. Ziel des Seminars ist es, allen Beteiligten inklusive Lernerfahrungen zu vermitteln. Das Thema Politik bietet dabei den thematischen Rahmen.

 

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein?

In meiner Dissertation habe ich mich mit Gruppenprozessen in inklusiven Kleingruppen, wie im oben beschriebenen Seminar, beschäftigt. Dabei bin ich der Frage nachgegangen, wie in Gruppen Differenz bearbeitet und Gemeinsamkeit hergestellt wird. Als besonders relevant für die Praxis inklusiver politischer Bildung schätze ich das Ergebnis ein, dass Metakommunikation über den Gruppenprozess, die inhaltlichen Vorstellungen und evtl. vorhandenen Unterstützungsbedarf eine hohe Bedeutung für die Arbeitsfähigkeit einer Gruppe hat. Solche metakommunikativen Klärungen wurden dabei ebenso häufig durch Teilnehmer*innen mit Behinderung geleistet wie durch Studierende.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Die Materialien von einfachPOLITIK werden häufig angeklickt oder bestellt und soweit wir wissen, werden sie nicht nur im Bereich der Arbeit mit behinderten Menschen verwendet. Deswegen halte ich im Bereich der einfachen Sprache ein Bewusstsein dafür relevant, dass weitaus mehr Menschen Bedarf an leicht verständlichen Informationen über grundlegende politische Begriffe und Sachverhalte haben, als wir zunächst denken. Gleichzeitig haben die Nutzung oder der Bedarf an leichter oder einfacher Sprache eine stigmatisierende Wirkung, die auch manche Nutzer*innen so empfinden.

An diesem Dilemma könnte Forschung ansetzen: Wie sollten Materialien in leichter oder einfacher Sprache gestaltet sein, so dass sie von möglichst vielen Menschen akzeptiert werden?

 

4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?

Meine Projekte zeigen, dass mein Hauptinteressengebiet in diesem Bereich liegt. Interdisziplinärer Austausch kostet zunächst einmal Zeit, aber wenn er gelingt, können beide Seiten viel lernen – eigentlich ähnlich wie bei inklusiver Zusammenarbeit.

Die Publikation „Grundlagen und Praxis inklusiver politischer Bildung“ ist zum Beispiel ein interdisziplinäres Lern- und Lehrbuch für alle, die sich in Ausbildung oder Studium mit den Grundlagen politischer Bildung und inklusiver Bildungsarbeit beschäftigen.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Ich freue mich generell über interdisziplinäre Anfragen und Austausch. Besonders freue ich mich, von weiteren inklusiven Bildungsprojekten zu hören, an denen Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung teilnehmen oder auch über Informationen darüber, in welchen Kontexten die Materialien der Reihe einfachPOLITIK genutzt werden. Ebenso wichtig ist mir, dass Informationen über vorhandene Materialien zur politischen Bildung durch Multiplikator*innen an Menschen weitergegeben werden, die dabei vielleicht Unterstützung benötigen – sei es persönlich oder im Zusammenhang mit Bildungsangeboten.

Veröffentlicht am 08.06.2022

 

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