„Die subjektiven Vorstellungen und Handlungsroutinen von Lehrkräften sollten stärker zum Gegenstand kritischer Reflexion gemacht werden.“ Fünf Fragen an Robert Hummer

Portraitfoto Robert Hummer

Prof. Dr. Robert Hummer (Foto: privat)

Prof. Dr. Robert Hummer ist Professor für Geschichts- und Politikdidaktik am Institut für Impulse im Bildungsbereich an der PH Salzburg Stefan Zweig. Im Interview mit der Fachstelle berichtete er über seine Forschung zu Kontroversität in der schulischen politischen Bildung. Er plädiert für mehr empirische Forschung dazu, wie subjektive Vorstellungen, Überzeugungen und Handlungsroutinen das professionelle Handeln von Politiklehrkräften prägen.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung? 

In meinem 2026 abgeschlossenen Projekt „Kontroversität im Politikunterricht“ habe ich untersucht, wie Politiklehrkräfte in Österreich mit kontroversen Themen und Positionen im Unterricht umgehen. Grundlage bildeten episodische Interviews, in denen Lehrkräfte über konkrete Unterrichtserfahrungen berichteten. Die Arbeit erscheint in Kürze in der Reihe „Citizenship“ bei Springer VS: „Kontroversität im Politikunterricht Das Kontroversitätsprinzip zwischen politikdidaktischen Ansprüchen und praxisbezogenen Realisierungen“.
Aktuell entwickle ich, aufbauend auf dieser Untersuchung, Materialien, die Lehrpersonen dabei unterstützen sollen, ihr eigenes Verständnis von Kontroversität und ihren unterrichtspraktischen Umgang damit kritisch zu reflektieren. Zudem arbeite ich gemeinsam mit Heinrich Ammerer an einem Unterrichtsmaterial, das junge Menschen dazu anregen soll, sich anhand utopischer Entwürfe mit möglichen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen.

 

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein?

Als besonders praxisrelevant erachte ich die im Rahmen von „Kontroversität im Politikunterricht“ empirisch entwickelte Typologie, die zwischen systematischer, spontaner, präventiver und blockierter Kontroversität unterscheidet. Sie macht Diskrepanzen zwischen fach- und alltagsdidaktischen Vorstellungen sichtbar und zeigt, welche Herausforderungen insbesondere mit spontaner und blockierter Kontroversität verbunden sein können. Zugleich bieten die Befunde Anknüpfungspunkte für die Professionalisierung von Lehrkräften. Aus meiner Sicht wäre es wichtig, künftig verstärkt deren subjektive Vorstellungen und Handlungsroutinen in den Blick zu nehmen und zum Gegenstand kritischer Reflexion zu machen.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden? 

Ich halte es für wichtig, noch mehr darüber zu erfahren, welche subjektiven Vorstellungen, Überzeugungen und Handlungsroutinen das professionelle Handeln von Politiklehrkräften prägen. Gerade für Österreich besteht hier erheblicher Forschungsbedarf, da bislang insgesamt nur wenige empirische Erkenntnisse über die konkrete Praxis des Politikunterrichts vorliegen.

 

4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?

Die Politikdidaktik hat eine Schnittstellenfunktion zwischen Wissenschaft und Praxis. Um dieser gerecht zu werden, braucht es Räume für einen Austausch auf Augenhöhe. Entscheidend ist dabei die wechselseitige Bereitschaft, auch eigene Vorstellungen und Wissensordnungen zu hinterfragen. Ein solcher Dialog kann sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch die pädagogische Praxis weiterentwickeln. Speziell im Hinblick auf den Umgang mit Kontroversität wäre zudem ein intensiverer Austausch mit anderen Fachdidaktiken wünschenswert.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Grundsätzlich freue ich mich über jede Form der Kontaktaufnahme und des fachlichen Austauschs, die dazu beitragen kann, Wissen und Erfahrungen im Bereich der politischen Bildung miteinander zu vernetzen und zu erweitern. Besonders interessieren mich konkrete Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis im Kontext von Kontroversität.

 

Veröffentlicht am: 06.11.2026

 

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