„Von aktueller Relevanz ist vor allem die Auseinandersetzung mit dem Einfluss der emotionalen Polarisierung in der Gesellschaft auf den Unterricht“ Fünf Fragen an Kerstin Pohl

Portraitfoto von Kerstin Pohl

Prof.in Dr.in Kerstin Pohl (Foto: privat)

Prof.in Dr.in Kerstin Pohl ist Professorin für Didaktik der politischen Bildung am Institut für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Interview mit der Fachstelle politische Bildung gibt sie Einblicke in ihre aktuelle interdisziplinäre Forschung zur (fächerübergreifenden) Lehrkräfteausbildung im Bereich politische Bildung/Demokratiebildung. Sie plädiert dafür, den Einfluss der aktuellen gesellschaftlichen Polarisierung auf den Unterricht in der Forschung stärker in den Blick zu nehmen.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Im Projekt Lehrkräfte fördern | Demokratiebildung implementieren wir fächerübergreifende und fachspezifische Veranstaltungen für Lehramtsstudierende verschiedener Fächer, um sie für die Demokratiebildung an Schulen fit zu machen, und planen, deren Effekt zu messen. Im Projekt „FachProfis: Professionskompetenzen im Blick: Berufspraktische Relevanz politikwissenschaftlicher Lehrveranstaltungen stärken“ haben wir am Institut kleine fachdidaktische Bausteine in politikwissenschaftliche Lehrveranstaltungen integriert, um den Bedürfnissen der Studierenden nach einer stärker an der Berufspraxis orientierten Ausbildung entgegenzukommen. In diesem Rahmen haben wir Interviews geführt, die wir noch auswerten.


2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein?

Besonders relevant sind meine Ergebnisse zur Bedeutung einer gesellschaftstheoretischen Grundlegung politischer Bildung am Beispiel der politikdidaktischen Konzeption Hermann Gieseckes in meiner Dissertation, die Erstellung von interaktiven Materialien zum Umgang mit herausfordernden Situationen im Politikunterricht im Projekt TWIND sowie die Herausgabe eines Bandes mit Beiträgen zu Konzepten, empirischen Ergebnissen, Herausforderungen und Perspektiven des fächerübergreifenden Unterrichts. Darüber hinaus möchte ich die gemeinsam mit Wolfgang Sander herausgegebene Neuausgabe des Handbuches Politische Bildung und meine Interviewbücher zur politischen Bildung nennen (Buch 1, 2, 3) sowie weitere kleinere theoretische Beiträge zur Entstehung und Rezeption des Beutelsbacher Konsens oder aktuell zur Bedeutung von Ambiguität und Konflikt in der Politikdidaktik.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden? 

Für zentral halte ich eine weitere Theorieentwicklung sowie empirische Forschung zur fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und pädagogisch-psychologischen Lehrkräftebildung für die Unterrichtsfächer zur politischen Bildung. In den Blick nehmen sollten wir dabei auch die zweite Phase der Lehrkräftebildung, über die wir bislang sehr wenig wissen. Wichtig finde ich ferner die weitere empirische Erforschung der Kompetenzentwicklung von Lehrenden und Lernenden, inklusive der (Weiter-)Entwicklung geeigneter gestufter Modelle zum Kompetenzaufbau. Von aktueller Relevanz ist vor allem die Auseinandersetzung mit dem Einfluss der emotionalen Polarisierung in der Gesellschaft auf den Unterricht.

 

4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?

Ich arbeite stark interdisziplinär zur Demokratiebildung und zum fächerübergreifenden Unterricht. Das stärkt das Bewusstsein für die Besonderheiten der politischen Bildung im Fächerkanon. Zudem geraten dadurch Aspekte, in denen in anderen Disziplinen schon mehr Forschungserbnisse wie auch Hinweise für die Unterrichtspraxis vorliegen, stärker in den Blick der Didaktik der politischen Bildung. Dazu gehören beispielsweise die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Typen von Aufgaben und Aufgabenkulturen in der Geographiedidaktik oder mit der Bedeutung des Argumentierens in der Philosophiedidaktik. Im Austausch mit der Praxis ist es mir wichtig, mehr über die Erfahrungen in der Praxis sowie die Erwartungen an die universitäre Ausbildung der Studierenden zu erfahren und diese bei der Konzeption unserer Lehrveranstaltungen zu berücksichtigen. Ich hoffe, die Praxis mit Impulsen aus der Wissenschaft zu bereichern – durch Publikationen, persönliche Kontakte und bei der Lehrplanentwicklung.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Über Anfragen von allen Personen, die meine Interessen in Forschung und Lehre teilen, würde ich mich freuen.

 

Veröffentlicht am 28.10.2026

 

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