Expert*innengespräche zu den europäischen Debatten zu politischer Bildung im Bereich Jugend/Jugendarbeit

Die Fachstelle politische Bildung möchte zu einer größeren Wahrnehmung der europäischen Debatten zu politischer Bildung beitragen und aufzeigen, wie politische und rechtliche Grundlagen von EU und Europarat sowie dazugehörige Umsetzungsinstrumente (z.B. Förderprogramme) auf politische Bildung in Deutschland und in den Bundesländern wirken.


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Die Sachverständigenkommission des 16. Kinder- und Jugendberichts bezieht sich in ihrer Definition von demokratischer Bildung auf die Europarats-Charta zur politischen Bildung und Menschenrechtsbildung aus dem Jahr 2010*. Unter demokratischer Bildung werden demnach Aktivitäten mit dem Lernziel verstanden, „Lernende v. a. zu befähigen, ihre demokratischen Rechte und Pflichten wahrzunehmen und zu verteidigen, den Wert von Vielfalt zu schätzen und im demokratischen Leben eine aktive Rolle zu übernehmen.“ (BMFSFJ 2020: 8)**.

Das Beispiel zeigt, dass die Europäische Union (EU) und Europarat direkten, häufig auch indirekten, Einfluss auf politische Bildung in Deutschland haben. Das passiert über Beschlüsse, Empfehlungen, Strategiepapiere sowie Förderprogramme von EU und Europarat. Trotzdem wird deren Wirken auf nationale Standards, Konzepte und Praxis politischer Bildung sowohl in der politischen Bildungspraxis als auch in der Wissenschaft in Deutschland nur begrenzt wahrgenommen. In der Regel sind es spezialisierte Communities – häufig aus der internationalen Austausch- und Entwicklungsarbeit – die Knowhow und Anschluss an europäische Debatten haben. Die Fachstelle politische Bildung möchte zu einer größeren Wahrnehmung dieser europäischen Debatten beitragen und aufzeigen, wie politische und rechtliche Grundlagen von EU und Europarat sowie dazugehörige Umsetzungsinstrumente (z.B. Förderprogramme) auf politische Bildung in Deutschland und in den Bundesländern wirken. Weiter sollen wissenschaftliche Erkenntnisse und relevante Debattenbeiträge zum Thema zur Verfügung gestellt werden. Dafür wird zwischen den Bildungsbereichen Jugend/Jugendarbeit, Schule und Erwachsenenbildung/Weiterbildung differenziert.

Für dieses ambitionierte Vorhaben hat die Fachstelle recherchiert, analysiert, systematisiert und ein neues Format entwickelt. Um Feedback und Einschätzungen zu erhalten und das Format vor offizieller Veröffentlichung zu verbessern, wurden Expert*innen zu digitalen Gesprächsrunden eingeladen. Den Auftakt zur europäischen Debatte zu politischer Bildung im Bereich Jugend/Jugendarbeit machten am 10. Mai 2022 Prof. Andreas Thimmel von der TH Köln, Leiter des Forschungsschwerpunkts Nonformale Bildung und Inhaber des Jean Monnet Chair „Bildung und Jugendarbeit in Europa“ sowie Claudius Siebel, Leiter Grundsatzfragen bei JUGEND für Europa (Nationale Agentur Erasmus+ JUGEND IN AKTION und Europäisches Solidaritätskorps). Eine Woche später, am 19. Mai 2022, folgte das zweite Gespräch zu Jugend/Jugendarbeit mit Annette Mütter, Leiterin vom IKAB-Bildungswerk e.V. in Bonn, Katharina Teiting, Projektleiterin von Generation Europe – The Academy beim Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk e.V. (IBB) sowie Dr.in Barbara Tham, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Jugend und Europa beim Centrum für angewandte Politikforschung in München.

Diskussionsthema war u.a., wie der Einfluss von EU und Europarat für eher unkundige Nutzer*innen verständlich dargelegt werden kann. Die bisherige Systematisierung der Fachstelle wurde dabei als sinnvoll befunden, jedoch um einige Hinweise zu BestPractice-Beispielen oder Studien ergänzt. In den Gesprächen wurde die Beobachtung geteilt, dass nur bestimmte Fachcommunities in Deutschland Wissen über die europäischen Diskussionen und Entscheidungen zu politischer Bildung auf EU- und Europaratsebene haben – gleichwohl diese von den Expert*innen als höchst relevant für die politische Bildung in Deutschland befunden wurden. Die Gesprächspartner*innen waren davon überzeugt, dass die Fachstelle mit dem neuen Format Interesse am europäischen Diskurs zur politischen Bildung wecken wird, auch weil sie eine breite Fachöffentlichkeit aus Bildungspraxis, Wissenschaft und Politik erreicht.

Demnächst wird es weitere Expert*innengespräche zur europäischen Debatte zu politischer Bildung in den Bildungsbereichen Schule und Erwachsenenbildung/Weiterbildung geben. Die Fachstelle dankt allen Gesprächspartner*innen für das rege Interesse und Diskussionsfreude und erhofft sich auch für die kommenden Gespräche neue Anregungen und Input.

 

* Europarat (2010): Europarats-Charta zur Politischen Bildung und Menschenrechtsbildung. Empfehlung CM/Rec(2010)7 des Ministerkomitees des Europarats an die Mitgliedstaaten (verabschiedet vom Ministerkomitee am 11. Mai 2010 anlässlich der 120. Versammlung). Straßbourg, online: https://rm.coe.int/1680489411 (zuletzt abgerufen am 25.05.2022)

** Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2020): 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Berlin, online: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/162232/27ac76c3f5ca10b0e914700ee54060b2/16-kinder-und-jugendbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf (zuletzt abgerufen am 25.05.2022)

 

Veröffentlicht am 27.05.2022

 

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