„Die Reflexion ihrer Voraussetzungen hilft dabei, politische Bildung bewusster zu gestalten“ Fünf Fragen an Elia Scaramuzza

Elia Scaramuzza (Foto: privat)

Elia Scaramuzza ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Didaktik der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Im Interview gibt er Einblick in seine im Juli 2026 abgeschlossene Dissertation „Gesellschaft – Subjekt – Bildung. Perspektiven einer mündigkeitsorientierten politischen Bildung im Anschluss an Theodor W. Adorno, Rolf Schmiederer und Wolfgang Sander“. Aktuell arbeitet er zum Beutelsbacher Konsens und zu geschlechterreflexiver politische Bildung.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung? 

Mein zuletzt abgeschlossenes Forschungsprojekt ist meine Dissertation zur theoretischen Grundlegung einer mündigkeitsorientierten politischen Bildung. Darin rekonstruiere und vergleiche ich die Perspektiven von Theodor W. Adorno, Rolf Schmiederer und Wolfgang Sander entlang der Grundbegriffe Gesellschaft, Subjekt und Bildung. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich eine mündigkeitsorientierte politische Bildung angesichts ihrer zugrundeliegenden dialektischen Spannungsverhältnisse – etwa von normativem Anspruch und Wirklichkeit sowie von Selbst- und Fremdbestimmung – theoretisch begründen lässt und welche Perspektiven sich daraus für ihre Weiterentwicklung ergeben. 
Daran knüpft auch meine aktuelle Forschung zum Beutelsbacher Konsens an. Im Jahr seines 50-jährigen Jubiläums befasse ich mich intensiv mit offenen historischen wie theoretischen Fragen, aktuellen Kontroversen und Entwicklungsperspektiven des Konsenses. Dabei interessiert mich vor allem, wie seine Grundprinzipien angesichts gesellschaftlicher Veränderungen (nicht) weitergedacht werden können.

 

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein?

Ein zentrales Ergebnis meiner Dissertation ist, dass politische Bildung ihre normativen und theoretischen Voraussetzungen stärker reflektieren sollte. Didaktische Entscheidungen beruhen immerauch auf Annahmen darüber, was Mündigkeit, Gesellschaft, Subjekt und Bildung (nicht) bedeuten und wie diese Begriffe (nicht) zusammenhängen. Sich mit diesen Voraussetzungen ausdrücklich auseinanderzusetzen, stärkt aus meiner Sicht die Reflexionsfähigkeit in der politischen Bildung – gerade angesichts aktueller Herausforderungen und Kontroversen. Auf diese Weise können Lehrkräfte und politische Bildner*innen didaktische Entscheidungen bewusster begründen, befragen und kontroverse Fragen differenzierter bearbeiten.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden? 

Ich sehe vor allem drei Forschungsfelder: Erstens empirische Untersuchungen zum sozialwissenschaftlichen Unterricht – zu den Annahmen und Vorstellungen von Lehrkräften und Schüler*innen ebenso wie zu seinen Wirkungen. Gerade die Wirkungen politischer Bildung sind komplex und lassen sich nicht auf lineare Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge reduzieren. Theoretische Überlegungen liegen hierzu bereits vor – umso wichtiger sind weitere qualitative wie quantitative empirische Studien. Zweitens die Frage, wie politische Bildung auf gesellschaftliche Herausforderungen und Krisen reagieren kann, ohne ihren Bildungsanspruch zugunsten (kurzfristiger) politischer Erwartungen preiszugeben. Drittens – und nicht minder wichtig – die Weiterentwicklung einer geschlechterreflexiven politischen Bildung, an der ich ebenfalls arbeite.

 

4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?

Wissenschaft und Praxis politischer Bildung verfolgen unterschiedliche Logiken und stellen unterschiedliche Fragen: Während Wissenschaft vor allem erklären, begründen und kritisch reflektieren will, muss Praxis unter konkreten Bedingungen pädagogisch handeln. Gerade diese Spannung halte ich für produktiv. So macht Praxis sichtbar, wo theoretische Konzepte tragfähig sind oder an Grenzen stoßen; umgekehrt kann Wissenschaft helfen, Erfahrungen einzuordnen, Begriffe zu klären und neue Perspektiven zu eröffnen – vorausgesetzt, die jeweilige Eigenlogik von Wissenschaft und Praxis wird respektiert und der Dialog erfolgt auf Augenhöhe.

Ähnliches gilt für den Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen. Als interdisziplinär angelegte Disziplin ist politische Bildung auf den Dialog mit Fächern wie der Erziehungswissenschaft, der Soziologie oder der Philosophie angewiesen. Viele ihrer Grundfragen werden dort ebenfalls verhandelt und eröffnen dadurch neue theoretische wie praktische Perspektiven.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Besonders freue ich mich über Kontakte zu Personen, die sich für die Theorie und Geschichte politischer Bildung, Fragen der Mündigkeit, den Beutelsbacher Konsens oder eine geschlechterreflexive politische Bildung interessieren. Darüber hinaus freue ich mich über Kooperationen, die theoretische, empirische und praktische Perspektiven miteinander verbinden – etwa in gemeinsamen Forschungsprojekten, Publikationen oder Fortbildungsformaten.

 

Veröffentlicht am 04.09.2026

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