„Die Pluralität ist wichtig, um vielfältige Zugänge auf die Gegenstände und Möglichkeiten politischer Bildungsforschung zu gewährleisten.“ Fünf Fragen an Andreas Lutter

Andreas Lutter ist Professor für Wirtschaft/Politik und ihre Didaktik am Institut für Sozialwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Im Interview gibt er Einblick in aktuelle Forschungs- und Transferprojekte. Aktuell werden im Arbeitsbereich „Wirtschaft/Politik“ außerschulische Programmtage zu gesellschaftlichen Herausforderungen und Zukunftsfragen entwickelt.


Portraitfoto Prof. Andreas Lutter

Prof. Andreas Lutter (Foto: © HSG Fotografie – Blende 1.0)

Andreas Lutter ist Professor für Wirtschaft/Politik und ihre Didaktik am Institut für Sozialwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Im Interview gibt er Einblick in aktuelle Forschungs- und Transferprojekte. Aktuell werden im Arbeitsbereich „Wirtschaft/Politik“ außerschulische Programmtage zu gesellschaftlichen Herausforderungen und Zukunftsfragen entwickelt, in denen Schüler*innen auf experimentelle Weise verschiedene Aspekte von Demokratie und demokratischem Handeln kennenlernen. In einem weiteren Forschungsprojekt untersucht er derzeit mit Kolleg*innen ordnungspolitische Konzepte von Schüler*innen sowie Wirkungen von Lehr- und Lernmaterialien im Rahmen von Interventionsstudien.


1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

In der letzten Zeit haben wir in unserem Arbeitsbereich außerschulische Lernumgebungen entwickelt, die demokratisches Handeln zwischen Lebenswelt, gesellschaftlichen Herausforderungen und gemeinsamer Zukunftsgestaltung aufspannen (demokratie:werk). Die experimentell und interdisziplinär angelegten Programmtage für Schulen sind in der Kieler Forschungswerkstatt beheimatet. Dabei handelt es sich um eine gemeinsame Einrichtung der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel und des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN). Parallel zum Besuch von Schulklassen werden die entwickelten Interventionen und Maßnahmen begleitend erforscht.

In einem anderen Projekt habe ich gemeinsam mit Prof.in Dr.in Franziska Birke (Pädagogische Hochschule Freiburg) und Prof. Dr. Tim Kaiser (Universität Koblenz-Landau) in mehreren Projektschritten Determinanten ordnungspolitischer Urteilsbildung erforscht. Im aktuellen Teilprojekt untersuchen wir in einer experimentell angelegten Studie den Einfluss von Interventionen (Lehr- und Lernmaterialien) auf Schüler*innenurteile.

Daneben beschäftige ich mich mit weiteren fachdidaktischen Themenlagen, beispielsweise sprachlichen Bedingungen sozialwissenschaftlicher Bildung.


2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein

Grundsätzlich sollte man vorsichtig sein, wenn es um die vermeintliche Praxisrelevanz und vorschnelle Übertragung von Studienergebnissen auf komplexe unterrichtliche Lehr- und Lernsituationen geht. Aber bleiben wir vielleicht einmal bei dem zuletzt genannten Projekt: Die im Mittelpunkt stehende exemplarische Frage war auf ordnungspolitische Bewertungs- und Entscheidungsfähigkeiten von Schüler*innen gerichtet. Inhaltlich ging es um Unternehmensrettungen durch den Staat und dem damit verbundenen Zielkonflikt zwischen wettbewerblicher Freiheit und sozialer Absicherung. Hier hat sich gezeigt, dass die Urteilssituation (jeweils ausgewählte Themen, Fälle, Beispiele) einen Einfluss auf das Auseinandersetzungsverhalten der Schüler*innen hat: Je nach Variation ausgewählter Determinanten des situativen Kontexts (hier bspw. Branche, Alter, Größe) wählten die teilnehmenden Schüler*innen unterschiedliche – teils konträre – Urteilsstrategien. Inhaltlich zeigte sich beispielsweise, dass vor allem alte, traditionsreiche und große Unternehmen vor einer hypothetischen „Pleite“ bewahrt werden sollten. Marktmacht von Akteuren wurde (entgegen wohlfahrtsökonomischer Überlegungen) befürwortet. Die Identifikation von derartigen Einflussfaktoren auf Schüler*innenurteile – hier am ordnungspolitischen Beispiel – kann durchaus Relevanz für unterrichtlich relevante Gestaltungsfragen entfalten (Inhalte, Kontexte und Strategien des Lehrens und Lernens).


3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Die Forschungslandschaft politischer Bildung hat sich in den vergangenen Jahren ausdifferenziert – einerseits im Hinblick auf verschiedene Schwerpunkte und Themen, andererseits hinsichtlich des eingesetzten methodischen Inventars. Diese Pluralität ist wichtig, um vielfältige Zugänge auf die Gegenstände und Möglichkeiten politischer Bildungsforschung zu gewährleisten. Mich interessieren zukünftig vor allem Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen sowie der lebenssituativen Praxis von jungen Menschen. Hier stellt sich eine ganze Reihe von Fragen, beispielsweise welche Strategien junge Menschen im Umgang mit Unsicherheit, Ambiguität und Zukunftsgestaltung vor dem Hintergrund von gesellschaftlichen Transformationen entwickeln und wie politische Bildung mit unterschiedlichen Formen von Selbst- und Weltsicht umgehen kann.

 

4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?

Bei der Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Praxis handelt es sich genau genommen um zwei Seiten einer Medaille – politische Bildung lebt einerseits vom (unterrichtlichen) Handeln, andererseits vom (systematischen) Nachdenken über dieses Handeln. Daher ist ein vielfältiger Austausch zwischen Beteiligten unterschiedlicher Tätigkeitsfelder politischer Bildung nicht nur Gewinn, sondern vielmehr eine Voraussetzung einer auf Dialog und Austausch angewiesenen sowie vielfältig organisierten politischen Bildungslandschaft. Darüber hinaus wirkt interdisziplinärer Austausch selbstreferentiellen Tendenzen entgegen und ermöglicht die notwendige Distanz zur eigenen Perspektive.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Generell freue ich mich über jedweden Kontakt und Austausch, unabhängig davon, aus welchen Handlungs- und Erfahrungsfeldern politischer Bildung oder anderer Bereiche sich ein mögliches Interesse speist. Insofern bin ich auf Anregungen gespannt.

 

Veröffentlicht am 21.12.2021

 

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