Prof.in Dr.in Katrin Hahn-Laudenberg ist Professorin für Fachdidaktik der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster. Sie leitet dort das deutsche Studienzentrums der International Civic and Citizenship Education Study (ICCS), die 2027 erstmals nicht nur in einzelnen Bundesländern, sondern in ganz Deutschland durchgeführt wird. Prof.in Hahn-Laudenberg forscht außerdem u.a. zu Ursachen affektiver Polarisierung von Jugendlichen in Belgien und Deutschland, d.h. zur Tendenz, politischen Gegner*innen mit negativen Gefühlen zu begegnen und wie Schule damit umgeht.
1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?
Aktuell gehen wir mit der International Civic and Citizenship Education Study (ICCS) in die nächste Runde. Mit der ICCS 2027 werden wir das erste Mal seit der CivED-Studie 1999 bundesweit ermittelte, repräsentative Ergebnisse zur politischen Bildung und Demokratiebildung erhalten. Die Studie untersucht politisches Wissen, politische Einstellungen und Handlungsbereitschaften von Schüler*innen in Jahrgang 8 sowie ihre politischen Lerngelegenheiten und Partizipationserfahrungen. Perspektiven von Lehrkräften und Schulleitungen zur politischen Bildung und Demokratiebildung werden ebenfalls erfasst. Das interdisziplinäre Team des deutschen ICCS-Studienzentrums an den Universitäten Münster und Duisburg-Essen leiten Hermann Josef Abs und ich. International wirke ich an der ICCS als beratende Expertin an der Entwicklung des Wissenstests und der Fragebögen mit.
Im Projekt „Understanding Affective Polarization in Adolescence“ (UAPA) untersuchen wir aktuell gemeinsam mit der Universität Leuven Formen und Bedingungen affektiver Polarisierung von Jugendlichen in Belgien und Deutschland sowie die Relevanz und den Umgang im schulischen Kontext. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Fonds Wetenschappelijk Onderzoek (FWO) gefördert.
Das Projekt „Prozesse KI-basierten Wandels in der Schule partizipativ gestalten“ (ProKIS) haben wir in diesem Jahr abgeschlossen. Darin haben wir ein Fortbildungsprogramm entwickelt, das Lehrkräfte und Multiplikator* innen dabei unterstützen soll, die mit künstlicher Intelligenz ausgelösten Transformationsprozesse mit einer demokratiebezogenen Schul- und Unterrichtsentwicklung zu verbinden.
2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein?
Die International Civic and Citizenship Education Study (ICCS) 2022 zeigt mit der repräsentativen Lehrkräftebefragung in NRW, dass fachfremde Lehrkräfte in sozialwissenschaftlichen Fächern häufiger als ausgebildete SoWi-Lehrkräfte kontroverse Themen im Unterricht vermeiden. Gleichzeitig befürworten sie seltener eine aktive Balancierung, also das Vertreten einer Gegenposition bei meinungshomogenen Gruppen. Ein Fünftel der Lehrkräfte stimmt der Aussage zu, dass Positionen, die außerhalb des Grundgesetzes liegen, gleichberechtigt im Unterricht behandelt werden sollten. Hier zeigen sich keine Unterschiede zwischen ausgebildeten und fachfremden Lehrkräften. Die Ergebnisse unterstreichen das Problem der Qualifikation fachfremder Lehrkräfte, aber auch die Notwendigkeit von Fortbildungen zum Umgang mit Kontroversität für alle Lehrkräfte.
3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?
Ich schätze die Vielfalt von Forschungsperspektiven und -methoden, insbesondere in Bezug auf politische Bildung. Besonders wichtig sind für mich grundlegende Fragen: Wie entwickeln Schüler*innen politische Kompetenzen? Was passiert im Unterricht? Wie können wir die professionelle Kompetenzentwicklung von Politiklehrkräften bestmöglich fördern? Der internationale Vergleich kann unseren Horizont öffnen und angenommene Selbstverständlichkeiten infrage stellen. Ich hoffe, dass die erweiterten technischen Möglichkeiten (z.B. durch den Einsatz von KI in der Analyse) ein Motor sein können, um empirische Politikunterrichtsforschung zu stärken.
4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?
Forschen impliziert für mich, eine Frage systematisch zu untersuchen und dabei in die Tiefe zu gehen. Wissenschafts-Praxis-Austausch und Interdisziplinarität können – gerade, weil sie teilweise anderen Logiken folgen und Begriffe anders besetzen – unser Verständnis herausfordern und Erkenntnisse damit vertiefen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse erhalten über den Dialog mit der Praxis gesellschaftliche Relevanz. Zentral ist dabei für mich, transparent zu differenzieren, welche Erkenntnisse wir durch unsere Forschung unmittelbar gewonnen haben, und was – wissenschaftlich informierte – Schlussfolgerungen daraus sind.
5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?
Besonders bereichernd finde ich, wenn Personen unterschiedlicher theoretischer, empirischer oder praktischer Zugänge offen und neugierig aufeinander in Kontakt treten. Neben dem Austausch über grundlegende Fragen sind Veränderungen gesellschaftlicher und politischer Bedingungen politischer Bildung für alle relevant, die in diesem Bereich forschen und/oder arbeiten.
Veröffentlicht am 02.10.2026
Zum Weiterlesen
- Sie finden Dr.in Katrin Hahn-Laudenberg in der Landkarte der Forschung zur politischen Bildung
ICCS 2022
- Abs, H. J., Hahn-Laudenberg, K., Deimel, D. & Ziemes, J. F. (Ed.). (2024). ICCS 2022: Schulische Sozialisation und politische Bildung von 14-Jährigen im internationalen Vergleich. Waxmann mehr lesen
- Abs, H. J.; Hahn-Laudenberg, K.; Deimel, D.; Ziemes, J. F.; Welsandt, N.; Francke, A.; Jendrzejewski, S.; Schröter, T.; Uyar, M. (2026): International Civic and Citizenship Education Study - Fragebogenskalen (ICCS 2022) [Skalenkollektion: Version 1.0]. Datenerhebung März 2022-Juni 2022. Frankfurt am Main: Forschungsdatenzentrum Bildung am DIPF mehr lesen
LARS - Lernen mit Animationsfilmen realer Szenen sozialwissenschaftlicher Unterrichtsfächer.
Ein digitales Lehr-/Lernangebot zur Professionalisierung (angehender) Lehrkräfte.
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Animationen und Lehr-Lernmaterialien aus dem Projekt DAWLS
- Diversitätsreflexive Aus- und Weiterbildung von (angehenden) Lehrpersonen mithilfe animierter Schulszenen (gemeinsam mit Jun.-Prof. Nina Simon) mehr lesen