„Der Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis ist nicht weniger als die Sache der Fachdidaktik der politischen Bildung selbst“ Fünf Fragen an Sven Rößler

Dr. Sven Rößler ist Vertretungsprofessor für Politikwissenschaft und ihre Didaktik an der Pädagogische Hochschule Weingarten. Im Interview erinnert er an die Bedeutung der Theoriebildung als fachdidaktische Forschungsperspektive der politischen Bildung.


Dr. Sven Rößler (Foto: privat)

Dr. Sven Rößler (Foto: privat)

Dr. Sven Rößler ist Vertretungsprofessor für Politikwissenschaft und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Im Interview erinnert er an die Bedeutung der Theoriebildung als fachdidaktische Forschungsperspektive der politischen Bildung.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Nach Wiederaufnahme des Studienganges in Weingarten versuchen wir, unserem Fachverständnis entsprechend, uns mit regionalen Akteur*innen der Politischen Bildung zu vernetzen. Das Projekt „Sinti-Powerbotschafter “, gefördert durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“, steht vor dem Abschluss. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb unterstützt uns zudem in einer Veranstaltungsreihe, in welcher wir aktuell öffentlich über das Politische im Ästhetischen nachdenken.

 

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse schätzen Sie als besonders relevant für die Praxis politischer Bildung ein?

In einer sich – anstelle einer bloßen „Didaktik in der Moderne“ – in ihrer Theoriebildung epochaler Pfadabhängigkeiten bewussten „Didaktik der Moderne“ kann die – eingedenk des Doppelcharakters von „Sub-jekt“ als Autonomes wie „Unter-Worfenes“ – subjekttheoretische Einsicht in den antipolitischen Charakter der Spätmoderne vor einer sich wiederholenden Überraschung über das Scheitern von Bildungspraxis bewahren.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Die schon bei Wehling im später so genannten „Beutelsbacher Konsens“ angesprochene „Korrekturfunktion“¹ sollte Maßgabe auch für die Forschung der akademischen Fachdidaktik der Politischen Bildung sein. Meines Eindruckes nach dominieren derzeit – aus nachvollziehbaren Gründen – eher „unkontroverse“ methodische und mikroempirische Formate den fachdidaktischen Diskurs. Der Gebrauchswert theoretischer Praxis wird dabei oft unterschätzt. Ohne einen avancierten Begriff von „Gesellschaft“ lassen sich etwa die bei Giesecke angesprochenen grundlegenden Konfliktlinien (beispielsweise die von „Kapital“ und „Arbeit“) gar nicht identifizieren, ohne eine kulturwissenschaftlich informierte Kontextualisierung wird eine milieukulturell spezifische, aber gegenhegemoniale Rationalität oft anmaßend als vermeintliche „Bildungsferne“ verkannt.

 

4. Welchen Gewinn kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis und ein Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen für die politische Bildung bringen?

Dieser Dialog ist nicht weniger als die Sache der Fachdidaktik der Politischen Bildung selbst: Jede originäre, aus den Bezugsdisziplinen wie der Bildungspraxis schöpfende Konzeptionalisierung, die auf ein mündiges Selbst- und Weltverhältnis der Menschen in ihren individuellen wie – und das ist gegenwärtig ein wenig in den Hintergrund geraten – kollektiven Angelegenheiten zielt, ist ein „Gewinn“.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Vorher nicht wissen zu können, was mensch eben (noch) nicht weiß bzw. wissen sollte, ist doch das eigentliche Abenteuer fachdidaktischer Forschung – und Bildung geht praktisch nicht jenseits persönlicher Erfahrung. Insofern freue ich mich grundsätzlich über alle Anregungen und Ideen aus der Disziplin, aber auch und vor allem aus der Zivilgesellschaft und insbesondere der Region.

 

[1] D. h., ob die Lehrkraft „nicht solche Standpunkte und Alternativen besonders herausarbeiten muss, die den Schüler*innen (und anderen Teilnehmenden politischer Bildungsveranstaltungen) von ihrer jeweiligen politischen und sozialen Herkunft her fremd sind.“ (Wehling, Hans-Georg (1977): Konsens à la Beutelsbach? Nachlese zu einem Expertengespräch. In: Widmaier, Benedikt / Zorn, Peter (Hg.): Brauchen wir den Beutelsbacher Konsens? Eine Debatte der politischen Bildung. Bonn 2016, S. 19-27, hier: S. 24)

 

Veröffentlicht am 02.06.2021

 

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