„Den Gewinn eines Dialogs von Wissenschaft und Praxis würde ich als gegenseitige Dezentrierung beschreiben.“ Fünf Fragen an Michael May

Michael May ist Professor für Didaktik der Politik und Direktor des Zentrums für Lehrerbildung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er spricht im Interview über verschiedene aktuelle und abgeschlossene Projekte, berichtet über Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt zu Hate Speech in Schule und Unterricht und wünscht sich mehr konzeptionelle Forschung in der Politikdidaktik.


Foto: Christoph Honig

Foto: Christoph Honig

Michael May ist Professor für Didaktik der Politik und Direktor des Zentrums für Lehrerbildung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er spricht im Interview über verschiedene aktuelle und abgeschlossene Projekte, berichtet über Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt zu Hate Speech in Schule und Unterricht und wünscht sich mehr konzeptionelle Forschung in der Politikdidaktik.

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Aktuell beschäftigen uns mehrere Entwicklungsprojekte im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung, die auch beforscht werden. Darunter befindet sich ein Projekt zur Ausbildung der Ausbilder_innen in der politischen Bildung (AuAu), ein Projekt zur Entwicklung digitaler Unterstützungstools für fachbegleitende Lehrer_innen im Praxissemester (DiLe) sowie ein Projekt zur Entwicklung von Lerngelegenheiten für politik- und demokratiedistante Jugendliche (DEEDu). Hinzu kommen Forschungsprojekte zum Zusammenhang von Unterrichtszeit und politischer Bildung sowie Hate Speech in Schule und Unterricht. Abgeschlossen sind zwei Publikationsprojekte, die 2020 erscheinen: „Rechtsextremismus und Schule“ (mit Gudrun Heinrich, Kohlhammer Verlag) und „Urteilspraxis und Wertmaßstäbe im Unterricht“ (Wochenschau Verlag).

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

Ergebnisse aus zwei Projekten, einem empirischen und einem theoretisch-konzeptionellen, halte ich für besonders relevant. Die qualitativen Rekonstruktionen zum Phänomen Hate Speech in Schule und Unterricht zeigten die große, aber auch typische Bandbreite an Situationen auf, in denen Hate Speech zur Anwendung kommt. Die Untersuchungen halfen, situationsangemessene Reaktionen zu finden. Die Überlegungen im Projekt „Urteilspraxis und Wertmaßstäbe im Unterricht“ machen deutlich, dass die Unterrichtspraxis momentan nicht auf didaktische Vorschläge zur Versöhnung von Emotion und Rationalität in der politischen Bildung zurückgreifen kann.

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Die Forschung zur politischen Bildung hat sich in den letzten 20 Jahren bemüht, Anschluss an die empirischen Forschungsstandards der rekonstruktiven und quantitativen Erziehungs- und Sozialwissenschaften zu finden. Dieser Weg sollte fortgesetzt werden. Für dringlich halte ich jedoch die Reanimation der Politikdidaktik als Didaktik. Konzeptionelle Forschung ist nahezu zum Erliegen gekommen. Wie aber beispielsweise die Überbetonung rationalistischer Konzepte und die Vernachlässigung von Emotionen in der politischen Bildung korrigiert werden können, ohne Rationalität aufzugeben, verlangt zunächst theoretische, konzeptionelle und unterrichtspraktische Überlegungen.

4. Welchen Gewinn für die politische Bildung kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis bringen sowie ein Austausch sowohl zwischen den Wissenschaftsdisziplinen als auch innerhalb dieser?

Den Gewinn eines Dialogs von Wissenschaft und Praxis würde ich als gegenseitige Dezentrierung beschreiben. Insbesondere in unseren Entwicklungsprojekten der Qualitätsoffensive lernen Wissenschaftler_innen etwas über die Relevanzen und Problembeschreibungen der Praxis und umgekehrt. Auf diese Weise können Forschungsfragen entstehen, die sowohl für Wissenschaft als auch Praxis sinnstiftend sind. Wissenschaft muss sich nicht auf diese Fragen beschränken, darf sie aber auch nicht vernachlässigen. Austausch innerhalb der Wissenschaft ist mittlerweile Standard, braucht aber auch erhebliche Ressourcen und birgt Konfliktpotenzial.

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern: zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen, aber auch zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler_innen, Praktiker_innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Ich freue mich über Anfragen zur Konzeption, Begleitung und Beratung von Praxisvorhaben (zum Beispiel zu Hate Speech, Rechtsextremismus, Großmethoden politischer Bildung), aber auch über Möglichkeiten, mit Kolleg_innen politische Bildung konzeptionell weiterzudenken. Kooperationen mit Bildungswissenschaftler_innen im Bereich der rekonstruktiven Fachunterrichtsforschung sind ebenfalls sehr willkommen.

 

Veröffentlicht am 10.02.2020

Zum Weiterlesen

  • Sie finden Michael May in der Landkarte der Forschung zur politischen Bildung.
  • Datenbankeintrag: Damerau, Frederik / May, Michael / Patz, Janine (2017): Demokratiebildung in Professionalisierungsprozessen – Eine Analyse der Thüringer Ausbildungssituation in ausgewählten Regelstrukturen sozialer Berufe mehr lesen



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