Demokratiebildung und Antidiskriminierung im Alltag von Hort und Ganztag verankern

Am 16. und 17. September 2021 veranstaltete das „Kompetenznetzwerk Demokratiebildung im Kindesalter (DEKI)“ eine digitale Fachtagung zum Thema „Demokratiebildung in der Grundschule – Hort und Ganztag als unterschätzte Räume“. Neben der Vorstellung wissenschaftlicher Studien gab es Fachvorträge mit anschließenden Gesprächsrunden sowie verschiedenen Fachforen.


Foto: Christoph Honig

Am 16. und 17. September 2021 veranstaltete das „Kompetenznetzwerk Demokratiebildung im Kindesalter (DEKI)“ eine digitale Fachtagung zum Thema „Demokratiebildung in der Grundschule – Hort und Ganztag als unterschätzte Räume“. Neben der Vorstellung wissenschaftlicher Studien gab es Fachvorträge mit anschließenden Gesprächsrunden sowie verschiedenen Fachforen. Träger des vom Bundesprogramm „Demokratie Leben!“ geförderten Projekts sind das Deutsche Kinderhilfswerk und das Institut für Situationsansatz.

Ab dem Jahr 2026 haben alle Grundschulkinder einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Das bedeutet nicht nur, dass die Kommunen bis dahin für ausreichende Betreuungsplätze sorgen müssen, sondern es stellt auch die Frage nach der Qualität in diesen Bildungseinrichtungen – so Thomas Heppener, Leiter der Unterabteilung „Demokratie und Engagement“ im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, während seines Grußwortes. In diesem Kontext wird Ganztagsbetreuung im Grundschulalter im 16. Kinder- und Jugendbericht als „unterschätzter Raum“ für politische Bildung beschrieben. Ganztagsbildung würde „jenseits der unterrichtlichen Angebote weder von den Akteuren noch von der Fachdiskussion und Forschung als solche thematisiert und reflektiert – mit der Folge, dass es bislang nicht nur an einer einschlägigen Fachdebatte und politischen Aufmerksamkeit fehlt, sondern dass die Chance und Gestaltungspotenziale für politische Bildung in einer wichtigen Altersphase praktisch und konzeptionell verspielt werden“* (BMBFSJ 2020, S. 480).

Das Kompetenznetzwerk Demokratiebildung im Kindesalter nahm sich diesem unterschätzten Raum in seiner diesjährigen Fachtagung an; der Schwerpunkt wurde dabei auf das Thema Antidiskriminierung gelegt. Damit ging es unter anderem um die Fragen, ob tatsächlich alle Kinder eine Chance auf Teilhabe haben bzw. ob einige Kinder aufgrund ihrer ihnen zugeschriebenen Merkmale weniger Teilhabe zugeteilt oder zugesprochen wird. Wenn man von einer kinderrechtebasierten Demokratiebildung ausginge, dann müssten diese Fragen immer mitgedacht und in pädagogischen Konzepten verankert werden, so Maria Jäger vom Deutschen Kinderhilfswerk. Das Zusammendenken von Kinderrechten und Demokratiebildung schließe Inklusion und Antidiskriminierung mit ein. In diesem Zusammenhang stellte sie die zentralen Ergebnisse der im Projekt erarbeiteten „Feldanalyse zur Verankerung kinderrechtebasierter Demokratiebildung im Primarbereich“ vor. Untersucht wurde, „inwiefern die UN-Kinderrechte bzw. kinderrechtebasierte Demokratiebildung in den rechtlichen und programmatischen Vorgaben der 16 Bundesländer für den Primarbereich verankert sind“**.

Professorin Iris Nentwig-Gesemann (Freie Universität Bozen) stellte danach ebenfalls zwei Studien vor. Mit dem sogenannten Kinderperspektivenansatz wurde untersucht, was aus Perspektive von Kindern einen guten Kindergarten und Ganztag auszeichnet. Der Kinderperspektivenansatz nimmt die UN-Kinderrechtskonvention als Ausgangspunkt und „forciert einen Paradigmenwechsel: Es gilt, nicht nur Kinder als zentrale und gleichberechtigte Akteure im Alltag und in der Qualitätsentwicklung von pädagogischen Institutionen und Angeboten anzuerkennen, sondern darüber hinaus frühpädagogischen Fachkräften die methodischen Werkzeuge an die Hand zu geben, um sich selbst, und zwar über die Praxis des Forschens mit Kindern, einen reflexiven Blick auf ihr professionelles Handeln zu erarbeiten“*** (S. 13). Qualitätsentwicklung müsse demnach auch immer als Sache von und mit Kindern begriffen werden und in den Institutionenalltag – im Sinne eines erfahrungsbasierten und nachhaltigen Lernens von Demokratie – fest verankert werden.

Saraya Gomis, Studienrätin und Vorstandsmitglied von EachOneTeachOne, hielt einen Fachvortrag mit dem Titel „(K)eine Schule ohne Rassismus?! - Schutz vor Diskriminierung als zentrale Voraussetzung für die Umsetzung menschenrechtlicher Vorgaben in Grundschulen“. Darin plädierte sie für eine stärkere Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte bezüglich Antidiskriminierung bzw. unterschiedlicher Diskriminierungsformen (Adultismus, Rassismus, Klassismus, Ableismus, Antisemitismus etc.). Antidiskriminierung müsse ein fester Bestandteil der Ausbildung und des Studiums werden, ansonsten würden sich Fachkräfte nur aufgrund individuellen Interesses oder akuter Herausforderungen im Schulalltag weiterbilden. Außerdem werde die Thematik bisher stark auf individueller Ebene ausgetragen, institutionelle und strukturelle Ebenen würden oftmals außer Acht gelassen, obwohl eine diskriminierungssensible pädagogische Arbeit auf das Mitwirken und -arbeiten aller institutionszugehörigen Personen angewiesen sei.

Im Modellprojekt „Hortdialoge & Beteiligung. Demokratiestärkende Bildungsarbeit im Hortalltag “ wird gemeinsam mit den pädagogischen Fachkräften, Kindern, speziell geschulten Multiplikator*innen sowie den Familienangehörigen versucht, Demokratiebildung und diskriminierungssensible Bildung im Hortalltag zu verankern. Das fünfjährige Projekt wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ gefördert, daran beteiligt sind drei Horteinrichtungen in Rostock.

Anmerkungen der Fachstelle politische Bildung

Es tut sich was! Während das Thema politische Bildung/Demokratiebildung in Hort und Ganztag in Forschung und Fachdiskurs bisher kaum Beachtung fand, zeigt sich langsam ein wachsendes Interesse. Mit Sicherheit spielt der 16. Kinder- und Jugendbericht sowie der neue Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter eine wichtige Rolle dabei. In der Veranstaltung zeigte sich die Relevanz einer Unterscheidung von Demokratiebildung in der Grundschule und in Ganztag und Hort. Hort und Ganztag sind außerschulische Bildungsangebote und finden in der Regel im Rahmen des SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) statt. Schule folgt aufgrund rechtlicher und politischer Rahmenbedingungen einer anderen Logik als der außerschulische Bildungsbereich, zum Beispiel aufgrund der systeminhärenten Machtstruktur und Selektionsfunktion in und von Schule. Dementsprechend sind auch verschiedene Möglichkeiten und Grenzen von politischer Bildung / Demokratiebildung in den unterschiedlichen Bildungsbereichen gegeben. Fehlende Differenzierungen bergen hierbei schnell die Gefahr, außerschulische politische Bildung zu „verschulen“ und Merkmale wie Offenheit und Freiwilligkeit zu minimieren.

Die Fachstelle politische Bildung hofft auf weitere empirische Erkenntnisse, um eine Professionalisierung und qualitativ hochwertige politische Bildung auch in diesem Praxisfeld voranzutreiben. Wir möchten Praxisakteur*innen und Forscher*innen dazu ermuntern, zusammenzufinden und vor allem „Leerstellen politischer Bildung“ gemeinsam zu bearbeiten und zu erforschen. Hierfür haben wir das Matching-Portal eingerichtet, mit dem Forscher*innen, die eine Zusammenarbeit mit der Praxis suchen, und Praktiker*innen, die mit Forschungsstellen zusammenarbeiten möchten, zusammenfinden können.

* Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (BMFSFJ) (2020): 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter und Stellungnahme der Bundesregierung (Drucksache 19/24200)

** https://www.kompetenznetzwerk-deki.de/themen-/-angebote/veroeffentlichungen.html

*** Nentwig-Gesemann, Iris / Walther, Bastian / Bakels, Elena / Munk, Lisa-Marie (2021): Kinder als Akteure in Qualitätsentwicklung und Forschung Eine rekonstruktive Studie zu KiTa-Qualität aus der Perspektive von Kindern. Gütersloh

 

Veröffentlicht am 06.10.2021

 

Zum Weiterlesen

  • Kompetenznetzwerk Demokratiebildung im Kindesalter mehr lesen
  • Feldanalyse zur Verankerung kinderrechtebasierter Demokratiebildung im Primarbereich mehr lesen
  • Nentwig-Gesemann, Iris / Walther, Bastian / Bakels, Elena / Munk, Lisa-Marie (2021): Kinder als Akteure in Qualitätsentwicklung und Forschung Eine rekonstruktive Studie zu KiTa-Qualität aus der Perspektive von Kindern. Gütersloh [ PDF | 12,5 MB ]
  • Walther, Bastian / Nentwig-Gesemann, Iris / Fried, Florian (2021): Ganztag aus der Perspektive von Kindern im Grundschulalter. Eine Rekonstruktion von Qualitätsbereichen und -dimensionen. Gütersloh
  • Modellprojekt: Hortdialoge & Beteiligung mehr lesen
  • Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (BMFSFJ) (2020): 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter und Stellungnahme der Bundesregierung (Drucksache 19/24200) [ PDF | 6,8 MB ]
  • Datenbankeintrag: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2020): 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Berlin (673 S.) mehr lesen

 

 



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