„Austausch in der eigenen Disziplin kann dazu beitragen, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und die eigene Perspektive zu erweitern.“ Fünf Fragen an Sebastian Fischer

Dr. Sebastian Fischer ist Vertretungsprofessor für die Didaktik der Politischen Bildung an der Leibniz Universität Hannover. Aktuell forscht er an der Entwicklung von Konzepten zur Qualifizierung von Politiklehrkräften zum Thema Rechtsextremismus. Im Interview spricht er über die gewachsene soziale und politische Ungleichheit und den Einfluss der Europäischen Union auf die Wirtschaftspolitik der Mitgliedsländer als wichtige Anknüpfungspunkte für politische Bildung.


Dr. Sebastian Fischer (Foto: privat)

Dr. Sebastian Fischer (Foto: privat)

Dr. Sebastian Fischer ist Vertretungsprofessor für die Didaktik der Politischen Bildung an der Leibniz Universität Hannover. Aktuell forscht er an der Entwicklung von Konzepten zur Qualifizierung von Politiklehrkräften zum Thema Rechtsextremismus. Im Interview spricht er über die gewachsene soziale und politische Ungleichheit und den Einfluss der Europäischen Union auf die Wirtschaftspolitik der Mitgliedsländer als wichtige Anknüpfungspunkte für politische Bildung.

 

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Das letzte Forschungsprojekt untersuchte die Vorstellungen von angehenden Politiklehrkräften über Rechtsextremismus. Gegenwärtig arbeite ich im Rahmen von verschiedenen Projekten an der Entwicklung von Konzepten zur Qualifizierung von Politiklehrkräften im Themenfeld extreme Rechte. (Modellprojekt zur Förderung pädagogischer Handlungskompetenz in der Auseinandersetzung mit antidemokratischen Positionen an niedersächsischen Schulen, CLIO – Challenging Hostile Views and Foster Civic Competences – Sparkling Moves for VET Teachers, TEACH – Targeting Extremism and Conspiracy Theories

 

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

Ausgrenzende Praxen sind Teil dieser Gesellschaft. Wenn es gelingt, den Blick auf die Mitte der Gesellschaft zu richten und die Genese ausgrenzender Denkweisen zum Gegenstand der Auseinandersetzung zu machen, werden Bildungspraxen möglich, die sich mit den Ursachen einer erstarkenden extremen Rechten auseinandersetzen. Vor dem Hintergrund eines zu beobachtenden Rechtsruckes ist es notwendig, nicht lediglich ein abstraktes Ideal von Demokratie als wünschenswertes Gegenstück zum Rechtsextremismus in normativer Weise zu postulieren, sondern den Zustand der real existierenden Demokratie konsequent bei der Umsetzung von Bildungsmaßnahmen einzubeziehen.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Die Befunde zur Responsivität der deutschen Politik, also ihre Bereitschaft, Erwartungen und Interessen der Wählerschaft zu berücksichtigen, machen darauf aufmerksam, dass in den vergangenen 20 Jahren vor allem die Interessen privilegierter Bevölkerungsschichten umgesetzt wurden. Die soziale und politische Ungleichheit hat bedenkliche Ausmaße angenommen. Dabei wurde die implementierte wirtschaftsliberale Agenda, insbesondere auf der übergeordneten Ebene der Europäischen Union, mit einer sehr hohen Änderungsschwelle versehen. Wenn aber der für die Lebenswirklichkeit der Menschen zentrale Bereich der Wirtschaftspolitik der politischen Gestaltung weitgehend entzogen ist, stellt sich für weite Teile der Bevölkerung die Frage, warum sie sich politisch beteiligen sollen. Hier ergeben sich vielfältige, herausfordernde Fragen für die politische Bildung, die beforscht werden sollten.

 

4. Welchen Gewinn für die politische Bildung kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis bringen sowie ein Austausch sowohl zwischen den Wissenschaftsdisziplinen als auch innerhalb dieser?

Die Praxis kann Inspiration und Korrektiv für die wissenschaftliche Arbeit sein. Das paradigmatische Denken in den Wissenschaften ist nicht immer in der Lage, gesellschaftliche Problemlagen angemessen zu identifizieren. Ein interdisziplinärer Dialog zwischen verschiedenen Wissenschaften kann Engführungen der eigenen Disziplin entgegenwirken. Ebenso kann der Austausch in der eigenen Disziplin dazu beitragen, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und die eigene Perspektive zu erweitern.

 

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen sowie zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler_innen, Praktiker_innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Ich freue mich auf den Austausch mit allen Menschen, die an eben beschriebenen Themen interessiert sind.



Veröffentlicht am: 22.04.2021

Zum Weiterlesen

  • Sie finden Sebastian Fischer in der Landkarte der Forschung zur politischen
  • Datenbankeintrag: Fischer, Sebastian (2018): Evaluation des sächsischen Modellprojektes „Starke Lehrer – Starke Schüler“ mehr lesen
  • Datenbankeintrag: Fischer, Sebastian (2013): Rechtsextremismus – Was denken Schüler darüber? Untersuchung von Schülervorstellungen als Grundlage einer nachhaltigen Bildung mehr lesen


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