Potentiale des konzeptionellen Einsatzes von digitalen Video-Tutorials in der politischen Bildung

Dr. Katrin Valentin erörtert in ihrem Beitrag zunächst unter Rückgriff auf erste Forschungsergebnisse, was das Phänomen Tutorials ausmacht. Im Anschluss daran werden Möglichkeiten angesprochen, wie Video-Tutorials für die politische Bildung genutzt werden können. Es lässt sich Anschluss an Peer-Education nehmen, Tutorials können zur Alphabetisierung genutzt werden und „Digital Citizenship“ kann ermöglicht werden.


Dr. Katrin Valentin (Foto: privat)

Dr. Katrin Valentin (Foto: privat)

von Dr. Katrin Valentin

Insbesondere auf YouTube, aber auch auf zahlreichen weiteren Plattformen und Internetseiten, findet man zunehmend kurze Erklärvideos, so genannte Video-Tutorials. Zu allen Lebensbereichen, ob alltägliche Problemstellungen wie Kochen und Schminken, berufliche Fragestellungen zu Software und Technik, aber auch zu sozialen Themen, lassen sich kurze Anleitungsfilme finden (Valentin 2015b, Wolf 2015a, Bitkom 2015).

Zunehmend bieten auch Internetseiten oder YouTube-Kanäle einschlägiger Akteure und Akteurinnen der politischen Bildung Tutorials an. Dies ist nicht weiter verwunderlich, erfüllen doch Tutorials, wie jeder andere Film auch, ein wichtiges Kriterium: Die Anschaulichkeit. In seinem Buch „Filme im Politikunterricht“ formuliert Straßner: „Das Schauen eines Filmes ist ein ästhetisches Erlebnis, das den Betrachter auf mehreren Ebenen ansprechen und berühren kann“ (Straßner 2013, S. 10). Wenn man sich allerdings das Phänomen digitale Video-Tutorials einmal genauer anschaut, dann ergeben sich darüber hinaus wesentlich mehr Gründe, die für einen Einsatz von Tutorials in non-formaler wie formaler politischer Bildung sprechen.

Im Folgenden soll deshalb zunächst einmal unter Rückgriff auf erste Forschungsergebnisse erörtert werden, was das Phänomen Tutorials ausmacht. Im Anschluss daran werden Möglichkeiten angesprochen, wie Video-Tutorials für die politische Bildung genutzt werden können. Es lässt sich Anschluss an Peer-Education nehmen, Tutorials können zur Alphabetisierung genutzt werden und „Digital Citizenship“ kann ermöglicht werden. Gleich einem Ausblick wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich Tutorials zum Zwecke der Demokratiebildung im pädagogischen Sinne eignen. Zum Abschluss dieses Beitrages werden einige Fragen formuliert, die einen Horizont für mögliche Entwicklungen zeichnen sollen.

 

Was ist ein Tutorial?

Eine wissenschaftlich anerkannte Definition von „Tutorial“ gibt es derzeit noch nicht. Umschreibungen, wie „Videos (…), in denen Anleitungen gezeigt werden“ (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2013, S. 34) oder Bezeichnungen wie „Erklärvideo“ (Wolf 2015a und c) sind gebräuchlich. Kennzeichnend ist die Kürze und Verdichtung der Anleitung sowie die instruktionale Erklärung. Wissenschaftliche Forschung fängt gerade erst an, sich diesem relativ jungen Phänomen zu widmen (Rummler/Wolf 2011, Bitkom 2015, Wolf 2015a, b und c) und es herrscht weder unter den Autoren und Autorinnen der Tutorials noch im Kreise der Forschenden Einigkeit darüber, wie dieses neue Format des Lehrens zu bezeichnen ist. Manche nennen es Erzählclip, How-To, Shot oder auch DIY, abgeleitet von Do-it-Yourself. Am gängigsten dürfte derzeit die Bezeichnung ‘Tutorial‘ sein. Sie ist dem Englischen entlehnt und betont ein weiteres Merkmal dieses Phänomens: In weiten Teilen werden die Clips von Laien produziert. Ähnlich wie an einer deutschen Universität ein Tutor bzw. eine Tutorin nur einen bestimmten Sachverhalt erläutert und der Gesamtbezug in der Vorlesung hergestellt wird, erläutern die Darstellerinnen und Darsteller auch nur einen kleinen Ausschnitt einer Fragestellung. Dabei sind die Grenzen zu anderen Formaten wie Blogs oder Lehrfilme fließend (Wolf 2015c).

Feststeht, dass bereits sehr viele Menschen diese kleinen Filme für ihren Alltag oder auch für ihr Berufsleben nutzen. Vor kurzem wurde in einer bundesweiten repräsentativen Umfrage ermittelt, dass bereits mehr als jede dritte Person, die das Internet nutzt, dort Video-Anleitungen ansieht (Bitkom 2015, S. 23f.). Vor allem die Personen in der Altersgruppe der 14- bis 39-Jährigen schauen sich vergleichsweise häufig diese Videos an, hier sind es 39 Prozent (ebd.). Zu erwarten ist, dass diese Zahlen jährlich steigen.

 

Digitale Video-Tutorials in der politischen Bildung

Video-Tutorials werden bereits in verschiedener Weise im Handlungsfeld der politischen Bildung genutzt. Wie sinnvoll ihr Einsatz jeweils ist und welche Optionen sich für eine konzeptionelle Einbettung in die pädagogische Praxis ergeben, hängt jedoch immer von der didaktischen Einbettung bzw. der Einfügung in das Arrangement eines Bildungsprozesses ab. Denn das Format selbst ist lediglich auf Instruktion ausgelegt, das bedeutet, dass sich aus der isoliert betrachteten Rezeption unter Umständen noch nicht einmal Lernprozesse ergeben – wenn man einen komplexen Lernbegriff verwendet (Grell/Nowak 2014, S. 34). Erst der bewusste pädagogische Einsatz von Tutorials legt Bildungsprozesse nahe. Dann aber eröffnet das Format sehr gute Gelegenheiten, denn es ist nah an der Lebenswelt, ästhetisch ansprechend, variantenreich, leicht zugänglich und individuell rezipierbar.
Die individuelle Nutzbarkeit, also die Möglichkeit, sich Passagen einfach noch mal anzuschauen oder bei bereits bekannten Informationen in dem Film einen Teil zu überspringen, ermöglicht den Rezipierenden ein ‘passgenaues‘ Rezeptionsverhalten. Zudem steht in manchen Bereichen bereits eine große Auswahl von Videos zum gleichen Thema zur Verfügung. So können auch individuelle ästhetische Vorlieben, Sympathien für Darstellende oder Gewohnheiten in Bezug auf Lehrstile berücksichtigt werden. Derzeit befindet sich das Phänomen Video-Tutorials allerdings erst in der Anfangszeit seiner Entstehungsgeschichte. Das heißt, im Feld der politischen Bildung gibt es zwar schon zahlreiche Videos, jedoch im Vergleich zum Beispiel zum Thema ‘Schminken‘ oder ‘Kochen‘ wenige.

 

Anschluss an Peer-Education nehmen

Es ist zu beobachten, dass politische Bildung in Form von Peer Education im World Wide Web vorzufinden ist. Das heißt, Jugendliche und Erwachsene betreiben selbst non-formale oder informelle politische Bildung in Form von Video-Tutorials. Dies lässt sich an drei Formen festmachen:

Zum Ersten werden kurze Erklärfilme zu bestimmten Begriffen oder Themen erstellt. Als Beispiele können hier protagonistische Tutorials [1] und Trickfilm-Tutorials, die sich auf schulische Themen beziehen, genannt werden, wie ein Erklärvideo zur Weimarer Republik [2], zu Wahlgrundsätzen [3]  oder auch zur Flüchtlingskrise [4].

Zum Zweiten lassen sich manche Filme, in welchen jemand seine politische Situation erklärt, als Tutorial begreifen. Bekannt ist z. B. The Syrian Girl [5]. Ihre Erklärvideos läutet sie damit ein, dass die Medien nicht alle Informationen preisgeben und bereitet die Situationen im Stile eines investigativen Journalismus aus ihrer Sicht auf. [6]

Zum Dritten erwähnen Autorinnen und Autoren von Tutorials politische Themen oder positionieren sich im Zuge von Tutorials, welche ein anderes Thema behandeln. Dies geschieht vor allem bei protagonistischen Tutorials. Als Beispiel kann hier der bekannte YouTuber LeFloid herangezogen werden. In einem seiner Clips geht es z. B. eigentlich darum, darüber aufzuklären, wie und warum man als YouNow-User welche Daten nicht veröffentlichen sollte. In diesem Film kommt er nebenbei auf TTIP zu sprechen, thematisiert das Problem des Atommüllagerns und vieles mehr. [7]

An dieses Phänomen kann man im Zuge formaler und non-formaler politischer Bildung sehr gut Anschluss nehmen. Insbesondere die in Bezug auf das Lebensalter nicht selten große Ähnlichkeit zwischen Rezipierenden und Produzierenden kann hier genutzt werden. Seit Albert Bandura (Bandura 1976) ist bekannt, dass eine größere Ähnlichkeit zu den erklärenden Personen hilfreich für die Lernbereitschaft sein kann. Auch bei Wirkungsstudien zu politischer Bildung wird von einem solchem Zusammenhang ausgegangen. „Die Identifikationssuche von Jugendlichen führt oft dazu, dass sie außerfamiliäre Erwachsene probehalber als Identifikationsfigur oder Gegenfigur verwenden. So kristallisiert sich die Auseinandersetzung in der politischen Bildung aus Sicht der Jugendlichen nicht nur im Diskurs, sondern auch an der Persönlichkeit der Referentinnen.“ (Balzter/Ristau/Schröder 2014, S. 26). Prominente YouTuber, wie z. B. LeFloid, die sich wiederholt zu politischen Themenstellungen äußern, können eine derartige Identifikationsfigur werden. Eine Möglichkeit politischer Bildung wäre es, nach dem Ansatz der subjektorientierten politischen Bildung (Haarmann/Lange 2013, S. 19f.) die Lebenswelt der Zielgruppe aufzugreifen. Sie können in bestimmten Situationen bei der Rezeption der Videos begleitet werden, Recherchekompetenzen erlangen und einen kritischen Blick auf die Inhalte entwickeln. 

Hierbei bieten sich sehr gute Gelegenheiten, kontroverse Standpunkte zu thematisieren – z. B. durch die Einbettung der Videos auf Plattformen. Viele Plattformen bieten die Möglichkeit an, Kommentare zu erstellen. Als Beispiel soll hier ein YouTuber angeführt werden, der sehr viele Tutorials zu politischen Themen erstellt, „MrWissen2go“. Zu seinem Tutorial zum politischen System Deutschlands lässt sich folgender Kommentar von „Gjergj Kastrioti“ finden: „+MrWissen2go das traurige ist, dass ihr bei all eurer Borniertheit euch tatsächlich mit schlechtem Sarkasmus von dem konspirativen Kollegen abheben wollt, selbst aber nicht kappiert, dass euer indoktrinierter Müll zum Staatswesen euch keinesfalls in dieser Angelegenheit qualifiziert.“ [Quelle: www.youtube.com/watch?v=jvJS8IyZvUc (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016]. Hier wird deutlich, dass die Aufbereitung von politischen Themen in scheinbar unverfänglichen kurzen Video-Tutorials Ausdruck einer politischen Haltung sein kann – durch die Auswahl an Informationen, einer bewertenden Darstellungsweise und natürlich eines der Hauptmerkmale des Formats Tutorial, die Verdichtung. Da das Handlungsfeld Video-Tutorials derzeit von wenigen kontrolliert wird, lassen sich auch Videoclips mit sehr fragwürdigen Inhalten finden [8]. Tutorials bieten sich sehr gut dazu an, in lebensweltnaher Weise diese Facetten politischer „Aufklärung“ und Auseinandersetzung aufzugreifen und kontrovers zu diskutieren bzw. als polarisierenden Gesprächsanlass für politische Bildung zu nutzen.

Auch Eigenproduktion von Video-Tutorials lassen sich mit relativ geringem technischem Aufwand bewerkstelligen (Valentin 2015a). Das Format eignet sich nicht nur sehr gut dazu, komplexe Inhalte strukturiert aufzuarbeiten. Effekte, welche das „Lernen durch Lehren“ hat (Renkl 1997), können bei diesem konzeptionellen Vorgehen hervorragend genutzt werden. Die Veröffentlichung der eigenen Arbeit hat den Effekt, dass die eigene Position kritisch hinterfragt werden muss. Sollen Inhalte für Personen erklärt werden, die nicht aus dem unmittelbaren Nahfeld kommen, so ist es notwendig, Reflexionen über die Voraussetzungen der Darstellungen anzustellen.

Auf ein besonderes Merkmal des Handlungsfeldes digitaler Video-Tutorials soll an dieser Stelle noch verwiesen werden – den Humor. Zahlreiche Videos stellen selbst eine Art Parodie auf das Format Tutorials dar, viele Videos sind von Selbstironie gekennzeichnet und bei so manchem Clip ist es schwer auszumachen, wie ernst die Aussage oder Darstellung gemeint ist (Valentin 2015b). Will man in Form von Eigenproduktionen Anschluss an diesen Teil der Lebenswelt seiner Zielgruppe nehmen, so gilt es, diese Facette nicht aus dem Blick zu verlieren. Zwar können Tutorials ernst und sachlich aufbereitet werden und erfüllen dann in ihrem Setting ihre Funktion. Doch bietet das Format Video-Tutorials ähnlich dem politischen Kabarett sehr viel mehr Möglichkeiten, politische Themen aufzubereiten und an die Rezeptionsgewohnheiten der Zielgruppe Anschluss zu nehmen.

 

Tutorials zur politischen „Alphabetisierung“ nutzen

Recherchiert man auf den Internetseiten einschlägiger Akteure und Akteurinnen der politischen Bildung, so findet man auch hier Video-Tutorials. Außergewöhnlich ist dabei, dass dies im Vergleich zu anderen Anbietern von Jugendbildung vergleichsweise häufig der Fall ist und dass es hier auffallend viele ästhetisch und technisch aufwändig produzierte Clips, z. B. der öffentlich-rechtlichen Medien oder aus eigner Produktion gibt. Auch haben es sich manche kommerzielle Anbieter zur Hauptaufgabe gemacht, Tutorials zu politischen Themen zu drehen. Sehr häufig werden hierbei Trickfilm-Tutorials eingesetzt. Die Tutorials scheinen vor allem der „Alphabetisierung“ der Rezipientinnen und Rezipienten in Bezug auf politische Begriffe und Themen zu dienen. Das Format eignet sich offenkundig sehr gut dazu, in kurzer Zeit anschaulich in ein Thema einzuführen. Man findet im Internet beispielsweise Videoclips zu den fünf Wahlgrundsätzen [9], der Erklärung von CO2-Zertifikaten [10] oder wie der Stadtrat funktioniert[11].

Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb hat auf ihrem YouTubekanal [12] Tutorials zu zahlreichen konkreten Fragen zu Themen zu Wahlen. poliWHAT [13], ein Projekt des Landesjugendringes Brandenburg, erstellte Tutorials zu Zivilgesellschaft, Petitionen, Wahlen ab 16 und vielem mehr. Explainity [14], ein kommerzieller Anbieter, bietet Erklärfilme zu Meinungsfreiheit, der Krim-Krise, Mehrwertsteuer u.v.m. an. Die Medieninitiative mesh-collective [15] offeriert Erklärfilme zu Themen wie Demokratie, Gleichberechtigung, Markt u. a.

Konzeptionell können diese Tutorials sehr gut im Zuge des „institutionenkundlichen Ansatzes“ eingesetzt werden (Deichmann 2013, S. 86). Hier wird davon ausgegangen, dass es einer mehrdimensionalen Institutionenkunde bedarf, die nicht nur auf „der in der Politikdidaktik üblichen Differenzierung nach Form, Inhalt und Prozess“ aus ist (ebd. S. 86f.). Die gegenständlichen Tutorials können dazu genutzt werden, die „Dimension der gesellschaftlichen und politischen Objektivationen“ und die „Dimension regulativer Ideen“ (ebd.) auf anschauliche und kurzweilige Art und Weise instruktiv zu vermitteln. Hierzu werden besonders häufig Trickfilm-Tutorials mit der Legetechnik genutzt. Protagonistische Tutorials hingegen können dazu dienen, die „subjektive Dimension“ zu veranschaulichen und in der Auseinandersetzung mit ihnen die „intersubjektive Wirklichkeit“ (ebd.) nachvollziehbar werden zu lassen.

 

Digital Citizenship ermöglichen

Im Handlungsfeld politische Bildung gibt es unterschiedliche Auffassungen, was unter politischer Bildung zu verstehen ist. Aus der Perspektive der Cultural Studies werden auch alltagskulturelle Praxen in ihrer politischen Dimension in den Blick genommen (Biermann/Fromme/Verständig 2014, S. 9f.). Das Rezipieren und Produzieren von Tutorials kann als eine solche alltagskulturelle Praxis betrachtet werden. Mittels der Tutorials ist eine Teilhabe an Öffentlichkeit, der Weitergabe von Wissensbeständen und dem Diskurs von Meinungen verbunden. Politische Bildung kann hier durch die Ermöglichung „audio-visueller Literalität“ (Wolf 2015c, S. 2) wirken. Die Zielgruppen würden zum einen in kritischer Medienkunde und Medienbildung geschult werden und zum anderen lernen, sich selbst über das Format Tutorials auszudrücken. Dieser medienpädagogische Aspekt ist in Bezug auf Video-Tutorials nicht unerheblich, gibt es doch sehr hohen Aufklärungsbedarf z. B. in Bezug auf die kommerzielle Durchdringung des Handlungsfeldes, den Daten- und Jugendschutz und vielem mehr (Valentin 2015a, S. 17ff.).

Beispiele im Handlungsfeld politischer Bildung, bei denen es um den Erwerb von Medienkompetenz geht, lassen sich zahlreich finden. Die Plattform „Die Kopiloten e. V., politische Bildung im kommunalen Raum“ bietet z. B. Tutorials zur Trickfilmerstellung [16] an und der gemeinnützige Verein „Politik zum Anfassen e. V.“ [17]macht Politik und Medien zum Zentrum seines Wirkens. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb ruft einen Schülerwettbewerb aus, bei dem in Form von Videos zu bestimmten Themen geantwortet werden kann [18] und initiierte mit weiteren Akteuren und Akteurinnen ein Tutorial mit mehreren bekannten YouTubern und YouTuberinnen zum Umgang mit Kommentaren [19]

Der Medienpädagoge Heinz Moser führt in diesem Zusammenhang den Begriff „Digital Citizenship“ aus, den er für die politische Bildung fruchtbar machen will (Moser 2014, S. 21ff.). Hier geht es um den „Bürger, der als wesentliches Moment der Teilhabe am Gemeinwesen die Verfügung über digitale Medien einbezieht“ (ebd.). Grundlegend ist hier, dass sich die Vorstellung des Gemeinwesens nicht unbedingt auf das eigene Land, sondern losgelöst von „Nationen, Staaten und Communities“ konzipiert. Der Mensch rückt bei diesem Ansatz vermittelt über digitale Medien als Weltbürger ins Zentrum. Gerade das Feld Tutorials, bei welchem es unzählige Videos aus verschiedenen Ländern gibt, ermöglicht es, sich als Teil dieses Gemeinwesens zu erleben. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn man selbst ein Tutorial produziert oder an einer Produktion mitwirkt. Aber auch schon das Kommentieren von Erklärfilmen oder die Einflussnahme durch kritische Rückfragen kann als Partizipation erlebt werden. In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung nach Wagner/Brüggen/Gebel hilfreich. Sie unterscheiden bezogen auf die Nutzung des Social Webs „drei Modi der gesellschaftlich-politischen Partizipation“ (zitiert nach Schmidt 2013, S. 80): Sich-Positionieren, Sich-Einbringen und Andere-Aktivieren. Das Sich-Positionieren kann in Form von Kommentaren zu Tutorials oder auch das Liken von Tutorials mit politisch relevanten Inhalten geschehen. Das Sich-Einbringen kann durch eine längere Würdigung oder Entgegnung in einem Kommentar sowie die Erstellung von Tutorials stattfinden. Die Weiterleitung oder Empfehlung von Links zu Tutorials kann als das Aktivieren von Anderen betrachtet werden.

Heinz Moser übersetzt den Ansatz des Digital Citizenships konkret für die politische Bildung. Er geht davon aus, dass es zunächst in den Alltagspraxen zu „legitimated peripheral participation“ kommt (Moser 2014, S.43). „Man nimmt zuerst eher am Rande teil, definiert sich dabei aber bereits als Teilnehmer bzw. Teilnehmerin einer Gruppe, bevor man immer stärker hinein wächst“ (ebd.). Möglicherweise ist der niedrigschwellige Zugang, den insbesondere Laientutorials bieten, eine gute Gelegenheit für einen derartigen Einstieg.

 

Demokratiebildung – ein möglicher Ausblick

Derzeit noch nicht zu beobachten ist der Einbezug von Video-Tutorials in Formen der Demokratiebildung, welche das Partizipieren an demokratischen Strukturen im engeren Sinn zum Ziel haben. Noch sind keine Prozesse zu beobachten, bei welchen Tutorials einer „Mitbestimmung“ dienen, welche „als Recht kodifiziert und durch Öffentlichkeit“ oder „direkte und repräsentative Entscheidungsgremien gewährleistet wären“ (Coelen 2010, S. 38). Es ist anzunehmen, dass dies dem Umstand geschuldet ist, dass es sich bei digitalen Video-Tutorials erst um ein sehr junges Phänomen handelt. Denn denkbar wären auch hier verschiedene Varianten:

  • Tutorials dazu zu nutzen, sozialräumliche, konkrete Problemstellungen aus verschiedenen Perspektiven zu erklären, könnte eine Möglichkeit sein. Das Informieren und damit Aufklärung der Öffentlichkeit ist z. B. ein wesentlicher Teil der Arbeit von Bürgerinitiativen.
  • Auch demokratische Verfahren bei der systematischen Bereitstellung von Tutorials zu etablieren wäre ein Ansatz, Demokratiebildung mit dem Handlungsfeld Video-Tutorials zu verknüpfen. Bisher gibt es durch Liken, Empfehlen und Ansehen nur scheinbar basisdemokratisches Mitspracherecht bei der Präsentation von Tutorials auf Online-Plattformen. Tatsächlich stehen eher kommerzielle Abwägungen bei dem Ranking von Suchergebnissen im Vordergrund. Für demokratische Verfahren müssten Akteure und Akteurinnen politischer Bildung eigene Plattformen bereitstellen.
  • Nicht zuletzt könnten Tutorials auch im Zuge von „Liquid Democracy“ – eine Mischform aus repräsentativer und direkter Demokratie – eine Rolle spielen. Digital unterstützte Verfahren können Tutorials dazu nutzen, Sachverhalte kurz zu erläutern, auf Basis derer eine Entscheidung gefällt werden kann, die ausgewählte Informationen berücksichtigt.

 

Fazit und offene Fragen

Zum Einsatz von digitalen Video-Tutorials in der politischen Bildung ist derzeit allenfalls ein Zwischenstand zu vermelden. Das instruktionale Format bietet sich dafür an, in kritischer Weise genutzt zu werden: als veranschaulichendes Material, zu Schulungszwecken, als Medium zu Alphabetisierung im institutionenkundlichen Sinn und zur Ermöglichung einer digitalen Weltbürgerschaft. Besonders geeignet ist es für alle Ansätze, welche einen lebensweltnahen Zugang zu ihrer Zielgruppe wählen oder einen aktuellen Anlass für ihr konzeptionelles Vorgehen suchen.

Da das Format sich gegenwärtig erst etabliert, ist es an vielen Stellen völlig offen, wie sich das Handlungsfeld weiter entwickeln wird. Dies lässt sich an einigen Fragen skizzieren:

  • Es bahnt sich an, dass Video-Formate zunehmend durch Annotationen [20] zu einem Medium werden, welches durch die Rezipierenden verändert werden kann. Setzt sich diese Form der Nutzung einmal durch, stellt sich die Frage, welche Auswirkungen dies auf den pädagogischen und didaktischen Einsatz des Formates Tutorial nehmen wird.
  • Auch entwickeln sich Formen von Tutorials, die immer mehr diskursive Elemente zulassen – offene Fragen, interaktive Elemente, Prüfungsabschnitte etc. Hier stellt sich die Frage, ob dies einen Einsatz im Feld der politischen Bildung weiter begünstigt.
  • Zu beobachten ist derzeit, dass verschiedene Anbieter zu ausgewählten Themenbereichen (z. B. Berufsgruppen, Disziplinen, Schulfächer) Plattformen schaffen, auf denen selektierte Videos zur Verfügung gestellt werden. Auf diese Weise erfährt das Handlungsfeld digitale Video-Tutorials eine Form der Kontrolle. Möglicherweise stehen auch für die politische Bildung derartige Vorhaben an. Zu fragen ist, welcher Art von Kontrollmechanismen sich für die politische Bildung etablieren werden.

 

Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass immer mehr Menschen Video-Tutorials dazu nutzen werden, sich zu konkreten Problemstellungen zu informieren. Politische Bildung hat bereits begonnen, dieses Handlungsfeld in verschiedener Weise für sich zu nutzen und Tutorials einzusetzen. Es wird auf die pädagogischen Konzeptionen ankommen – bezogen auf Produktion und Einbettung der Rezeption –, ob dies vermehrt zu einem verkürzten Verständnis von Sachverhalten führt oder ob die Tutorials Teil einer anschaulichen, mehrperspektivischen und lebensweltnahen politischen Bildung werden.

 

Fußnoten

[1] Protagonistische Tutorials zeichnen sich dadurch aus, dass die darstellende Person direkt in die Kamera blickt und die Zuschauenden anspricht (Valentin 2016).

[2] wissen2go: Die Weimarer Republik: www.youtube.com/watch?v=7WXxDy31Ygk (zuletzt aufgerufen am 22.1.2016)

[3] Junge Wa(h)lforscherinnen – Fünf Wahlgrundsätze einfach erklärt: www.youtube.com/watch?v=iosBBBSlh4g  (zuletzt aufgerufen am 22.1.2016)

[4] Europa und Flüchtlinge: Der Weg nach Europa – Einfach erklärt: www.youtube.com/watch?v=0AVIEhPMzyY (zuletzt aufgerufen am: 22.1.2016)

[5] SyrianGirlPartisan: www.youtube.com/user/SyrianGirlpartisan

[6] Wolf (2015c) würde derartige Videos Blog nennen – die Grenzen sind hier fließend.

[7] Seid nicht dumm auf YouNow! Lecker Mutanten und Totalüberwachung!: www.youtube.com/watch?v=La68NIQYTP4&index=100&list=PL2Ufja2qoGV5FNRNR7UR1r6P-Wd8B8RcE  (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[8] Freundlichkeit leben hotel gast heim asylbewerber syrien immigrant ausländer pension miete wohnung: www.youtube.com/watch?v=JSGdA-iJSoA (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[9] Wahlgrundsätze, Art. 38 / 1 GG: http://www.jura-online.de/lernen/wahlgrundsaetze-art-38-i-1-gg/234/excursus?unauth=true  (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[10] CO2-Zertifikate: www.dw.com/de/co2-zertifikate/av-16034879 (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[11] How to Stadtrat – Wie funktioniert kommunale Politik?: www.youtube.com/watch?v=bzuYf5hHN0w (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016) 

[12] www.youtube.com/watch?v=Hj06dznX1g8  (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[13] www.youtube.com/user/poliwhat/videos (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[14] www.youtube.com/user/explainity (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[15] www.youtube.com/channel/UC4dgLL1tKez7w0Uk1cJNGww (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[16] Trickboxx Tutorial 2, Materialien, Gestaltung und Perspektiven: www.youtube.com/watch?v=hQHOpeIhWWk (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[17]   www.politikzumanfassen.de

[18] www.bpb.de/lernen/projekte/schuelerwettbewerb (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[19] How to: Kommentare RICHTIG kommentieren / #YTRespekt: www.youtube.com/watch?v=EWIb9eb8Jkw&list=PL4jLJQuQjTIs2B3cOu88cNTI351OlkT3O (zuletzt aufgerufen am 05.08.2016)

[20] Annotationen sind hier Anmerkungen oder Notizen, die man mit verschiedenen Programmen in ein Video einschreiben kann.

 

Literaturverzeichnis

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Straßner, Veit (2013): Filme im Politikunterricht. Wie man Filme professionell aufbereitet, das filmanalytische Potenzial entdeckt und Lernprozesse anregt - mit zehn Beispielen für die Sekundarstufe II, Schwalbach/Ts.

Valentin, Katrin (2015a): Video-Tutorials im Internet. Eine Handreichung für pädagogische Fachkräfte an Schulen und in der Kinder- und Jugendarbeit. URL: katrin-valentin.de/wp-content/uploads/2015/08/Handreichung-Video-Tutorials.pdf (abgerufen am 25.01.2016).

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Valentin, Katrin  (2015b) (Hrsg.): Empirische Exploration nichtkommerzieller Video-Tutorials im Internet. Dokumentation eines Studentischen Forschungsprojektes. URL: www.katrin-valentin.de/wp-content/uploads/2015/04/Doku-Tutorials.pdf  (zuletzt abgerufen am 25.01.2016).

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Wolf, Karsten D. (2015c): Video-Tutorials und Erklärvideos als Gegenstand, Methode und Ziel der Medien- und Filmbildung. In: Hartung, Anja et al. (2015) (Hrsg.): Filmbildung im Wandel, Wien.

Wolf, Karsten D./Breiter, Andreas (2014): Integration informeller und formaler Bildungsprozesse zur beruflichen Orientierung von Jugendlichen am Beispiel draufhaber.tv. In: Krämer, Nicole C et al. (2014) (Hrsg.): Lernen im Web 2.0. Erfahrungen aus Berufsbildung und Studium, Bielefeld: , S. 85-101.

 

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