„Die Produktion von Video-Tutorials kann ein lohnender Prozess in der politischen Bildungsarbeit sein“. Interview mit Katrin Valentin

Ein Drittel aller Bundesbürger nutzt bereits sogenannte Video-Tutorials – kurze Erklär-Filme im Internet. Kann die Popularität dieses Formates auch für die politische Bildungsarbeit genutzt werden? Dr. Katrin Valentin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, hat das Phänomen der Video-Tutorials untersucht und berichtet im Gespräch mit der Transferstelle über Themen, Produzent_innen und Rezipient_innen sowie die Einsatzmöglichkeiten in der schulischen und außerschulischen Bildung.


Dr. Katrin Valentin (Foto: privat)

Dr. Katrin Valentin (Foto: privat)

Dr. Katrin Valentin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl für Allgemeine Erziehungswissenschaft. In dem Forschungsprojekt "Video-Tutorials im Internet" untersuchte sie gemeinsam mit Studierenden, welche Effekte Video-Tutorials bei Produzent_innen und Rezipient_innen erzielen. Bei Video-Tutorials werden in eigenproduzierten Videos Handlungen dargestellt, die für andere Nutzer_innen als Anleitung dienen sollen. Diese Videos werden dann beispielsweise auf "YouTube" kostenlos veröffentlicht, wo sie für alle interessierten Nutzer_innen zugänglich sind.

Im Interview mit der Transferstelle berichtet Katrin Valentin über die zentralen Erkenntnisse der Untersuchung.


Transferstelle politische Bildung: Video-Tutorials scheinen vor allem „leichte“ Themen zu behandeln oder der Unterhaltung zu dienen. Stimmt diese Wahrnehmung?

Katrin Valentin: Wer sich mit dem Phänomen der Video-Tutorials im Internet beschäftigt, dem vermittelt sich tatsächlich zunächst der Eindruck, dass dort hauptsächlich junge Frauen über Styling reden und Schmink-Tipps geben. Die Bandbreite der Themen ist jedoch erheblich größer. Es finden sich Tutorials zu allen möglichen Fragestellungen: Handwerk, Schönheit, Sport, Kochen, Computer, Spaß-Tutorials, Soziales, Musik, abstrakte Themen und eine Menge Beiträge, die sich nicht eindeutig einordnen lassen – beispielsweise über das Züchten von Kristallen, Zaubertricks oder das Bauen von Schneemännern.

TpB: Werden in den Tutorials auch politische Themen aufgegriffen?

KV: Politische Themen kommen zunächst in schulbezogenen Tutorials vor. Da wird zum Beispiel die Weimarer Republik erklärt oder was das Wort "Gender" bedeutet. Zum anderen gibt es eine Schnittmenge mit der Blogsphäre. Da erklärt zum Beispiel eine Brasilianerin, warum ihr Volk gegen die Fußball-WM demonstriert und gibt damit ein politisches Statement ab. Daneben findet politische Sozialisation auch in vielen Milieus statt, in denen es nicht in erster Linie um politische Themen geht. So kommentieren YouTube-Berühmtheiten die politische Lage oder erklären Parteien. Von den professionellen Fachkräften des Feldes der politischen Bildung hingegen wird das Format bislang nur wenig genutzt.

TpB: Wer produziert denn eigene Video-Tutorials? Und wer schaut sie sich an?

KV: In unserer Untersuchung konnten wir herausfinden, dass alle Altersstufen als Produzentinnen und Produzenten von Video-Tutorials vertreten sind und Männer etwas häufiger Videos einstellen als Frauen. Der erste Eindruck – dass Video-Tutorials vor allem von jungen Menschen erstellt werden – trügt aber nicht ganz, denn Jugendliche und junge Erwachsene stellen vergleichsweise häufiger Videos ein als Kinder oder ältere Erwachsene. YouTube – als am häufigsten genutzte Plattform für Video-Tutorials – mischt dieses Verhältnis durch seine Such-Algorithmen jedoch ordentlich auf: Videos von Personen, die auf YouTube bereits gut vernetzt sind und viele Abonnentinnen und Abonnenten haben, tauchen in den Suchergebnissen weiter oben auf und werden folglich auch häufiger angesehen.
Über die Rezipientinnen und Rezipienten der Video-Tutorials hingegen weiß man noch nicht viel. Die bitcom hat hierzu kürzlich eine repräsentative Umfrage veröffentlicht, nach der bereits mehr als ein Drittel der Bundesbürger Tutorials anschaut – und das über alle Altersgruppen hinweg. Selbst in der Gruppe der über 64-jährigen nutzen mehr als 30 % Video-Tutorials. Welche Merkmale diese Menschen jedoch gemein haben, darüber wissen wir noch nicht sehr viel. Generell handelt es sich dabei um Personen mit einem konkreten Anliegen oder Problem, für das sie eine schnelle, effiziente Lösung suchen. Dass sie diese Lösung in Form von Videos im Internet suchen, deutet darauf hin, dass sie nicht nur eine gewisse Internet-Affinität besitzen, sondern bereits gute Erfahrungen mit dem Format des Video-Tutorials gemacht haben.

TpB: Aktuelle Studien warnen vor der Reproduktion sozialer Ungleichheit im Netz. Gilt das auch für die Tutorials?

KV: Derzeit ist davon auszugehen, dass sich soziale Ungleichheit auch im Handlungsfeld "Video-Tutorials" reproduziert. Es gibt noch keine großen Studien dazu, aber die Eindrücke, die wir sammeln konnten, deuten in diese Richtung. So zeigt unsere Exploration beispielsweise auf, dass Frauen tendenziell "frauentypische" Themen aufbereiten und Männer sich eher auf technische Inhalte konzentrieren. Als Sozialisationsinstanz von der Laienseite her sind hier also wenig positiv irritierende Impulse zu erwarten.
Zudem gehen wir aufgrund unserer Untersuchung davon aus, dass die Autorinnen und Autoren der Tutorials häufig über einen höheren Bildungsgrad, ein stützendes Elternhaus und ausgeprägte mediale Kompetenzen verfügen. Dadurch fällt es ihnen leichter, so einen Film zu produzieren und ins Netz zu stellen.
Das Format des Tutorials bietet jedoch auch die Möglichkeit, soziale Ungleichheit auszugleichen – durch Teilhabemöglichkeiten an informeller, non-formaler Lehre und durch offene Zugänge zu Wissen und Anleitungen für spezialisierte Tätigkeiten. Dazu müsste man das Format aber strukturell anders nutzen.

TpB: Welche Lernprozesse werden durch Video-Tutorials gefördert?

KV: Die Rezipientinnen und Rezipienten können von den Tutorials konkret das lernen, was sie gerade interessiert: wie sie die eigene Küchenmaschine reparieren können, was eine parlamentarische Demokratie ist – auf nahezu jede Frage gibt es eine Antwort. Das Interessante daran ist, dass die Nutzerinnen und Nutzer den Lernprozess selbst initiieren können. Sie sind unabhängig von anderen Personen, die sie kennen oder erreichen müssten.
Aber begeistert bin ich als Pädagogin vor allem vor den möglichen Bildungsprozessen bei der Erstellung der Tutorials. Bei der Produktion lernt man nicht nur, ein Thema aufzubereiten, man muss sich auch mit seinem Körper und mit dem Raum, in dem gefilmt wird, sehr bewusst auseinandersetzen. Das bietet hervorragende Möglichkeiten, um Bildungsprozesse zu arrangieren und aufzugreifen.

TpB: Dann kann also auch die Erstellung von Video-Tutorials Selbstlernprozesse initiieren?

KV: Nur bedingt. Meist greifen die Autorinnen und Autoren der Video-Tutorials inhaltlich auf das zurück, was sie selber bereits wissen und können, worin sie gewissermaßen Experten sind. Mein Eindruck ist daher, dass bei der Produktion von Tutorials wenig thematische Selbstbildung stattfindet. Wenn ich den Prozess aber pädagogisch begleite, bieten sich ganz tolle Möglichkeiten, Know-how zu vermitteln. Und das entlang eines Themas, das die Lernenden wirklich interessiert.

TpB: Wie sieht so eine pädagogische Begleitung aus? Wie können Video-Tutorials also didaktisch genutzt werden?

KV: Tutorials können in der Schule instruktiv und konstruktiv genutzt werden, als motivierender Einschub in eine Unterrichtseinheit oder aber in Form einer kritischen reflexiven Betrachtung, was und wie da eigentlich gelehrt wird. Bei einer pädagogischen Begleitung geht es dann im Wesentlichen darum, audiovisuelle Literarität zu fördern, also zu lernen, reflektiert zu rezipieren und Kompetenz zu produzieren.
Das Gleiche gilt für die außerschulische Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Dabei stellen sich zwei zentrale Anforderungen an eine pädagogische Begleitung: Zum einen sollte sie Aufklärungsarbeit leisten, speziell über die Interessen kommerzieller Akteure. Wir haben hierzu eine Handreichung erstellt, die das für die Praxis aufbereitet [siehe unten]. Und zum anderen geht es darum, vor allem benachteiligte Menschen durch die Vermittlung von Know-how und die Stärkung ihres Selbstvertrauens dazu zu befähigen, Filme als Ausdrucksmittel einsetzen zu können.

TpB: Solche Tutorials nutzen ja in der Regel eine direktive Form der Wissensvermittlung. In der Pädagogik geht der Trend jedoch schon seit Langem weg von direktiver Wissensvermittlung, weg vom Frontalunterricht. Wie erklären Sie da den Erfolg dieses Formates?

KV: Die Erklärung hierfür ist recht einfach. Es geht hier in der Mehrzahl nicht um Bildungsprozesse im eigentlichen Sinne, es geht nicht darum, sich exemplarisch und über einen längeren Zeitraum ein komplexes Thema bis in die Tiefe zu erschließen. Zum großen Teil sind diese Tutorials einfach Anleitungen für ein bestimmtes, abgrenzbares Phänomen. Für solche Lernprozesse ist das Format des Video-Tutorials gut geeignet.
Die Frage nach dem Erfolg der Tutorials kann man jedoch aus unterschiedlichen Blickwinkeln beantworten. Denn gleichzeitig stehen die Tutorials für eine bestimmte ästhetische Praxis der Inszenierung. Die meisten Autorinnen und Autoren gehen mit viel Spaß an die Sache und folglich macht es auch Spaß, ihnen zuzusehen. Es geht für die Produzentinnen und Produzenten jedoch nicht nur darum, bestimmte Themen zu erklären, sondern auch darum, sich selbst in Szene zu setzen, sich selber zu erfinden durch die Art, wie sie dies tun.

TpB: Lässt sich der große Zuspruch für Video-Tutorials auch dadurch erklären, dass keine klassischen Lehrkräfte auftreten, sondern Jugendliche oder junge Erwachsene sich an Gleichaltrige wenden?

KV: Sicherlich trägt auch dieses "Lernen am Modell" zur Popularität der Video-Tutorials bei. Wenn die Person, die ein Video erstellt hat, mir ähnlich ist, dann bin ich zugänglicher für die transportierten Inhalte und stimme meine Meinung leichter darauf ab. Diesen Effekt kann man etwa für den instruktiven Unterricht nutzen, um Interesse für Themen zu wecken, für die Schülerinnen und Schüler sich nicht von vornherein begeistern.

TpB: Sehen Sie noch weitere Möglichkeiten, wie Video-Tutorials auch in der politischen Bildung genutzt werden können?

KV: Eine begleitete thematische Rezeption könnte beispielsweise helfen, ein Verständnis für unterschiedliche Perspektiven zu entwickeln und die Grenzen der Toleranzfähigkeit auszuloten. Denn zu den meisten Fragestellungen finden sich verschiedene Video-Tutorials, die sich häufig auch in ihrer Perspektive und Herangehensweise an das Thema unterscheiden. Man kann an dem Format auch sehr gut aufzeigen, inwiefern vermeintlich unpolitische Statements eine politische Haltung transportieren.
Auch die Produktion von Video-Tutorials kann ein lohnender Prozess in der politischen Bildungsarbeit sein. Wenn die Teilnehmenden etwa ein Tutorial zu einem politischen Thema erstellen, sind sie gezwungen, sich fundiert damit auseinanderzusetzen. Denn die Öffentlichkeit gibt Rückmeldung dazu – durch Kommentare auf der Online-Plattform, auf der das Video veröffentlicht wird. Das zeitigt ganz andere Effekte als ein rein verbaler Meinungsaustausch. Und denkbar ist nicht nur, zu erklären, wie unser rechtsstaatliches System aufgebaut ist – so ein typisches Erklär-Video zu einem schulischen Thema – sondern auch, warum konkret die Süd-West-Tangente in unserer Stadt nicht gebaut werden sollte.
In der non-formalen politischen Bildung könnte die Erstellung von Video-Tutorials den Teilnehmenden folglich helfen, politische Meinungsbildung reflektiert zu betreiben und mit ihrer Meinung den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen – hierzu müssen sie noch nicht einmal vor einer realen Gruppe von Menschen sprechen, sondern haben sogar noch den Schutz der Kamera.

TpB: Also bieten Tutorials auch Möglichkeiten zur Meinungsbildung und Teilhabe?

KV: Prinzipiell kann sich jeder an dieser audiovisuellen Enzyklopädie beteiligen. Dafür reicht ein aktuelles Mobiltelefon – und schon kann man Teil werden von informellen, non-formalen Lernprozessen und kann diese mitgestalten, sowohl didaktisch als auch inhaltlich. Diese Meinungsbildung kann unter Rückgriff auf sehr unterschiedliche Positionen erfolgen, da unterscheidet sich das Handlungsfeld Video-Tutorials nicht von anderen Bereichen des Internet.
Aber die Freiheit der Meinungsbildung wird auch in diesem Feld bedrängt. So wirken kommerzielle Anbieter stark auf das Handlungsfeld ein und beeinflussen die Rezipierenden auf verschiedene Weise, beispielsweise durch die Rankings der kommerziellen Plattformen YouTube und Google. Aber auch durch Schleichwerbung oder in Form von Videos, die nur scheinbar von Laien gedreht wurden und tatsächlich eine werbliche Absicht verfolgen. Leider sind die Rezipierenden häufig noch nicht sehr kompetent darin, das zu unterscheiden. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

 

Veröffentlicht: August 2015

 

Das Projekt: „Empirische Exploration nichtkommerzieller Video-Tutorials im Internet“

In dem studentischen Forschungsseminar "Video-Tutorials von Jugendlichen" der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg erforschte Dr. Katrin Valentin im Wintersemester 2014/2015 gemeinsam mit Lehramtsstudierenden das Feld der Video-Tutorials im Internet. Für ihre Exploration nutzten sie quantitative und qualitative Analysemethoden: Neben thematischen Auswertungen und Erhebungen zu Alter und Geschlecht der Autor_innen von Video-Tutorials ergänzten Introspektionen von Rezipient_innen und Produzent_innen, teilnehmende Beobachtungen von Produzent_innen der Video-Tutorials und Leitfadeninterviews mit Rezipient_innen zur Nutzung im Alltag die Datenerhebung.

Dokumentation und Veröffentlichungen

Eine ausführliche Dokumentation der Untersuchung ist unter dem Titel "Empirische Exploration nichtkommerzieller Video-Tutorials im Internet. Dokumentation eines Studentischen Forschungsprojektes" online verfügbar: [ PDF | 2,7 MB ]

Handreichung Video-Tutorials von Katrin Valentin mehr lesen

„Potentiale des konzeptionellen Einsatzes von digitalen Video-Tutorials in der politischen Bildung“ – Ein Beitrag von Katrin Valentin. mehr lesen

 

 



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